#45

Erstaunlich finde ich, dass ich – diejenige, die immer Sorge hat irgendwo nicht anzukommen – integrierter ist, als jemand, der eigentlich absolut keine Probleme haben sollte, sich irgendwo zu integrieren. 

#43

Bei Christine von stille-staerken.de gab es eine Blogparade und die Christine hat mich gefragt, ob ich nicht auch mitmachen möchte. Es ging um die Komfortzone und da sind sie, meine Gedanken pünktlich zum Ende ihrer Blogparade.

Komfortzone-verlassen

Was ist eigentlich diese Komfortzone? Woran erkennt man sie?

Ich habe eine ganze Weile darüber nachgedacht, was eine Komfortzone für mich ist. Oder besser gesagt, was meine Komfortzone ist. Und ganz am Anfang hätte ich gesagt, ganz klar, meine Wohnung. Meine eigenen vier Wände sind meine Komfortzone, in der nichts passiert, die ich verriegeln kann und in der alles gut ist. Eben ein Raum, in dem ich keine Mutistin bin. Aber das ist inzwischen nicht mehr meine Komfortzone. Meine Komfortzone ist kein Raum. Meine Komfortzone ist ein Bereich, der immer mit mir kommt. Im Grunde ist sie irgendwo in diesem Kreis. Meine Komfortzone ist die S-Bahn am Morgen genauso wie die viertel Stunde im Büro vor Arbeitsbeginn, in der ich meinen Kaffee trinke und einfach nichts passieren kann. Und die Mittagspause. Aber genauso ist meine Komfortzone auch der Abend im Bett und die freien Wochenenden in der Wohnung. Meine Komfortzone ist also nicht auf einen Ort beschränkt, ich habe sie in gewisser Weise einfach immer dabei.

Dann habe ich überlegt, ob ich früher eine Komfortzone hatte und wie diese aussah. Und früher war sie tatsächlich nur in meinem zuhause. Aber ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass ich früher überhaupt gar keine Komfortzone hatte. Klar, den nichtmutistischen Ort gab es, aber wohlgefühlt habe ich mich damit nicht. Und komfort ist für mich gleichbedeutend mit wohlfühlen. Entspannen. Runter kommen. Komfort eben. Depressionen bieten aber keinen Komfort. Da war absolut nichts komfortabel und einfach. Runter kam ich nie. Nirgends. Oder mir fällt nicht mehr ein, wo sie gewesen sein soll. Also kann man auch überhaupt gar keine Komfortzone haben. Das funktioniert auch. Komfortzonen sind nicht selbstverständlich.

Muss man aus der Komfortzone raus? Oder kann man auch in der Komfortzone bleiben?

Ich muss raus, ja. Und ich denke, jeder sollte das müssen. Denn tut man das nicht, ist man sich seiner Komfortzone gar nicht richtig bewusst – weil alles komfortabel ist – oder man hat eine sehr kleine Komfortzone. Die dann eben auch klein bleibt. Und ich finde beides schlimm. Eine Komfortzone lernt man erst richtig schätzen, wenn man weiß, dass es woanders nicht so komfortabel sein kann. Erst dann kann man sie sich bewusst schön und gemütlich gestalten und mit einem wohligen Gefühl zu ihr zurück kehren. Wozu braucht man eine Komfortzone, wenn man sich nicht bewusst auf sie freuen kann? Und kleine Komfortzonen sind auf Dauer recht einschränkend. Man stößt schnell an ihre Grenzen. Kommt überall irgendwo nicht weiter. Außerdem finde ich meine Komfortzone häufig langweilig. Öde. Immer das gleiche. Die besten Sachen liegen etwas weiter außerhalb und jedes Überschreiten hat sich bisher mehr als gelohnt. Das ist tatsächlich so. Danach ist es nämlich toll und es gibt so viel mehr Möglichkeiten. Man sollte die Komfortzone danach allerdings auch wiederfinden müssen. Verlassen und wiederfinden müssen. Das muss man.

Bleiben kann man, selbstverständlich. Dann bleibt man da aber eben auch. Genau so wie es gerade ist.

Welche Tipps, Tricks und Erfahrungen hast du für gutes „Komfortzonenmanagement“? Was macht man mit dem Stress, der Angst, der Unsicherheit etc., wenn man die Komfortzone verlassen will?

Leider keinen. Augen zu und durch, fiel mir ganz spontan ein. Ich habe mich immer wieder durchgebissen. Immer und immer wieder. Und den Rest so schön wie möglich gemacht. Kleinigkeiten gesucht. Mich damit über Wasser gehalten. Ein gutes Essen. Ein toller Film. Der Gedanke an mein Bett. An die Badewanne. An was weiß ich. Und zwischendurch immer wieder machen und versuchen und durchbeißen. Und dann ist sie auf einmal größer geworden, meine Komfortzone. Und so geht es auch heute immer weiter. Machen, ausruhen, machen, ausruhen…. Und sich auf die Komfortzone freuen. Sie ganz bewusst genießen. Das Einkehren in die Komfortzone am besten schon planen. So schön machen wie es nur geht. Und dann den Scheißdreck drumherum nicht vergessen. So, denke ich, wird sie immer ein bisschen mehr größer. So funktioniert zumindest mein Komfortzonenmanagement.

#42

Und dann ist da dieser Moment, in dem du dich fragst, wann genau es eigentlich angefangen hat, gut zu sein. Genau jetzt, in diesem Moment.

Offensichtlich muss ich es verpasst haben. Den Anfang. Denn plötzlich ist es gut. Plötzlich weiß ich nicht nur, dass ich mein bisheriges Studentenleben kann, auch weiß ich auf einmal, dass ich arbeiten kann. Ich weiß einfach, dass ich es kann. Klar, funktioniert nicht alles genau so wie ich es mir vorstelle. Einiges sogar nicht. Aber es ist eben nur eine Frage des Wies und nicht des Obs. 

Plötzlich sitze ich im Teammeeting. Mein Team besteht zur Zeit aus vier Mitarbeitern und einem Chef. Also sitze ich im Teammeeting mit vier anderen Personen und erwische mich dabei wie es mich einfach nervt, dass niemand etwas sagt. Mich nervt, dass es kein Meeting ist, sondern vielmehr ein Mitteilen. Und ich fange an, zu ergänzen, zu berichtigen und reiße Aufgaben – besser gesagt Verantwortlichkeiten – an mich, einfach weil niemand etwas sagt. Wann ist das denn passiert?

Ich schule andere Mitarbeiter, einfach weil es sonst niemand machen will. Klar, ich könnte ein ganzes Romankapitel darüber schreiben, was weniger gut war an meiner Schulung. Aber wann um Himmels Willen bin ich diejenige geworden, die sowas macht? Die etwas macht, was sonst keiner macht. Normalerweise machen doch immer erst die anderen, bevor ich an der Reihe bin. Ich bekomme das, was übrig ist. Wann habe ich also angefangen, gut zu sein?

Ich habe eine neue Kollegin, die ich mehr oder weniger betreue. Klar, nicht allein entscheide, was sie tut, aber sie sitzt mit mir in einem Raum. Also bin ich diejenige, die die meisten Fragen abbekommt und ihr das meiste erklärt. Wann ich das geworden bin, weiß ich. Das ist nicht das Problem. Aber wann habe ich aufgehört, sie als Konkurrentin zu sehen? Seit wann finde ich, dass ich die Dinge, die genau mein Ding sind, viel besser kann als sie? Wann habe ich gemerkt, dass sie wahrscheinlich ihre eigenen Stärken hat, aber eben nicht gleichzeitig auch MEINE Stärken. Und seit wann weiß ich, dass ich überhaupt Stärken habe? Klar, am Ende ist es dann Stärkensache. Sind meine Stärken nicht mehr wichtig, bin ich weg. Aber dann fehlen ihnen halt auch diese Stärken. Denn die Neue hat sie nicht.

Irgendwann muss ich also verpasst haben, zu merken, dass der nächste Schritt im Leben funktioniert. Nämlich Arbeiten. Und unabhängig sein. Es ging einfach an mir vorrüber, dass jegliche Investition in mich sinnvoll war. Dass sich alles gelohnt hat und keine einzige Maßnahme, keine einzige Ausgabe umsonst war. Nicht, dass es unbedingt Voraussetzung wäre, dass am Ende alles fruchtet. Aber es ist eben doch ein enorm tolles Gefühl, etwas genutzt zu haben. Auch wenn ich nichts gegen mehr Geld im Monat hätte, es ist ein ganz großartiges Gefühl, das Studium dem Staat zurück zu bezahlen. Und auch wenn ich wie jeder am Ende des Monats feststellen muss, was genau noch vom Bruttogehalt übrig ist, ist es eine furchtbar tolle Sache, der Krankenversicherung Geld für meine langjährige Therapie zurück geben. Im übertragenen Sinne natürlich. Es ist großartig ein Teil des Ganzen zu sein, auch wenn man nun zig Grundsatzdiskussionen führen könnte. Ich finde es einfach großartig, das tun zu können, was von einem verlangt wird. Nämlich Geld bezahlen. Oder anders ausgedrückt, jemand geworden zu sein, der keine Geldverschwendung war.

Wann haben Leben und Sprechen also aufgehört, eine schrecklich komplizierte Kunst zu sein, von der ich nichts verstehe? Und was kommt als nächstes? Welchen Lebensabschnitt lerne ich als nächstes können? 

#41

Herr V. verdeutlichte mir mein Leben mal mit einem Bild. Ich stehe in der Mitte und drumherum ist ein Kreis. Am Anfang war der Kreis sehr klein. Es war kaum Platz zwischen mir und der Umrandung. Und in all den Jahren, in denen er mich schon begleiten durfte, wurde der Kreis immer größer. Weil ich immer wieder an die Umrandung stieß, solange dagegen stieß, bis ich drüber kam. Und so wurden die Umrandungen von mal zu mal größer. Mein Kreis wuchs und ich hatte immer mehr Platz. Früher fand ich diese Metapher albern. Und im Grunde auch nichtssagend. Mein Leben ist kein Kreis und auch brachte mich die Erkenntnis wenig weiter, dass ein dummer Kreis größer wird. Dass ich mehr schaffte, wusste ich selbst. Dazu brauchte es kein Bild.

Wenn ich heute daran denke, befinde ich mich in einem riesigen Kreis. Was ziemlich großartig ist, keine Frage. Aber vor allem, macht dieses dumme Bild heute einen völlig anderen Sinn. Zumindest hilft es mir, meine jetzige Situation zu erklären. Und ich glaube, heute verstehe ich auch, wozu solche Metaphern gut sein können. Sie veranschaulichen. Sie liefern Erklärungen. Und Erklärungen sind angenehm. Sie erleichtern. Und manchmal bieten sie sogar Lösungen. Aber auf alle Fälle, erklärt diese eine Metapher, was genau momentan bei mir schief läuft.

Ja, mein Kreis ist riesig geworden. Jede einzelnen Zentimeter sind Möglichkeiten, die ich früher gar nicht hatte. Und es ist eigentlich auch schon lange kein Kreis mehr. Es ist eine Umrandung mit zig Dellen und Wölbungen. Ausstülpungen, die mir zeigen, dass ich genau an dieser Stelle schon so weit bin. Und eben Dellen, die zeigen, dass an Punkt x meine Umrandung noch nicht ganz so weit ist. Das ist heute.
Und mein Problem dabei ist, dass ich absolut nicht weiß, wo Dinge einzuordnen sind. Oder wo ich einzuordnen bin. Momentan verschätze ich mich enorm. Während Punkt x auf meiner Umrandung 7,65 m von mir entfernt ist, ist Punkt y 6,34 m entfernt. Und dann denke ich Punkt xyz muss wegen seiner Ähnlichkeit zu x und y auch irgendwo dort liegen. Nur plötzlich stelle ich dann eben fest, dass es gar nicht stimmt. Punkt xyz ist weder x noch y. Erstens ist da ein z und zweitens ist selbst xy etwas vollkommen anderes als x UND y. Und dann stehe ich da. Scheiße. xyz ist nur 5,78 m von mir entfernt, während ich aber wegen meiner x- und y-Erfahrung 6 m weit gehen wollte. Und bäääm. Die Umrandungsgrenze. Grenzen sind Überforderungen. Ganz besonders, wenn ich mit Anlauf dagegen gerannt bin.

Oder mir ist es passiert, dass ich überhaupt gar keine Umrandung gesehen habe. Ich bin an Punkt x, genau auf meiner Umrandung. Im Grunde bin ich sogar gerade dabei, ihn ein bisschen zu weiten. Punkt x. Ein bisschen nach hinten zu verlagern. Ich denke nicht nach. Punkt x funktioniert eben gut. Ich denke wirklich wirklich nicht nach. Denn es funktioniert ja alles super. Und dann wieder bäääm. Ich habe mich in Punkt w manövriert und Punkt w ist aber nur 2,01 m. Ich schätze also nicht nur von Beginn an Umrandungsabstände falsch ein und renne plötzlich dagegen. Es gibt also auch ganz furchtbar eklige Zacken, die ich einfach nicht sehe. Oder neue Kreise in meinem großen Kreis. Wie auch immer. Mit denen ich aber absolut nicht rechne und die wie aus dem Nichts kommen. Und ich verstehe nicht, wieso. Ich habe einfach keine Erklärung dafür.

Dieser elend-großer Kreis sorgt im Grunde nur für mehr Unklarheiten. Je größer er wird, desto mehr verschätze ich mich. Und auch wenn die Größe genial ist, wünsche ich mir doch gerade jetzt wieder meinen kleinen Kreis. Da weiß ich wenigstens wo ich bin. Sehe meine Umrandungen. Weiß eben einfach, wo ich anfangen muss. Im Grunde ist es ja auch gar nicht schlimm. Dann habe ich mich eben mal verschätzt. Nur ist es gerade es bisschen viel. Ich irre halt einfach gerade in diesem blöden Kreis umher. Ich fühle mich verloren.

#40

Letztes Jahr machte der Mai alles neu und dieses Jahr auch. Wir sind umgezogen. Und die Wohnung ist wirklich toll. Riesig groß und neu und modern und richtig hübsch. Der Wohnbereich ist so groß wie meine erste Wohnung – die k o m p l e t t e Wohnung (!),  die Arbeitsfläche der Küche ist so groß, sodass drölfzig Mann zusammen kochen können und das Bad erst. Man könnte sogar in der Badewanne liegen, mit der modernen Technik Serien gucken (im Bad!), während man gleichzeitig duschen könnte. Das Ganze hat im Winter eine Fußbodenheizung und ich kann mich jeden morgen automatisch mit Tageslicht wecken lassen. Über die Fenster natürlich. Und der Balkon erst – ein Traum. Der Sonnenschutz fehlt zwar noch und die Blumen auch, aber er hat Paradispotential. Mein Auto hat einen eigenen Parkplatz und hier ist es ruhig. Ich habe an all dem Nichts auszusetzen. Nichts.

Außer, dass ich nicht erwartet hätte, dass es mir so schwer fällt, mich einzugewöhnen. Das letzte Mal funktionierte es eindeutig besser. Vielleicht liegt es aber daran, dass ich nebenher – nach wie vor – noch Vollzeit arbeite. Ich komme also jeden Abend in Chaos. Schönes Chaos mit riesen Potential, aber eben Chaos. Bis vor wenigen Tagen hatten wir kein Bett, kein Sofa und vieles anderes nicht. Geschweige denn die ganzen Kartons, die noch überall in den Ecken stehen. Oder die fehlenden Vorhänge und Lampen. Ich hatte nicht erwartet, dass mir das Neue so viel Kraft raubt. Oder andersrum. Das Arbeitengehen nimmt so viel Energie in Anspruch, sodass mir das Neue mehr abverlangt, als in der Vergangenheit. Momentan bin ich immer sehr froh, wenn ich noch etwas von Vorher finde, sodass ich nicht alles gleich überstürzen muss und eben noch ein bisschen vom Alten übrig bleibt.

Vielleicht ist es aber auch nicht nur einfach die neue Wohnung. Sondern das, was hier noch alles dran hängt. Nämlich ein Schritt weiter. Das Studentenleben ist nun endgültig vorbei. Hier wohnt kein Student mehr. Hier wohnen Familien in hübschen Wohnungen, die das Geld kosten, was man verdient hat. Hier stehen gute Autos, meins passt schon fast nicht mehr hier hin. Man holt im Morgenmantel Zeitungen aus den Briefkästen und man muss auch immer mit dem Auto fahren, um irgendwo hin zu kommen. Hier ist es hübsch. Spießig hübsch. Und eben anders. Ich muss mich also nicht nur an die eigenen vier Wände gewöhnen, sondern auch all das Übrige verändert sich. Vielleicht ist es genau das, was mir mehr zu schaffen macht, als erwartet. Ich bin nun endgültig keine Studentin mehr. Ich gehe arbeiten und nun sieht man es eben auch außen, dass ich Geld verdiene.

#39

Und auf einmal sehe ich einen Lichtblick. Ein Licht am Horizont. Es muss einfach klappen. Es muss. Wir müssen diesen Mietvertrag einfach unterschreiben. So wie sie gesagt haben. Es muss einfach so werden, denn es wäre so großartig. Richtig furchtbar großartig.
Es wäre viel näher an meiner Arbeit und es gibt Parkplätze für mein Auto. Dann habe ich etwas, wo ich ansetzen kann. Womit ich arbeiten kann. Und dann muss ich nicht mehr krampfhaft versuchen Dinge zu leisten, die ich einfach noch nicht leisten kann. Dinge, in die ich noch nicht rein passe. Die mir noch zu groß sind. Dann kann ich nämlich wieder weitermachen. Mit dem Wachsen. Immer ein bisschen mehr.
Es muss einfach. Ich möchte wieder ein Leben haben.