Marie kramte die Stifte aus der Stiftebox und verteilte sie auf dem Tisch. Sie holte sich noch zwei leere Blatt Papier und kletterte auf den Stuhl.
Sie war wütend. Sehr wütend. Alle anderen Kinder ihrer Gruppe spielten gerade draußen und sie musste drin bleiben. Sie konnte das Geschrei durch die geöffneten Fenster hören. Sonnenstrahlen wärmten ihren Rücken. Frau Weitzel saß an ihrem Schreibtisch und spähte ab und an durch die Bürotür zu Marie. Das war Maries Bestrafung. Und alles nur, weil Johanna und Annika sagten, dass sie es gewesen sei, die die Schüssel mit dem Obstsalat in der Küche herunter geworfen hätte. Aber das stimme gar nicht. Sie kam nur zufällig an der Küche vorbei, als sie den Lärm von klirrendem Geschirr in der Küche hörte. Und da lag er dann zwischen Scherben, der ganze Obstsalat, den es am Nachmittag geben sollte. Annika und Johanna rannten wild aus der Küche und als Frau Weitzel vom Lärm aufgeschreckt wurde und nachschaute, stand da nur Marie. Sie fragte, was das solle und plötzlich kamen Johanna und Annika wieder zur Tür herein. Sie behaupteten gesehen zu haben, wie Marie unerlaubterweise in die Küche schlich. Es gab Diskussionen und Tränen, denn Frau Weitzel merkte, dass Johanna und Annika etwas verheimlichen wollten. Und da es niemand zugab, mussten alle drei heute Nachmittag drin bleiben.
Über das Papier gebeugt, malte Marie zwei Mädchen. Das eine bekam rote und das andere blonde Haare. Es sollten Johanna und Annika sein. Marie malte viele kleine Bilder. Es sah aus als würde sie mit den großen Stiften eine Bildergeschichte malen. Die strubbeligen Locken fielen ihr in das Gesicht.
In Gedanken schimpften sie vor sich hin. Am liebsten hätte sie geschrien, dass Johanna und Annika lügen. Dass sie gar nicht in der Küche war, sondern nur den Lärm gehört hatte und nachschaute. Aber sie tat es nichts. Sie tat gar nichts.
Marie wünschte sich schreiben zu können. Dann hätte sie das alles aufschreiben können. Dann hätte sie der Erzieherin schreiben können, dass sie es gar nicht war. Irgendwie fand sie die Buchstaben magisch. Wie toll es wohl sein muss, wenn man Buchstaben auf Papier malen kann und andere verstehen, was man sagen will ohne zu sprechen. Dann hätte sie jetzt keine Bildchen malen müssen, die niemand verstand, sondern hätte geschrieben. Sie wollte schreiben lernen. Sie konnte es kaum erwarten in die Schule zu gehen und zu lernen, wie man das, was im Kopf ist, aufschreibt. Sie beneidete die großen Mädchen. Darum, dass sie die vielen schönen, bunten Büchern mit dem Schloss und dem passenden Schlüssel dazu kaufen und hinein schreiben konnten. Ihre Mutter erklärte ihr einmal im Geschäft, dass dies Tagebücher seien, als Marie fragte, warum das Buch einen Schlüssel hat. Ein Tagebuch, sowas wollte sie auch haben.
Jedoch war Marie erst fünf und ging noch in den Kindergarten. Sie konnte nur ihren Namen schreiben. Und bis sie richtig schreiben konnte, würde es noch ewig dauern. Zu lang. Aber sie schwor sich, dass sie es aufschreiben würde, sobald sie schreiben kann. Und dann würde jeder wissen, dass sie die Schüssel in der Küche nicht herunter geworfen hatte. Und damit sie es nicht vergaß und sich erinnern konnte, malte Marie eben die Bildchen. Ja, sie würde schreiben lernen.
Schreiben
Die Matheklausur
Säuberlich versuchte der Mathelehrer eine Tabelle mit geraden Linien an die Tafel zu zeichnen, in die er die Noten kritzelte. Der Notenspiegel. Er begann bei der schlechtesten Note. Es gab zwei Fünfen, Vierer und Dreier gab es am meisten, eine Zwei und eine Eins. Ein Raunen ging durch die Klasse, als der Mathelehrer die Kreide zurück in den Kreidekasten an der Tafel legte.
Er begann mit dem Austeilen der korrigierten Klausuren und lief dabei kreuz und quer durch die Klasse. Je mehr verteilt wurden, desto lauter wurden die Schüler.
Kevin konnte Schimpfen und Kommentare zu den einzelnen Aufgaben aus dem Stimmengwirr wahrnehmen. Einige schienen erleichtert, andere enttäuscht zu sein.
Dann kam der Mathelehrer zu ihm, legte die Klausur auf den Tisch und sagte mit einem Grinsen: „Sehr gut. Nur Sie müssen an Ihrer mündlichen Mitarbeit arbeiten“ und ging zum nächsten Tisch.
Kevin schaute auf das Aufgabenblatt. Rechts oben in der Ecke stand die Note. Eine Eins. Eine schöne, glatte, mit rotem Stift geschriebene Eins sprang ihm entgegen. Es war die einzige Eins.
„Nicht schon wieder“, dachte er und setzte ein kurzes, schiefes Lächeln auf.
Klar war eine Eins gut. Und Kevin konnte auch stolz auf seine Leistung sein, doch richtig zufrieden war er damit nicht.
„Bringt mir sowieso nichts“, dachte er und stopfte die Klausur ohne sie genauer anzuschauen in seinen Block.
Das mit der mündlichen Mitarbeit, das geht eben einfach nicht. Es geht nicht. Alles ist an Kevin festgefroren. Die Hand, die man zum Melden braucht, lässt sich nicht in die Höhe strecken und die Lippen sind auch zusammen gefroren. Sogar die Stimmbänder in der Kehle sind es. Deswegen geht das nicht.
„Und was bringt schon eine Eins, wenn man mündlich eine Sechs hat“, überlegte Kevin. Gar nichts. Also sind Einsen überflüssig. Sie enttäuschen nur noch viel mehr, weil man daran erinnert wird, dass man niemals eine Eins auf dem Zeugnis haben kann. „Also will ich gar keine haben“, schwirrte in seinem Kopf umher. „Das zeigt mir nur immer wieder welch’ ein Versager ich bin.“
Nachdem der Mathelehrer alle Noten verteilt hatte, wurden die Aufgaben der Klausur besprochen.
„Hoffentlich ist die Stunde bald vorbei!“, dachte Kevin und versank weiter in Gedanken.
Das Referat
„Die Arteria femoralis – das ist die Oberschenkelarterie – ist für die Blutversorgung des Beins zuständig. Von ihr aus geht die Arteria profunda femoris ab, die die Muskulatur des Oberschenkels versorgt“, erklärte eine ihrer Mitschülerinnen der Klasse.
„Gleich. Gleich bin ich dran“, schwirrte Alena im Kopf herum. Ihr Herz begann nun mit jedem weiteren Wort der Klassenkameradin noch schneller zu pochen, als es das sowieso schon tat. Und eigentlich hatte ihr Herz zu Beginn der Unterrichtsstunde, vor einer halben Stunde, schon so schnell geschlagen, sodass man glaubte noch schneller kann das gar nicht gehen. Und heute morgen auch. Da war sie so aufgeregt und konnte um vier Uhr schon nicht mehr schlafen und auch keinen einzigen Bissen essen. Auf dem Weg zur Schule schmerzten ihre Fingerknochen so sehr, sodass sie die Finger am liebsten abgenommen und beiseite gelegt hätte. Das war immer so, wenn sie Angst hatte. Und das erste Mal übel wurde ihr schon, als die Lehrerin vor drei Wochen die Referate ankündigte und die Themen verteilte. Aber gut. So war es eben.
Ahh, nein. Sie ging. Sie ging. Sie war fertig mit ihrem Referat. Nun pochte das Blut sogar in Alenas Kopf. Sie konnte es an den Schläfen ganz deutlich spüren. “Alena, nun sind Sie mit dem Unterschenkel an der Reihe”, sagte die Lehrerin, nachdem sie auf ihre Liste schaute und den Oberschenkel abhakte.
Du musst jetzt die Zettel nehmen. Deinen Text und deine Karteikarten mit den Stichpunkten. Und das Bild von Schien- und Wadenbein.
All das hatte sie zuvor schon ordentlich auf ihren Tisch gelegt.
Nehmen. Nimm’ es! Beweg’ die Hand und nimm’ die verdammten Zettel.
Und dann musst du dich bewegen. Du musst mit dem Stuhl zurück rücken und aufstehen.
Alles ganz einfach, ist das.
Los, nun mach’ das endlich. Los, verdammt.
“Alena?”, ertönte die Stimme der Lehrerin und durchbrach die Stille. “Möchten Sie vortragen?”
Ja. Nein, eigentlich nicht. Wenn ich eine Wahl hätte. Aber hab’ ich nicht. Also ja, ja verdammt.
Steh’ doch verdammt nochmal endlich auf!
Die anderen, die gucken schon. Und denken bestimmt, ich spinn’. Gut, denken sie sowieso schon, aber nein, nicht jetzt schon wieder.
Nimm’ die Zettel und steh’ nun auf.
“Alena?”, sagte die Lehrerin wieder. “Ich habe nach dieser Stunde einen wichtigen Termin und kann nicht länger warten. Wollen Sie vortragen?”.
Festgefroren.
Stille. Und in mir ein tobender Kampf um alles. Um Leben und Tod.
“Okay. Dann ist es Hausaufgabe den Aufbau des Unterschenkels herauszuarbeiten.”
Schimpfen und das Packen der Taschen erfüllten den Klassenraum mit Geräuschen. Auch Alena packte ihre Sachen zusammen.
Schnell diese scheiß Zettel weg! Die will ich nicht mehr sehen!
Sie zog ihre schwarze Jacke an, nahm die Tasche und verließ das Klassenzimmer. Schwarz, ja, alles war schwarz.
Schnell stolperte sie die Treppe hinunter um raus, raus an die Luft zu gelangen. Die versteckten Tränen, die sich unbedingt aus den Augen quetschen wollten, brannten wie Feuer. Draußen sprang ihr die warme Frühlingsluft entgegen und das hartnäckige Gezwitscher der Vögel begleitete sie. Sie und ihre Tränen.
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