Ich glaube, eigentlich habe ich gar keinen selektiven Mutismus mehr. Weil wenn selektiver Mutismus heißt, dass man selektiv schweigt, dann ist er weg. Denn ich schweige nicht mehr selektiv. Natürlich bin ich bei fremden Menschen kein Plappermaul und schweige, weil ich nicht erzählen kann. Weil ich nichts weiß oder alle anderen schon erzählen, es mir zu laut, zu fremd und zu unwohl ist. Aber ich schweige nicht mehr, wenn ich gefragt werde. So wie früher. Und ich meide auch nicht mehr so viele Stituation, in denen man sprechen muss oder theoretisch sprechen können müsste. Und ich bin auch nicht mehr so blockiert. Oder so steif, starr und außenrum tot, wenn andere Menschen dabei sind, sodass ich – wie früher – kein einziges Wort aus der Kehle bekomme, nicht mehr weiß, wie man Worte formt und auch der Kopf völlig wortlos ist. Wenn nur das Mutismus ist, dann habe ich keinen mehr.
Vielleicht habe ich “nur noch” eine soziale Phobie. Eben nur noch Angst und Unwohlsein vor und mit Menschen. Aber Selbstdiagnosen mag ich nicht. Und mein Therapeut ist tot und einen neuen will ich nie mehr haben. Also weiß ich nicht, was ich denn noch habe und was nicht mehr. Aber eigentlich ist es auch egal. Egal, wie’s heißt, ich fühl mich trotzdem so, wie ich es immer tat und hier immer schreibe und deswegen schreibe ich weiter. Ob ohne oder mit Mutismus. Und auch wenn ich nicht mehr schweige, mutismuslos bin, schweigsam bin ich trotzdem.
Mutismuslos
Zeugniszahlen
Vor ein paar Tagen hab’ ich meine Mappe mit den Zeugnissen aus der Schule durchgeblättert, weil ich eine Kopie des Abschlusszeugnisses für die Zulassung zum Master-Studium brauchte. Und der Mutismus lässt sich eigentlich in der gesamten Mappe finden. In der Grundschule hieß es in Worten ausgedrückt “Sab sollte sich um eine aktive Teilnahme am Unterricht bemühen” und später eben in Zahlen. Sport war eigentlich am schlimmsten, weil man dort nichts durch schriftliche Noten ausgleichen und ich mich nicht bewegen konnte. Mag komisch klingen, aber bei vielen fremden Menschen bin ich steif und regungslos, was im Sportunterricht blöd war. Und in den anderen Fächern konnte ich eben die mündlichen Noten durch schriftliche ausgleichen, sodass ich im Mittel eine durchschnittliche Schülerin war. Aber jedes Mal, wenn ich diese blöden Zahlen anschaue, fällt mir wieder ein, wie man sich das Leben mit selektivem Mutismus verbauen kann. Anstelle der schriftlichen 1 in Mathe und Deutsch stehen dort 2en und 3en und am schlimmsten ist es in den Fächern, in denen es keine Klassenarbeiten gab. Oder nur eine und mündlich mehr zählte. Geschichte, Biologie, Chemie, Erdkunde und so weiter. Da gab’ es 4en und manchmal Mitleids-3en, weil ich mündliche Noten von 5 bis 6 hatte.
Im Nachhinein verstehe ich nicht, wieso die Lehrer nicht aktiv wurden und beobachteten und fragten. Niemand versaut sich doch sein Zeugnis mit Absicht, weil er im Unterricht nicht spricht. Sondern schweigt. Sogar manchmal wenn er aufgerufen wird.
Es macht mich wütend. Die ganzen blöden Zahlen machen mich wütend. Wissen und Können in blöden Zahlen ausgedrückt nach denen sich alle Welt richtet. Ich hatte wahnsinniges Glück, dass ich mit diesen elenden Zahlen studieren konnte (Losverfahren) und im Nachhinein bin ich gut. Zum ersten Mal bin ich richtig gut, weil es keine mündliche Noten gibt und die mündlichen Leistungsnachweise krieg’ ich alle irgendwie hin. Zahlen in der Schule sagen also überhaupt nichts aus. Überflüssig. Blödsinn. Und irgendwie unfair. Denn würden sie das tun, würde ich keinen Bachelor-Abschluss – vorraussichtlich in sehr gut – schaffen, da die Zahlen in der Schule schlecht waren.
Kinderfoto
Der Vater, der auf der Mutismus-Tagung 2011 die Geschichte seiner Tochter vorstellte, hatte viele Fotos von ihr in die Präsentation mit eingebaut. “Mutistische Fotos” und nichtmutistische. Deswegen bin ich auf die Idee gekommen Kinderfotos von mir zu druchstöbern nach Fotos, auf denen ich “mutistisch aussehe”. Sprich starr, nicht sprechend, die Lippen geschlossen, keinen Ausdruck und irgendwie verkrampft. Leider gibt es davon nicht sehr viele, weil die meisten Kinderfotos zu Hause und durch meine Eltern entstanden sind, wo ich ganz normal gesprochen habe. Eins hab’ ich aber gefunden. Ich kann mich sogar daran erinnern, dass dort ein Kind im Kindergarten Geburtstag hatte und es Wackelpudding in Form von Marienkäfern gab und alle Kinder an einem langen Tisch saßen…
Nach der Schule
Marie stellte ihre Schultasche in die Ecke und deckte den Tisch mit Tellern, wie ihre Mutter sagte. Ihre ältere Schwester tat es ihr mit dem Besteck gleich, während ihre Mutter die heißen Töpfe aus der Küche brachte.
Gemeinsam saßen sie am Tisch und aßen das Mittagessen.
Während Marie’s Schwester auf die Frage, wie es in der Schule war nur kurz und gelangweilt mit einem Gut antwortete, erzählte Marie, wie der Matheunterricht und der Deutschunterricht war. Sie erzählte die Geschichte, wie sich ein Klassenkamerad verrechnete, aber fest der Überzeugung war, dass es stimmte und sich davon nicht abbringen lassen wollte und gab eine kurze Inhaltsangabe der Gesichte, die sie heute in Deutsch gelesen hatten, weil sie sie besonders mochte. Dann erzählte sie, wie voll der Schulbus war und dass beinahe nicht alle Schüler hinein gepasst hätten. Und nachdem sie das erzählt hatte, erzählte sie von den Hausaufgaben und dass, sie die schnell schaffen würde, denn sie wüsste schon, wie es geht.
Eigentlich plapperte Marie sogar. Wie ein Wasserfall kamen die Worte sortiert und laut und deutlich aus ihrem Mund geschossen. Würden das die Lehrer hören, würde sie nicht glauben, dass es Marie war. Denn in der Schule, da hatte sie selektiven Mutismus und sprach kein Wort. Und dass sie nicht sprach, davon erzählte Marie nichts. Wie sie manchmal im Schulbus von den älteren Jungs geärgert wurde, weil sie sich nicht wehrte und nicht sprach. Und wie sie manchmal in Deutsch Geschichten vorlesen sollte, aber dann kein einziges Wort aus dem Mund kam, erzählte sie auch nicht. Und wie sie sehr viele Ergebnisse in Mathe wusste, die Hand zum Sprechen aber nicht heben konnte, verschwieg sie auch. Weil sie so nicht sein wollte. Weil das nicht das kleine, blonde plappernde Mädchen am Küchentisch war. Das war jemand anders.
Zu groß
Manchmal finde ich mich zu groß. Mit einem Meter und siebzig bin ich nicht gerade riesig, sodass ich kleiner sein müsste. Aber für selektiven Mutismus eben doch manchmal zu groß. Es wäre mir lieber, ich wäre ein bisschen kleiner. Besonders dann, wenn ich nicht sprechen kann. Ich finde bei großen Menschen ist es noch blöder, wenn sie nicht sprechen, weil man große Menschen definitiv nicht so gut übersehen kann, auch wenn sie stumm sind. Kleine, stumme und zierliche Menschen kann man irgendwie besser übersehen und deswegen wäre ich manchmal gern ein bisschen kleiner. Denn, wenn ich nicht sprechen kann, wäre ich am liebsten gar nicht da. Und bei großen Menschen ist es schwer nicht da zu sein, wenn man eigentlich doch da ist.
Ich bin zu groß, zu dick, zu auffällig. Für selektiven Mutismus bin ich zu viel Person.
Du bist verrückt!
Deutschunterricht. Frau K. unterrichtete heute.
Eigentlich war Frau K. für Timo, einen Mitschüler von Kevin da, der im Rollstuhl saß. Timo hatte eine leichte Lernschwäche und deshalb betreute ihn Frau K. einige Stunden in der Woche.
Frau K. arbeitete noch an einer anderen Schule, denn sie war eigentlich Lehrerin an einer Sonderschule. Aber heute übernahm sie als Krankheitsvertretung den Deutschunterricht.
Das Thema war Eduard Mörike. Eigentlich nahmen sie im Deutschunterricht gerade etwas anderes durch, aber Frau K. war der Meinung, dass es nicht schaden könnte etwas über bekannte deutsche Lyriker zu wissen.
Sie teilte verschiedene Arbeitsblätter aus. Einen Steckbrief und verschiedene Blätter mit seinen Werken, die vorgelesen werden sollten.
Wahrscheinlich war Eduard Mörike und vorlesen das einzige, was sie für heute vorbereitet hatte, dachte Kevin während eine Mitschülerin den Steckbrief laut vorlas.
Nach dem Steckbrief wurden “Er ist’s” und “Septembermorgen” vorgelesen und dann ein Auszug aus “Idylle vom Bodensee”.
Plötzlich sagte Frau K.: “Kevin, liest du bitte weiter!”
Nicht auch das noch, dachte Kevin.
Normalerweise hatte er Glück. Er wurde selten dran genommen. Vorallem von Frau F., die sonst Deutsch unterrichtete. Vielleicht, weil sie wusste, dass Kevin nicht sprach und ihn nicht quälen wollte. Aber Frau K. wusste es auch. Sie nahm ihn trotzdem dran. Vielleicht weil sie der Meinung war, dass man in der Schule sprechen muss. Muss man ja eigentlich auch, aber in diesen Momenten war es Kevin gleichgültig, was am Ende des Schuljahres mit den Noten passierte, wenn er mündlich nicht mitarbeitete.
“Kevin, du bist dran mit lesen”, sagte sie diesmal etwas energischer.
Kevin saß starr auf seinem Platz und schaute mit gesenktem Kopf auf das Blatt mit den vielen Buchstaben. Sein Mund war geschlossen. Nur sein Brustkorb hebte und senkte sich leicht, wenn er ein und ausatmete.
Irgendwann, dann gaben die Lehrer auf. Weil sie konnten ja nicht ewig warten, bis Kevin endlich sprach. Und eigentlich war es auch Zeitverschwendung gewesen, denn wenn Kevin am Anfang nicht sprach, dann sprach er auch nicht, wenn gewartet wurde. Denn dann war es nur viel schwieriger aus dem Schweigen auszubrechen.
“Kevin, wir warten!”, sagte sie wieder und schien sichtlich verärgert und verständislos, warum er denn nicht vorlesen konnte.
Kevin wusste nicht, warum es diesmal nicht funktionierte. Eigentlich konnte er vorlesen. Jedenfalls war vorlesen viel leichter als frei sprechen, weil jedes Wort schon vorgeschrieben dort auf dem Blatt Papier stand. Aber irgendwie funktionierte es diesmal nicht. Vielleicht weil die Worte bei diesem Text so komisch waren? So altmodisch und Worte, bei denen man sich schnell verlesen konnte. Er wusste es nicht…
Und mittlerweile war so viel Zeit verstrichen, in der er schon schwieg, sodass das Sprechen nun ganz automatisch nicht mehr funktionierte.
“Kevin?!”
Stille und noch nicht mal ein Zucken.
“Du bist verrückt! Ich verstehe nicht, wie man sich nur so weigern kann vorzulesen. So ruinierst du dir doch nur deine mündlichen Noten!”, sagte Frau K. plötzlich verärgert.
“Versteht ihr das?”, fragte sie an die Klasse gerichtet ohne eine Antwort zu erwarten.
“Ich habe Sonderpädagogik studiert, aber sowas habe ich noch nie erlebt. Das gibt’s nicht…”
“Annika, liest du bitte weiter”, sagte sie nach einer Weile und Annika begann zu lesen.
Noch immer schaute Kevin auf den Text und rührte sich nicht. Er presste die Lippen fest aufeinander. Seine Gedanken waren voller Wut.
Wie konnte diese blöde Kuh so etwas sagen?
Verrückt.
Sonderpädagogik studiert. Wo denn?
Den Abschluss im Lotto gewonnen?
Wenn sie doch Sonderpädagodik studiert hatte, hätte sie doch von selektiven Mutismus wissen können! Oder sie hätte sich zumindest für verhaltensauffällige Schüler interessieren und recherchieren können, woran das liegt.
Psychologie nennt man das. Man sagt Schülern nicht, dass sie verrückt sind!
Sonderpädagogik… du mich auch!
Hätte ich keinen Mutismus, dann… ja dann…, dachte Kevin und versuchte sich zu beruhigen.
Verrückt. Ja verrückt, weil man nicht sprechen kann. Weil jeder doch sprechen kann.
Leserfragen zum Leben mit Mutismus
1. Kommt es bei dir heute in manchen Situationen noch vor, dass du nicht sprichst? Also im Gespräch einfach keine Antwort gibst, wenn du gefragt wirst?
So, wie damals, dass ich wirklich keine Antwort geben kann, nicht. Es gibt allerdings noch so einige Situationen, in denen ich nichts sagen kann oder keine Antwort habe, weil mir spontan nichts einfällt. Aber dann komme ich da meistens auch von selbst wieder raus, indem ich antworten kann, dass ich es nicht weiß oder dazu gerade nichts sagen kann und muss nicht schweigen. Meistens merken es die Menschen nicht und manchmal schauen sie mich schräg an, wenn ich z.B. auf eine simple Frage gerade keine Antwort “weiß” oder mir irgendwas zusammen stottere. Aber so richtig schweigen und absolut kein Wort sagen können, nein, das ist heute nicht mehr so.
2. Würdest du dich als optimistischen Menschen bezeichnen? Kannst du dich über Kleinigkeiten freuen oder neigst du eher zu Unzufriedenheit?
Nein, ich bin eine Pessimistin. Aber bisher habe ich damit auch nur gute Erfahrungen gemacht. Weil ich immer vom Schlimmsten ausgehe und danach positiv überrascht bin, wenn es doch gar nicht so schlimm war. Funktioniert prima so.
Ja, kann ich. Über ziemlich viele Kleinigkeiten sogar, weil ich früher ganz viele Sachen nicht machen konnte. Und heute kann ich mich darüber quasi doppelt freuen. Erstens, weil ich etwas geschafft habe, was früher nicht ging und zweitens über die Sache selbst. Z.B. ein Buch gekauft zu haben und es dann gemütlich zu lesen. Oder ein Eis bestellt zu haben und es dann zu essen.
Früher war ich sehr unzufrieden, ja. Da gab’s nichts zum Freuen.
Ein Lied über eine schweigende Frau
Danke für den Liedtipp. Ich habe zwar keine eindeutigen Informationen darüber gefunden, ob die “sie” in dem Lied Mutismus hat, sondern nur einige Diskussionen (1,2,3,4), wer in dem Lied gemeint ist (eine Frau, eine Kamera usw.), aber dennoch geht es in dem Lied irgendwie um das Schweigen.
Farin Urlaub “Unscharf”
Sie hat ständig irgendwas in der Hand,
sie schaut zu Boden, oder an die Wand.
Sie redet nicht.
Sie wird nie vom Schlaf übermannt,
sie hinterlässt auch keine Fußspuren im Sand.
Und sie redet nicht.
Sie ist unscharf an den Rändern,
man erkennt sie nur verschwommen.
Das ist leider nicht zu ändern.
Das was ich am allermeisten will,
werde ich von ihr nicht bekommen.
Ich wüsste wirklich allzu gern,
was sie grade denkt,
und ob sie mir wohl irgendwann
ein paar Worte schenkt.
Manchmal öffnet sie ihren Mund.
Sie will nur Luft holen,
sonst gibt es keinen Grund,
denn sie redet nicht.
Sie ist unscharf an den Rändern,
und sie wirkt wie schlecht kopiert
Sie bewegt sich wie an Bändern,
und ich frage mich seit Jahren schon,
woraus sie ist und wie sie funktioniert.
Ich wüsste wirklich allzu gern,
was sie grade denkt,
und ob sie wohl nach all der Zeit
ein Bisschen an mir hängt.
Ist sie von einem anderen Stern,
ich weiß es nicht genau.
Ich glaub ich frag sie selbst,
wenn ich mich irgendwann mal trau.


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