Mutismus und der lerntheoretische Ansatz

Die Lerntheorie besagt, dass jedes menschliche Verhalten er- und auch wieder verlernt werden kann. Bedeutende Begründer waren Anfang des 20. Jahrhunderts Iwan Petrowitsch Pawlow und Burrhus Frederic Skinner.
Beim Mutismus wird unter Berücksichtigung der Lerntheorie somit davon ausgegangen, dass das Nichtsprechen erlernt und die Fähigkeit durch Worte zu kommunizieren verlernt wurde. Zwei Erklärungsansätze der Lerntheorie, nämlich die der operanten Konditionierung und das Lernen am Modell spielen hierbei eine wichtige Rolle.

Operante Konditionierung

Bei der operanten Konditionierung wird das erlernte Verhalten durch positive oder negative Konsequenzen auf einen vorangegangenen Reiz beeinflusst. Einfach gesagt, versteht man darunter das Lernen durch Belohnung und Bestrafung.

Edward Lee Thorndike führte hierzu einen Tierversuch durch. Hühner, Katzen und Hunde wurden in Rätselkäfige mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen gesetzt. Die Tiere mussten sich aus diesen Käfigen selbst befreien. Nachdem sie sich befreit hatten, wurden sie mit Futter belohnt und erneut in die Käfige gesetzt. Nach weiteren Wiederholungen benötigten die Tiere immer weniger Zeit bis sie sich selbst befreien konnten. Ergebnis war, dass Reaktionen, die positiv belohnt wurden, stärker von den Tieren mit der Situation verbunden wurden.

Der vorangegangene Reiz ist beim Mutismus die Aufforderungen zum Sprechen durch nicht vertraute Personen. Der Mutist reagiert, indem er schweigt. Positive Konsequenzen darauf können vermehrte Ausfmerksamkeit und Zuwendung sein. Der Betroffene wird in seinem Verhalten positiv verstärkt. Aber auch der Wegfall einer gewohnten negativen Konsequenz, wie zum Beispiel keine Aufforderung zum Sprechen kann das Verhalten beeinflussen und positiv verstärken. Als negative Konsequenz kommen für Mutismus Isolation oder der Entzug von sozialer Anerkennung als Bestrafung für sein Verhalten in Frage.

Eine positive Verstärkung führt dazu, dass der Betroffene die Konsequenz auf das Schweigen positiv erlebt und sein Verhalten nicht ändern wird. Dadurch setzt sich das Schweigen weiter fort und die Wahrscheinlichkeit, dass der Betroffene spricht, sinkt und je weiter diese sinkt, desto schwerer ist eine Verhaltensänderung.

Lernen am Modell

Beim Lernen am Modell wird ein bestimmtes Verhalten durch das Beobachten von Vorbildern abgeguckt und übernommen.
Das Modelllernen kann in verschiedene Phasen unterteilt werden:

  • Aneignungsphase: Aufmerksamkeitsprozesse
    Das Modell wird genau beobachtet und bestimmte Verhaltensweisen, die besonders interessant erscheinen, werden bewusst wahrgenommen.
  • Aneignungsphase: Behaltensprozesse
    Das beobachtete Verhalten wird im Gedächtnis gespeichert.
  • Ausführungsphase: Reproduktionsprozesse
    Das Verhalten wird nachgeahmt.
  • Ausführungsphase: Verstärkungs- und Motivationsprozesse
    Das angewendete Verhalten verspricht Erfolg, wodurch das Verhalten weiter verstärkt wird.

Albert Bandura führte hierzu das Experiment Bobo doll study durch, bei dem Kindern einen Film sahen, indem eine Person sehr aggressiv reagierte. Am Ende gab es drei verschiedene Möglichkeiten, wie auf das aggressive Verhalten im Film reagiert wurde. Das Verhalten wurde belohnt, bestraft oder hatte keine Konsequenzen. Kinder, die die Belohnung auf das aggressive Verhalten gesehen hatten, imitierten dies.

Das Modell, von dem der Mutismusbetroffene das Verhalten erlernt, ist im engen Familienkreis zu finden. Die Kommunikationsfähigkeit wird durch das sprachliche Verhalten der Eltern, Großeltern und der älteren Geschwister geprägt.
Oft sind die Eltern mutistischer Kinder selbst still und zurückhaltend.

Zwei Menschen in einem

Irgendwie ist das beim Mutismus so, als wäre man zwei Menschen in einem. Da gibt es nämlich den ganz normalen, der spricht und lacht und schreit und schimpft. Und den komischen, der’s nicht tut.
Sobald man inmitten vieler Menschen ist, ist das so, als würde man einen Schalter umlegen – klack – und aus dem normalen wird ein komischer Mensch. Ganz automatisch und man kann es nicht wieder zurück schalten. Und der komische Mensch, der kann gar nichts. Er ist stocksteif, steht in Ecken, weiß nicht wohin mit sich und was er sagen soll, schon gar nicht. Wenn er etwas gefragt wird, spricht er viel zu leise, wenn er’s denn überhaupt tut und er ist gar nichts. Keine Persönlichkeit, kein Mensch. Überhaupt nichts ist er und leer auch. Es ist so, als wäre er gar nicht da, dieser komische Mensch.
Aber der normale Mensch, der kann alles, in seiner vertrauten Welt. Dann hat er eine Persönlichkeit und einen Charakter. Er hat Humor und weiß, was er mag und was nicht. Der normale Mensch kann Geschichten erzählen und diskutieren. Er kann laut sein. Und wenn jemand, der den komischen Mensch kennt, den normalen sieht, dann müsste er sich die Augen reiben und denken, er wäre im falschen Film. Oder er müsste fragen, wer ist der normale Mensch nochmal? Der komische? Nee, nie im Leben ist das der komische! Aber doch ist er. Weil er zwei in einem ist.

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Würdest du dich selbst noch als mutistisch bezeichnen? Wenn ja, wo siehst du die Grenze zum “Überwunden” für dich persönlich?

Hm, schwierige Frage. Wenn man den Mutismus so definiert, dass man schweigt, dann habe ich ihn, glaube ich, überwunden. Größtenteils jedenfalls, weil es, wie schon beantwortet, noch einige heikle Situationen gibt, in denen ich mir besonders Mühe geben muss oder sagen muss, dass ich dazu nichts sagen kann.
Aber gefühlsmäßig ist es gleich. Ich fühl’ mich in anstrengenden Situationen, in denen das Sprechen mehr Mühe kostet noch genauso, wie damals als ich schwieg. Nur ein bisschen weniger schlimm. Also wenn Mutismus auch neben dem Schweigen das ganze drumherum ist, dann habe ich noch Mutismus.

2. Kannst du tanzen? Hast du die Tanzstunde mit gemacht?

Beides nein. Aber ich glaube, ich würd’s gern können…

3. Du hast geschrieben, dass du auch gerne “die Welt entdecken” würdest (Kommentar stillschweigend.myblog.de). Steht dir ‘nur’ die Kommunikation, oder auch Neues allgemein im Weg?

Hm, ich denke mir steht mehr die Kommunikation im Weg. Es fällt mir sehr schwer Fremdsprachen aktiv zu sprechen, was bei Reisen in fremde Länder ein ziemliches Problem sein kann.
Aber sicher auch ein bisschen Angst vor neuen und unbekannten Dingen.

Stille

Silence © mutismusblog.de in Taizé, Frankreich

Silence © mutismusblog.de in Taizé, Frankreich

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