Geschafftes

Irgendwann hab’ ich mal von meiner Geschafftes-Liste geschrieben, die ich damals geführt hab’.
Wie dort schon gesagt, mache ich das heute eigentlich nicht mehr. Da ich aber gerade letzte Woche Dinge geschafft habe, die ich noch nie vorher gemacht habe, gibt es nun doch mal wieder eine kleine Geschafftes-Liste.

[x] Französisch gesprochen.

Letzte Woche, in Frankreich, hab’ ich zweimal in einer Boulangerie (Bäcker) Baguette und Schokoladencroissant auf Französisch gekauft. Ich hatte früher in der Schule einmal Französisch gehabt, alles wieder vergessen und nun versuche ich das seit einem Jahr neben dem Studium aufzufrischen. Das war dann sozusagen nicht nur eine Ich-spreche-in-Frankreich-Französisch-Premiere sondern auch eine generelle Fremdsprachen-Premiere, da das mit dem fremde Sprachen Sprechen (noch) nicht sonderlich gut klappt. Ähnlich mit Englisch. Ich verstehe eigentlich recht gut, nur sprechen kann ich nicht… Und deswegen muss das nun auf eine Geschafftes-Liste. Ich hab’ Französisch gesprochen, ich wurde verstanden und ich hab’ bekommen was ich wollte!

[x] in einer Gruppe von Menschen gesprochen.

Das hat bisher auch noch nie funktioniert. Ich erinnere mich da nur zu lebhaft an die Gruppentherapien, an denen ich damals in der Psychiatrie teilnehmen musste. Lange Zeit konnte ich kein einziges Wort sagen. Irgendwann dann kurze, zurecht gelegt Sätze, wie zum Beispiel “mir geht’s schlecht, ich gebe weiter”. Aber frei sagen, was ich denke, konnte ich nie. Normalerweise redet man einfach los und viele Gedanken entwickeln sich dann während dem Sprechen. Das kann ich nicht. Nicht in Gruppen. Dabei bin ich viel zu blockiert und hab’ dann ganz plötzlich absolut keine Gedanken mehr im Kopf, die man sagen könnte.
Aber diesmal hat’s irgendwie geklappt. Zwar hatte ich mir das im Kopf ein bisschen anders vorgestellt, aber ich hab’ in Gegenwart einer Gruppe (ähnliche Situation, wie bei einer Gruppentherapie: im Kreis sitzen, zuhören, volle Aufmerksamkeit bekommen) mehrere Sätze frei gesagt!

Urlaub

Ich bin vom 7. August bis zum 16. und vom 22. bis zum 29. August nicht da beziehungsweise die Woche dazwischen beschäftigt. Ich bekomme nämlich von einer Blogleserin Besuch und bin daher nicht wirklich online anzutreffen um Blogeinträge zu schreiben.

Eigentlich hatte ich überlegt, einige Einträge vorzuschreiben und die dann währendessen zu veröffentlichen, damit die Lücke nicht zu groß wird. Aber ich denke, ich werde es nun doch nicht tun. Es ist zwar ein bisschen blöd, weil ich im Juli wegen den vielen Prüfungen schon so wenig geschrieben hab’, aber gerade eines soll dieser Blog nicht werden, nämlich stressig und zwanghaft.

Ich möchte Urlaub. Am liebsten auch vom Mutismus. Aber da das nicht geht wenigstens ein bisschen, indem ich dieses Wort nicht mehr schreiben muss. Und indem ich eine Zeit nicht darüber nachdenken muss, worüber ich als nächstes schreibe, was mit selektiven Mutismus zu tun hat. Nicht falsch verstehen, es macht mir Spaß, aber nun möchte ich einfach Urlaub. Und im Urlaub möchte ich keinen Mutismus haben. Und wenn es nur das Wort Mutismus ist, was ich gerade links liegen lassen und ein bisschen beiseite legen kann…

Also, habt eine schöne Zeit – vielleicht auch einen schönen Urlaub – und lasst es euch gut gehen. Ich würd’ mich freuen, wenn ihr ab Ende August oder Anfang September wieder hier bei mir seid. Bis dahin bin ich – denke ich – bei Twitter ein bisschen zu lesen. (Nur nicht in der Zeit, in der ich weg bin wegen Ausland und über Handy teuer… Wobei vom 22. bis 29. August Internet vorhanden ist – naja, mal schauen, ihr seht’s ja dann..)

Bis dahin alles Gute.

Frankreich
Frankreich
Dänemark
Dänemark

Was man mit selektiven Mutismus alles machen kann II…

  • eine Beziehung führen
  • die praktische Führerscheinprüfung bestehen und die ganzen Fahrstunden mit einem redenden Fahrlehrer überstehen
  • von zu Hause ausziehen und ganz alleine in der eigenen Wohnung in einer fremden Stadt wohnen
  • ein Studium beginnen und schon viele Prüfungen (mündliche und Referate) bestanden haben und Dinge selbstständig organisieren
  • in der Fußgängerzone rumlaufen, fremde Menschen anquatschen und Flyer verteilen

zu Teil I

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Ist für dich das Sprechen nur im Kontakt mit Anderen ein Problem, oder kommt das auch mal für dich vor (also stellst du manchmal einfach für dich zu Hause auch fest, dass es “blockiert” – kann das grad sehr schlecht erklären, vielleicht auch beim Gedanken gleich jemand anzurufen oder so aber eben noch nicht im Kontakt)?

Wenn ich deine Frage richtig verstanden hab’, würde ich sagen beides. Hauptsächlich aber mit Anderen, vorallem fremden Menschen in direktem Kontakt. Bei Alltagsdingen ist Sprechen mittlerweile nicht mehr ein sehr großes Problem, Smalltalk schon eher. Aber ein Stück weit blockiert bin ich vorher natürlich auch. Wenn ich weiß, ich muss irgendetwas machen, wobei man Sprechen muss, wie zum Beispiel Telefonieren. Wobei blockiert, vielleicht das falsche Wort ist, denn blockiert bin ich in diesem Moment ja eigentlich nicht. Nur die Angst ist da, sodass das zu einer Sprechblockade führen kann. (Ich hoffe ich hab’ deine Frage richtig verstanden?)

2. Wenn das Sprechen nicht geht, geht dann das Singen?

Nein, singen geht nicht. Und vorallem nicht als Sprechersatz. Singen ist für mich noch viel komplizierter als Sprechen. Also bevor ich in Gegenwart Anderer singen kann, hab’ ich vorher  schon ganz viel gesprochen.
Zum Thema Singen, gab es schonmal eine Frage. Vielleicht auch interessant für dich.

3. Kannst Du das Reden durch Schreiben ersetzen. Also ein bisschen so wie ein Stummer es kann? Oder ist das Nicht-Reden der Ausdruck eines inneren Symptoms, welches die Fähigkeit zur Kommunikation einschränkt?

Ja, das kann ich. Iinnerlich kann ich ganz normal kommunizieren und mich ausdrücken. Bei Mutismus geht es darum, dass man die Gedanken sprachlich nicht mitteilen kann.
Ich schreib’ gern und im Vergleich zum Sprechen auch viel besser und sicherer. Liegt vielleicht daran, dass ich das Schreiben ganz lange Zeit als einzige, richtige Ausdrucksform genutzt habe. Seitdem ich schreiben kann, schreibe ich und vor einigen Jahren hätte ich sicherlich sagen können, dass ich in meinem Leben schon mehr Worte geschrieben, als gesprochen hab’.
Allerdings hab’ ich im Alltag noch nie geschrieben. Also zum Beispiel bin ich noch nie mit einem Zettel zum Bäcker gegangen und hab’ aufgeschrieben, was ich kaufen möchte. Irgendwie ist mir das immer zu blöd und albern gewesen, weil ich ja eigentlich sprechen kann…

4. War/ist es für Dich schwierig, Beziehungen zu haben oder neue Freunde zu finden?

Das Haben an sich nicht. Es sei denn man unternimmt Dinge, die es schwieriger machen, weil man mit fremden Menschen sprechen muss. Beispiele wären andere Freunde der Freunde treffen oder Familie kennenlernen oder einkaufen beziehungsweise ins Kino gehen und Kinokarten kaufen zu müssen. Aber an sich mit dem Freund oder der Freundin reden, ist kein Problem, weil ich die Person ja kenne.
Gut, wahrscheinlich ist es für die Freundschaft schwierig, wenn so viele Dinge drumherum schwierig sind, aber an sich das Haben einer Freundschaft ist nicht schwierig.
Das Finden schon eher. Ich kann kaum Menschen einfach so ansprechen. In der Schule hatte ich daher kaum bis keine Freunde, weil jeder schon mit irgendjemandem befreundet war und man sich sozusagen dazudrängen musste. Und das ist schwierig. Beim Studium hat das Freundefinden besser geklappt, weil jeder neu war und man deshalb einfach angesprochen wurde. Weil jeder irgendwie jemanden sucht. Und ansonsten gibt’s da das Internet. Menschen, die man irgendwo kennenlernt und sich dann mal trifft.

Selbsthass

Die Wut hämmerte gegen Alenas Schädel.
Wie ein Mensch nur mit sowas klar kommen sollte, überlegte sie während sie die Hände zu Fäusten ballte.
Mit dieser verdammten Wut, weil man so war, wie man war und so elementare, lebenswichtige Dinge nicht konnte, wie zum Beispiel Sprechen.
Das war so, als könnte man nicht immer laufen. Als könnte man nur bestimmte Wege gehen und bei anderen Wegen würden die Beine versagen und keinen einzigen Schritt mehr vorwärts gehen.
Und während sie so daran dachte, fiel ihr ein, wie bescheuert das Beispiel eigentlich war.
Es gab keine Menschen, denen die Beine bei bestimmten Wegen versagten! Und genauso gab es wahrscheinlich keinen einzigen Menschen außer ihr, der nicht sprechen konnte, obwohl er es eigentlich doch konnte. Nur eben nicht immer.
Das war doch niemandem zumutbar, dachte Alena und spürte, wie ihre Finger vor Wut über sich selbst kribbelten. Und es konnte ihr niemand erzählen, dass damit jemand klarkommen würde. Wenn man etwas gefragt wird und man keinen einigen Ton heraus bekommt. Dabei wäre die Antwort leicht gewesen. Und auch kurz. Aber nichts bewegte sich. Die Lippen waren aneinander gefroren.
Und dann sollte man auch noch selbst akzeptieren, dass es so war. Dabei war es beschissen so! Richtig beschissen! Nein, sogar mehr als das…
Äußerlich sah Alena ganz ruhig aus. Eben wie eingefroren. Unbeweglich und starr. Innerlich bebte sie vor Zorn über ihr Schweigen.
Am liebsten wäre sie aufgesprungen und fortgerannt. Ihre Arme waren warm. Als wären sie schon bereit, damit sie sich selbst ohrfeigen konnte. Denn das hätte Alena am liebsten getan. Sich bestraft. Anders ging das auch nicht. Wie konnte man sonst damit aufhören? Gut oder akzeptabel war alles andere, nur das nicht!
Eigentlich hätte sie Prügel verdient, wie das damals in Schulen war, wenn die Kinder nicht gehorchten. Dann gab’s da den Rohrstock und den hätte sie jetzt auch verdient. Weil… Ihr Kopf wurde warm. Weil… Weil sie sich einfach hasste! Sie hasste das, was sie tat und hätte man einfach nur einen Knopf drücken müssen, mit dem man das Leben ausschaltete, hätte sie es getan. Denn so wollte niemand leben! Wenn man etwas konnte, was man eigentlich nicht konnte, aber dann doch wieder konnte. Sogar der Gedanke daran, war zu absurd und kompliziert.
Am liebsten wäre sie nach Hause gegangen – ihre Unterarme kribbelten – und hätte sich mit den Rasierklingen in die Haut geschnitten. Ganz kleine Schnitte, bis der Arm mit Blut verdeckt war. Danach war es immer besser. Die Wut war weg. Weil danach die Arme schmerzten und brannten. Dann war im Kopf kein Platz mehr für die Wut. Aber das ging jetzt nicht. Und am liebsten hätte sie nicht nur in die Arme geschnitten, sondern hätte sich gern komplett aufgeschnitten. Das ganze Fleisch.
Krank? Ja, das klang furchtbar krank. Aber ja verdammt nochmal, das war es! Es war furchtbar krank etwas nicht zu können, obwohl man es doch so sehr wollte. Klar konnte man nicht alles haben, was man wollte. Aber es ging doch nur um’s Sprechen. Das was jeder kann. Nur Sprechen.
Ja klar war das krank, sich aufschneiden zu wollen! Aber wenn mir einer, nur einer, eine gottverdammte Möglichkeit sagt, wie man mit selektiven Mutismus selbst klarkommen kann, wie man mit sich selbst im Reinen ist, wenn man ständig so scheitern muss, dann sagt es mir, verdammt, schrie Alena innerlich.

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