Ich möchte gern einen Artikel von Spiegel Online empfehlen. „Stilles Leiden“. Der Artikel ist von 2006, also schon ein bisschen älter, aber ich finde ihn ziemlich gut und interessant.
Zu Beginn wird Marvin vorgestellt, ein Junge der an selektivem Mutismus leidet. Seine Situation wird ein wenig beschrieben, bis erklärt wird, dass Mutismus oft überhaupt nicht bekannt ist und als normale Schüchternheit oder eine Trotzphase gedeutet wird. Eben weil Mutisten in der Familie oft völlig normal sprechen.
Ich finde, dass die Problematik Mutismus zu diagnostizieren und die Folgen in diesem Artikel sehr gut verdeutlicht werden. Und gleichzeitig verärgert es mich ein bisschen, weil auch deutlich wird, dass es anscheinend noch so viele Menschen gibt, die nicht wissen, was Mutismus ist und Betroffene für stur oder verrückt halten. Damit meine ich besonders Menschen, die eigentlich schon einmal davon gehört haben sollten, weil sie mit Kindern arbeiten. Erzieher und Lehrer zum Beispiel.
Ich schob es bei mir immer auf die Zeit, dass der Mutismus bei mir erst so spät erkannt wurde. Als ich im Kindergarten war, war das im Jahr 1990 und ich dachte immer, damals war das das einfach noch nicht so bekannt und deswegen hatte keiner meine Not erkannt. Aber ist es heute wirklich anders? Und wenn nein, warum ist es nicht anders? In einer so fortschrittlichen Gesellschaft.
Das ist eine interessante Frage…
Jedenfalls hoffe ich, dass in viele Menschen diesen Artikel bei Spiegel Online gelesen habe, sodass das Thema Mutismus immer bekannter wird. Vor allem Menschen, die bei einer frühen Diagnose helfen können, denn wird Mutismus früh erkannt ist er viel leichter zu therapieren, als im Jugendalter.
Spiegel Artikel “Stilles Leiden”
Die Integrative Mutismus-Therapie
Neben anderen Konzepten zur Behandlung von Mutismus gibt es die sogenannte Integrative Mutismus-Therapie (IMT), die für Kinder unter 10 Jahre entwickelt wurde und in Form von Einzelterminen stattfindet.
Zu Beginn dieser Therapieform steht im Vordergrund, dem Kind die Therapie überhaupt erst einmal zu ermöglichen. Dies bedeutet, dass die Angstminderung wichtig ist, sodass sich der Betroffene auf die Therapie einlassen kann und Vertrauen zum Therapeuten gewinnt. Aber nicht nur zu Beginn ist die Angstbehandlung ein zentraler Punkt, sondern auch während der gesamten Therapie. Unterstützend können Medikamente eingesetzt werden.
Für eine erfolgreiche Therapie ist zum einen eine angstfreie und kindgerechte Umgebung notwendig und zum anderen die Einbeziehung der Eltern sinnvoll. Vertraute Personen können zum Beispiel erst einmal beim Sprechen „helfen“. Zu Erleichterung können aber auch selbstgeschriebene Zettel verwendet oder Flüstern erlaubt werden.
Am Anfang der Therapie werden dem Kind leicht lösbare Aufgaben gestellt, sodass es mehr Selbstvertrauen gewinnt. Wichtig ist allerdings diese, neben den Hilfsmitteln für das Sprechen, zu erschweren bzw. zu verringern damit das Kind nicht auf dieser Stufe stehen bleibt, sondern weiter voran kommt.
Nachdem eine Grundlage geschaffen wurde, wird bei der IMT das Sprechen sozusagen wieder neu erlernt. So ist es ein Ziel die Mundmotorik zu trainieren und das Kind zum Laute sprechen – dem sogenannten Lautieren – zu ermutigen. Dies kann auf spielerische Art erfolgen, wie z.B. das Imitieren einer Lokomotive. Im Gegensatz zu anderen Therapieformen unterscheidet sich die IMT demnach durch logopädische Bestandteile.
Wichtig bei der Behandlung von Mutismus sind die Aufklärung und das Verstehen der eigenen Situation. Einige grundlegende Botschaften sind:
- Mutismus ist eine Krankheit, bei der ein Therapeut helfen kann eine positive Änderung zu erreichen
- Schweigen ist belastend und führt zu Verzweiflung
- Angst kann das Sprechen verhindern
- wichtig sind zuerst kleine Schritte
Oft ist der erste Schritt der schwerste, weswegen die Motivation bei Kindern besonders wichtig ist. Sträuben sich Kinder z.B. gegen eine Übung, muss eine Alternativübung gefunden werden. Daher sind sehr hohe Empathie und Aufmerksamkeit des Therapeuten wichtig, um das Kind nicht zu ängstigen. Kennzeichnend für eine Mutimustherapie ist auch, dass dem Kind längere Zeit zum Antworten gegeben wird.
Die Fortschritte in der Therapie werden anschließend auf weitere soziale Situationen und Personen übertragen und ausgebaut, sodass diese gefestigt und die Ängste schrittweise abgebaut werden.
Quelle: http://www.klinik-ellwangen.de/08_aktuelles/details.php?id=70
Der Begriff Mutismus
Zum ersten Mal wurde der selektive Mutismus 1877 unter dem Namen “aphasia voluntaria“ in “Die Störungen der Sprache” von Adolf Kußmaul erwähnt. Kußmaul war ein deutscher Arzt und medizinischer Forscher. Eine Aphasie ist eine Sprachstörung und voluntaria bedeutet, dass diese eben vom Betroffenen freiwillig hervorgerufen wurde.
Moritz Tramer, ein Kinder- und Jugendpsychiater aus der Schweiz, führte 1934 den Begriff elektiver Mutismus ein, der international anerkannt wurde. Mittlerweile ist der Begriff elektiv veraltet und wird heute durch das Synonym selektiv ersetzt.
Angst
Angst
Fehler zu machen
immerzu
Angst
enttäuscht zu werden
keine Ruh’
Gedanken
es richtig zu machen
allein
Gedanken
Leben zu meistern
Mein
Angst
für Gedanken zu groß
Tat nicht geschafft
Fehler
aus Angst
gemacht
(15. September 2003)
Das Referat
„Die Arteria femoralis – das ist die Oberschenkelarterie – ist für die Blutversorgung des Beins zuständig. Von ihr aus geht die Arteria profunda femoris ab, die die Muskulatur des Oberschenkels versorgt“, erklärte eine ihrer Mitschülerinnen der Klasse.
„Gleich. Gleich bin ich dran“, schwirrte Alena im Kopf herum. Ihr Herz begann nun mit jedem weiteren Wort der Klassenkameradin noch schneller zu pochen, als es das sowieso schon tat. Und eigentlich hatte ihr Herz zu Beginn der Unterrichtsstunde, vor einer halben Stunde, schon so schnell geschlagen, sodass man glaubte noch schneller kann das gar nicht gehen. Und heute morgen auch. Da war sie so aufgeregt und konnte um vier Uhr schon nicht mehr schlafen und auch keinen einzigen Bissen essen. Auf dem Weg zur Schule schmerzten ihre Fingerknochen so sehr, sodass sie die Finger am liebsten abgenommen und beiseite gelegt hätte. Das war immer so, wenn sie Angst hatte. Und das erste Mal übel wurde ihr schon, als die Lehrerin vor drei Wochen die Referate ankündigte und die Themen verteilte. Aber gut. So war es eben.
Ahh, nein. Sie ging. Sie ging. Sie war fertig mit ihrem Referat. Nun pochte das Blut sogar in Alenas Kopf. Sie konnte es an den Schläfen ganz deutlich spüren. “Alena, nun sind Sie mit dem Unterschenkel an der Reihe”, sagte die Lehrerin, nachdem sie auf ihre Liste schaute und den Oberschenkel abhakte.
Du musst jetzt die Zettel nehmen. Deinen Text und deine Karteikarten mit den Stichpunkten. Und das Bild von Schien- und Wadenbein.
All das hatte sie zuvor schon ordentlich auf ihren Tisch gelegt.
Nehmen. Nimm’ es! Beweg’ die Hand und nimm’ die verdammten Zettel.
Und dann musst du dich bewegen. Du musst mit dem Stuhl zurück rücken und aufstehen.
Alles ganz einfach, ist das.
Los, nun mach’ das endlich. Los, verdammt.
“Alena?”, ertönte die Stimme der Lehrerin und durchbrach die Stille. “Möchten Sie vortragen?”
Ja. Nein, eigentlich nicht. Wenn ich eine Wahl hätte. Aber hab’ ich nicht. Also ja, ja verdammt.
Steh’ doch verdammt nochmal endlich auf!
Die anderen, die gucken schon. Und denken bestimmt, ich spinn’. Gut, denken sie sowieso schon, aber nein, nicht jetzt schon wieder.
Nimm’ die Zettel und steh’ nun auf.
“Alena?”, sagte die Lehrerin wieder. “Ich habe nach dieser Stunde einen wichtigen Termin und kann nicht länger warten. Wollen Sie vortragen?”.
Festgefroren.
Stille. Und in mir ein tobender Kampf um alles. Um Leben und Tod.
“Okay. Dann ist es Hausaufgabe den Aufbau des Unterschenkels herauszuarbeiten.”
Schimpfen und das Packen der Taschen erfüllten den Klassenraum mit Geräuschen. Auch Alena packte ihre Sachen zusammen.
Schnell diese scheiß Zettel weg! Die will ich nicht mehr sehen!
Sie zog ihre schwarze Jacke an, nahm die Tasche und verließ das Klassenzimmer. Schwarz, ja, alles war schwarz.
Schnell stolperte sie die Treppe hinunter um raus, raus an die Luft zu gelangen. Die versteckten Tränen, die sich unbedingt aus den Augen quetschen wollten, brannten wie Feuer. Draußen sprang ihr die warme Frühlingsluft entgegen und das hartnäckige Gezwitscher der Vögel begleitete sie. Sie und ihre Tränen.
Mutismus Video bei Youtube
Ich habe dieses Video schon vor einiger Zeit beim Stöbern bei Youtube entdeckt und finde ziemlich gut, dass jemand einen Kurzfilm über Mutismus gemacht hat. Ehrlich gesagt war ich sogar überrascht, dass es sowas gibt. Vielleicht ist es ein kleiner Beitrag, wodurch das Thema noch bekannter und der Mutismus früh diagnostiziert wird, sodass den Betroffenen besser geholfen werden kann.
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