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Mit Mutismus ist es schwierig

Wie geht es dir?
Blicke. Ich schaue ihn an. Er schaut zurück. Ein Weile. Ich antworte nicht. Nicke. Er muss nicht mehr weiter fragen. Nicht wie sonst. Da fragt er immer nach Zahlen auf einer Skala von eins bis zehn. Heute muss er nicht mehr fragen. Er sieht es.

Cut.

Du hast so viel geschafft in der letzten Zeit. Du bist weit voran gekommen. Aber dennoch siehst du nicht glücklich aus. Was fehlt dir um glücklich zu sein?
Ein Gefühlsausbruch bleibt mir in der Kehle stecken. Es brennt. Versuche, ihn herunter zu schlucken. Die Tränen steigen in die Augen. Flimmern vor meinem Blick. Was mir fehlt? Ein Zauberer, möchte ich antworten. Ein Zauberer, der alles leicht zaubert. Stattdessen sage ich nichts. Balle die Fäuste, weil ich es nicht mehr ertrage, dort zu sitzen. Weil mir das Kontrollieren immer schwerer fällt. Weil ich am Liebsten meine Tasche greifen und flüchten würde.

Cut.

Wir spielen Rätselraten. Was mir fehlt. Lustig finde ich es nicht. Aber mehr als wenige kurze Sätze mit langen Pausen kann ich nicht sagen. Weil ich mich immer wieder kontrollieren muss. Dabei ist’s eigentlich egal. Die Tränen laufen sowieso ständig. Ob ich will oder nicht.

Cut.

Ich sage ihm, dass mir etwas fehlt, das es nicht gibt. Es sei denn im Märchen. Er sagt, ich bin ein Märchen und fängt an, ein Märchen aus meiner Geschichte zu erzählen. Ich gucke skeptisch. Er sagt, er habe großen Respekt vor mir. Darum ist es ein Märchen.

Cut.

Ich sage ihm, dass ich kein Märchen bin. In Märchen ist alles leicht. Leicht ist für mich gar nichts und wieder laufen die Tränen. Weil alles so schwer ist und die Angst so groß. Ich sage ihm, dass ich auch weiterhin alles schaffen werde. Solange, bis mich die Angst wieder gefangen hat oder es endlich einmal leichter wird. Ich weiß es nicht.

Cut.

Er fragt nach Lösungen. Fragt, wie es denn leichter werden kann.
Ich will keine Lösung haben, sag’ ich ihm. Weil eine Lösung auch schwierig ist. Weil es immer schwierig sein wird und ich bin es gerade so leid. Ob ich schnell und viel mache, es ist schwierig, oder ob ich wenig und langsam mache, es ist genauso schwierig.
Er versteht es. Heute gibt es keine Lösung. Nein, heute nicht. Heute ist es einfach nur schwierig! Und heute weine ich nur, weil alles so schwierig ist. Keine Lösung. Sondern einfach nur schwierig!

Cut.

Die Zeit ist um. Er sagt, ich komme bald wieder. Er fragt nicht. Nicht wie sonst immer. Er wiederholt es mehrmals. Irgendwie klingt es väterlich und sich sorgend. Oder befehlend. Und wieder laufen die Tränen, weil ich daran denke, dass wir eigentlich über ein Therapieende reden sollten.

Cut.

Als ich die Tür schließe, schaut er mich nicht an. Nicht wie sonst. Da lächelt er immer nochmal zum Abschied. Schenkt mir einen letzten Blick, wenn ich die Tür von außen schließe. Heute nicht. Heute zeigt er mir seinen Rücken. Warum?

Cut.

Ich gehe. Und als ich das Gebäude verlassen hab’, möchte ich am liebsten wieder hineingehen. Habe das Gefühl, keine drei Wochen bis zum nächsten Mal warten zu können. Weil alles doch so schwer ist. Aber ein Zauberer ist er auch nicht. Nein.

Cut.

Ich stehe mitten auf dem Weg. Im Regen. Ich muss mich erstmal wieder sammeln. Ordnen. Er sieht es durch die Fensterfront des Treppenhauses. Ich spüre seinen Blick im Rücken.

Cut.

Es ist so schwierig.

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