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Ein kleiner riesengroßer Sieg

Im Vorbeigehen versuchte Alena einen Blick durch die Schaufensterscheibe der Apotheke zu erhaschen. Hm, nichts. Sie konnte nichts davon sehen, was für sie wichtig war, um in das Gebäude gehen zu können. Nämlich wie wiele Menschen dort drin waren. Kunden, die etwas kauften, Kunden die sich im Raum aufhielten und Apotheker, die verkauften oder mit anderen Aufgaben beschäftigt waren. Nichts konnte sie sehen. Das war also keine gute Apotheke. Sie ging weiter.
Vier Stück fielen ihr noch ein, die in der Innenstadt lagen. Vielleicht waren sie besser. Besser, weil sie dort besser durch die Fenster gucken konnte. Denn um das Rezept, was sie gefaltet in ihrem Portemonnaie trug, abgeben zu können, musste sie wissen, wie es in der Apotheke aussah. Eben, wie viele Menschen dort waren. Kunden, die etwas kauften und Apotheker.
Anders war das Sprechen irgendwie unmöglich. Klar, sie hätte einfach hineingehen, gucken und wieder rausgehen können. Aber was wäre gewesen, wenn die Apotheke gut war? Dann hätte sie wieder reingehen müssen und dann hätten die Apotheker und Kunden komisch geschaut. Und wenn sie eine Weile mit dem Reingehen gewartet hätte, würde es wohlmöglich in der Apotheke ganz anders aussehen und dann war die Sicherheit wieder weg.
Ja, Sicherheit gab ihr das. Sicherheit zum Sprechen, um dieses blöde Rezept einlösen zu können.
Die nächste Apotheke war auch nicht besser. Dort konnte sie zwar gut gucken, konnte die drei Tresen sehen und die Menschen. Das Problem hier war, sie war zu voll. Es gab drei Apothekerinnen und viel zu viele Kunden in Schlangen. Auch nicht gut. Sie hätte warten können. Aber es hätte ja auch sein können, dass wenn sie dort stand, wieder ganz viele Menschen hinzukamen und hinter ihr standen. Das wäre zu voll gewesen. Sie ging weiter zur nächsten. Drei gab es schließlich noch. Und wenn die auch nicht gut waren, würde sie wieder zu dieser zurück laufen. Vielleicht war sie dann wirklich leerer.
Sie hasste das. Warum musste alles nur so kompliziert sein? Ihr Herz schlug bestimmt schon seit einer Stunde viel zu schnell. Wie ihre Atmung. Und sie war langsam müde. Viel zu anstrengend und riesengroß war das. Aber das Medikament brauchte sie. Weil dann wären ja die ganzen Anstrengungen mit dem Arzt, um das Rezept zu bekommen, unnötig gewesen. Das ging auch nicht.

Cut.

4 Jahre später. In einer anderen Stadt.
Das Medikament musste sie noch abholen. Als Alena den Weg gegangen war, hatte sie die Apotheke schon gesehen. Auf dem Rückweg würde sie dort schnell das Rezept abgeben. Weil’s eben auf dem Weg lag und sie keine Lust hatte zu den ihr bekannten Apotheken zu laufen. Warum auch.
Sie drückte auf den Ampelknopf und wartete auf das grüne Signal. Sie ging über die Straße und gleich danach die Treppe zur Apotheke hinauf. Die Schiebetüren öffneten sich und sie trat ein. In dem Raum gab es drei Apothekerinnen, wovon eine der Auszubildenden etwas erklärte und dann noch eine Kundin. Es war nicht schlimm. Die Auszubildende begrüßte Alena und sie hörte ihre unsichere Stimme. Wahrscheinlich machte sie das noch nicht so oft, Kunden bedienen und beraten. Ein bisschen Stärke überkam Alena. Aber auch ohne Auszubildende wäre es nicht schlimm gewesen. Das ging ja schließlich schnell und war keine große Sache. War ja nur ein Rezept.

Nur, damit man mal sieht, was man sich erkämpfen kann…

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Hast du schon mal angefangen zu weinen als du etwas gefragt wurdest und nicht antworten konntest?

Ja, hab’ ich. Aber das ist schon eine Weile her. Das war in der Schule und einige Lehrer sahen darin ein sehr großes Problem, dass ich nicht sprach. Was ja an sich auch kein Problem ist, aber die Art und Weise wie sie damit umgingen, war es. Das krasseste, was ich erlebte, war mal das Wort verrückt vor der ganzen Klasse, weil ich einen Text nicht vorlesen konnte und da fing ich dann auch an zu weinen.

2. Hast du schon mal überlegt die Gebärdensprache zu erlernen/auszuprobieren?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Mag zwar naheliegend sein, dass wenn man mit dem Mund nicht sprechen kann, es mit den Händen versucht, aber Mutismus ist mehr so ein Eingefrorensein und ein Erstarren. Und deswegen waren mir in solchen Situationen auch Bewegungen unmöglich.

3. Wie soll jemand vorgehen, der Kontakt zu einem Menschen mit Mutismus aufbauen will? Extrem vorsichtig/langsam oder doch eher normal/munter drauflos?

Ich denke es gibt nicht DEN Mensch mit selektiven Mutismus. Das wird sicherlich ganz unterschiedlich sein. Je nach Charakter eben. Daher würde ich sagen weder noch und einfach normal. Und notfalls kann man einfach nachfragen, wie es für denjenigen am besten ist. Wichtig ist glaube ich nur, dass man sich durch ein Schweigen nicht einschüchtern lässt oder auf sich persönlich bezieht. Dieser Eintrag passt vielleicht gut zu der Frage.

Bloggertreffen

Gestern hab’ ich mich mit der Aufschneiderin und dem AlltagimRettungsdienst getroffen. War für mich irgendwie ziemlich spontan und hab’ ich auch noch nie so gemacht. Ich hab’ zwar schon einige Menschen aus dem Internet getroffen, wie ich hier schonmal geschrieben hab’, aber da kannte ich die Menschen ein bisschen besser. Gestern kannte ich keinen von den beiden richtig. Aufschneiderin hab’ ich über Kommentare in meinem alten Blog “kennen gelernt” und AlltagimRettungsdienst über diesen Blog hier. Ich wusste weder wie die beiden aussahen, noch wie sie heißen. Auch hab’ ich mich mit zwei Internetmenschen aufeinmal noch nie getroffen. Das war dann gestern also sozusagen Premiere.

Aufgeregt war ich schon ein bisschen. Aber nicht Stunden vorher, wie bei meinem ersten Internettreffen, sondern vielleicht nur eine. Am Bahnhof haben wir uns getroffen. Und während ich dort stand, weil ich ein bisschen früher da war – der Aufregung wegen – überlegte ich, wie verrückt das eigentlich war. Ich würde sie doch nie im Leben erkennen und fremde Menschen ansprechen auch nicht. Ich beobachtete junge Frauen und überlegte wie wohl eine Aufschneiderin aussehen muss. Irgendwann kam dann ein AlltagimRettungsdienst auf mich zu und dank kurzer Beschreibung ging das Erkennen wunderbar. Und dann war auch die Aufschneiderin da, die zuvor schonmal an mir vorbei gegangen war und ich mich fragte, ob das eine Aufschneiderin sei.

Nun gut. Wir waren Kakao bzw. Chai-Tea trinken und Kuchen essen in einem Café mit Monsterkuchen hier in der Stadt und ehrlich gesagt fand’ ich das mit den zwei Menschen treffen ziemlich entspannt. Da muss man nämlich nicht ständig reden. Die Treffen mit einem Mensch waren wesentlich anstrengender für mich, weil Gesprächspause dann immer Schweigen bedeutet und so konnten sich wenigstens zwei weiter unterhalten. So sagte ich zwar nicht sehr viel, aber ich fühlte mich am Abend nicht ganz so müde.

Ansonsten war es wirklich sehr nett die beiden kennen zu lernen. Ich find’s lustig, wie klein die Welt sein kann. Da ich den Blog von Aufschneiderin schon eine Weile lese, fragte ich mich immer wo sie studiert. Und nun weiß ich, dass sie schon immer hier in der Nähe studiert hat und nicht nur jetzt, wo sie in dieser Stadt ein Praktikum macht. Komische Sache.

Das war nun also mein erstes Bloggertreffen und ich fand’s toll. Gerne wieder.

Verliebtsein

Es war halb 8 und die Sonne blinzelte schon hinter den Tannen an der gegenüberliegenden Straßenseite hervor. Kevin stand mit Jan an der Bushaltestelle vor dem Schulgebäude. Jan zog hastig an seiner Zigarette und spähte nebenbei um die Ecke, damit er die Lehrer kommen sah und nicht beim Rauchen erwischt wurde.
Heute würde es wohl sehr warm werden. Das verriet die warme Luft am Morgen. Bald würde es Sommerferien geben und dann wäre es nur noch ein Jahr, das Kevin an dieser Schule verbrachte.

Ein weiterer Schulbus kam an. Schüler stiegen aus und gingen den Weg zum Schulgebäude hinauf.  In der Schüleransammlung war Stephanie. Stephanie und Kevin gingen gemeinsam in eine Klasse und er fand sie toll. Heimlich natürlich. Vielleicht war er sogar verliebt. Aber das war egal, denn sie war’s sicherlich nicht.
Wahrscheinlich glaubte sie sogar er könne sie nicht leiden. Denn er sprach nicht. Er konnte nicht sprechen. Und was sollte man da auch anderes denken?

Stephanie blieb mit ihren Freundinnen bei Jan und Kevin stehen und wünschte fröhlich einen guten Morgen. Kevin überließ Jan das Antworten und lächelte nur.
Andererseits, dachte er, könnte er sie nicht leiden, würde er doch nicht lächeln.
“Wie geht es dir?”, fragte sie und schaute Kevin an.
Was sollte er darauf antworten? Ihm ging’s nicht so gut. Weil er wusste, dass er darauf nicht vernünftig antworten konnte. Und weil er wusste, dass sie eigentlich nur versuchte ein Gespräch zu beginnen und er damit absolut nichts anfangen konnte. Weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Weil es in seinem Kopf, wie bei einem Blackout aussah. Mutismus eben.
“Gut”, antworte er kurz und lächelte. Eigentlich hätte er jetzt noch mehr sagen müssen. Aber was? Ihm fiel absolut nichts ein.

Nach einer kurzen Stille ergriff Jan das Wort und erzählte welche Entdeckung er gestern im Internet gemacht hatte. So war das immer. Mehr als auf Fragen antworten konnte Kevin nicht. Und das Blöde war, dass sie ihn immer wieder ansprach. Als würde sie versuchen ihn zum Sprechen zu bringen. Immer wieder fragte sie ihn was. Warum tat sie das? Wollte sie sich lustig über ihn machen, wie einige andere Klassenkameraden? Manchmal hatten sie sogar Wetten am Laufen, wann Kevin sprechen würde und wann nicht.
Er war skeptisch. Weil sie einfach mit ihm Sprechen wollte, sicherlich wohl nicht. Und weil sie ihn mochte auch nicht. Das wäre ja zu schön gewesen.
Und so hörte er sie lachen, weil Jan wohl gerade etwas Lustiges gesagt haben muss. Kevin hatte nicht zugehört. Denn nun gingen ihm gefühlte tausend Gesprächsmöglichkeiten durch den Kopf. Er hätte sie zum Beispiel fragen können, wie es ihr ging. Oder wie ihr Tag gestern war. Oder etwas über die Schule. Ob sie mit den Hausaufgaben klar kam. Gut. Das wäre vielleicht etwas zu streberhaft gewesen, aber ihm fiel sicherlich noch eine andere Schulefrage ein.
Aber es war egal. Jetzt war’s vorbei. Sie unterhielt sich mit den Anderen und in der nächsten Situation war wahrscheinlich keine dieser Fragen in seinem Kopf parat. Dann war er wieder leer, als hätte es nie Gesprächsideen gegeben. So war das eben mit dem elenden Mutismus. Immer.
Aber wahrscheinlich war das mal eine halbwegs normale Situation, dachte Kevin. Das mit dem Ansprechen von Mädchen. Nur fühlte er sich dadurch auch nicht besser. Wie beschissen war das denn, wenn er ein Mädchen nett fand, sie ihn ständig ansprach und er nicht sprechen konnte?

Mutismusgedanken II

Und heute quäle ich mich mit unsinnigen Telefonanrufen, die gemacht werden müssen, weil man Kontrolluntersuchungen bei Ärzten wahrnehmen sollte. Eigentlich sind ganz andere Dinge in meinem Kopf, die mir Magengrummeln und zittrig, kalte Hände bereiten. Aber das Telefonieren funktioniert. Das weiß ich. Weil es bloß unsinnige Termine sind, die gemacht werden müssen. Und so quäle ich mich heute damit, um zu sehen, dass es funktioniert. Um ein klitze kleines Erfolgserlebnis zu haben, weil es Mut macht. Mut macht vor dem großen Berg, der in wenigen Stunden auf mich zu kommt. So habe ich das Gefühl mich ein bisschen auszutricksen, damit ich wenigstens ein bisschen Lächeln kann. Keine große Sache, aber eine kleine Kampfstrategie.
Und am Ende werd’ ich natürlich wieder merken, dass es halb so schlimm war, wie  immer. Aber so ist das eben. Und deswegen quäle ich mich mit Telefonieren, als Lebensstrategie um nicht zu verzweifeln.

Mutismusgedanken I

Die letzten Wochen dachte ich oft, dass es besser gehen würde. Dass ich bestimmte Situationen schon unzählige Male irgendwie überlebt hab’ und dass es deswegen bei dieser besser gehen würde. Aber geht’s nicht.
Vielleicht ist besser das falsche Wort. Besser geht’s. Aber ich dachte, dass es irgendwann gut geht. Dass es richtig gut geht, da es ja schon besser ist und nach besser gut kommt. Aber es geht nicht.
Und schlimm daran ist die Zuversicht, dass ich dachte, es könnte wirklich gut sein. Normalerweise bin ich Pessimist. Immer. Und gehe vom Schlimmsten aus. Das ist angenehm. Weil’s meistens dann doch besser als schlimm ist. Die letzten Wochen war’s anders. Da war da diese blöde Zuversicht vorher. Und dann die Lockerheit und der Humor über sich selbst. Fast schon ein bisschen großmaulig. Zu blind, irgendwie. Ach klar. Das wird schon kein Problem sein. Irgendwann muss es doch gut sein. Aber ist es nicht.
Und dann stand ich da. Mittendrin und ganz klein. Kleinlaut vielleicht auch. Weil es aufeinmal nicht mehr locker war. Je lauter ich vorher war, weil’s doch irgendwann mal gut sein muss, desto stummer war ich dann später.

Da war zum Beispiel die Situation mit dem Kinomensch. Ein Mensch, der im Kino arbeitet und den ich anfangs über das Internet und später real besser kennengelernt hab’. Da kann ich in Cafés mit ihm rumwitzeln und plaudern, fast schon ein bisschen plappern und dann ist er im Kino umgeben von einer Menschentraube und überhaupt nichts geht davon. Dann sind die Dinge, die ich eigentlich in dem Moment von ihm wollte, weg. Und vorher wollte ich so viel. Weil ich dachte, dass muss doch gehen. Natürlich, tut es das. Dann bin ich fest davon überzeugt, dass ich ihm die ausgeliehene CD zurück geben kann oder dass ich ihn nach Pappaufstellern und sonstigen Dingen fragen kann. Aber kann ich nicht. Kann ich genauso schwer, wie vorher auch. Dann ist die CD in meiner Tasche und ich nehme sie einfach wieder mit, ohne je ein Weort darüber verloren zu haben.

Eigentlich ist’s okay. Ich komm’ damit klar, weil es ja schon immer so gewesen ist. Schlimm ist nur die Zuversicht und dann der Schlag ins Gesicht, dass es vielleicht nie so richtig gut werden kann. Das ist neu.

Gesellschaftsspiele

Plötzlich schlug ihr das Herz bis zum Hals. Daran hatte sie nun überhaupt nicht gedacht. Verdammt. Panik breitete sich aus. Wie ein ekelhafter Parasit durchströmte sie blitzschnell Alenas ganzen Körper. Von Kopf bis Fuß, bis sie oben angelangt war und ihr den Kopf benebelte, sodass sie nicht mehr klar denken konnte.
Was sollte sie denn nun tun? Wieso hatte sie das nicht bedacht? Dann wäre sie doch gar nicht hier hin gegangen. Warum? Blöd war sie irgendwie gewesen. Wieso fiel ihr das nicht vorher ein, dass sie eventuell auch Gesellschaftsspiele spielen wollten? Warum nur…

Sie merkte, wie ihr Gesicht ganz kalt wurde und überlegte kurz, ob es nun auch die Farbe verloren hatte und ob die anderen es bemerkten. Ihre Hände verloren jedenfalls die Farbe und waren nun mehr weiß als warm und rosig. Sie schmerzten.
Und ihr Blick musste eisig und starr geworden sein, denn aufeinmal hörte sie die Frage, ob alles in Ordnung sei.
Ja, sagte sie, wie aus der Pistole geschossen, weil niemand merken sollte, dass es nicht so war.
ER schaute sie an. ER wusste, was los war. Dass das nicht ging. Dass sie keine Spiele spielen konnte. ER schaute fragend. So als ob ER fragen wollte, ob es wirklich okay war. Aber was sollte sie darauf antworten? Nein, es war nicht okay. Sie konnte keine Spiele spielen und wäre am liebsten verschwunden. Am liebsten hätte sie IHM gesagt, dass sie nach Hause gehen möchte, doch sie wusste nicht, wie sie das anstellen sollte ohne dass sie es hätte sprechen müssen. Dann würden es nämlich alle hören und das ging nicht.
Sie schaute IHN tief und durchdringend an. Sie fixierte SEINE Augen und wünschte sich, dass ER Augen lesen konnte. Dass man Gedanken in Augen sehen konnte und dass ER nun wusste, dass sie nicht länger bleiben konnte. Aber ER merkte es nicht. Woher auch.
ER nahm ihre Hand in SEINE und hielt sie fest. ER würde sich bestimmt hilflos fühlen, dachte Alena. Weil ER wusste, wie es in ihr drin aussah und nicht wusste, was ER tun sollte.
Plötzlich fragte ER, ob es in Ordnung sei, wenn sie spielen würden. Und da es nicht leise genug war, sodass es der ganze Tisch mitbekam, nickte sie wieder. ER hätte leiser fragen sollen, dachte sie. Dann hätte sie mit dem Kopf geschüttelt und niemand hätte es gesehen. Aber selbst dann hätte ER nicht gewusst, was ER tun sollte und es wäre eine blöde Situation gewesen für IHN. So hielt sie nur SEINE Hand fest in ihrer und hoffte, dass es besser werden würde. Das mit der Angst.

Eigentlich war’s mehr als Angst. Fast schon Panik. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, wippte abwechselnd mit den Beinen und versuchte der Diskussion, welches Spiel gespielt werden würde, zu lauschen. Das war schwierig, denn ihre Ohren waren benebelt. Die Stimmen klangen so, als wären sie meterweit entfernt. Sie waren leise und verschwommen. Dabei hätte sie eigentlich zuhören wollen. Damit sie wusste, was auf sie zu kam. Vielleicht war’s ja ein leichtes Spiel. Oder eines, was sie bestenfalls schon kannte, auch wenn sie nicht viele Spiele kannte.
Sehr schlimm wäre es, wenn es kompliziert war. Sie musste nur daran denken und schon fühlte sie den Schwindel, den man vor Angst bekommt, wenn sie besonders groß ist. Es ging beim Spielespielen eigentlich gar nicht so um’s Reden. Oft musste man auch gar nicht reden. Außer man spielte solch blöden Spiele, wie ‘Tabu’. Vielmehr ging’s um das Verstehen der Spieleanleitung. Da sie kaum spielte, kannte sie auch wenig Spiele, weswegen die Wahrscheinlichkeit groß war, dass man ihr das hätte erst erklären müssen. Und das war das Problem. Dann war sie immer so angespannt und voller Angst, sodass die Worte nur in die Ohren reingingen, aber nirgends ankamen. Jedenfalls nicht im Gehirn, sodass sie nach der Erklärung gewusst hätte, wie das Spiel funktionierte. Und das war blöd, wenn das Spiel erklärt wurde und sie’s trotzdem nicht verstand. Denn dann musste sie nachfragen und reden. Und sich wohlmöglich auch blamieren, weil sie sich wie der letzte Idiot fühlte. Ohne funktionierendes Gehirn. Das konnte sie am Spielen nicht. Das Zuhören, Verstehen und Umsetzen. Bei so vielen Menschen.

Am liebsten wäre sie tatsächlich weggerannt. Hätte alles stehen und liegen gelassen und wäre einfach gerannt. Besonders als sie hörte, auf welches Spiel sich die Gruppe geeinigt hatte. Natürlich kannte sie es nicht. Und auch, als sie einen beiläufigen Kommentar aus irgendeinem Mund aufschnappte, dass das Spiel nicht schwer sei, weil es offensichtlich noch mehr aus der Runde nicht kannten, wäre sie am liebsten gerannt.
Jetzt gab’s nur die Möglichkeit sich irgendwie davor zu drücken. Irgendwie. Aber sagen, dass sie nicht mitspielt, konnte sie auch nicht. Warum hätten sie sicherlich gefragt. Weil sie nicht wollte? Dann hätten sie ein anderes Spiel ausgesucht. Weil sie nicht spielte? Das konnte sie erst recht nicht sagen…

Ihr wurde schummrig, als das Spiel ausgepackt und aufgebaut wurde. Schwindelig war ihr nicht. Umgekippt wäre sie nicht. Aber es fühlte sich so an, als würde es bald soweit sein. Als wäre sie kurz davor. So, wie das ist, wenn die Augen kurz vor dem Schwarzwerden sind.
Sie wollte weg. Sie drückte SEINE Hand. Weg.

Wenn man sprechen soll, aber nicht spricht… Janusz Popolski

Weil ich die Popolskis während meines Praktikums kennengelernt hab, da mir meine Kollegen Karten geschenkt hatten…

Gebrannte Mandeln

Gut. Heute würde sie es also versuchen. Schon seit knapp eineinhalb Wochen hatte sich das Alena vorgenommen. Und sie musste es nun bald tun, sonst war die Zeit vorbei.
Deswegen heute. Eigentlich dachte sie das letzte Woche auch schon und dann ging es nicht. Aber heute war ein guter Zeitpunkt. Irgendwie war der Tag heute ertragbar gewesen und ihr ging es ganz passabel. Deswegen war heute richtig.
Heute würde sie gebrannte Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt in der Stadt kaufen.

Sie ging zur Tür des Dienstzimmers der Kinder- und Jugendpsychiatrie um sich zu verabschieden. Sie sagte, sie fahre nun nach Hause. Da sie mittlerweile teilstationär war, tat sie das jeden Abend. Davon, dass sie auf den Weihnachtsmarkt gehen wollte, erzählte sie nichts. Das machte nur Druck, dachte sie. Und dann wäre es viel zu blöd, wenn es nicht funktionierte.
Alena ging die Treppe hinunter und stiefelte durch das bisschen Schnee, das in Großstädten liegt, zur Straßenbahn. Mit jeder Station, die sie der Innenstadt näher kam, war da dieses komische Gefühl im Magen. Aber eigentlich war es okay. Auch, wenn es nicht klappte. Da gab’s ja schließlich kein Müssen. Das war ein Wollen. Ein Wollen, weil jedesmal wenn die Straßenbahntüren aufsurrten, sich ein Duft von Weihnachten und gebrannten Mandeln in die Straßenbahn schlich. Und dann waren da draußen noch die vielen Lichter und die Musik. Das war die Zeit, die sie ziemlich gern hatte. Winter und Weihnachten. Und deswegen hatte sie schon seit sie den Mandelduft das erste Mal roch, Lust auf gebrannte Mandeln.
Sie überlegte. Eigentlich war es das erste Mal, dass sie etwas tat, was sie wollte. Meistens wollte sie nämlich gar nicht, weil sie es nicht konnte. Gebrannte Mandeln kaufen konnte sie eigentlich auch nicht, aber das wollte sie. Und wenn man will, kann man vielleicht.

Alena stieg in der Mitte der langen Einkaufsstraße aus. Der Weihnachtsmarkt war im unteren Teil der Straße.
Letzte Woche hatte sie schon geschaut, an welchen Weihnachtsmarktständen man gebrannte Mandeln kaufen konnte. Das musste sie vorher tun. Sie musste einen Überblick haben, damit sie wusste, welche Stände sie nun ablaufen konnte. Das musste planbar sein.
Und so ging sie von Stand zu Stand und checkte die Lage, wie sie manchmal scherzhaft zu Herr V., ihrem Therapeuten sagte, weil sie eigentlich immer erst die Lage checken musste. Sie musste wissen, wie es dort aussah, wo sie sprechen musste, wie die Menschen aussahen und wie es dort war. Dann ging es leichter.
Als könnte man das leicht nennen. Leicht war überhaupt nichts. Und eigentlich war es auch unmöglich. Aber wenn Alena vorher die Lage gecheckt hatte, war es vielleicht ein bisschen weniger unmöglich.

Zwei Weihnachtsmarktstände fielen in die engere Auswahl. Sie waren auf dem großen Platz in der Nähe der Straßenbahnhaltestelle und sie lagen sogar beinahe gegenüber. Jedenfalls konnte sie beide Stände sehen, wenn sie in der Mitte stand. Einer der beiden Stände war kleiner. Dort gab es nur Nüsse. Verschiedene Nüsse. Und dort gab es mehr Menschen. Viele Menschen. Vielleicht schmeckten dort die Mandeln besser und deswegen war dort die Menschenschlange länger. Oder es war so, weil es nur einen Verkäufer gab. Der andere Stand war dagegen viel größer. Und dort gab es auch Lebkuchen und Schokoküsse. Und Zuckerwatte sah Alena auch. Mit vielen Verkäufern.

Welcher Stand war besser? Würde sie sich zu Stand Nummer eins stellen, könnte es sein, dass sich andere Menschen nach ihr anstellten.  Und wenn mehr Menschen zuhören konnten, war’s schwieriger. Würde sie zu Stand Nummer zwei gehen und schnell  machen, wäre da niemand.
Da es komisch aussah, wie sie die ganze Zeit zwischen den beiden Ständen stand und nach rechts und links schaute, ging sie noch eine Runde um die Stände. Stand Nummer eins fühlte sich irgendwie schwieriger an. Auch wenn die vielen Menschen wahrscheinlich gar nicht hörten, wenn sie sprach. Es waren einfach zu viele. Stand Nummer zwei war irgendwie ruhiger. Vielleicht musste sie dort sogar weniger laut sprechen.
Irgendwie sagte das Bauchgefühl Stand Nummer zwei war besser. Da war Platz. Und vielleicht ging es mit Platz besser. Sie sollte auf das Bauchgefühl hören.

Stand Nummer zwei. Sie war wieder dort. Eine Runde noch, dachte Alena und dann würde sie gebrannte Mandeln kaufen. 100 Gramm würde sie kaufen. 100 Gramm waren gut. Am anderen Stand waren 100 Gramm etwas teurer. Hier kosteten sie 2,00 €. Als sie hinter dem Mandelstand war kramte sie das Geld aus ihrem Portemonaie. Das war leichter, wenn sie sich ganz allein auf das Sprechen konzentrieren konnte und beim Kauf nicht nach dem Geld kramen musste. Sie steckte die Geldstücke in die Hosentasche und tapste die Runde weiter.

Was sagte man überhaupt, wenn man Mandeln kaufen wollte? Beim anderen Stand war’s leichter. Da reichte es, wenn sie sagte, dass sie gern 100 Gramm hätte. Da gab’s ja schließlich nur Mandeln. Dagegen hatte der andere Stand sogar verschiedene Sorten. Sollte sie da sagen “ich hätte gern 100 Gramm normale gebrannte Mandeln?”. Oder sollte sie das “normale” weglassen? Wie kauft man überhaupt Mandeln? Am anderen Stand hätte sie hören können, was die Menschen vor ihr sagten. Vielleicht wäre das doch besser gewesen. Sollte sie sich doch anders entscheiden?

Mittlerweile war sie schon zwei weitere Runden gelaufen und die Verkäufer des Standes schauten sicherlich schon merkwürdig und wunderten sich, was sie da tat. Denn so menschenüberfüllt war der Markt gar nicht. Eigentlich war’s sogar ziemlich leer. Und deshalb konnten sie Alena sicherlich gut sehen. Vielleicht sollte sie Runden um andere Stände laufen? Aber dann konnte sie nicht mehr die Lage checken. Konnte nicht mehr sehen, ob sich bereits andere Menschen angestellt hatten und auch etwas kaufen wollten. Denn dann ging das nicht, dann musste sie noch eine Runde laufen und warten bis sie fertig gekauft hatten.

Okay. Die Lage war gut. Keine anderen Menschen. Sie wollte Mandeln kaufen. Mit den Worten, dass sie gern 100 Gramm Mandeln hätte. Was sollte sie auch sonst anderes sagen? Und das würden andere Menschen sicherlich auch so sagen. Die Runde war beinahe zu Ende und es reichte nun auch, fand Alena, denn sie fror. Sie lief sicherlich schon mehr als 30 Minuten auf dem Weihnachsmarkt rum, nur um gebrannte Mandeln zu kaufen. Also auf, dachte sie.

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und steuerte den Stand an. Weitergehen, weitergehen und nicht wieder umdrehen, dachte sie. Und dann stand sie auf einmal vor den vielen Mandeln. Ein Verkäufer kam auf sie zu, begrüßte und sah sie fragend an. Sie hielt die Hand in der Hosentasche. Die Faust umklammerten fest die Geldstücke.
“Ich hätte gern 100 Gramm gebrannte Mandeln”, sagte sie leise.
Das “normale” ließ sie einfach weg. Das konnte man sich sicher denken. Hätte sie andere gewollt, hätte sie gesagt mit Kokos oder so.
Der Mann schlug die Tüte auseinander und befüllte sie mit Mandeln. Er hatte verstanden, was sie wollte. Dann wog er sie, tat noch einige dazu und schlug den Rand der Papiertüte zusammen. Er legte sie auf den Verkaufstresen und nannte den Preis. Passend gab ihm Alena die Geldstücke aus ihrer Hosentasche, nahm die Tüte mit den Mandeln und lächelte. Warme Mandeln in ihrer Hand. Sie wärmte sich die Hände.
“Tschüss”, sagte sie.
“Tschüss. Einen schönen Abend”, wünschte er.
Ja, der Abend war schön. Zufrieden lächelnd, mit den warmen Mandeln in den Händen stieg sie in die nächste Straßenbahn und fuhr nach Hause.
Gebrannte Mandeln.

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