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Mutismus in der Schule

Für mich war das Sprechen in der Schule zu abstrakt. Es war nicht planbar und viel zu groß. Damit es hätte annährend gut funktionieren können, hätte man es mit mir und Herrn V. zerlegen müssen. Vielleicht hätte ich zuerst nur Zahlen sagen dürfen. Denn im Matheunterricht fühlte ich mich relativ sicher. Oder nur etwas vorlesen können. Entweder etwas, das in einem Buch stand oder etwas, das ich selbst geschrieben hatte. Auch das war ungefährlicher.

Wenn ich das jeden Tag gemacht hätte, wäre ich sicherer geworden. Ich hätte mich auch an meine Stimme im Klassenzimmern gewöhnen können. Solange, bis eine weitere Sache dazugekommen wäre und dann noch eine. Vielleicht hätte ich dann irgendwann den Mutismus in der Schule überwinden können.

Allerdings wusste ich damals selbst noch nicht, wie wichtig kleine, gut plan- und greifbare Schritte für mich sein würden. Ich habe also nie richtig in der Schule gesprochen. Bis zum Ende nicht.

Könnte ich heute in der Schule sprechen?

Ich frage mich, ob ich mit all den Erfahrungen von heute überhaupt jemals gut in der Schule sprechen könnte. Jenseits vom Zahlensagen und Vorlesen. Denn abstrakt und groß ist es immer noch. Es ist zu wirr. Zu wenig kontrollierbar und so unnötig. Denn warum muss man krampfhaft etwas sagen, was andere tausendmal besser können oder so ähnlich schon einmal gesagt haben? Es ist faktisch so, dass Menschen, die gut reden können, auf Anhieb bessere Worte finden als Menschen, die erst genauer nachdenken müssen.

Meistens komme ich zu dem Ergebnis, dass ich es immer noch nicht oder nicht so gut könnte. Wahrscheinlich hätte ich den klassischen Mutismus nicht mehr und würde im Notfall antworten, dass ich die Antwort nicht kenne oder gerade keine spontane Meinung habe. Irgendetwas, das passt, um aus dieser Situation zu entkommen. Aber eine gute Note in mündlicher Mitarbeit hätte ich damit sicherlich nicht.

Später im Studium besuchte ich zum Beispiel einen Sprachkurs, weil ich eine andere Sprache lernen wollte. Dort gab es keine einzige mutistische Blockade. Schlimmstenfalls wusste ich es nicht, wenn ich dran war. Aber freiwillig gemeldet hatte ich mich nie, obwohl da schon einige mündliche Prüfungen und Präsentationen hinter mir lagen. Theoretisch war ich also schon so viel weiter.

In der Schule mit Mutismus sprechen

Generell ist Mutismus in der Schule das Komplizierteste, was ich als Betroffene hätte überwinden müssen. Deshalb bin ich nicht überzeugt, dass es jemals gut geklappt hätte. Und vielleicht hätte mir dieses Wissen damals geholfen. Denn es hätte so viel Druck genommen. Zwar wären die Noten gleich geblieben, aber ich hätte verstanden, dass Mutismus in der Schule überwinden etwas für Profis ist. Und Profisachen kommen erst am Ende. Damit beginnt man nicht. Vielleicht hätte ich mich so weniger hoffnungslos gefühlt und ich hätte mich nur auf das Zahlensagen und Vorlesen konzentrieren können. Denn unkompliziert in der Schule sprechen ist eine mords Sache. Eben eine Profisache.

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