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Das Referat

„Die Arteria femoralis – das ist die Oberschenkelarterie – ist für die Blutversorgung des Beins zuständig. Von ihr aus geht die Arteria profunda femoris ab, die die Muskulatur des Oberschenkels versorgt“, erklärte eine ihrer Mitschülerinnen der Klasse.
„Gleich. Gleich bin ich dran“, schwirrte Alena im Kopf herum. Ihr Herz begann nun mit jedem weiteren Wort der Klassenkameradin noch schneller zu pochen, als es das sowieso schon tat. Und eigentlich hatte ihr Herz zu Beginn der Unterrichtsstunde, vor einer halben Stunde, schon so schnell geschlagen, sodass man glaubte noch schneller kann das gar nicht gehen. Und heute morgen auch. Da war sie so aufgeregt und konnte um vier Uhr schon nicht mehr schlafen und auch keinen einzigen Bissen essen. Auf dem Weg zur Schule schmerzten ihre Fingerknochen so sehr, sodass sie die Finger am liebsten abgenommen und beiseite gelegt hätte. Das war immer so, wenn sie Angst hatte. Und das erste Mal übel wurde ihr schon, als die Lehrerin vor drei Wochen die Referate ankündigte und die Themen verteilte. Aber gut. So war es eben.

Ahh, nein. Sie ging. Sie ging. Sie war fertig mit ihrem Referat. Nun pochte das Blut sogar in Alenas Kopf. Sie konnte es an den Schläfen ganz deutlich spüren. “Alena, nun sind Sie mit dem Unterschenkel an der Reihe”, sagte die Lehrerin, nachdem sie auf ihre Liste schaute und den Oberschenkel abhakte.
Du musst jetzt die Zettel nehmen. Deinen Text und deine Karteikarten mit den Stichpunkten. Und das Bild von Schien- und Wadenbein.
All das hatte sie zuvor schon ordentlich auf ihren Tisch gelegt.
Nehmen. Nimm’ es! Beweg’ die Hand und nimm’ die verdammten Zettel.
Und dann musst du dich bewegen. Du musst mit dem Stuhl zurück rücken und aufstehen.
Alles ganz einfach, ist das.
Los, nun mach’ das endlich. Los, verdammt.
“Alena?”, ertönte die Stimme der Lehrerin und durchbrach die Stille. “Möchten Sie vortragen?”
Ja. Nein, eigentlich nicht. Wenn ich eine Wahl hätte. Aber hab’ ich nicht. Also ja, ja verdammt.
Steh’ doch verdammt nochmal endlich auf!
Die anderen, die gucken schon. Und denken bestimmt, ich spinn’. Gut, denken sie sowieso schon, aber nein, nicht jetzt schon wieder.
Nimm’ die Zettel und steh’ nun auf.
“Alena?”, sagte die Lehrerin wieder. “Ich habe nach dieser Stunde einen wichtigen Termin und kann nicht länger warten. Wollen Sie vortragen?”.
Festgefroren.
Stille. Und in mir ein tobender Kampf um alles. Um Leben und Tod.
“Okay. Dann ist es Hausaufgabe den Aufbau des Unterschenkels herauszuarbeiten.”

Schimpfen und das Packen der Taschen erfüllten den Klassenraum mit Geräuschen. Auch Alena packte ihre Sachen zusammen.
Schnell diese scheiß Zettel weg! Die will ich nicht mehr sehen!
Sie zog ihre schwarze Jacke an, nahm die Tasche und verließ das Klassenzimmer. Schwarz, ja, alles war schwarz.
Schnell stolperte sie die Treppe hinunter um raus, raus an die Luft zu gelangen. Die versteckten Tränen, die sich unbedingt aus den Augen quetschen wollten, brannten wie Feuer. Draußen sprang ihr die warme Frühlingsluft entgegen und das hartnäckige Gezwitscher der Vögel begleitete sie. Sie und ihre Tränen.