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Leserfragen zum Leben mit Mutismus

Machst du zur Zeit eine Therapie? Wenn ja, welche?

Nein, ich mache zur Zeit keine Therapie. Seitdem mein Therapeut gestorben ist, will und kann ich das irgendwie nicht mehr. Irgendwie ist die Traurigkeit über seinen Tod zu groß, als dass ich das könnte. Er war ein ziemlich wichtiger Mensch in meinem Leben. Ich kann mir nicht vorstellen nocheinmal jemandem so viel über mich zu erzählen und “mit mir arbeiten” zu lassen. Außerdem war er von Beginn an dabei und andere Therapeuten würden es deswegen und wie hier schon darüber geschrieben sicherlich nie so ganz verstehen. Und irgendwie würde sich das auch so anfühlen, als würde ich ihn ersetzen. Und das ist er nicht. Ersetzbar.
Ein wichtiger Grund ist allerdings auch, dass ich durch die Arbeit mit ihm jede Menge Dinge gelernt habe und denke, dass ich keine Therapie mehr brauche. Jedenfalls fällt mir nichts ein, wobei ich vorankommen möchte, was ich nicht selbst und ohne therapeutische Hilfe irgendwie meistern kann. Weil ich weiß, was ich dazu brauche und wie es funktionieren kann. Sprich er hat seine Arbeit ausgezeichnet gemacht. Weil, er war eben der Weltbeste.

Eingesperrt

Nach dem Aufnahmegespräch und nachdem Alena sich von ihrer Mutter verabschiedet hatte, wurde sie von Herr V. zur Station 3 der Kinder- und Jugenspsychiatrie begleitet. Am Dienstzimmer der Betreuer lernte sie Frau H. kennen, die sie zu ihrem Zimmer führte.
Es war ein Zweibettzimmer, ganz am Ende des hellen, durch ein Glasdach erleuchteten Ganges.
“In den nächsten Tagen kommt eine weitere Patintin in das Zimmer”, erklärte Frau H.
Das Zimmer war irgendwie komisch. Ja, komisch war das richtige Wort. Gegenüber der Tür waren große Fenster, die sich über die gesamte Breite des Zimmers erstreckten. Mit blauen, schweren Vorhängen konnte man die Fenster verdecken. Davor standen in jeder Ecke des Zimmers zwei Betten. Eins rechts, das andere links.
“Noch kannst du dir sogar eines aussuchen”, lächelte Frau H. Sie wirkte freundlich. Mit ihren blonden, lockigen Haaren.
Nach dem rechten Bett folgte ein Schreibtisch. Der Schreibtisch, der zu dem linken Bett gehörte, stand vor dem Fenster, zwischen den beiden Betten. Was zu wem gehörte, erkannte man an den Farben. Rechts war blau und links rot. Die Möbel waren aus hellem Holz. Buche wohlmöglich. Aber die Tisch- und Bettbeine waren farbig. Rot und blau eben.
Und dann gab es noch für jeden einen Schrank, die neben der Tür nebeneinander standen. Mit roten und blauen Türgriffen natürlich.

“Packst du bitte deine Sachen aus? Hier ist das so geregelt, dass die Betreuer dabei zusehen müssen, damit die Jugendlichen wissen, was sie auf den Zimmern haben dürfen und was sie abgeben müssen”, erklärte Frau H.
Ahja. Sonst ist alles klar?, dachte Alena während sie in das Zimmer starrte und schwieg. Sie rührte sich nicht.
Frau H. die etwas unbeholfen schaute, weil sie nicht wusste, wie sie Alenas Schweigen interpretieren sollte, schlug nach einer Weile vor: ” Okay, dann erkläre ich dir erstmal, wie das auf Station hier so abläuft und danach packen wir deine Sachen aus.”
Wir packen meine Sachen aus? Wo bin ich nur hier gelandet, dachte Alena und änderte ihre Körperhaltung keinen Milimeter.
“Setz’ dich doch,” bot Frau H. an während sie auf den Stuhl mit den blauen Stuhlbeinen zeigte und sich selbst den mit den grünen zurecht rückte.
Alena setzte sich. Steif und starr saß sie nun und starrte wieder in eine Ecke des Zimmers.

Frau H. erklärte anhand des Wochenplanes, den jeder Patient bekam, wie die Woche hier so abläuft. Es gab feste Termine, wie Gruppentherapien, Schwimm- und Reittherapie und einige wechselnde Therapien, wie die Einzeltherapie und Ergotherapie. Die Zeiten, an denen es die Mahlzeiten gab, standen auch auf dem Plan. Am Vormittag gingen die Jugendlichen entweder extern oder intern zur Schule oder nahmen an der Arbeitstherapie teil. Das konnte sie sich aussuchen, da sie schon einen Schulabschluss hatte.
“Ausgang hat man hier insgesamt zwei Stunden, den du nur nehmen kannst, wenn du keine Termine hast. Dazu musst du dich im Dienstzimmer in die Liste eintragen. Allerdings hast du am Anfang, weil du neu hier bist, nur 3 x 30 Minuten pro Tag. Später kannst du die zwei Stunden dann auch am Stück nehmen”, sagte Frau H.
“Ausgang. Das klingt wie Gefängnis. Gefangen. Man kann nicht einfach raus gehen, wann man will. Man ist hier gefangen. Muss um Erlaubnis fragen. Diese Gedanken schwirrten Alena durch den Kopf.
“Und dein Handy darfst du nur mit in den Ausgang nehmen. Die sind hier auf der Station verboten und werden ausgeschaltet im Dienstzimmer abgegeben.”
Prima, noch nicht mal Kontakt zu ihren wenigen Freunden. Man sah ihr dieses komische Gefühl an. Gefangen und kontrolliert zu sein. Als hätte sie etwas verbrochen oder angestellt. Als wäre sie böse. Oder kein eigener Mensch mehr. Irgendwie war sie hier völlig falsch. Sie war doch nicht so verrückt im Kopf, dass sie sich kontrollieren lassen musste. Keine Freiheit mehr. Nichts. Nicht essen, wann man will. Nicht rausgehen, wann man will. Gar nichts. Es sollte doch nur mit dem Sprechen besser werden. Deswegen war sie hier. Und weil man sich Sorgen machte, dass sie sich das Leben nahm und depressiv war. Aber doch nicht so schlimm, dass eingesperrt  werden musste! Sie war wütend.

“So und jetzt packen wir deinen Koffer aus”, sagte Frau H.
Ja, wir meinen Koffer aus. Jawohl, dachte sie. Wir packen gar nichts. Sie saß da, schwieg und rührte sich nicht. Versteinert. Völlig falsch. Am falschen Ort.

Donnerstagsgruppentherapie

Heute war Donnerstag. Und Donnerstag hätte Alena am liebsten aus der Klinikalltagswoche gelöscht. Weil Donnerstag Gruppentherapietag war. Eigentlich war die am Montag auch, aber am Montag gab’s Gespräche in der Gruppentherapie und am Donnerstag alberne Spiele oder Aufgaben, die erfüllt werden mussten. Vetrauensspiele, Kooperationsspiele und sonstige dämliche Spiele, die die Therapeuten hübsch für die Gruppentherapie fanden.
Da gab’s zum Beispiel den Gordischen Knoten, die Aufgabe, dass alle eine Wand hinaufklettern mussten, egal wie, nur alle mussten hoch und die Starken den Schwachen helfen und es gab irgendwelche Strecken, die in der Gruppe auf Getränkekisten zurück gelegt werden mussten ohne den Boden zu berühren. Spaßigerweise wurden immer mehr Kisten entfernt, sodass man sich gegenseitig “helfen” und festhalten musste. Oder auf Holzbrettern, das gab’s auch. Und die mussten dann in einer Schlange von hinten nach vorn durchgegeben werden.
Die Umsetzung musste immer erst in der Gruppe diskutiert werden. Die Therapeuten gaben nur die Aufgabe und beobachteten und analysierten wahrscheinlich.
Was diese Wörter “helfen”, “vertrauen” und “für den anderen da sein” in diesen blöden Spielen mit dem echten Leben zu tun hatte, war Alena ein großes Rätsel. Als würde man daraus irgendetwas lernen, geschweige denn dadurch therapiert werden.
Und sie erst recht nicht. Denn für sie war das nur eine Qual. Und meistens tat Alena gar nichts. Abgesehen von atmen und auf-einer-Stelle-stehen. Meistens mit verschränkten Armen. In Abwehrhaltung. Während die anderen versuchten sie zum Mitmachen zu überreden. Als würde es daran liegen, dass sie nicht wollte. Und als könnte man das mit den richtigen Argumenten ändern.
An ihrem ersten Donnerstag in der Psychiatrie hatte sie so die ganze Gruppentherapie ausfallen lassen. Die Therapeuten sagten immer, dass alle mitmachen müssen, sonst geht’s nicht weiter. Das war zwar irgendwie nett, dass niemand vergessen wurde und zusammen Ideen und Lösungen gesammelt wurden, sodass jeder individuell – sein Problem betreffend – mitmachen konnte, aber Alena konnte nicht. Sie konnte wirklich nicht! Und darum fand die Donnerstagsgruppentherapie manchmal – eigentlich ziemlich oft sogar – ohne sie statt. Ohne sie aktiv jedenfalls, denn dabei sein musste sie.

Teil II folgt…

Das erste Mal

(und hier das letzte Mal)

Alenas Mutter setzte den Blinker und bog rechts in die Straße ein. Die Straße war durch die vielen Bäume ziemlich dunkel. Fast schon düster wirkte sie. Alena kniff die Augen zusammen. Die Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, weil über den großen, dicken Bäumen die Sonne vom Himmel schien.
Dafür wirkte das Gebäude der psychiatrischen Klinik umso heller. Es war ein grelles Gelb, das da hinter den Bäumen hervor sprang.
Ihre Mutter parkte das Auto und zusammen gingen sie zur Klinikanmeldung, die in einem weißen Gebäude nebenan war. Die Frau hinter dem Tresen sagte, es dauerte noch einen Moment, sie würde auf der Station bescheid geben, dass Alena da wäre.
Warten. Gut, also warten.

Nach einer Weile kam ein großer, ein bisschen schlaksiger Mann durch die Glastür am anderen Ende des Warteraums. Er lächelte freundlich und fragte, ob sie Alena sei.
Sie nickte.
Er streckte ihr die Hand hin, die sie entgegen nahm.
„Hallo, ich bin Herr V.“, sagte er. „Der behandelnde Psychotherapeut der Station 3.“
Er schüttelte auch Alenas Mutter die Hand und bat ihm zu folgen.

Sie gingen in sein Büro.
Das Büro lag im zweiten Stock des gelben Gebäudes.
Herr V. schloss die Tür auf und bot ihnen einen Sitzplatz an. Rechts, in der Ecke seines Büros stand ein runder, heller Tisch. Drumherum vier genauso helle Stühle mit einem blaugrauen Sitzpolster.
Alena setzte sich direkt an die Tür. Das fühlte sich besser an. So hätte sie einfach wieder gehen können. Ihre Mutter rechts und Herr V. links neben ihr. Oder besser gesagt, saß er ihr schon fast gegenüber.
Hinter Herr V. war sein Schreibtisch und dahinter, da war das Fenster. Links war ein großer Bücherschrank, genauso hell, wie die anderen Möbel und rechts war auch schon die Wand. Das Büro war also nicht sehr groß.

Herr V. hatte mittlerweile das Gespräch begonnen. Er hatte sich noch einmal genau vorgestellt und sagte, dass er das Aufnahmegespräch führte.

Warum möchtest du hier eine Therapie machen, Alena?”
Pah! Wollen?! Hab’ ich denn eine andere Wahl, wenn man so, wie es ist nicht mehr klar kommt? Man will keine Therapie machen. Eine Therapie muss man nur machen wollen, damit es besser wird. Hätte ich irgendwas gewollt, dann wäre das ein anderes Leben! Und keine Therapie!
“Alena?”
Schweigen.
Ja, weil das war ja das Problem, dachte sie und schwieg.
Irgendwann antwortete ihre Mutter “weil sie nicht spricht” und dann beantwortete sie eigentlich auch die ganzen anderen Fragen, die Herr V. für die Anamnese stellte.
Das einzige, was Alena sagte war  “siebzehn”. Siebzehn, weil sie siebzehn Jahre alt war.

Der Boden war hässlich. Er stach einem, in diesem Büro, eigentlich sofort ins Auge. Viel zu dunkel und blau. Und viel zu gepunktet auch. Schlimm.
Und Herr V., der war auch irgendwie komisch. Freundlich war er, aber irgendwie war er eigenartig. Sie wusste nicht warum, aber wenn Psychologen komisch waren, dann war er eben ein Psychologe und einfach nur komisch. Von seiner Art.

Das Gespräch machte sie wütend. Ihre Mutter erzählte und erzählte. Erzählte vom Kindergarten, von der Schule und von zu Hause. Und eigentlich erzählte sie alles falsch! Jedenfalls nicht so, wie es Alena selbst erzählt hätte, weil es für sie eben ganz anders war!
Herr V, er hätte es spüren müssen, dass alles ganz falsch war!
Nein, eigentlich hätte sie alles selbst erzählen müssen! Und natürlich konnte sie mal wieder nicht sprechen. Was auch sonst?!
Der Kopf war voll mit Gedanken, nur die Worte im Mund dazu fehlten. Da war nichts! Keine drin! Wie immer eben.
Scheiße, war alles!

Das Gespräch dauerte nicht lange. Zum Schluss fragte Herr V., ob Alena sich denn eine stationäre Therapie hier  und ihn als Einzeltherapueten vorstellen könnte.
Ja, eine andere Wahl hatte sie doch nicht oder? Vielleicht würde es durch eine Therapie besser werden. Ja, vielleicht.
Also dann. Willkommen in der Klapse und hallo Herr V.

Alena nickte.

Die mündliche Abschlussprüfung

„Wie geht es dir?“ fragte Herr V. lächelnd.
Alena grinste. Sie zuckte mit den Schultern. Wie ging es ihr?
Ja. Gut. Ich glaube gut, dachte sie.
„Wie war die Prüfung?“ fragte er neugierig, immer noch lächelnd, weil er merkte, dass die Prüfung offenbar gut verlaufen war. Jedenfalls schaute sie nicht unglücklich.
„Ging so“, antwortete Alena kurz.
Er schaute fragend „ging so“?
Und dann plapperte sie los und erzählte, was alles nicht so gut war. Erzählte, dass sie sich einmal total verrechnet hatte und es nicht merkte. Noch nicht einmal als ihr Mathelehrer sie danach fragte und sagte, sie solle es mal genau an die Tafel schreiben. Nichts. Sie merkte es nicht. Eigentlich war es nicht so schlimm. Eine Zwei hatte sie insgesamt bekommen. Aber es war ärgerlich, weil es ein dummer Fehler war und die Note ansonsten besser gewesen wäre. Und sie erzählte davon, wie ihr Mathelehrer am Schluss sagte, dass er sie noch nie so viel reden gehört hatte und dass es schade wäre, dass er es jetzt zum Schluss erst hörte. Ja ärgerlich. Hätte sie die ganze Zeit im Unterricht schon gesprochen, dann wäre die Note super gewesen. Und sie erzählte auch davon, wie sie nach der Prüfung mit einem Klassenkameraden den Nachmittag verbrachte, weil es nicht lohnte die 20 Kilometer mit dem Auto nach Hause zu fahren und dann später wieder hinzufahren, weil die schriftlichen Abschlussnoten bekannt gegeben wurden. Sie hatte sich mit ihm noch nie unterhalten und deshalb erzählte sie manchmal unsinnige Dinge. Nach ihrer Meinung jedenfalls. Und dann erzählte sie Herrn V. auch noch davon, wie ihre Klassenlehrerin freudestrahlend auf sie zu kam und ihr zur bestandenen Fachhochschulreife gratulierte und sagte, wie prima sie es fand. Weil Alena doch nicht sprechen konnte und gerade die mündliche Prüfung so gut gelaufen war, mit einer Zwei. Aber Alena war so gerührt und glücklich, sodass sie sich nicht vernünftig bedanken konnte und sich irgendwas in den Bart murmelte. Und das könnte unhöflich sein und deshalb ärgerte sie sich, weil sie nicht laut und deutlich sprach und auch gar nicht genau wusste, was sie sagen sollte.
Herr V. grinste. Er grinste einfach nur. Und Alena erzählte. Erzählte, was alles falsch war und wieso und was hätte anders sein müssen. Aber Herr V. grinste weiter. Und dann stockte sie und musste plötzlich auch lächeln. Bis über beide Ohren. Weil eigentlich gar nichts falsch war. Weil sie die mündliche Prüfung – das Horrording – mit selektiven Mutismus bestanden hatte und nun rein theoretisch – praktisch nicht – studieren konnte. Daran war überhaupt nichts falsch. Und dann lächelten sie zusammen.

In der Psychiatrie

Eigentlich hätte nur noch das Nachthemd gefehlt und dann wäre jedes Klischee, was man über Menschen in einer Psychiatrie hat, erfüllt gewesen. Dann wäre Alena eine wandelnde Geistesabwesende gewesen mit Augenringen, blasser Haut, einem mageren Körper und Haaren, die ihr wild ins Gesicht fielen.
Aber das war nicht so, weil sie psychisch krank war, sondern das war so, weil eine Therapie katastrophal schwierig und kompliziert war. Vor der Therapie, da kam sie irgendwie zurecht. Es war nicht schön so, aber es funktionierte. Weil Menschen ihr Verhalten anpassen und kleine Überlebenskünstler sind, wenn sie es sein müssen.
Aber nun war alles aufgewühlt und umgegraben. In Wunden gebohrt und nichts war mehr an seinem Platz.
Innerlich, da war es schlimm. So schlimm, sodass man es äußerlich sehen konnte. Es war so, als wollte Alena diesmal nicht nur innerlich für immer einschlafen, sondern auch äußerlich. Es war einfach alles müde, auch der Körper. Da musste man auf einmal nicht mehr Essen und Schlafen, weil es dafür keine Kraft mehr gab.
Früher, da hatte es eben funktioniert, das Leben. Und nun funktionierte gar nichts mehr. Das Sprechen funktionierte sowieso nicht. Aber das Nichtsprechen nun auch nicht mehr! Und alle Gedanken, Ansichten und Weltbilder waren plötzlich anders.
Alles war furchtbar aufgewühlt. Im Wandel. Oder eben doch nicht. Jedenfalls war es nicht mehr so, wie es war. Entweder ging es vor oder es ging gar nicht mehr. Gar nicht mehr sollte es eigentlich nicht gehen und vor war furchtbar schwierig.
Und deswegen sahen die meisten Menschen nicht so aus, weil sie krank waren und in eine Psychiatrie mussten, sondern, weil sie in einer waren.

Das Leben mit einer Diagnose

Einige Monate, nachdem Alena die Therapie begann, hatte Herr V. das Wort selektiven Mutismus gesagt. Es war eigentlich gar kein Gespräch über die Diagnose, sondern er erwähnte das Wort nur im Zusammenhang mit ihrem Schweigen. Und eigentlich hatten sie auch später nie über die Diagnose gesprochen. Herr V. erklärte nie, was Mutismus war und Alena fragte auch nicht nach.
Das musste sie nicht.

Nach dieser Woche fuhr Alena am Wochenende nach Hause. Das war auf dieser Station so, dass man das Wochenende zu Hause verbrachte. Und dort durchforstete sie dann das Internet nach dem Wort Mutismus. Sie las alles, was es zu lesen gab. Sogar ein Forum gab es, wo Betroffene von ihrem Mutismus schrieben. Und bei jedem Satz dachte sie, ja, das bin ich. Alles passte genau. Jedes Wort.
Mutismus heißt das also. Mu – tis – mus. Komisches Wort.

An diesem Wochenende hatte Alena das erste Mal das Gefühl irgendwie „normal“ zu sein. Es gab einen Namen für das, was sie jahrelang schon tat, nämlich nicht sprechen können, obwohl sie es eigentlich doch konnte. Zum ersten Mal fühlte sie sich ein bisschen weniger verrückt.
Sie hatte sich die Probleme also nicht einfach nur ausgedacht und stellte sich nicht nur besonders schlimm an. Da gab’s wirklich eine Krankheit, bei der man nicht sprechen kann, obwohl man eine Stimme hat.  Alena hatte also ein echtes Problem mit Namen und sogar einem ICD-10 Schlüssel (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems). Das war eine echte, richtige Krankheit.
Unzählige Steine plumpsten Alena von der Brust. Vielleicht war sie nun ein bisschen gerettet. Mit einer Diagnose. Einem Namen. Mit selektiven Mutisms.

In Treatment, die neue Therapie-Fernsehserie

Seit Montag, den 15. Februar läuft die neue Serie “In Treatment” aus den USA auf 3Sat. Sie basiert auf einer isralischen Serie und handelt von dem Therapeut Paul Weston, der mit verschiedenen Patienten eine wöchentliche Therapiesitzung abhält. Im Original läuft jeden Wochentag eine Folge von 30 Minuten mit einem seiner Patienten.

Die Patienten

Am Montag hat Laura einen Termin. Laura ist Anästhesistin und macht bei Dr. Weston schon ein Jahr lang eine Therapie. In der ersten Folge ist Laura völlig aufgelöst von einen Streit mit ihrem Freund Andrew und erzählt von der letzten Nacht, als sie einen anderen Mann kennenlernte. Am Ende der Sitzung gesteht Laura, dass sie in Dr. Weston verliebt sei.

Am Dienstag ist Alex da, ein Kampfpilot der Navy, der für einen schlimmen Unfall verantwortlich ist. Durch einen Fehler bombadierte er das falsche Ziel und tötete dadurch unschuldige Kinder. Alex sucht Dr. Weston auf, da er eigentlich nur einen Rat möchte. Er plant zum Unfallort zu reisen. Schnell wird jedoch deutlich, dass Alex mehr als nur einen Rat braucht.

Am Mittwoch hatte Sophie ihren ersten Termin. Sophie ist eine erfolgreiche, junge Turnerin, die einen schweren Verkehrunfall überlebte. Eine Sozialarbeiterin vermutete allerdings, dass Sophie den Unfall absichtlich verursachte habe und suizidale Gedanken hat. Sophie kommt zu Dr. Weston, damit er diese Anschuldigungen als erfahrener Psychologe widerlegen kann.

Am Donnerstag hat Dr. Weston einen Termin mit dem Ehepaar Amy und Jack. Das Paar versuchte jahrelang ein zweites Kind zu bekommen, hatte Fruchtbarkeitsbehandlungen hinter sich, die jedoch erfolglos blieben bis Amy plötzlich doch schwanger wurde. Nun überlegt sie allerdings die Schwangerschaft abzubrechen. Generell merkt man schnell, dass in der Ehe noch weitere Probleme bestehen und das Vertrauen zerstört ist.

Am Freitag besucht Paul Weston seine Supervisorin Gina um über die vergangene Woche zu sprechen, was zunächst schwierig erscheint. Paul hat die Supervison vor acht Jahren, als sein guter Freund und Ehemann von Gina plötzlich verstarb, abgebrochen. Unerwartet ruft er Gina jedoch wieder an, weswegen die Stimmung gereizt ist.

Eine Serie mit Niveau

Bisher habe ich eine komplette Woche der Serie gesehen und Lauras zweiten Besuch. In Deutschland werden leider zwei Folgen pro Tag ausgestrahlt, sodass das Gefühl einer wöchentlichen Sitzung, wie in den USA nicht aufkommen kann. Das finde ich ein bisschen schade.

An sich gefällt mir die Idee einer Serie mit verschiedenen Therapiesitzungen und wiederkehrenden Patienten sehr gut. Die Serie ist niveauvoll und kein Vergleich zu Pseudo-Reality-Shows aus dem deutschen Fernsehen. Sie spielt ohne viel Aufwand und Action im Arbeitszimmer von Paul beziehungsweise Gina. Die ganze Serie besteht eigentlich nur aus den Gesprächen der Akteure.
Die Gespräche finde ich sehr anspruchsvoll. Teilweise ist es vielleicht auch ein wenig schwierig den Gesprächen zu folgen, da man sich schon konzentrieren muss und es keine Serie für “nebenbei” ist. Es wird deutlich, dass die Patienten verborgene Konflikte haben, die in einer Therapie ans Licht kommen. Ich glaube Dr. Weston macht seine Arbeit als Therapeut gut.

Nur einen Punkt sehe ich bisher kritisch. Da ich selbst langjährige Therapieerfahrungen habe, finde ich die einzelnen Sitzungen etwas zu dramatisch. Bisher wurde in jeder Folge geschimpft, geschrien und die Patienten wollten oder haben den Raum vorzeitig verlassen. Sicherlich kann eine Therapie dramatisch, anstrengend und manchmal weniger schön sein, jedoch hatte ich auch oft einfach ganz “normale” Gespräche, bei denen eigentlich nicht viel passierte. Klar ist, dass das im Fernsehen etwas anders, schneller und dramatischer sein muss, aber ich denke dies ist für mich ein Minuspunkt für die Serie.
Etwas merkwürdig fand ich auch den Termin bei Gina, der Supervisorin. Dort hat mir die Professionalität gefehlt. Ich kenne mich zwar auf dem Gebiet nicht aus, aber ich glaube doch, dass Supervisoren eigentlich Außenstehende sind. Paul und Gina kennen sich jedoch privat.

Generell finde die Idee aber, wie schon gesagt, sehr gut. Es ist ein neues, niveauvolles Thema, was, wie ich finde, gute Einblicke in den ungefähren Ablauf einer Therapie geben kann.
Ich werde “In Treatment”, denke ich, weiterschauen.

Der Blog zur Serie.

Das letzte Mal

Freitag, 16 Uhr und Alena stand vor der Tür zur Station 3 der psychiatrischen Klinik. Sie stand unter dem Vordach, die Tasche hatte sie auf die Bank gestellt. Und dort wartete sie. Es war Anfang Juni. Für Juni war es zu kalt und grau. Sie wartete und überlegte, wie auf der Zugfahrt, weiter, was heute Thema der Therapie sein sollte.
Um 16.10 Uhr sah sie eine Gestalt vom Anmeldungsgebäude herüber gehen. Das war Herr V. Sie erkannte seinen Gang schon von Weitem. Um 16.10 Uhr, obwohl sie den Termin eigentlich schon um 16 Uhr hatte. Das war aber immer so. Herr V. kam immer zehn Minuten zu spät. Danach konnte man die Uhr stellen. Aber es war nicht schlimm, denn er hing immer einige Minuten dran und meist sogar mehr als zehn.

„Hallo Alena“, lächelte er und gab ihr die Hand.
„Hallo“, sie grinste zurück.
Herr V. schloss die Tür auf und ging die Treppe hinauf zu seinem Büro.
Alena folgte ihm.

„Wie geht es dir?“
„Geht so“, antwortete sie.
„Und von einer Skala von eins bis zehn, wobei eins sehr schlecht und zehn sehr gut ist?“, fragte er.
Alena schaute ihn schief an. Sie mochte das nicht. Weil man seine Gefühle nicht einfach in Zahlen einordnen konnte und heute hatte sie einfach keine Lust auf dieses Spielchen. Einmal hatte sie geantwortet, dass nur Männer etwas in Zahlen einordnen würden und Herr V. hatte gelacht. Sie mochte seinen Humor und es machte Spaß mit ihm zu witzeln. Aber heute nicht und das merkte er. Er fragte nicht mehr weiter.

Alena erzählte von den letzten zwei Wochen, vom Studium und vom Alltag. Und irgendwann erzählte sie davon, wie elend schwierig alles war und davon, dass zwar alles irgendwie funktionierte, aber dennoch immer so viel Anstrengung kostete.
„Das ist zum Kotzen! Das ist fast jeden Tag eine Quälerei. Alles was für andere völlig normal erscheint ist eine Quälerei!“, erklärte Alena.
„Welche Situationen meinst du denn genau?“
„Alles!
Angst, dass man in den Übungen angesprochen wird, vor den praktischen sowieso, weil man keinen Partner finden könnte, obwohl das Blödsinn ist, da es zahlenmäßig extra so aufgeteilt wurde. Dass man etwas falsch macht und man jemanden fragen muss oder gar nicht weiß, wie es geht und und und. Vor allem ist der Professor ein Idiot.
Ach, und man muss so schrecklich viel organisieren. Generell.
Und eine Kommilitonin fragt oft, ob ich Lust habe abends etwas zu unternehmen. Hab’ ich nicht, aber es ist mir zu dumm jedes Mal Ausreden zu überlegen. Der Alltag und die Menschen sind so anstrengend, dass ich abends schlafen muss, damit das Sprechen am nächsten Tag wieder funktioniert. Aber wer versteht das schon? Andere unternehmen gern etwas. Als Entspannung. Ich hab’ da keine Entspannung.
Hab’ ich was vergessen? Ach, und zu Hause natürlich. Das ist auch schwierig.“
“Aber du machst alles?”
“Ja. Aber es ist schwierig!”

Herr V. merkte, dass er dazu nicht viel sagen konnte, denn Alena hatte die besseren Argumente. Weil es eben einfach schwierig war. Tatsache.
Auf den Versuch Lösungen zu finden, ging sie nicht ein. Sie wollte keine Lösungen, weil es keine mehr gab, die sie nicht schon kannte und die leicht waren.
„Okay, man muss nicht immer Lösungen finden…“, entgegnete er.

„Ich möchte einen Zauberer. Das wäre eine gute Lösung. Einen Zauberer, der alles ein bisschen leichter und weniger schwierig zaubern könnte. Das wäre wirklich schön. Ein Zauberer…“
Und Tränen liefen die Wangen hinunter.

Er schaute komisch. Komisch, weil er so noch nie geschaut hatte. Irgendwie so voller Leid. Mitleid. Aber nicht bemitleidend sondern so, als würde er es gerade mehr als alles andere verstehen und auch fühlen. Komisch war das. Als berührte es ihn zutiefst. Als berührte Alena ihn zutiefst. Irgendwie hatte er ein schmerzverzehrtes Gesicht und seine Stimme war sehr leise.

„Hast du schon mal darüber nachgedacht, Medikamente zu nehmen?“, fragte er nach einer langen Weile.
Hm?! Sie funkelte ihn böse an.
Sie schwieg. Wut stieg in ihren Bauch.
Und das war eine Lösung? Tabletten nehmen? Darüber hatten sie doch schon einmal geredet. Vor einigen Jahren und das endete auch nur in Wut, weil sie keine kleinen Pillchen nehmen wollte. Weil damit auch nichts besser werden konnte. Das war einfach nur die einfachste Lösung. Tabletten schlucken, wie ein Psycho. Das ging all die Jahre ohne und deshalb wollte sie auch jetzt keine Medikamente haben. Alena hatte die Depressionen besiegt und hatte aufgehört sich selbst zu verletzen. Das war alles viel schlimmer gewesen, als jetzt. Deswegen nimmt man jetzt auch keine Tabletten! Irgendwie wäre das ein Zeichen von Schwäche gewesen.
Sie war wütend, weil Herr V. diesen Vorschlag machte und wütend, weil er es sich leicht machte. Es sollte leicht sein, aber nicht so.
Außerdem hatte Alena Angst davor, mit Medikamenten nicht mehr echt zu sein. Zugedröhnt und beeinflusst. Oder ausgeschaltet und anders. Nein, keine Medikamente!

Sie war so wütend, dass sie nicht sprechen konnte, weil sie sich kontrollieren musste. Sonst hätte sie geschimpft und geschrien und das ging nicht.
Herr V. redete weiter, fragte warum, was sie dachte, dass sie die Wut heraus lassen sollte. Und dass Alena mal wieder nicht sprechen konnte, machte sie nur noch wütender.
Sie hatte keine Lust mehr, wollte nach Hause. Sie sprang auf und nahm ihre Tasche.
„Geh’ bitte nicht…“, sagte er und da stand sie, an der Tür und schaute ihm in die Augen.
Nein, eigentlich konnte sie auch gar nicht gehen. Das war schon immer so gewesen, dass sie bei einem Streit oder Unstimmigkeiten nicht einfach gehen konnte. Erst, wenn es wieder gut oder besser war, weil man sich in Frieden verabschieden sollte. Und deshalb blieb sie bis zum Schluss. Sie setzte sie wieder.

Herr V. fragte am Ende der Stunde, wann sie den gern wieder kommen würde. Alena zuckte mit den Schultern.
„Ich glaube es ist besser, wenn du ziemlich bald wieder kommst.“
Sie nickte und sah ihm zu, wie er in seinem Terminkalender blätterte.
„Freitag in zwei Wochen, ist das okay?“
Sie nickte wieder.
Er schrieb den Termin auf einen Zettel.
Und sie ging. Sie schaute beim Türschließen nicht noch mal zurück, nicht wie sonst immer. Da schenkte sie ihm immer ein Lächeln zum Abschied.
Heute nicht. Alena war müde. Bis in zwei Wochen.

Cut.

Am Sonntag schrieb Alena ihm eine e-Mail. Sie schrieb all ihre Gedanken auf, die sie am Freitag nicht sagen konnte. Warum sie wütend war und warum sie keine Medikamente nehmen wollte.
Die e-Mail Adresse hatte Herr V. ihr erst vor kurzem gegeben. Damit sie ihm schreiben konnte, wenn das Anrufen mal nicht funktionierte, hatte er gesagt. Das war nett und deshalb schrieb sie.
Und danach malte Alena einen Zauberer. Einen Zauberer, der das Leben leicht zauberte. Einfach so.

Zauberer © mutismusblog.de

Zauberer © mutismusblog.de

In der nächsten Nacht schlief sie furchtbar. So schlecht hatte sie sicherlich noch nie geschlafen. Es war so, als wäre sie die ganze Nacht wach gewesen. Und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie sich beim Schlafen selbst sehen konnte. Dass sie überall war und durch die Welt wanderte. Furchtbar komisch war das.

Cut.

Es war Freitag. Schon dreimal hatte die unbekannte Nummer angerufen. Alena ging nicht ran. Sie mochte es nicht, wenn sie nicht wusste, wer anrief.
Aber das war nun der vierte Anruf. Irgendwie schien es dann doch wichtig zu sein.
Beim nächsten Mal, gehe ich ran, dachte sie und hoffte insgeheim, dass der Unbekannte nicht noch einmal anrufen würde.
Aber da klingelte es wieder.
„Ja?“
„Alena, hallo. Ich bin’s Frau G.“
„Oh, hallo“ und ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Frau G., ihre Lieblingsbetreuerin aus der psychiatrischen Klinik, mit der sie immer noch ab und an Kontakt hatte. Sie hatte schon lange nicht mehr angerufen.
„Alena? Bist du allein?“
Hm? Wieso fragte sie, ob ich allein sei?
„Ja, bin ich. Ich bin in meiner Wohnung.“
„Hm. Sitzt du?“ Ihre Stimme zitterte.
Häh? Wieso sollte Alena sitzen? Sie konnte auch im Stehen telefonieren. Oder ist etwas passiert? Wie im Fernsehen. Da sieht man das manchmal, dass Menschen fragen, ob man sitzt. Musste sie den Therapietermin nächste Woche absagen? Ist Herr V. im Krankenhaus, wie schon einmal? Und da hatte sich Frau G. mit Alena getroffen. War das so?
„Ja.“
„Herr V….
Herr V. ist am Sonntag, in der Nacht, gestorben…“, flüsterte Frau G. leise und man hörte, wie sie mit den Tränen kämpfte.

Zittern. Am ganzen Leib Zittern.
Das Herz, das donnerte  bumm, bumm, bumm und übertönte das Schweigen.
Das Blut schoss in den Kopf.
Und die Tränen und der Nebel um die Augen.
Filmriss.

Die Welt, die ging heute für immer kaputt.

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