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Aufgeben II

Eigentlich könnte ich gerade jeden Tag schreiben, wie gern ich alles hinwerfen würde und vielleicht sollte ich deswegen momentan einfach gar nichts schreiben. Bis ich die Bachelorarbeit abgegeben habe. Manchmal gibt es auch Momente, in denen alles wieder gut ist. Ich fühle mich, als sei ich manisch-depressiv, obwohl ich gar nicht weiß, wie sich das anfühlt. Ich will aussteigen und weitermachen, weil ich schon immer weiter gemacht habe. Und aussteigen will ich, weil ich immer weitermachen muss. Weil es immer schwierig sein wird. Aber:

KÄMPFEN, KÄMPEN, KÄMPFEN.

IMMER WEITER KÄMPFEN!

Zeugniszahlen

Vor ein paar Tagen hab’ ich meine Mappe mit den Zeugnissen aus der Schule durchgeblättert, weil ich eine Kopie des Abschlusszeugnisses für die Zulassung zum Master-Studium brauchte. Und der Mutismus lässt sich eigentlich in der gesamten Mappe finden. In der Grundschule hieß es in Worten ausgedrückt “Sab sollte sich um eine aktive Teilnahme am Unterricht bemühen” und später eben in Zahlen. Sport war eigentlich am schlimmsten, weil man dort nichts durch schriftliche Noten ausgleichen und ich mich nicht bewegen konnte. Mag komisch klingen, aber bei vielen fremden Menschen bin ich steif und regungslos, was im Sportunterricht blöd war. Und in den anderen Fächern konnte ich eben die mündlichen Noten durch schriftliche ausgleichen, sodass ich im Mittel eine durchschnittliche Schülerin war. Aber jedes Mal, wenn ich diese blöden Zahlen anschaue, fällt mir wieder ein, wie man sich das Leben mit selektivem Mutismus verbauen kann. Anstelle der schriftlichen 1 in Mathe und Deutsch stehen dort 2en und 3en und am schlimmsten ist es in den Fächern, in denen es keine Klassenarbeiten gab. Oder nur eine und mündlich mehr zählte. Geschichte, Biologie, Chemie, Erdkunde und so weiter. Da gab’ es 4en und manchmal Mitleids-3en, weil ich mündliche Noten von 5 bis 6 hatte.
Im Nachhinein verstehe ich nicht, wieso die Lehrer nicht aktiv wurden und beobachteten und fragten. Niemand versaut sich doch sein Zeugnis mit Absicht, weil er im Unterricht nicht spricht. Sondern schweigt. Sogar manchmal wenn er aufgerufen wird.
Es macht mich wütend. Die ganzen blöden Zahlen machen mich wütend. Wissen und Können in blöden Zahlen ausgedrückt nach denen sich alle Welt richtet. Ich hatte wahnsinniges Glück, dass ich mit diesen elenden Zahlen studieren konnte (Losverfahren) und im Nachhinein bin ich gut. Zum ersten Mal bin ich richtig gut, weil es keine mündliche Noten gibt und die mündlichen Leistungsnachweise krieg’ ich alle irgendwie hin. Zahlen in der Schule sagen also überhaupt nichts aus. Überflüssig. Blödsinn. Und irgendwie unfair. Denn würden sie das tun, würde ich keinen Bachelor-Abschluss – vorraussichtlich in sehr gut – schaffen, da die Zahlen in der Schule schlecht waren.

Nachtrag

Vielleicht finde ich auch keine Motivation, weil das Danach alles viel zu schön klingt. Weil es ein bisschen unwirklich ist. Für mich. Und weil da bestimmt irgendwo ein Haken dran sein muss und ich ihn deswegen suche. Weil ich nicht studieren kann. Wenn man nicht spricht. Oder besser gesagt, es mittlerweile kann, aber alles trotzdem so schwierig ist. Dachte ich immer. Und das Danach irgendwie (noch) nicht passt. Vielleicht deswegen. Vielleicht kann das Ich-weiß-wie’s-weitergehen-kann deswegen nicht so richtig motivieren. Weil es zu schön ist, um wahr zu sein

Aufgeben I

Momentan fehlt mir ein bisschen die Motivation. Ein bisschen viel vielleicht sogar. Und eigentlich liegt es an der Bachelorarbeit. Weil so ein Ding ein Arschloch sein kann, was vielleicht jeder weiß, der eine geschrieben hat. Das ist eigentlich kein richtiges Mutismusthema, sondern normal. (Wobei mir eigentlich egal ist, was normal ist und was nicht.) Aber der Mutismus nimmt ein bisschen die Motivation. Denn es wäre leichter, wenn ich wüsste, dass es mir etwas bringt. Die Bachelorarbeit. Ein beendetes Studium. Aber das weiß ich nicht. Ich kann mich nicht verkaufen. Bin nicht selbstbewusst und auch nicht von mir überzeugt. Und eigentlich studiere ich nur, weil ich als schweigender Mensch keine Ausbildung bekommen habe. Und ich befürchte nach dem Studium nichts anderes. Keinen Job. Und das macht das Weitermachen schwer. Und dann will ich natürlich nicht nur die Bachelorarbeit aufgeben, sondern alles. Weils nicht aufhören wird mit dem Schwierigsein. Und irgendwie sehe ich auch da keine Motivation. Wofür auch? Für’s weiter Schwierigsein? Das kann nicht motivieren.
Dabei gibt es einerseits auch so viele neue Dinge danach, die auf mich warten werden. Auf die ich mich freue. Sehr sogar. Nur da wird eben auch einiges schwierig sein. Und wie soll man sich da so richtig tief innendrin motivieren können? Wenn alles schwierig ist. Ich hab’s grad ein bisschen verloren. Ich wär’ gern wieder die Kämpferin, die wirklich innendrin fühlen könnte, wie blöd das wäre jetzt das Studium aufzugeben, wo man doch bald fertig ist. Mit der Ausrede, dass man eventuell keinen Job finden könnte. Ich hätte sie wirklich gern wieder die Kämpferin. Nur momentan bin ich irgendwo dazwischen. Mehr beim Aufgeben. Obwohl ich eigentlich gar nicht so genau weiß, weswegen. Denn ich hab’ momentan ein Ich-weiß-wie’s-weitergehen-kann. Also ein Ziel. Einen Lebensplan. Das hab’ ich nicht oft. Vielleicht bin ich müde. Zu sehr müde, um mich von etwas motivieren lassen zu können, was immer gleichzeitig auch schwierig sein wird. Denn mein ganzes Leben ist und bleibt schwierig.

Die Sache mit der Anzeige II

Um euch auf dem Laufenden bezüglich meiner Anzeige zu halten, um zu zeigen, welche absurden Sachen es in diesem Lang gibt und um mir klar zu machen, wie gut ich eigentlich damit umgehen kann, mal ein weiterer Eintrag dazu.

Nachdem ich den Anhörungsbogen ausgefüllt, die mir vorgeworfenen Sachen abgestritten und das Ding zurück geschickt hatte, kam die Aufforderung zur Zahlung des Bußgeldes. Da war ich dann völlig fertig und dachte, wie. Wie geht sowas? Ich sage, ich war es nicht, begründe das mit der Nennung eines Zeugens, weil der Herzmensch nämlich an einem Tag bei mir war und muss trotzdem für nichts ein Bußgeld zahlen?! Ich verfluchte diese Stadt hier, schimpfte, verzweifelte, malte mir die schlimmsten Konsequenzen aus und tat dann irgendwie doch das naheliegenste und ging zur kostenlosen Rechtsberatung, die an der Hochschule angeboten wird. Der Herzmensch war mit, als Notfall, weil ich dachte, ich kann’s nicht. Dabei ging im Nachhinein alles von allein und ich konnte die Sache prima schildern. Niemanden hätte ich gebraucht und das zu wissen, ist ein schönes Gefühl.
Der Anwalt konnte mir ziemlich schnell die viele Angst nehmen. Weil dieses System eben doch nicht völlig unfair ist. Nun habe ich also einen Anwalt (klingt sehr komisch und hätte nie gedacht, dass ich in meinem Leben mal einen Anwalt habe) und es wird auf ein Gerichtsverfahren hinaus laufen. Gespannt bin ich. Und die Berufsgruppen, mit denen ich Gespräche führe, werden mehr. Anwälte, Polizisten… Denn die hat der liebe Nachbar irgendwann auch mal gerufen und zu mir geschickt. Nur blöd für ihn, dass ich auch da tatsächlich geschlafen habe und ich die Polizisten enstprechend verwirrt und verschlafen angeschaut habe. Ja, ich bin gespannt, wie es weiter geht. Gemein mag ich zwar nicht sein, aber ich finde, der Nachbar sollte die Gerichtskosten zahlen müssen. Und am meisten bin ich selbst ein bisschen erstaunt darüber, wie gut ich auch sowas hinbekommen und sprechen kann. Denn ich hätte ja einfach das Bußgeld zahlen können. Ganz so hoch ist es nicht. Aber dennoch zu hoch, um es für nichts zahlen zu müssen. Deswegen bin ich stolz auf mich und find’ mich gut.

Mutismus-Reportage im ZDF

Vor ein paar Tagen liefen eine kurze Reportage über Mutismus im ZDF. Boris Hartmann ist auch dabei. Kann man im Internet anschauen:

Mutismus-Reportage

 

Kinderfoto

Der Vater, der auf der Mutismus-Tagung 2011 die Geschichte seiner Tochter vorstellte, hatte viele Fotos von ihr in die Präsentation mit eingebaut. “Mutistische Fotos” und nichtmutistische. Deswegen bin ich auf die Idee gekommen Kinderfotos von mir zu druchstöbern nach Fotos, auf denen ich “mutistisch aussehe”. Sprich starr, nicht sprechend, die Lippen geschlossen, keinen Ausdruck und irgendwie verkrampft. Leider gibt es davon nicht sehr viele, weil die meisten Kinderfotos zu Hause und durch meine Eltern entstanden sind, wo ich ganz normal gesprochen habe. Eins hab’ ich aber gefunden. Ich kann mich sogar daran erinnern, dass dort ein Kind im Kindergarten Geburtstag hatte und es Wackelpudding in Form von Marienkäfern gab und alle Kinder an einem langen Tisch saßen…

Die Sache mit der Anzeige I

Noch am Samstag auf der Mutismus-Tagung hab’ ich darüber nachgedacht, dass ich mal einen Blogartikel über das Thema Streiten und Unstimmigkeiten mit Menschen schreiben könnte.  Mit fremden Menschen. Denn mit bekannten Menschen kann ich Unstimmigkeiten haben und ein bisschen besser bis “gut” streiten. Ich hab’ darüber nachgedacht, dass ich wenig schlagfertig bin und schlecht diskutieren kann. Und darüber, dass ich mich am liebsten schon einige Male mit meinem Briefträger angelegt hätte, weil er mich dumm von der Seite anmachte. Darüber wollte ich mal schreiben. Wie ich damit umgehe.

Und heute, als ich die Post aus dem Briefkasten holte, traf mich fast der Schlag, weswegen es hier mal einen aktuellen Eintrag aus meinem Leben gibt, der so ziemlich gut dazu passt. Denn ich wurde angezeigt. Ernsthaft. Wegen Ruhestörung, die ich nicht begangen habe, weil ich geschlafen habe. Von einem Nachbar, hier im Haus. Weil er vielleicht Langeweile hat oder was weiß ich menschenböses will.
Und wie geht ein Mutist nun damit um? Nun, weiß ich auch noch nicht so genau. Als erstes wechselte sich ein Heulen-wollen mit einem Ich-hau-den-Typ (und böseres) ab. Und fix und fertig sein gab’s auch und so dann trotzdem zum Nebenjob gehen müssen und durchhalten  war auch dabei (denn als ich den Brief las, war ich auf dem Weg zum Job). Und nun bin ich halbwegs wieder ruhig und weiß auch nicht. Erstmal das ausfüllen, was auszufüllen ist und abstreiten und zurück senden. Und sehen, was dann passiert.
Schimpfen würde ich gern. So richtig laut schimpfen mit diesem Mensch, der sowas tut. Was ihm einfällt jemanden anzuzeigen, ohne sich sicher zu sein, dass es berechtigt ist. Und warum man sowas nicht nett und freundlich und menschlich klären kann. Aber gar nichts sage ich. (Wobei das vielleicht auch erstmal besser sein kann…) Und im Nachheinein frage ich mich, warum das denn sein muss. Hab’ ich es denn nicht mit normalen Alltagsdingen schwer genug? Muss ich denn als Mutistin auch noch eine Anzeige bekommen? Und lustig. Auch noch wegen Ruhestörung. Ich lade ja so gern Menschen in meine Wohnung ein und feiere eine Party. Aber offensichtlich muss ich. Warum? Um stärker zu werden? Vielleicht. Na dann wurde ich halt mal angezeigt und ein Bußgeldverfahren ist am Laufen. Als wolle ich das erleben… Aber vielleicht muss man das im Leben lernen. Damit umzugehen. Und mit Mutismus.

Mutismus Tagung 2011 – Rückblick

Rückblickend war’s cool, dass ich dort war. Ich habe einige neue Blogartikelideen und vielleicht auch Erkenntnisse über mich selbst mitgenommen und es war spannend. Auch, wenn ich mich irgendwie ein bisschen komisch gefühlt habe. Als Betroffene inmitten Menschen, die mit Mutisten arbeiten und aus beruflichen Gründen da waren. Aber es war okay.
Anreisetechnisch hat sich die viele Angst nicht bestätigt und alles war gut.
Die ersten beiden Vorträge fand’ ich eigentlich am besten. Im ersten ging es mehr um allgemeine Dinge, die ich ziemlich interessant fand und einiges vorher auch noch nicht wusste. Denn generell hab’ ich nie viel über das Thema Mutismus gelesen, sondern mich mehr mit mir selbst beschäftigt. Vielleicht sollte ich das mal ändern und Fachliteratur lesen. Weil spannend ist es. Aber ich denke, die spannenden Sachen bekommen alle einen Extraeintrag, wenn ich diesbezüglich ein bisschen nachgelesen habe.
Der zweite Vortrag war von einem Vater über die Geschichte seiner Tochter. Das fand’ ich ehrlich gesagt ziemlich berührend und hatte teilweise sogar Gänsehaut. Nicht nur, weil ich die Vortragsart von dem Vater mochte, sondern auch, weil ich mitfühlen konnte. Wie schwer das alles ist. Und am Ende seiner Präsentation zeigte er ein Video von seiner Tochter. Wie sie sprach. Man hat es leider nicht gut verstanden, aber die Stimme hat man gehört. Das fand’ ich toll. (Den passenden Artikel dazu gibt es in der aktuellen Mutismus-Zeitschrift.) Auch hier ist mir was eingefallen, worüber ich vielleicht mal bloggen könnte.
Beim dritten Vortrag fand’ ich die Fallbeispiele interessant, von denen die Referentin erzählte und mit dem vierten Vortrag konnte ich leider nicht so viel anfangen. Es ging um Workshops und um Übungen, die mit mutistischen Jugendlichen duchgeführt wurden. Aber für Therapeuten war’s sicherlich spannend.
Am Ende wurden Bücher unter den Teilnehmern verlost. Ich hab’ die ganze Zeit gebetet, dass ich nichts gewinn’, weil ich dann hätte nach vorn gehen müssen. Und dann wurde aufeinmal ein mutistisches Mädchen aufgerufen, die mit ihren Eltern dort war. Sie konnte nicht nach vorn gehen. Ein bisschen komisch war es für mich, einen Mutisten “in Aktion zu erleben”. Bisher kannte ich das nur von mir. Aber irgendwie auch beruhigend, dass man nicht allein ist. Dass es Menschen gibt, die sich genauso komisch benehmen, wie man selbst. Da fühlt man sich ein bisschen weniger außerirdisch.
Auch fand’ ich es toll zwei “bekannte Mutismusmenschen” live und real zu sehen. Zum einen Dr. Boris Hartmann und zum anderen den Gründer von Mutismus.de, ein ehemals Betroffener, der die Tagung moderierte.

Für mich mitgenommen hab’ ich die Erinnerung an all’ das, was ich bisher geschafft habe. Wie mühsam jedes einzelne Wort war und wie kleinschrittig ich immer weiter voran gegangen bin. Die Erinnerung, dass es zwar verdammt schwer ist, aber geht. Und daran, wie ich mal war. Nämlich schweigend. Eine Referentin erzählte während ihres Vortrages, dass sie eine Tagungsteilnehmerin ansprach und sie schwieg. Sie erzählte, wie sie dabei empfand. Dann musste ich ein bisschen lächeln, denn kurze Zeit davor sprach mich selbst jemand mit einer Frage an und ich antwortete, als hätte ich schon mein ganzes Leben nichts anderes gemacht. Ja und deswegen hab ich die Erinnerung an ein Früher mitgenommen, weil man sowas manchmal vergessen kann.
Und gern mitgenommen hätte ich meinen Therapeut. Weil ich finde, er hätte da gut hingepasst. Auf die Tagung. Weil er seine Arbeit perfekt gemacht hat und ich das gern mit ihm geteilt hätte. Die vielen Gedanken in meinem  Kopf. Also war’s auch ein bisschen traurig für mich. Weil er mir fehlt und ich ihm das alles irgendwie zu verdanken hab’. Ja, ich weiß ich hab’s selbst gemacht, aber ohne ihn wär’s nicht gegangen.
Es war eine gute Entscheidung dort hin zu fahren. Und wenn es nochmal irgendwann passt, von der Zeit und der Entfernung, tue ich es wieder.

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