#39

Und auf einmal sehe ich einen Lichtblick. Ein Licht am Horizont. Es muss einfach klappen. Es muss. Wir müssen diesen Mietvertrag einfach unterschreiben. So wie sie gesagt haben. Es muss einfach so werden, denn es wäre so großartig. Richtig furchtbar großartig.
Es wäre viel näher an meiner Arbeit und es gibt Parkplätze für mein Auto. Dann habe ich etwas, wo ich ansetzen kann. Womit ich arbeiten kann. Und dann muss ich nicht mehr krampfhaft versuchen Dinge zu leisten, die ich einfach noch nicht leisten kann. Dinge, in die ich noch nicht rein passe. Die mir noch zu groß sind. Dann kann ich nämlich wieder weitermachen. Mit dem Wachsen. Immer ein bisschen mehr.
Es muss einfach. Ich möchte wieder ein Leben haben.

#36

Diese Woche ist scheiße. Abgrundtief scheiße. Alles läuft schief und ich schaffe es nicht über Dingen zu stehen, über die ich normalerweise stehen kann. Schon seit Jahren. Fühle mich wieder wie das kleine Mädchen, das von allen und jedem ausgeschlossen wird. Ich habe keine Lust mehr. Einfach keine Lust mehr. Wie können drei Tage einer Woche so scheiße sein?! Und das Schlimmste ist, sie machen alles klein. Machen den Rest weg. Alles weg.
Ich möchte es auch normal machen. Möchte morgens selbstständig das Haus verlassen und abends selbständig nach Hause kommen. Zwischendurch vielleicht noch Essen kaufen, auf das ich am Abend Lust habe. Und am Tag zwischendurch möchte ich Dinge gut machen. Lächerlich ist – mal wieder – dass ich im Grunde doch nichts Anderes machen. Ich mache es nur nicht so wie ich will. Und das Problem ist, ich mache es so wie ich es vor Jahren gelernt habe. Das reicht mir einfach nicht mehr. Das muss weiter gehen. Und es macht immer mehr Druck. Immer größer wird er. Es ist kaum noch zum Aushalten. Ich möchte bitte Herrn V. wiederhaben. Möchte mit ihm besprechen wie man diesen enormen Druck umbauen kann. Wiese diese mords Energie zu nutzen ist. So wie früher halt, als ich den Druck, sprechen zu wollen, auch genutzt habe. Wie auch immer ich das gemacht habe. Ich möchte das bitte besprechen. Ich möchte Herr V.

#35

Ich habe mir Abendessen in der Stadt geholt. Und das ist wichtig, weil ich diesmal nicht drumherum kam. Eigentlich wollte ich das schon immer mal machen. Mir ganz allein etwas Leckeres zu Essen gönnen. Und wenn es nicht der Mutismus war, der mir das wieder ausgeredet hatte, dann war’s das Geld. Jetzt habe ich also Geld. Ich habe jetzt sogar so viel Geld, dass ich mir jeden Monat 266 Stück davon kaufen könnte. So viele Tage hat der Monat gar nicht. Das kann ich nicht essen. Deswegen kam ich nun also nicht mehr drumherum. Früher war es vernünftig, günstiger zu essen. Jetzt habe ich keine Ausrede mehr. Nur Mutismus. Und tja. Das zählt nicht. Jedenfalls nicht immer. Deswegen ist es wichtig, dass ich mir heute, nach der Arbeit, etwas zu essen geholt habe. Für mich.

#34

Heute dreht mein Kopf mal wieder Kreise und befindet sich irgendwo zwischen „ich kann das nie im Leben“ und „das wäre schon ziemlich cool“. Und „ich will das unbedingt machen und können“ ist natürlich auch dabei. Es kotzt mich an. Es kotzt mich so dermaßen an, dass ich wie wild rudere und trotzdem immer noch komisch oder nicht genug bin. Dass ganze Welten zwischen mir im Jetzt und mir im Früher liegen, ich aber genauso, immer noch Welten von irgendwas entfernt bin. Niemand würde mir glauben, dass ich nicht gesprochen habe, aber genauso merkt jeder, dass ich zu still bin. Und wenn ich darüber nachdenke, es ist ziemlich furchtbar dieses „zu still“ nach all der harten Arbeit immer noch zu haben. Es kotzt mich einfach nur an. Ich bin so müde. Und gleichzeitig aber auch mittendrin. Eben weil es mich so ankotzt. Es kann nicht sein. Es kann einfach nicht sein, dass mich Mutismus mein ganzes Leben irgendwie einschränken soll. Das kann einfach nicht angehen! Kann es nicht! Es ist einfach so unfair!
Ich versuche mal wieder etwas zu finden, was gut an mir ist.  Die Dinge finde ich auch. Aber gleichzeitig frage ich mich, was mir diese Dinge bei den Alltagsproblemen nutzen. Gar nichts. Ich bin’s so leid. So sehr. Im Grunde funktioniert alles und irgendwie doch nichts. Dabei möchte ich doch noch nicht mal Dinge, die überhaupt nicht zu mir passen. Ich bin und bleibe stiller. Das weiß ich. Und akzeptiere ich. Aber ich möchte einfach keine Angst mehr haben. Und das ist doch nicht zu viel verlangt?!

#33

Eine der kuriosesten Erfahrungen in letzter Zeit war, dass Reden eben auch nicht immer gut ist. Zu viel reden ist sogar, genau genommen, ziemlich scheiße.
Auf Arbeit gibt es diesen einen Kollegen. Einer, der ohne Punkt und Komma reden kann und dies auch zu sehr vielen Gelegenheiten tut. Dabei hat er im Grunde gar nicht viel zu berichten. Das halte ich aber im Berufsleben, wenn man sich 5 Tage lang in der Woche jeden Tag sieht, für normal. Dementsprechend erzählt er auch gut und gerne Dinge mehrmals. Jeden Tag. Auch ruft er diverse Leute, darunter auch mich, mindestens einmal am Tag an, um – na ? – zu reden.
Meistens bin ich ja immer ziemlich neidisch. Und zwar auf die Leute, die gut reden können und so toll und groß wirken. Und gleichzeitig dann auch so selbstbewusst. Nicht nur meistens. Eigentlich sogar immer. Das hat sich jetzt allerdings geändert. Reden ist einfach n i ch t  i m m e r automatisch gut.
Ich stoße an Grenzen mir vorzustellen, dass man einfach nicht aufhören kann, zu reden. Dass man nicht einfach mal für ein paar Stunden vollkommen still sein kann. Offensichtlich scheint das genau so ein Problem zu ein wie das Nicht-Reden, auch wenn es mir persönlich zu kryptisch ist. Aber es ist klar. Meine Arbeit könnte er nicht machen. Da m u s s man sogar nicht immer nur reden. Klar, gäbe es sicher genug Vielredner, die meine Arbeit auch gut könnten. Wenn nicht sogar besser, weil sie viel reden. Aber viel reden kann eben einfach auch nicht gut sein. Scheiße sogar. Sehr.
Das ist wirklich eine sehr interessante Erfahrung. Gerade für mich. Ich, die immer sehr viel anhand der Redefähigkeit beurteilt. Nicht-Reden war doch immer scheiße. Und jetzt ist Reden auf einmal auch scheiße? Wie denn nun?

#32

Meine größte Sorge ist momentan das Autofahren. Ein vollkommenes Luxusproblem eigentlich, denn allein Autofahren hat im Prinzip überhaupt nichts mit Mutismus zu tun. Direkt jedenfalls nicht. Indirekt eine Menge. Denn ich bin ein Angsthase. Wahrscheinlich einer, der größten, den es gibt.
Das Autofahren würde mir eine ganze Menge Zeit am Tag sparen. Aber es ist furchtbar. Einfach nur fruchtbar. Denn natürlich ist da der Berufsverkehr.
Ich mag Autofahren nicht. Absolut nicht. Es gab zwar immer mal wieder Phasen, da fand ich es toll selbstständig von A nach B zu kommen, aber ich bin unsicher, ob ich es nicht einfach nur toll war, weil ich es eben geschafft hatte. Der Sache an sich kann ich nicht viel abgewinnen und hätte im Prinzip auch nichts dagegen, wenn man das Von-A-nach-B-Kommen anders organisieren könnte. Aber geht ja nicht.
Also Autofahren. Nur sehe ich nicht wie das gehen soll. Ich sehe mich nicht allein im Auto. Auf der Autobahn. Im Berufsverkehr. Ein bisschen beruhigt mich allerdings, dass ich mich vor einem Jahr noch nicht mal zu zweit mit dem Auto auf der Autobahn gesehen habe. Aber absolut nicht. Niemals. Aber so richtig niemals. Habe ich gesagt. Und inzwischen bin ich schon was weiß ich wohin gefahren. Ans Meer zum Beispiel. Auf der Autobahn logischerweise. Das beruhigt mich also ein bisschen. Dass aus einem Niemals ein Ich-habs-ja-gemacht wurde. Zwar ist es mir ein riesiges Rätsel wie mal wieder der nächste Schritt funktionieren soll, aber darin bin ich ja Experte. Nicht wissen wie und am Ende kopfschüttelnd da stehen und fragen wie ging das denn nun. Wo kommt denn der Studienabschluss plötzlich her?

#30

So ziemlich stresst mich, dass die Zeit nur so verfliegt und Dinge, die ich tun müsste, nicht getan werden. Hausarbeit stapelt sich, obwohl überwiegend alles in Ordnung ist. Aber besonders denke ich an die Nebensächlichkeiten, die auch mal getan werden müssen. Dinge sortieren, Dinge kündigen, Dinge neu überlegen, Dinge wegwerfen. Und ich frage mich wie das früher ging, als noch mehr Zeit da war. Da habe ich doch auch nicht ständig etwas sortiert und geordnet.
Und dann wächst natürlich auch die Liste mit den Freizeitplänen. Dinge, die ich unbedingt mal machen möchte und Dinge, die ich mir jetzt leisten kann. Ich habe so viele Pläne, sodass ich das Gefühl habe, das alles nicht erledigen zu können. Dabei könnte man es wahrscheinlich, wenn man es sich gezielt vornimmt. Vielleicht ist auch das das Problem. Man muss sich Dinge nun gezielt vernehmen. Abarbeiten. Auch Freizeit. Denn meist ist es so, dass ich zwar alles Mögliche tun will, dann im Nachhinein aber absolut nichts davon gemacht habe. Und warum weiß ich gar nicht. Vielleicht weil ich mit nicht überlegt habe, worauf ich Lust habe. Und vielleicht, weil ich einfach auf gar nichts Lust habe, wenn ich nicht gezielt überlege. Früher, da konnte ich so einen verstrichenen Tag zeitlich besser verkraften. Da konnte ich spontan überlegen, worauf ich Lust hatte und wenn ich auf gar nichts Lust hatte, dann war das auch in Ordnung. Dann gab es noch genug andere Tage für meine Pläne. Und heute wächst nur meine Liste an schönen Freizeitdingen immer mehr und ich fühle mich unausgeglichen, weil ich die wenige Zeit absolut nicht ausgekostet und genutzt habe. Wie funktioniert das? Listen für’s Wochenende machen? Finde ich eigentlich albern. Aber so geht das auch nicht. Die Wochenenden gehen um und meine innerliche Liste mit Plänen und Vorhaben wird immer länger. Oder werden sie einfach länger, weil ich nicht ständig ans Geld denke? Weil ich jetzt erst überhaupt auf die Idee komme einen Pullover für 70 € zu kaufen und das Problem darin besteht, die Zeit zu finden, mir einen schönen auszusuchen? Oder die andersfarbigen Chucks. Früher hat eine Farbe gereicht. Da war keine Zeit nötig, für die zweite Farbe. Irgendwas läuft hier schief. So ist weder schön, noch wertvoll und schon gar nicht ausgeglichen. Ich muss die Zeit besser nutzen. Weniger Pläne ist keine Alternative. Die sind nämlich alle genial und genau dafür ging’s doch immer gegen die ganze Mutismusscheiße.