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Wie ich als Kind mit Mutismus unbedingt schreiben lernen wollte

Das war kurz bevor ich in die Schule kam. Ich erinnere mich nicht mehr genau an die Situation, aber es war am Anfang des Jahres, weil es um Karneval ging. Irgendetwas hatte mich sehr verärgert. Und ich weiß noch, dass ich so verärgert war, dass ich das erste Mal das Gefühl hatte, es unbedingt loswerden zu müssen. Mitzuteilen und ja, aufzuschreiben. Da ich allerdings noch nicht schreiben konnte, nahm ich Buntstifte und Zettel und malte es auf. Ich schwor mir vor Wut, dass ich es aufschreiben würde, sobald ich schreiben konnte. Das Bild sollte eine Erinnerungshilfe für diesen Moment sein. Natürlich hatte ich es vergessen, als ich so schreiben konnte, um damit auch etwas auszudrücken.

Das Schreibenlernen ging mir in der Schule zu langsam. Ich hatte mich so sehr gefreut, lernen zu können, wie ich endlich erzählen kann. Es war ernüchternd als ich merkte, dass man monatelang dämliche Wörter lernte, die man nicht benutzen konnte. „Ela malt Bäume“. Ja und? Mit Bäume malen kam ich nicht weit. Und das Alphabet erst. Konnte man das nicht wenigstens schneller lernen, sodass ich vielleicht von allein dahinter kommen konnte, wie weitere Wörter gehen? Fast schon wütend war ich. Ich wollte schreiben können. Sofort.

Wutanfälle bei Kindern mit selektivem Mutismus

Da Mutismus von einem Extrem ins andere gehen kann, waren die Hausaufgaben bei mir oft laut. Sehr laut. Auch später, in der zweiten oder dritten Klasse. Nicht, weil ich die Hausaufgaben nicht verstand. Sondern, weil ich nicht zufrieden war. Weil ich mehr wollte. Ich wollte Geschichten schreiben und das versuchte ich immer wieder. So lange bis alle Zettel mit viel Tränen und Wut zerknüllt in der Ecke landeten, weil ich nicht wusste, wie es geht. Weil ich nicht wusste, wie man Wörter richtig schreibt. Und natürlich mussten die Wörter richtig geschrieben werden. Alle. Ich wollte schließlich keine halben Sachen machen. Die Geschichte war kaputt, wenn sie einen Rechtschreibfehler enthielt.

Diese Wut bekamen auch alle Menschen ab, bei denen ich nicht mutistisch war, also alle zuhause. Zurecht, wie ich fand, denn sie hätten mir auch einfach helfen können. Sie hätten mir zeigen können, wie die Wörter gehen, die in meinem Kopf waren und auf das Papier sollten. Wahrscheinlich wäre ich das glücklichste Kind der Welt gewesen, wenn ich ein Wörterbuch gehabt hätte. So hat das nur unnötig viele Jahre gedauert, bis ich mich mitteilen konnte.

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