#4 Es ist nie genug

Dieses Ding, das dafür gesorgt hat, dass ich am gleichen Abend noch einmal zum Bahnhof gelaufen bin. Allein. Ohne Herr V. Damals als die Fahrplanauskunft, die ich mir geben lassen sollte, damit ich wieder in die Schule darf, einfach nicht stimmte. Weil ich die Zugverbindung nach Dreigreifhinterkirchen hatte und nicht zur Schule. Weil der Mann am Schalter mich einfach nicht verstanden hatte, so leise war meine Stimme. All die Tränen hinterher. Noch schlimmer als vorher. Und all das Getröste und die Worte, die mir etwas einreden wollten. Obwohl ich hätte eigentlich überglücklich sein müssen, weil ich es überhaupt geschafft hatte. Über beide Ohren grinsen, hätte ich müssen. Nach all der Panik und all dem Ringen und Kämpfen und Tränen.

Genau dieses Ding macht es, dass ich nicht einfach Ruhe geben kann. Weil ich mehr kann. Weil ich genauso wachse wie andere Menschen auch. Und genau das ist gleichzeitig mein Verderben. Irgendwann. Weil ich nie stehenbleiben konnte. Aber es fühlt sich so gut an. Denn wenigstens bin ich kämpferisch verdorben, ohne jemals aufgegeben zu haben.

#3 Krankenakte: Mutistin, die wie ein Rohrspatz schimpft

Den neuen Termin habe ich telefonisch ausgemacht, nachdem ich im Büro in meinen Kalender schauen konnte. Eigentlich verlief alles ohne Probleme. Um großartig Angst vorm Telefonieren zu haben, war ich von der Woche zu erschöpft und auch zu verärgert. Allerdings konnte ich es mir nicht nehmen lassen, zu bitten, dass man mich doch anruft, wenn der Termin auch diesmal nicht klappt. Denn für den Termin muss ich zwar keinen Urlaub nehmen, aber immer noch früher aus dem Büro gehen. Das ist etwas schwierig für mich.

Ja, selbstverständlich würde man mich anrufen. Nee. So selbstverständlich ist das ja absolut nicht. Das hatte ich ja schon festgestellt. Ja, sie notiert, dass ich berufstätig bin und angerufen werden möchte, wenn der Termin abgesagt werden muss. Ja bitte. N o t i e r e n.

Wahrscheinlich bin ich jetzt, die einzige Mutistin weltweit, in deren Krankenakte steht: schimpft wie ein Rohrspatz. Ist notiert.

#2 Finnland und die Liste

Ich war in Finnland. Und Finnland stand schon von Anfang an auf der Liste. Diese Liste, die man hat und einen weitermachen lässt. Nicht die Liste mit irgendwelchen Dingen, die man irgendwann mal machen will und die Hälfte der Dinge in Wahrheit nie gemacht wird. Keine Bucket List, weil jeder eine hat. Sondern die andere Liste. Mit Dingen, die einem am Leben halten. Dinge die gemacht werden müssen. Ansonsten kann es einfach nicht zu Ende sein.

Finnland stand auf dieser Liste. Lange genug. Und jetzt war ich da. Jetzt muss es gestrichen werden, denn noch einmal hinfahren, zählt nicht. Das wäre schön, passt aber nicht mehr zu d i e s e r Art von Liste. Es ist ja jetzt gemacht, auch wenn es noch zig Orte in Finnland zu entdecken gibt.

Eine Sache gibt es noch auf dieser Liste. Es ist der letzte Punkt. Und ich bin unsicher, ob es nun auch abgeschlossen werden muss. Begonnen ist es schon längst. Aber wenn es abgeschlossen ist, ist die Liste leer. Dann kann es also zu Ende sein. Und in meinem Alter sollte doch eigentlich noch gar nichts zu Ende sein können. Und all die Jahre ist mir auch nichts eingefallen, was noch auf diese Liste müsste. Wenn das letzte Ding fertig ist, bin ich fertig. Dann ist das getan, was ich hier tun wollte. Und dann? Ich weiß nichts mehr. Und man kann auch nicht einfach etwas draufschreiben. Was auch? Schokoladenkuchen backen? Das gehört nicht dazu.

Will ich es beenden?

#1 Wie ich plötzlich noch nie etwas von Mutismus wusste

… oder dem Zahnarztpraxispersonal ganz gehörig meine Meinung sagte.

Da ich, nach wie vor, Vollzeit arbeite und zusätzlich 1,5 Stunden im Auto sitze, um von A nach B zu juckeln, sind Arzttermine manchmal etwas schwierig. Und dann bin ich ja immer noch der Mensch mit Mutismushintergrund, der all das mal eben nicht so einfach kann. Deshalb braucht das manchmal etwas Planung. Zum Beispiel, wo stelle ich wann das Auto zum Parken ab. Das muss am besten schon wochenlang vor dem eigentlichen Termin klar sein. Mensch mit Mutismushintergund halt. Dachte ich. Bis eben.

Denn plötzlich schimpften die Lippen schneller als mein Gehirn funktionerte, sodass ich gar nicht rechtzeitig realisieren konnte, was ich da machte. Nämlich in aller Öffentlichkeit, also anderen Patienten im Warte- und Behandlungszimmer, meine Meinung mitzuteilen. Laut. Bissig. So bissig wortgewandt wie normalerweise nur die Finger können. Denn es war nun so, dass ich mir für den Arzttermin, der u n b e d i n g t in dieser Woche sein sollte, einen halben Tag Urlaub nehmen musste. Angeblich habe man mich angerufen, weil der Termin heute nicht geht. Ist noch nicht fertig. Coronavirus und so. Aha.

Meine Lippen waren dann urplötzlich der Meinung, fragen zu müssen, ob sie denn auch so nett sein können, mein Mobiltelefon über diesen Anruf zu informieren. Denn das wäre ja das ausschlaggebende Gerät hierfür. Ja, wir können gerne die Nummer prüfen, ob da was schief gelaufen ist. Sehr gerne. Die Erinnerung für diesen Termin habe ich gestern zumindest einwandfrei per SMS bekommen. Aber gut möglich, dass sich meine Nummer h e u t e geändert hat. Ja. Gut. Dann nicht. Hm.

Tja. Was jetzt? Es täte ihnen ja leid, aber dann müsse man einen neuen Termin ausmachen. Tja, ich höre. Nächste Woche gleiche Zeit? Ähm. Nein. Mit Sicherheit nehme ich nicht noch einmal Urlaub. Mein Urlaub ist heute. Nicht nächste Woche. Sie können sich jetzt gerne etwas einfallen lassen, wie Sie das hinbekommen, dass ich meinen Termin am Abend ab 18 Uhr bekomme. Hm. Da ist erst wieder etwas im März frei. Das ist viel zu spät. Ja, dann wäre es besser, wenn Sie berufstätige Menschen anrufen, die extra Urlaub nehmen, wie ich vor zwei Wochen beim Ausmachen des heutigen Termins ja bereits gesagt habe. Dann hätte ich den Urlaub verschieben können. Hm. Am neunzehnten um 17 Uhr? Nee. Da ist ein Termin auf Arbeit. Da kann ich nicht weg. Hm. Am vierundzwangisten? Weiß ich nicht. Können Sie nicht nachgucken? Ja, wie soll ich denn j e t z t in meinem Arbeitsterminkalender gucken, an welchen Tagen ich früher gehen kann? Ich habe U r l a u b und stehe hier. Können Sie nicht einen Kollegen anrufen? Achja. Anrufen. Guter Scherz. Ich denke nicht, dass ich jetzt noch witzig bin.

Dann hab ich angeboten, mich morgen telefonisch für einen neuen Termin zu melden, da mein Gehirn langsam wieder überhand nahm und vernünftig wurde. Bis wann sie denn da wären, wollte ich wissen. Ja. Moment. Da muss sie gucken. Na wunderbar. Sie wissen nicht im Kopf, wie Ihre Sprechzeiten sind? Nur Experten hier! Und am Ende hab ich noch gefragt, ob es eine gute Idee ist, so mit Vollzeitberufstätigen umzugehen. Denn irgendjemand muss die Scheiße, die höher ist als meine Miete, ja auch bezahlen. Aus. Schluss. Tschüss. Ein bisschen filmreif. Mit Cliffhanger. Denn die eigentliche Ärztin weiß ja noch gar nichts von ihrem Glück, dass ich als Mensch mit Mutismushintergrund plötzlich so schimpfen kann. Ich bis heute ja auch noch nicht.

Ja. Im Prinzip war meine Woche auch einfach nur sehr scheiße. Jetzt geht’s zumindest besser. Ein bisschen Dampf ist weg. Und ich habe endlich mal wieder einen Blogeintrag aus dem Alltag fabriziert. Das hat Spaß gemacht. Die Zeit ist also ein bisschen sinnvoll genutzt. Und eigentlich war die ganze Geschichte auch sinnvoll. Denn heute habe ich mir mal absolut gar nichts gefallen lassen. Auch wenn die Zahnarztpraxis nicht der hundert Prozent richtige Ort dafür ist.

Und ich sah, wie Herr V. zu grinsen begann. So breit und lang, dass überall die Grübchen und Falten deutlich wurden.

»Mara, Mara. Du machst ja Sachen.«