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Bedeutet Mutismus Angst vorm Sprechen?

Die Frage, ob ich mit selektivem Mutismus Angst vorm Sprechen habe, ist naheliegend. Ich habe vor fast allem Angst. Davor, dass etwas passiert. Egal was. Es könnte viel passieren. Es gibt unzählige Reaktionen von Menschen und deshalb auch unzählige Möglichkeiten, wie man am besten reagieren müsste. Ich habe also Angst davor, nicht mehr weiter zu wissen. Ich könnte hilflos sein und die Kontrolle verlieren. Es könnte am Ende ganz anders werden – so, dass es absolut nicht absehbar ist. Ich habe also Angst vor Fragen, die ich nicht beantworten kann. Vor Dingen, die ich tun müsste, aber nicht weiß, wie sie funktionieren. Ich habe Angst davor, allem nicht gewachsen zu sein und inzwischen auch davor, wieder zu schweigen.

Und um es etwas greifbarer zu machen, habe ich zum Beispiel mittlerweile Angst davor, meine Arbeit zu verlieren. Ich habe Angst, mein Auto in die Werkstatt zu bringen, weil ich immer noch nicht weiß, wie das richtig funktioniert. Vorm Telefonieren habe ich auch noch Angst, weil es für mich wahrscheinlich nie greifbar sein wird. Ich habe an fremden Orten Angst, obwohl es nicht darum geht, dass ich mich verlaufen könnte. Denn dafür gibt es das Smartphone und Online-Kartendienste. Wenn es Essen gibt, kann ich auch Angst davor haben, mir etwas zu essen zu nehmen. Oder zu trinken. Und ich habe jede Menge Angst vor Veränderungen. Das können schon Kleinigkeiten in meinem Alltag sein. Zum Beispiel, wenn ich wieder zurück ins Büro gehe. Und vor großen Veränderungen sowieso.

Ängste in meiner Kindheit

Früher, in meiner Kindheit, war die Angst sogar noch schlimmer. Da kamen Einbrecher, Brände und böse schwarze Männer, die mich mitnehmen könnten, dazu. Und der Tod oder Unfälle. Im Dunkeln hatte ich als Kind mit Mutismus auch irgendwann mal Angst. Ich wollte nicht allein in meinem Kinderzimmer bleiben und im Dunkeln dort schlafen schon gar nicht. Zeitweise hatte ich auch mal vor meinem Bett Angst. Es war eben einfach kein gutes Bett. Warum auch immer.

Und Angst vor Wasser und Bällen hatte ich auch. Fahrradfahren, Inlineskaten und was auch immer es noch gab, war auch nichts für mich. Und vor der Frau an der Supermarktkasse oder Ärzten hatte ich auch Angst. Das war nicht dieses ängstliche Gefühl von heute. Ich hatte richtige Angst. Angst davor, bei ihnen bleiben zu müssen und, dass sie mir etwas antun könnten.

Wovor ich mit selektivem Mutismus keine Angst habe

Ich habe also häufig Angst. Aber Angst vorm Sprechen habe ich mit Mutismus eigentlich nicht. Meine Lippen konnten zwar keine Worte formen, weil alles gelähmt war, aber Angst verspürte ich in diesen Momenten nie. Ich habe keine Angst davor, dass meine Stimme komisch klingt oder versagt. Das wäre unangenehm, aber nicht weiter schlimm. Und ich habe auch keine Angst davor, etwas Dummes zu sagen. Jede Menge Menschen erzählen täglich unzählige dumme Dinge. Das ist es auch nicht. Ich fühlte mich zum Beispiel immer sehr wohl bei Herr V. Schon von Anfang an. Ich war förmlich tiefenentspannt und konnte dennoch am Anfang kein einziges Wort sagen. Meine Stimme funktionierte in Situationen mit Mutismus eben einfach nicht.

Und vor Menschen habe ich mittlerweile auch keine Angst mehr. Es ist mir egal, ob sie da sind oder nicht. Auch die Menge spielt keine Rolle. Ich kann in Menschenmassen stehen oder durch sie hindurch gehen, weil Stehen und Gehen nicht ungewöhnlich sind. Sitzen auch nicht. Und neu auch nicht. Hüpfen wäre mir allerdings fremd. Das würde schon nicht mehr gut gehen. Und ich habe auch nur dann keine Angst, wenn sie mich in Ruhe lassen. Solange ich nicht reagieren und interagieren muss. Wenn ich also in Ruhe das machen kann, was ich schon immer gemacht habe, sind mir Menschen vollkommen egal.

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