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Wie ich als Mutistin essen gehen konnte

Lange Zeit war ich sehr selten in Restaurants. Das lag an meinem Umfeld und meiner Lebenssituation. Für mich war essen gehen völlig fremd. Und wenn es in meiner Kindheit darum ging, dass ich irgendwo sagen musste, was ich essen möchte, haben es andere für mich übernommen. Ich musste mir mit Mutismus also nie etwas selbst bestellen oder kaufen.

Ein Thema wurde essen gehen erst, als ich Anfang zwanzig meinen damaligen Freund kennenlernte. Er wollte das tun und ich war heillos überfordert. Und damit meine ich noch nicht mal den Akt des Bestellens an sich. Schon in ein Restaurant zu gehen, war furchtbar. Alle anderen sitzen an ihren Tischen, man kommt an einen unbekannten Ort und weiß nicht, was passiert. Gibt es einen freien Tisch? Sucht man sich den selbst? Muss man sagen, für wie viele Personen man einen Tisch möchte? Allein das waren schon zu viele Möglichkeiten, auf die man reagieren muss.

Ein Gericht bestellen

Das Bestellen selbst war natürlich am schlimmsten. Am besten waren Speisekarten mit Zahlen. Das funktionierte irgendwie. Pizza Nummer Zwölf bitte. Schlimm war dabei nur, wenn es im Restaurant laut war und ich förmlich brüllen musste, damit mich Kellner verstanden. Interessant wurde es, wenn es keine Zahlen gab. Denn dann war völlig egal, welches Gericht mich am meisten ansprach, es musste aussprechbar sein. Ich musste es sagen können.

Je nach Restaurant konnte das sehr kompliziert sein. Pizza war in Ordnung. Nur Experimente konnte ich dabei nicht machen. Aber eine Pizza Salami, Funghi oder Tonno ging immer. Unmöglich war zum Beispiel oft asiatisches Essen. Aber Englisch reichte auch schon, um mich ins Schweigen zu versetzen. Und oft habe ich auch resigniert aufgegeben und für mich bestellen lassen. Essen gehen war für mich mit Mutismus also oft kein Genuss. Es war etwas, das man gesellschaftlich macht. Etwas, dem man sich anschließen muss.

Essen gehen heute

Heute ist es eine Mischung aus allem. Genuss ist inzwischen auch dabei. Das habe ich erreicht und das ist toll. Vieles ist von meiner Stimmung abhängig. Wenn mein Alltag anstrengend war, bin ich Zuhause und nicht im Restaurant. Wenn ich doch hin „muss“ und eine in den Mutismushintergrund eingeweihte Person meine Begleitung ist, lasse ich bestellen. Auch heute noch. Manchmal kommen mir insgeheim die Zahlen auch ganz gelegen. Das ist kurz und einfach.

Mittlerweile kenne ich mich auch besser mit Gerichten aus und weiß, wie man sie ausspricht. Wenn ich wirklich gerne ein bestimmtes Gericht essen möchte und nicht sicher weiß, wie man es ausspricht, habe ich es auch schon umständlich umschrieben und dabei auf die entsprechende Stelle auf der Speisekarte gezeigt. Dass ich also etwas essen muss, das ich eigentlich gar nicht möchte, habe ich nicht mehr. Vielleicht kann ich heute nicht immer meinen absoluten Favoriten bestellen, aber meine persönliche Speisekarte ist in jedem Fall riesig geworden.

Mit Mutismus vegetarisch essen gehen

Vegetariersein habe ich früher in Restaurants kategorisch ausgeschlossen. Das hätte es nur noch komplizierter gemacht, als es ohnehin schon war. Deshalb brauchte es erst eine gewisse Zeit, bis ich mich „getraut“ habe, richtig offiziell und ohne Unterbrechung kein Fleisch mehr zu essen.

Inzwischen ist vegetarisch essen gehen viel leichter geworden. Weil die meisten Speisekarten mittlerweile vegetarische Gerichte haben. Und heute gehe ich auch meist nicht in ein Restaurant, wenn es kein vegetarisches Essen gibt. Dann gehöre ich da schlichtweg nicht hin und mein Geld ist dort nicht gewünscht. Punkt.

Ob ich heute in einem Restaurant vegetarisches Essen einfordern könnte, wenn es nicht auf der Speisekarte steht, weiß ich nicht. Es wäre ein interessantes Experiment, das ich, wenn es die Umstände zulassen, mit veganem Essen probieren könnte.

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