Kinderfoto

Der Vater, der auf der Mutismus-Tagung 2011 die Geschichte seiner Tochter vorstellte, hatte viele Fotos von ihr in die Präsentation mit eingebaut. “Mutistische Fotos” und nichtmutistische. Deswegen bin ich auf die Idee gekommen Kinderfotos von mir zu druchstöbern nach Fotos, auf denen ich “mutistisch aussehe”. Sprich starr, nicht sprechend, die Lippen geschlossen, keinen Ausdruck und irgendwie verkrampft. Leider gibt es davon nicht sehr viele, weil die meisten Kinderfotos zu Hause und durch meine Eltern entstanden sind, wo ich ganz normal gesprochen habe. Eins hab’ ich aber gefunden. Ich kann mich sogar daran erinnern, dass dort ein Kind im Kindergarten Geburtstag hatte und es Wackelpudding in Form von Marienkäfern gab und alle Kinder an einem langen Tisch saßen…

Umfrage “beeinträchtigt studieren”

Im Auftrag des Deutschen Studentenwerks gibt es eine Umfrage, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird. Es geht um das Thema “beeinträchtigt studieren” und darum Informationen über die Probleme im Studium mit Beeinträchtigungen zu bekommen, sodass Barrieren abgebaut werden können. Zu Beeinträchtigungen zählen neben Bewegungs- und Sinnesbereinträchtigungen auch psychische Erkrankungen.

Vielleicht habt ihr ja ein bisschen Zeit und Lust, um an der Umfrage teil zu nehmen:

Umfrage  “beeinträchtigt studieren”

Die Sache mit der Anzeige I

Noch am Samstag auf der Mutismus-Tagung hab’ ich darüber nachgedacht, dass ich mal einen Blogartikel über das Thema Streiten und Unstimmigkeiten mit Menschen schreiben könnte.  Mit fremden Menschen. Denn mit bekannten Menschen kann ich Unstimmigkeiten haben und ein bisschen besser bis “gut” streiten. Ich hab’ darüber nachgedacht, dass ich wenig schlagfertig bin und schlecht diskutieren kann. Und darüber, dass ich mich am liebsten schon einige Male mit meinem Briefträger angelegt hätte, weil er mich dumm von der Seite anmachte. Darüber wollte ich mal schreiben. Wie ich damit umgehe.

Und heute, als ich die Post aus dem Briefkasten holte, traf mich fast der Schlag, weswegen es hier mal einen aktuellen Eintrag aus meinem Leben gibt, der so ziemlich gut dazu passt. Denn ich wurde angezeigt. Ernsthaft. Wegen Ruhestörung, die ich nicht begangen habe, weil ich geschlafen habe. Von einem Nachbar, hier im Haus. Weil er vielleicht Langeweile hat oder was weiß ich menschenböses will.
Und wie geht ein Mutist nun damit um? Nun, weiß ich auch noch nicht so genau. Als erstes wechselte sich ein Heulen-wollen mit einem Ich-hau-den-Typ (und böseres) ab. Und fix und fertig sein gab’s auch und so dann trotzdem zum Nebenjob gehen müssen und durchhalten  war auch dabei (denn als ich den Brief las, war ich auf dem Weg zum Job). Und nun bin ich halbwegs wieder ruhig und weiß auch nicht. Erstmal das ausfüllen, was auszufüllen ist und abstreiten und zurück senden. Und sehen, was dann passiert.
Schimpfen würde ich gern. So richtig laut schimpfen mit diesem Mensch, der sowas tut. Was ihm einfällt jemanden anzuzeigen, ohne sich sicher zu sein, dass es berechtigt ist. Und warum man sowas nicht nett und freundlich und menschlich klären kann. Aber gar nichts sage ich. (Wobei das vielleicht auch erstmal besser sein kann…) Und im Nachheinein frage ich mich, warum das denn sein muss. Hab’ ich es denn nicht mit normalen Alltagsdingen schwer genug? Muss ich denn als Mutistin auch noch eine Anzeige bekommen? Und lustig. Auch noch wegen Ruhestörung. Ich lade ja so gern Menschen in meine Wohnung ein und feiere eine Party. Aber offensichtlich muss ich. Warum? Um stärker zu werden? Vielleicht. Na dann wurde ich halt mal angezeigt und ein Bußgeldverfahren ist am Laufen. Als wolle ich das erleben… Aber vielleicht muss man das im Leben lernen. Damit umzugehen. Und mit Mutismus.

Mutismus Tagung 2011 – Rückblick

Rückblickend war’s cool, dass ich dort war. Ich habe einige neue Blogartikelideen und vielleicht auch Erkenntnisse über mich selbst mitgenommen und es war spannend. Auch, wenn ich mich irgendwie ein bisschen komisch gefühlt habe. Als Betroffene inmitten Menschen, die mit Mutisten arbeiten und aus beruflichen Gründen da waren. Aber es war okay.
Anreisetechnisch hat sich die viele Angst nicht bestätigt und alles war gut.
Die ersten beiden Vorträge fand’ ich eigentlich am besten. Im ersten ging es mehr um allgemeine Dinge, die ich ziemlich interessant fand und einiges vorher auch noch nicht wusste. Denn generell hab’ ich nie viel über das Thema Mutismus gelesen, sondern mich mehr mit mir selbst beschäftigt. Vielleicht sollte ich das mal ändern und Fachliteratur lesen. Weil spannend ist es. Aber ich denke, die spannenden Sachen bekommen alle einen Extraeintrag, wenn ich diesbezüglich ein bisschen nachgelesen habe.
Der zweite Vortrag war von einem Vater über die Geschichte seiner Tochter. Das fand’ ich ehrlich gesagt ziemlich berührend und hatte teilweise sogar Gänsehaut. Nicht nur, weil ich die Vortragsart von dem Vater mochte, sondern auch, weil ich mitfühlen konnte. Wie schwer das alles ist. Und am Ende seiner Präsentation zeigte er ein Video von seiner Tochter. Wie sie sprach. Man hat es leider nicht gut verstanden, aber die Stimme hat man gehört. Das fand’ ich toll. (Den passenden Artikel dazu gibt es in der aktuellen Mutismus-Zeitschrift.) Auch hier ist mir was eingefallen, worüber ich vielleicht mal bloggen könnte.
Beim dritten Vortrag fand’ ich die Fallbeispiele interessant, von denen die Referentin erzählte und mit dem vierten Vortrag konnte ich leider nicht so viel anfangen. Es ging um Workshops und um Übungen, die mit mutistischen Jugendlichen duchgeführt wurden. Aber für Therapeuten war’s sicherlich spannend.
Am Ende wurden Bücher unter den Teilnehmern verlost. Ich hab’ die ganze Zeit gebetet, dass ich nichts gewinn’, weil ich dann hätte nach vorn gehen müssen. Und dann wurde aufeinmal ein mutistisches Mädchen aufgerufen, die mit ihren Eltern dort war. Sie konnte nicht nach vorn gehen. Ein bisschen komisch war es für mich, einen Mutisten “in Aktion zu erleben”. Bisher kannte ich das nur von mir. Aber irgendwie auch beruhigend, dass man nicht allein ist. Dass es Menschen gibt, die sich genauso komisch benehmen, wie man selbst. Da fühlt man sich ein bisschen weniger außerirdisch.
Auch fand’ ich es toll zwei “bekannte Mutismusmenschen” live und real zu sehen. Zum einen Dr. Boris Hartmann und zum anderen den Gründer von Mutismus.de, ein ehemals Betroffener, der die Tagung moderierte.

Für mich mitgenommen hab’ ich die Erinnerung an all’ das, was ich bisher geschafft habe. Wie mühsam jedes einzelne Wort war und wie kleinschrittig ich immer weiter voran gegangen bin. Die Erinnerung, dass es zwar verdammt schwer ist, aber geht. Und daran, wie ich mal war. Nämlich schweigend. Eine Referentin erzählte während ihres Vortrages, dass sie eine Tagungsteilnehmerin ansprach und sie schwieg. Sie erzählte, wie sie dabei empfand. Dann musste ich ein bisschen lächeln, denn kurze Zeit davor sprach mich selbst jemand mit einer Frage an und ich antwortete, als hätte ich schon mein ganzes Leben nichts anderes gemacht. Ja und deswegen hab ich die Erinnerung an ein Früher mitgenommen, weil man sowas manchmal vergessen kann.
Und gern mitgenommen hätte ich meinen Therapeut. Weil ich finde, er hätte da gut hingepasst. Auf die Tagung. Weil er seine Arbeit perfekt gemacht hat und ich das gern mit ihm geteilt hätte. Die vielen Gedanken in meinem  Kopf. Also war’s auch ein bisschen traurig für mich. Weil er mir fehlt und ich ihm das alles irgendwie zu verdanken hab’. Ja, ich weiß ich hab’s selbst gemacht, aber ohne ihn wär’s nicht gegangen.
Es war eine gute Entscheidung dort hin zu fahren. Und wenn es nochmal irgendwann passt, von der Zeit und der Entfernung, tue ich es wieder.

Fighter

Manchmal, da gibt es Tage, da geht es gut. Da komme ich klar und niemand frisst mich auf. Und manchmal ist es anders. Da ist es nicht so gut und ich habe das Gefühl nicht klar zu kommen. Wie heute. Dann ist da wieder die Angst, die lähmt und alle Körperteile spüren lässt. Dann ist wieder alles so intensiv und ich muss mich auf das Stehenbleiben und Atmen konzentrieren. Heute ist es mal wieder anstrengend. Und deswegen laufe ich heute damit in den Ohren durch die Welt:

Mutismus Tagung 2011

Übermorgen ist dann also mal die Mutismustagung in Frankfurt am Main und ich hab’ mich angemeldet. Werde also hingehen. Aufgeregt bin ich. Aus verschiedenen Gründen. Zum einen, weil ich es immer ein bisschen schwierig finde an neue Orte zu gehen. Die Stadt kenne ich zwar, aber den Veranstaltungsort nicht. Und ganz so viel Zeit, um vom Bahnhof dorthin zu kommen, hab’ ich nicht. Und dann eben wegen der Tagung an sich. Weil Tagungen, auf denen ich schon war,  ein bisschen kompliziert waren. Mit dem Small-Talk und so. Aber ich bin gespannt. Ist ja schließlich eine Tagung zum Thema und keine aus “meiner Studiumsberufsgruppe”. Und neugierig bin ich. So ziemlich. Auf die Eindrücke und die Dinge, die ich mit nach Hause nehmen werde. Also freu’ ich mich sogar.

Ich glaube, ich werde am Samstag dann ein bisschen twittern. Zu lesen ist das dann quasi live hier. Und wenn ich schonmal dabei bin Werbung zu machen, gibt es auch das hier, nämlich Facebook, wo ich ab und an andere, kurze Dinge schreibe, die nicht hier im Blog stehen.

Gut-Gehen

Wenn ich so darüber nachdenke, fällt es mir unheimlich schwer zu erkennen, dass es mir gut geht. Nicht unbedingt, weil es nicht so ist oder ich in einer depressiven Phase stecke, sondern vielmehr weil mir ständig etwas einfallen könnte, weswegen es mir nicht so richtig gut gehen kann. Für mich bedeutet das Wort “gut” irgendwie sehr viel. Und gut ist dann eben wirklich gut. Gut ist irgendwie ohne die kleinen Alltagsschwierigkeiten, die ich jeden Tag erlebe. Gut ist gut. Zurechtkommend. Und zufrieden.
Das fiel mir schon während der Therapie sehr schwer. Zu benennen wie es mir geht. Und wenn es mir mal nicht schlecht ging, dann ging es mir auch nicht gut. Weil mir immer irgendetwas eingefallen ist, was mutismusmäßig schwierig ist und was in meinem Kopf umher geisterte. Und mit selektiven Mutismus ist eben nichts gut. Und deswegen bin ich immer sehr vorsichtig mit dem Gut-Gehen.

Aber eigentlich ist das blöd. Und dumm. Denn eigentlich geht’s mir gut. Oder besser gesagt, geht es mir besser als damals. Viel besser. Und wenn damals schlecht war, dann muss ja irgendwie ein Gut folgen. Und eigentlich geht es mir auch gut. Ich komme zurecht.  Lebe. Lebe gut. Studiere, wohne, arbeite. Habe wenige wichtige Menschen und bin stolz. Sehr. Und eigentlich sogar halbwegs zufrieden. Weil ich eben zurecht komme. Eigentlich geht’s mir gut. Sehr gut. Aber ich sag’s viel zu wenig. Und viel zu vorsichtig. Viel zu leise. Eben weil ich weiß, wie es ist, wenn es nicht gut geht. Ja. Viel zu leise.

Mir geht’s GUT!

Freizeit

Ich hab’ heute auf dem Weg zu meinem Nebenjob im Bus über Freizeit nachgedacht. Weil mein momentaner Alltag mit der Bachelorarbeit irgendwie grad viel Zeitmanagement braucht. Und deswegen hab’ ich darüber nachgedacht, was für mich Freizeit ist. Weil etwas mit anderen Menschen unternehmen ja eigentlich auch dazu gehört. Nur für mich irgendwie nicht. Weil es anstrengend ist. Mit selektivem Mutismus. Klar, es ist ein bisschen besser geworden und manchmal machen mir gewisse Dinge auch Spaß, wie zum Beispiel mit Freunden im Park picknicken oder spazieren gehen. Aber deswegen würde ich es dennoch nicht als Freizeit bezeichnen. Für mich nicht. Weil eine kleine Aufgabe bleibt es dennoch. Ich finde in seiner Freizeit ist man entspannt. Entspannt bin ich mit Menschen ganz und gar nicht. Und manchmal treffe ich mich auch nur mit Menschen, weil man es eben ab und an mal machen sollte. Damit man nicht völlig kontaktlos bleibt. Aber für mich ist das eher ein Zwischending aus Arbeitszeit und Freizeit. Eben irgendwie eine Alltagsaufgabe. Nicht unbedingt zum Vergnügen. Und Freizeit sollte irgendwie Vergnügen sein.
Wie ist das bei Euch?

Nach der Schule

Marie stellte ihre Schultasche in die Ecke und deckte den Tisch mit Tellern, wie ihre Mutter sagte. Ihre ältere Schwester tat es ihr mit dem Besteck gleich, während ihre Mutter die heißen Töpfe aus der Küche brachte.
Gemeinsam saßen sie am Tisch und aßen das Mittagessen.
Während Marie’s Schwester auf die Frage, wie es in der Schule war nur kurz und gelangweilt mit einem Gut antwortete, erzählte Marie, wie der Matheunterricht und der Deutschunterricht war. Sie erzählte die Geschichte, wie sich ein Klassenkamerad verrechnete, aber fest der Überzeugung war, dass es stimmte und sich davon nicht abbringen lassen wollte und gab eine kurze Inhaltsangabe der Gesichte, die sie heute in Deutsch gelesen hatten, weil sie sie besonders mochte. Dann erzählte sie, wie voll der Schulbus war und dass beinahe nicht alle Schüler hinein gepasst hätten. Und nachdem sie das erzählt hatte, erzählte sie von den Hausaufgaben und dass, sie die schnell schaffen würde, denn sie wüsste schon, wie es geht.
Eigentlich plapperte Marie sogar. Wie ein Wasserfall kamen die Worte sortiert und laut und deutlich aus ihrem Mund geschossen. Würden das die Lehrer hören, würde sie nicht glauben, dass es Marie war. Denn in der Schule, da hatte sie selektiven Mutismus und sprach kein Wort. Und dass sie nicht sprach, davon erzählte Marie nichts. Wie sie manchmal im Schulbus von den älteren Jungs geärgert wurde, weil sie sich nicht wehrte und nicht sprach. Und wie sie manchmal in Deutsch Geschichten vorlesen sollte, aber dann kein einziges Wort aus dem Mund kam, erzählte sie auch nicht. Und wie sie sehr viele Ergebnisse in Mathe wusste, die Hand zum Sprechen aber nicht heben konnte, verschwieg sie auch. Weil sie so nicht sein wollte. Weil das nicht das kleine, blonde plappernde Mädchen am Küchentisch war. Das war jemand anders.

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