#69

Dieses Ding, das dafür gesorgt hat, dass ich am gleichen Abend noch einmal zum Bahnhof gelaufen bin. Allein. Ohne Herr V. Damals als die Fahrplanauskunft, die ich mir geben lassen sollte, damit ich wieder in die Schule darf, einfach nicht stimmte. Weil ich die Zugverbindung nach Dreigreifhinterkirchen hatte und nicht zur Schule. Weil der Mann am Schalter mich einfach nicht verstanden hatte, so leise war meine Stimme. All die Tränen hinterher. Noch schlimmer als vorher. Und all das Getröste und die Worte, die mir etwas einreden wollten. Obwohl ich hätte eigentlich überglücklich sein müssen, weil ich es überhaupt geschafft hatte. Über beide Ohren grinsen, hätte ich müssen. Nach all der Panik und all dem Ringen und Kämpfen und Tränen.

Genau dieses Ding macht es, dass ich nicht einfach Ruhe geben kann. Weil ich mehr kann. Weil ich genauso wachse wie andere Menschen auch. Und genau das ist gleichzeitig mein Verderben. Irgendwann. Weil ich nie stehenbleiben konnte. Aber es fühlt sich so gut an. Denn wenigstens bin ich kämpferisch verdorben, ohne jemals aufgegeben zu haben.

#67

Ich laufe noch immer. Und ich hoffe, ich bin inzwischen so viel gelaufen, dass es bleibt. Dass es Alltag wird und bleibt. Ich bin griesgrämig, wenn der Körper nicht kann und ich habe Angst davor, dass er irgendwann nicht können könnte. Auf meinen Körper muss ich jetzt aufpassen. Richtig doll aufpassen. Reinhören und umsorgen. Damit ich laufen kann.

Laufen tut meinem Kopf gut. Es ist das neue Schreiben. Das Schreiben, was der Kopf jetzt ohne Finger macht. Weil es dem Körper nicht gut tun würde, wenn er abends auch noch am Notebook sitzen müsste, um richtig zu schreiben.

Manchmal denke ich beim Laufen an Herrn V. Wie er am Abend nach seiner Arbeit durch den öffentlichen Park vor der Klinik gejoggt ist. Seine Runden gedreht hat (ich frage mich, wie viele Runden man drehen müsste, um auf eine gute Strecke von 10 Kilometern zu kommen). Irgendwann mal, hat er mich gefragt, warum ich eigentlich nicht in der Laufgruppe war. Ja, warum eigentlich nicht. Alle mit Depressionen mussten im Park die Runden drehen. Um etwas zu schaffen. Davon war er fest überzeugt. Vielleicht wurde ich vergessen. Weil man stille Menschen vergisst.

Und da es dann ein Unding war, druckte er mir einen Laufplan aus. Für Zuhause. Mit einer Minute laufen, zwei Minuten gehen. Dann bald zwei Minuten laufen und zwei Minuten gehen. Ich war nicht lange motiviert. Doof habe ich mich dazu noch gefühlt. Denn, wieso sollte man im Dorf einfach mal laufen. Heute muss ich schmunzeln. Heute sehe ich aus wie der Profi und es ist nicht schlimm. Ich laufe und laufe und laufe. An zig Menschen vorbei. Egal, ob langer Lauf oder ob Intervalle oder Tempolauf. Ich laufe. Und manchmal auch schon sechzehn Kilometer.

Vielleicht ist es auch das neue Kämpfen. Ich will nicht sagen, dass mir langweilig ist. Aber im Prinzip ist da nicht mehr viel zu erkämpfen. Der Alltag funktioniert. Ich hab kein neues Ziel. Keinen Punkt, der abgehakt werden muss. Einiges ist schwierig, aber eben nichts mehr Großes zu erkämpfen. Vielleicht ist also das, was nun erreicht werden muss. Erst der Staffelmarathon mit den Kolleginnen. Und dann der Halbmarathon. Vielleicht ist es auch das.

Oder es ist die neue Therapie. Mit Herr V.

#66

„Mara hat sich nicht getraut.“ Es hallt länger in meinen Ohren, als ich erwartet habe. Weil ich dachte, ich bin es endlich los. Dachte, dass es endlich einfach mal okay ist. Es stand nie zur Debatte, dass ich etwas hätte sagen sollen. Hätte ich es gemusst, hätte es ich gemacht. Natürlich wäre es besser gewesen. Sagen, ohne zu müssen. Aber das bin nicht ich. Das bin einfach nicht ich. Und vor allem „nicht getraut“. Wie das kleine mutistische Mädchen. Und nicht die erwachsene Frau mit Mutismushintergrund. „Nicht getraut“. Ich habe mich in meinem Leben wahrscheinlich mehr getraut als du zählen kannst. Und dabei kommt es nicht auf das was an! Sondern auf die dämliche Hürde, die überwunden werden muss. Bei jeder einzelnen hättest du dir wahrscheinlich in die Hose gemacht.

Ich dachte so sehr, es ist gut. Endlich einfach mal gut. Denn schließlich sagt man dem Dicken auch nicht „du isst ja wieder nur“. Oder demjenigen mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche „du wolltest ja mal wieder keine Antwort schreiben“. Warum immer die Stillen? Wo ist da der Anstand eines Erwachsenen? Warum ist es nicht einfach mal okay? Ich dachte ich wäre inzwischen dort, wo es das ist. Wo ich Stärken habe und Schwächen. Und dass es nichts mehr mit Trauen zu hat. Wie im Kindergarten. Ein kleines Mädchen, das sich schämt. Ich hasse es. Ich hasse es so abgrundtief.

Am liebsten hätte ich gesagt e r w i s c h t. Ich traue mich nicht. Hast es auf den Punkt gebracht. Und dann hätte ich gesagt, wie scheiße schwer es war, sich jedes kleine Wort zu erarbeiten. All die Ängste. Die Tränen. Die Wut und der Hass gegen sich selbst. Die vielen Schnitte auf den Armen und die Gebete, doch bitte einfach sterben zu dürfen. All die Jahre. Und mit all der Angst am Ende doch dort anzukommen, wo ich bin. Trotz solch‘ dummer Menschen wie du einer bist. Nicht getraut. Das ist das einzige, was ich mich nicht getraut habe. Meine Fassade zersplittern zu lassen.

#64

Wenn ich jemand anderes sein könnte, dann wäre ich mutiger. Dann wäre ich viel spontaner und sorgenfreier. Würde weniger Dinge überdenken – oder, wenn ich sie genug überdacht habe, am Ende auch machen. Dann würde ich mein Leben besser auf die Reihe kriegen. Schneller. Weniger Umwege oder nicht immer nur Teilschritte von dem, was sich schön anfühlt. Teilschritte, bei denen man vorher erst vier Schritte zurück gehen musste, um dann wieder vorwärts zu kommen. Oder woanders hin zu kommen. Dann wäre alles voll von Erlebnissen und Begegnungen, die so sind wie in meinem Kopf.

Andererseits. Was wäre dann am Ende anders? Teilschritte und Umwege führen zu ähnlichen Orten – auch wenn sie nicht identisch sind mit denen im Kopf.

#63

Vor einer ganzen Weile schon erzählte mir eine Kollegin, dass sie mich beneiden würde. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen, aber irgendwie fielen diese Worte. Ich fragte sie, warum und hatte – weil ich mich manchmal mögen kann – mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Sie beneidet mich, weil ich meinen Chef hin und wieder sage, dass ich keine Meinung habe und erst mal genauer darüber nachdenken muss. Und zwar so selbstbewusst und überzeugt davon, als sei es völlig in Ordnung, mal keine Meinung zu haben. Okay.

Ich musste aufpassen, dass ich nicht bis über beide Ohren grinste und meine Reaktion nicht ein bisschen zu viel gewesen wäre. Aber wie man mich d a f ü r bloß beneiden kann, weiß ich bei weitem nicht. Das wäre das letzte, weshalb ich beneidenswert sein könnte. Weil indirekt beneidet sie mich für den Mutismus. All diese Sätze sind zurecht gelegt. Dämliche zurecht gelegte Sätze, die inzwischen wie aus der Pistole geschossen kommen, als – ja, als was? Als wären sie völlig in Ordnung. Und vor allem selbstbewusst. Denn – und daran habe ich noch nie gedacht – wer sagt seinem Chef, dass es jetzt gerade nicht geht und erzählt nicht doch einfach irgendwas, nur weil er jetzt was erzählen muss, obwohl es besser wäre, darüber nachzudenken? Ja ich. Weil ich tatsächlich erst für mich alleine nachdenken muss, um kein gedankliches Blackout zu haben. Um überhaupt sprechen zu können.

In Wahrheit sind diese Sätze also die pure Verzweiflung dafür, dass ich jetzt nicht sprechen kann. Immer noch nicht. Nur schöner verpackt und nicht in Schweigen gehüllt. Aber sie haben noch immer die gleiche Bedeutung. Sie sind Verzweiflung, die ich offenbar mehr als gut zu überspielen gelernt habe. Wertvolle Sätze, die mich Jahre gekostet haben, damit sie überhaupt funktionieren. Jedes einzelne Wort davon. Und so wird aus Mutismus auf einmal Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein, dass ich eben genau jetzt einfach mal gar nichts sage. Punkt. Das ist ein sehr erstaunliches Ding. Mutismus ist Selbstbewusstsein.

#62

Die Klinik wurde abgerissen. Alles weg. Das letzte Bisschen, was noch übrig war, ist weg. Dabei dachte ich, Steine sind weniger vergänglich. Nicht so wie Menschen. Ein bisschen beständiger. Aber das ist nicht so. Sein Büro. Diese vier Wände mit dem Fenster, durch dass ich stundenlang auf das gegenüberliegende Backsteingebäude starrte. Einfach weg. Dem Erdboden gleich gemacht, als wäre es nie da gewesen. So wie Herr V. Einfach alles weg.

Ich war schon ewig nicht mehr in dem Teil dieser Stadt. Einfach, weil es zu weh getan hätte. Aber jetzt kann ich gar nicht mehr hingehen. Selbst, wenn ich gewollt hätte. Es war das letzte, was irgendwie noch übrig war. Mich daran erinnerte, dass es ihn mal gegeben hatte. Es gibt kein Grab, kein Nichts. Er ist nur noch in meinem Kopf. Manchmal mehr, manchmal weniger. Bis er auch dort irgendwann vollkommen verschwinden wird. Nichts mehr übrig. Ein Teil meines Lebens ist abgerissen.

#61

Bei all dem Machen und Tun und Müssen fehlt etwas. Ich fehle. Ich weiß nicht mehr wohin. Nicht wozu und auch nicht weshalb. Wie oft lag ich früher stundenlang auf dem Rücken und habe an Wände und Decken gestarrt. So wie die letzte Nacht, auch wenn die Augen normalerweise schon längst zugefallen wären. Um sich zu überprüfen. Um zu sehen, ob noch alles an Ort und Stelle ist. Ob alles übereinstimmt. Und um dann am Ende festzustellen, dass gar nichts mehr übereinstimmt.

Irgendwo hier habe ich geschrieben, dass es gut so ist. Dass es gut tut, inzwischen nicht immer alles im Detail bedenken zu müssen. Dass es gut ist, wenn der Alltag immer mehr Platz einnimmt und am Ende des Tages keine Zeit mehr dafür übrig ist. Aber wie schnell geht dabei etwas verloren. Ja, vielleicht ist es gut. Vielleicht aber auch nicht.

Momentan bin ich viel zu sehr mit meiner Hülle beschäftigt. Und auch das ist gut. Ich achte auf das Essen. Sehe dabei zu, wie sich der Körper verändert. Ich laufe. Ich renne davon. Oder renne vorweg. Oder irgendwohin. Was auch immer. Und ich möchte mehr davon. Jeden Tag. Ich möchte die 21,0975 Kilometer und das ist gut so. Weil dann werde ich es tun. Aber wozu führt das. Wo bin ich in dieser Hülle und wo ist der Rest, der mir gut tut. Wo sind meine Buchstaben. Wo bin ich dabei. Wer bin ich geworden. Kennst du mich.

Ich möchte ans Meer. Ich möchte an diesem endlos weiten Strand rennen und in den Wind und in die Wellen schreien. Schreien, dass ich wie so oft nicht mehr weiter weiß und eigentlich schon lange nicht mehr kann. Mit meinen pink-schwarzen Laufschuhen. Ich möchte den endlosen Strand entlang rennen, bis ich weiß, wo genau ich hin muss. Bis ich gefunden habe, wie ich wieder kann und natürlich wieder werde. Ich möchte auf einer Düne liegen und Wind und Wellen um mich herum toben hören. Und hoffen, dass sie alles mitnehmen – was sie aber nie tun werden. Solange bis ich eingeschlafen bin.

Ich möchte dann, wenn niemand mehr da ist und ich das Gesicht im dicken Lieblingspulli vergraben kann. Dann, wenn die Sonne wärmt und man den Winter bald riechen kann. Dann, wenn alle nicht mehr wollen, möchte ich das, was mir gut tut. Ich möchte mit meinem Rucksack die Pfade finden, die niemand mehr gehen will. Und ich möchte in einer skandinavischen Stadt sitzen und diesen Kaffee trinken mit Bullar, Boller, Pulla, Kaka, Kage oder in welchem Land auch immer ich bin. Dann dabei zusehen wie alles vorübergeht in dem kleinen sympathischen Getümmel, bevor ich mich selbst hineinstürze und dabei den Schal ein bisschen weiter vor den Mund schiebe.

Ludovico Einaudi – Drop

#60

Er las und las und ich wollte gar nicht wissen, wo genau er war. Der Zettel, den ich ihm auf den Tisch gelegt hatte, war lang. Vielleicht war er gerade bei der Hälfte. Dann würde er gleich das Nicht-Haben-Können lesen. Wie weh das tut, wenn man jeden Tag das sehen muss, was man nie haben kann. Nämlich Menschen. Menschen für’s Herz.

Wahrscheinlich würde er es nicht verstehen. Weil er wusste, dass ich mit einigen Mitpatienten auch Briefe schrieb. Und er wusste, dass ich mit einigen ein bisschen sprechen konnte. Vielleicht hätte ich es noch besser erklären sollen, dachte ich. Ihm schreiben sollen, dass schreiben so entsetzlich weh tut, weil es einfach nicht das gleiche ist. Weil es da nie dieses Zwischenmenschliche gibt. Diese Nähe, die man braucht. Ich hätte deutlicher schreiben müssen, wie entsetzlich weh das alles tut. Denn wer kann es sich schon vorstellen? Jeder hat es doch, ganz automatisch, und keiner ist sich dessen wahrscheinlich überhaupt bewusst, was er da Wertvolles hat.

«Ich verstehe das», sagte er plötzlich, lag die Zettel beiseite und machte dabei ein Gesicht, als sei ihm jemand auf den Fuß getreten.
Eigentlich hat er es so sehr drauf, dachte ich. Er war der perfekte Therapeut und ich? Ich hatte mal wieder eine Chance, die ich nie nutzen könnte. Es saß direkt vor mir und ich würde es nie greifen können. Nie haben können. Auch dieses nicht. Nie.
Es war vorbei. Ich konnte nicht mehr atmen. Die Luft war weg. Ich musste weg. Einfach nur weg. Mein Körper stand auf und rannte. Rannte einfach los. In die Ecke zwischen Schrank und Mülleimer. Ganz klein. Dreck. Gottverdammter Scheißdreck.

Ein bisschen dauerte es, bis es an der Tür klopfte. Er war es.
Und dann saß er da. Neben mir auf dem Boden. Ein erwachsener Mann, Mitte fünfzig saß neben seiner Patientin auf dem Boden.
Was sollte das? Da waren doch Grenzen und das war doch zu nah. Viel zu nah. Warum sitzt er hier?
Er scherzte, dass er schon seit Ewigkeiten nicht mehr auf dem Boden gesessen hatte.

Er saß wegen mir auf dem Boden. Er saß da und war da und ich konnte es nicht nehmen. Konnte kein einziges Wort sagen, obwohl ein Gefühlsausbruch das einzige gewesen wäre, was jetzt richtig war. Kein einziges Wort kam über meine Lippen, dabei hätte so viel kommen müssen. So viel. Das war wie ein Handreichen und sie nicht nehmen können. So war es.

Geh doch bitte einfach weg, schrie ich innerlich. Bitte, bitte. Geh weg. Weil schon wieder. Alles lag vor mir und ich musste nur zugreifen. Eine Sache von Millimetern wäre es gewesen. Alles tanzt vor meiner Nase herum und ich kann es nicht haben. Nie, nie, nie!

Oh Gott, tat das weh. Was waren das bloß für Schmerzen. Solche Schmerzen kann doch kein Mensch aushalten. Ich zerbrach. Zersplitterte und brach in Millionen Teile. Und das wusste er. Trotzdem blieb er und legte die Hand ein bisschen und sacht auf meine.

Bald habe ich es wieder. Bald. In 57 Jahren. Nur noch 57 Jahre, Herr V.

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