Und dann lief sie wieder. Manchmal konnte sie die ganze Nacht lang gehen, wenn nicht doch irgendetwas in ihr sagte, dass sie mal schlafen musste. Und manchmal, dann joggte sie. Das tat sie sogar regelmäßig. Weil das Gehen irgendwann nicht mehr reichte. Immer einen Fuß vor den anderen und immer weiter. Immer mehr.
So konnte Alena, wenn ihr die Uhrzeit nicht im Nacken saß, immer gehen und gehen. Die Kaputze des Pullovers tief in das Gesicht gezogen, damit niemand die Tränen in der Dunkelheit sehen konnte, ging sie. Sie ging durch dunkle Straßen und durch helle. Manchmal durch volle und durch leere. Es war eigentlich egal. Hauptsache sie ging. Immer weiter. Und einen Fuß vor den anderen.
Ihre Tasche rieb’ an den Knöpfen ihrer Jacke. Und durch die Kaputze auf dem Kopf klang dies merkwürdig gedämpft. Wie ein Herzschlag, dachte sie. Rhythmisch mit jedem Schritt. Und wenn sie stehen blieb, hörte es auf.
Blödsinn. Denn das echte Herz schlug ja dummerweise weiter. Also setzte sie sich auch wieder in Bewegung. Die Tränen rannen ihr die Wangen herunter. Und eigentlich konnte sie schon gar nichts mehr sehen. Aber sie ging dennoch weiter.
Es war als würde sie etwas suchen. In jeder Straße, in jeder Häuserecke. Aber eigentlich suchte sie gar nichts. Was sie verloren hatte, das wusste sie. Da musste man nicht mehr suchen. Das kam nie wieder. Nie. Nämlich ein Mensch, der für immer bleibt.
Laufen
Leserfragen zum Leben mit Mutismus
1. Hast du schon mal angefangen zu weinen als du etwas gefragt wurdest und nicht antworten konntest?
Ja, hab’ ich. Aber das ist schon eine Weile her. Das war in der Schule und einige Lehrer sahen darin ein sehr großes Problem, dass ich nicht sprach. Was ja an sich auch kein Problem ist, aber die Art und Weise wie sie damit umgingen, war es. Das krasseste, was ich erlebte, war mal das Wort verrückt vor der ganzen Klasse, weil ich einen Text nicht vorlesen konnte und da fing ich dann auch an zu weinen.
2. Hast du schon mal überlegt die Gebärdensprache zu erlernen/auszuprobieren?
Nein, ehrlich gesagt nicht. Mag zwar naheliegend sein, dass wenn man mit dem Mund nicht sprechen kann, es mit den Händen versucht, aber Mutismus ist mehr so ein Eingefrorensein und ein Erstarren. Und deswegen waren mir in solchen Situationen auch Bewegungen unmöglich.
3. Wie soll jemand vorgehen, der Kontakt zu einem Menschen mit Mutismus aufbauen will? Extrem vorsichtig/langsam oder doch eher normal/munter drauflos?
Ich denke es gibt nicht DEN Mensch mit selektiven Mutismus. Das wird sicherlich ganz unterschiedlich sein. Je nach Charakter eben. Daher würde ich sagen weder noch und einfach normal. Und notfalls kann man einfach nachfragen, wie es für denjenigen am besten ist. Wichtig ist glaube ich nur, dass man sich durch ein Schweigen nicht einschüchtern lässt oder auf sich persönlich bezieht. Dieser Eintrag passt vielleicht gut zu der Frage.
An deinem Grab
In meinem weißen Kleide
stehe ich an deinem Grab
unter der traurigen Weide,
weil du einst verstarbst
Starr steh’ ich an diesem Ort
verweile Tag und Nacht,
gehe niemals fort,
hab’ so lang dich schon bewacht
Mir steht die Trauer im Gesicht,
fühle mich so leer,
klage dennoch nicht
nein – ich hab’ kein Lachen mehr
Ich steh’ hier immerzu
und lass dich nicht allein,
will in deiner endlosen Ruh’
für immer bei dir sein.
(12. April 2005)
Das Referat
„Die Arteria femoralis – das ist die Oberschenkelarterie – ist für die Blutversorgung des Beins zuständig. Von ihr aus geht die Arteria profunda femoris ab, die die Muskulatur des Oberschenkels versorgt“, erklärte eine ihrer Mitschülerinnen der Klasse.
„Gleich. Gleich bin ich dran“, schwirrte Alena im Kopf herum. Ihr Herz begann nun mit jedem weiteren Wort der Klassenkameradin noch schneller zu pochen, als es das sowieso schon tat. Und eigentlich hatte ihr Herz zu Beginn der Unterrichtsstunde, vor einer halben Stunde, schon so schnell geschlagen, sodass man glaubte noch schneller kann das gar nicht gehen. Und heute morgen auch. Da war sie so aufgeregt und konnte um vier Uhr schon nicht mehr schlafen und auch keinen einzigen Bissen essen. Auf dem Weg zur Schule schmerzten ihre Fingerknochen so sehr, sodass sie die Finger am liebsten abgenommen und beiseite gelegt hätte. Das war immer so, wenn sie Angst hatte. Und das erste Mal übel wurde ihr schon, als die Lehrerin vor drei Wochen die Referate ankündigte und die Themen verteilte. Aber gut. So war es eben.
Ahh, nein. Sie ging. Sie ging. Sie war fertig mit ihrem Referat. Nun pochte das Blut sogar in Alenas Kopf. Sie konnte es an den Schläfen ganz deutlich spüren. “Alena, nun sind Sie mit dem Unterschenkel an der Reihe”, sagte die Lehrerin, nachdem sie auf ihre Liste schaute und den Oberschenkel abhakte.
Du musst jetzt die Zettel nehmen. Deinen Text und deine Karteikarten mit den Stichpunkten. Und das Bild von Schien- und Wadenbein.
All das hatte sie zuvor schon ordentlich auf ihren Tisch gelegt.
Nehmen. Nimm’ es! Beweg’ die Hand und nimm’ die verdammten Zettel.
Und dann musst du dich bewegen. Du musst mit dem Stuhl zurück rücken und aufstehen.
Alles ganz einfach, ist das.
Los, nun mach’ das endlich. Los, verdammt.
“Alena?”, ertönte die Stimme der Lehrerin und durchbrach die Stille. “Möchten Sie vortragen?”
Ja. Nein, eigentlich nicht. Wenn ich eine Wahl hätte. Aber hab’ ich nicht. Also ja, ja verdammt.
Steh’ doch verdammt nochmal endlich auf!
Die anderen, die gucken schon. Und denken bestimmt, ich spinn’. Gut, denken sie sowieso schon, aber nein, nicht jetzt schon wieder.
Nimm’ die Zettel und steh’ nun auf.
“Alena?”, sagte die Lehrerin wieder. “Ich habe nach dieser Stunde einen wichtigen Termin und kann nicht länger warten. Wollen Sie vortragen?”.
Festgefroren.
Stille. Und in mir ein tobender Kampf um alles. Um Leben und Tod.
“Okay. Dann ist es Hausaufgabe den Aufbau des Unterschenkels herauszuarbeiten.”
Schimpfen und das Packen der Taschen erfüllten den Klassenraum mit Geräuschen. Auch Alena packte ihre Sachen zusammen.
Schnell diese scheiß Zettel weg! Die will ich nicht mehr sehen!
Sie zog ihre schwarze Jacke an, nahm die Tasche und verließ das Klassenzimmer. Schwarz, ja, alles war schwarz.
Schnell stolperte sie die Treppe hinunter um raus, raus an die Luft zu gelangen. Die versteckten Tränen, die sich unbedingt aus den Augen quetschen wollten, brannten wie Feuer. Draußen sprang ihr die warme Frühlingsluft entgegen und das hartnäckige Gezwitscher der Vögel begleitete sie. Sie und ihre Tränen.
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