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Gesprächstherapie bei Mutismus: woanders sein

Am Anfang lief meine Gesprächstherapie in der Psychiatrie folgendermaßen ab: Nach jedem Termin schrieb ich meine Gedanken auf ein Stück Papier und gab es Herrn V. beim nächsten Termin. Einmal fragte er, was es mir leichter machen würde, in der Einzeltherapie mit ihm zu sprechen. Ich musste fast die ganze Woche überlegen, bis ich eine Idee hatte.

Auf dem Zettel für den nächsten Therapietermin stand: woanders sein. So stellte ich mir das jedenfalls etwas leichter vor. Wenn wir nicht gegenüber auf den Stühlen in seinem Büro saßen und er mich nicht ständig angucken konnte. Nicht, dass ich mich jemals beobachtet gefühlt hätte. Aber wenn ich plötzlich gesprochen hätte, wäre dies zu bedeutend gewesen. Dann hätte es nie nebensächlich sein können und meine Stimme hätte den Raum voll und ganz ausgefüllt. Und vielleicht konnte ich woanders auch ein bisschen ausbrechen, weil ich nicht mehr in diesem Raum und in der Psychiatrie gefangen war. Nicht mehr zwischen den Armlehnen des Stuhls, die mich einerseits schützten und andererseits einengten. Vielleicht funktionierte das so. Also schlug er vor, in den Park gegenüber der Klinik zu gehen. Es war noch genug Zeit übrig, um ein oder zwei Runden zu gehen.

Die Blätter raschelten zu laut durch den vielen Wind. Es war zu wirr und unruhig. Und ständig kamen uns Leute entgegen. Wir hätten uns auf eine stille Bank setzen sollen. Vielleicht wäre es dann besser gewesen. Aber das konnte ich ihm nicht sagen. So war es nur noch komplizierter als in seinem Büro, weil er mein Nicken oder das Kopfschütteln neben mir nicht ordentlich sehen konnte. Normalerweise hätte ich drin auch gar nicht viel sagen müssen. Er hatte mich in den zwei Monaten schon gut kennengelernt, sodass er oft Dinge einschätzen konnte. Jetzt war es eine Katastrophe. Ich fühlte mich zwar in der Tat weniger eingeengt und freier. Und ab und an fielen auch einzelne Worte, die sonst nicht gefallen wären. Aber das sah ich nicht. Ich sah nur, dass ich hätte brüllen müssen, damit er mich bei dem ganzen Geraschel gut verstehen konnte. Ein Gespräch, so wie ich es mir in meinem Kopf ausmalte, war es noch lange nicht. Das war genauso nichts wie immer. Vielleicht hätte es beim Woanderssein leiser sein müssen.

Mit Mutismus Menschen treffen

Und noch heute, etliche Jahre danach, gehe ich lieber mit Menschen spazieren, wenn ich sie neu kennen lerne, anstatt in einem Café zu sitzen. Zum Beispiel mit Menschen aus dem Internet, die ich noch gar nicht getroffen haben. Oder mit Menschen, die ich schon kenne, aber noch nicht sehr gut.

Es ist nicht so, dass ich in einem Café ins Schweigen verfallen würde. Aber beim Spazierengehen fühle ich mich wohler als in einer Situation, in der man sich aufeinander konzentriert. Ohne hundertprozentige Konzentration fällt mir das Sprechen immer noch etwas leichter. Es ist gut, wenn mein Gegenüber noch mit anderen Dingen beschäftigt ist und dabei zählt Kaffeeumrühren nicht. Besser ist, wenn derjenige nebenbei noch Schaufenster anschaut, den Hund an der Leine führt oder sich die Landschaft anguckt. So ist es besser.

2 thoughts on “Gesprächstherapie bei Mutismus: woanders sein

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