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Leserfragen zum Leben mit Mutismus

Da ich mittlerweile auch schon einige Fragen über formspring.me erhalten und beantwortet habe, wollte ich diese der Vollständigkeit halber hier im Blog auch nochmal veröffentlichen.

1. Hast du einen Führerschein? Wenn ja, wie waren für dich der Fahrschulunterricht und die Fahrstunden?

Ja, ich habe einen Führerschein und das mittlerweile sogar schon seit vier Jahren. Und ich fand alles eher schlimm als gut. Eigentlich wollte ich den Führerschein auch gar nicht machen. Aber da ich in einem kleinen Ort aufgewachsen bin, wo die Busverbindung schlecht bis gar nicht vorhanden ist, ist ein Führerschein schon sinnvoll.
Der Unterricht war in Ordnung, mit der theoretischen Prüfung hat alles prima geklappt, nur die Fahrstunden nicht. Zum einen, weil man ja auch irgendwie mal mit seinem Fahrlehrer kommunizieren sollte und zum anderen fällt es mir extrem schwer in Gegenwart fremder Menschen etwas zu lernen und zu üben. Besser gesagt ich bin dann so aufgeregt und vielmehr mit dem Thema Mutismus (was sage ich jetzt, verstehe ich das richtig, habe ich Fragen, wie frage ich was) beschäftigt, als mich auf den Inhalt konzentrieren zu können.
Und generell zu dem Thema kann ich sagen, dass ich nicht unbedingt große Freude am Autofahren habe. Ob das allerdings mit dem Mutismus zu tun hat, weiß ich nicht. Ich finde Autofahren ein bisschen unkontrollierbar. Das mag nun etwas verrückt klingen, aber ich plane gern alles und habe mich auf Situationen schon oft vorher gedanklich vorbereitet. Und das geht beim Autofahren irgendwie schlecht. Zum Beispiel hätte ich gern die Sicherheit einen festen Parkplatz zu bekommen, den ich in Gedanken schon vor mir habe und planen kann. Aber das geht nicht. Dann ist der Parkplatz voll, die Ampel rot, dann kann man die Spur nicht wechseln, verpasst die Ausfahrt oder Kreuzung ist auf einmal an einem völlig anderen Ort. Und was dann? Beim Zugfahren hat man den Fahrplan, steigt ein, wieder aus und ist da. Genauso zu Fuß. Das ist einfach wenig komplizierter.
Aber all das bedeutet nicht, dass Autofahren jedesmal eine riesige Anstrengung ist. Aber ich streite mich eben auch nicht darum jetzt unbedingt auf den Fahrersitz steigen zu müssen.

2. In einer Beziehung, kannst du da laut streiten?

Ja, kann ich. Ich kann schreien, schimpfen und hörbar wütend sein. In Streitsituationen bin ich nicht auf den Mund gefallen, kann mich verteidigen, kann diskutieren und habe kein “Mutismus-Blackout” sodass mir keine Worte einfallen. Sprich, in einer Beziehung kann ich streiten, wie ein ganz normaler Mensch.

3. Wenn du krank bist, und zum Arzt musst, fällt es dir dann schwer, dem Arzt deine Symptome zu schildern?

Generell fällt mir das ganze Thema schwer. Sprich ich muss überhaupt erstmal zum Arzt gehen und das tue ich wirklich nur, wenn es sein muss. Da kann man eventuell schon beim Terminmachen scheitern. Dann muss man sich anmelden, sagen was man will und dann kommt es auch darauf an, ob ich den Arzt kenne und mir die Praxis bekannt ist oder nicht.
Bisher bin ich eigentlich nur zum Arzt gegangen, wenn ich wirklich krank war und das ist zum Glück nicht ganz so oft der Fall. Aber dennoch muss ich Arztbesuche immer “vorbereiten”. D.h. mir überlegen, was ich will und wie ich das sagen kann und eigentlich alles erstmal vorher im Kopf durchdenken. Aber wenn ich denn dann erstmal da bin, klappt das alles eigentlich ganz gut und normal.

Einen, wie ich finde, sehr guten Eintrag über Arztbesuche, Gedanken, die man sich dabei machen und wie man sich fühlen kann, hat sara in ihrem Blog still.schweigend.

4. Kann man mit der Krankheit überhaupt normal durch das Berufsleben gehen? Was arbeitest Du denn?

Ich denke, wenn man sich anstrengt, schon. Da ich aber studiere und noch nicht wirklich im Berufsleben bin, kann ich die Frage auch nicht aus eigener Erfahrung beantworten. Ich kann nur sagen, dass ich bisher alles (Schule, Praktika) irgendwie “normal” geschafft habe.

Die Bedürfnispyramide nach Maslow

Bedürfnispyramide nach Maslow © flickr / henneundei

Bedürfnispyramide nach Maslow © flickr / henneundei

Die Bedürfnispyramide von Maslow ist ein Modell um die Motivation von Menschen zu beschreiben. Die Bedürfnisse sind hierbei die einzelnen Stufen der Pyramide und bauen aufeinander auf. Erst wenn die Bedürfnisse der unteren Stufe gestillt sind, strebt der Mensch nach einer höheren Bedürfnisstufe.

Die Stufen der Bedürfnispyramide

Zur ersten Stufe der körperlichen Existenzbedürfnisse zählen essen, schlafen, atmen, Wärme, Gesundheit, Wohnraum und Bewegung.
Zur Stufe der Sicherheitsbedürfnisse zählen ein festes Einkommen, eine Absicherung Schutz vor Gefahren und ein Dach über dem Kopf.
Die Stufe der sozialen Beziehungen umfassen Familie, Freundeskreis, Partner, Liebe und Kommunikation.
Soziale Wertschätzung meint Anerkennung, Geld, ein höherer Status, Respekt, Wohlstand, Erfolge und körperliche sowie psychische Stärke.
Die letzte Stufe der Pyramide, die Selbstverwirklichung beinhaltet Individualität, Unabhängigkeit, Selbstverbesserung und Entfaltung.

Bedürfnisse und Mutismus

Interessant finde ich, dass man – vor allem bei psychischen Krankheiten – förmlich zusehen kann, wie man die Pyramide herauf oder herunter geht. Das ist jedenfalls bei mir und dem Mutismus so.
Erst würde man gern im Supermarkt Essen und Trinken kaufen können. Die Verkäufer begrüßen, bezahlen und Fragen stellen, wenn man welche hat. Dann strebt man vielleicht einen Job und eine eigene Wohnung an und danach Freunde und soziale Kontakte. Und eigentlich könnte man dann zufrieden sein, vor allem als Mutist.
Aber ich bin’s nicht. Weil man einen guten Job möchte, der einem Spaß macht. Oder man mehr Geld verdienen möchte und nicht nur das “Überleben” im Vordergrund steht, sondern auch Interessen, neue Ziele, mehr Freunde und so weiter.
Ich möchte zum Beispiel nun mein Studium beenden. Und danach am liebsten einige Zeit im Ausland wohnen. Dabei wollte ich noch vor drei Jahren eigentlich nur Essen im Supermarkt kaufen können, damit man nicht verhungert. Und das überhaupt erstmal auf Deutsch.
Verrückte Sache, die Psyche des Menschen.

Mut-is(t)-mus(s)

mut-is-mus © mutismusblog.de

mut-is-mus © mutismusblog.de

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Wie ist das, wenn du deine eigene Stimme hörst? Sei es dass du sie aufnimmst am PC, sei es dass du dir einfach beide Ohren zuhältst und dann etwas vorliest? Ist dir deine eigene Stimme zu hören ein großes Problem bzw. eine großer Schrecken?

Eigentlich ist es kein großes Problem für mich, wenn ich meine Stimme beim Sprechen selbst höre. Zwar ist es irgendwie komisch meine Stimme in Mutismussituationen, sprich bei fremden Menschen selbst zu hören, weil ich es eben von mir nicht kenne und ungewohnt ist, aber das liegt nicht daran, dass ich persönlich meine Stimme nicht mag. Eigentlich empfinde ich meine Stimme sogar als normal, wie jede andere auch.
Nur aufgenommen mag ich sie gar nicht. Aber ich habe erst sehr spät die Erfahrung gemacht, wie sich die aufgenommene Stimme überhaupt anhört, da es keine Kindervideos von mir gibt und der erste PC kein Mikro hatte. Daher hat das den Mutismus also nicht beeinflusst. Nur heute merke ich, dass ich bei Videos oder Tonaufnahmen wieder total verstummen kann und es absolut nicht mag.

2. Wie ist das, wenn du jemanden gern hast? Kannst du das dann sagen?

Um es kurz zu machen, nein. Jedenfalls nicht, wenn mir der Mensch relativ unbekannt ist oder ich gerade dabei bin ihn kennen zu lernen und Interesse an mehr hätte. Aber eine ganz praktische Erfindung ist bei diesem Thema besonders für mich das Internet. Und wenn mir der Mensch erstmal vertraut ist, kann ich ganz normal sprechen. Also auch sagen, dass ich jemandem mag oder liebe.

Interview mit einer Betroffenen

1. Seit wann leidest du an Mutismus?

Ich leide seit ich denken kann an selektiven Mutismus. So richtig gemerkt wurde es als ich so ca. 2 Jahre alt war. Da wir sehr zurückgezogen lebten und kaum Kontakte hatten war es wohl zuerst nicht so offensichtlich.

2. Wie wurde Mutismus bei dir diagnostiziert?

2001 kam ich in die Psychiatrie wegen Suizidgedanken und ich hatte das Buch „Jadie, dass Mädchen das nicht sprechen wollte“ in der Klinik mit. Die Ärztin dort hat sich dafür interessiert und las es ein wenig. So kam die Diagnose zustande.

3. Kennst du die Ursachen von deinem Mutismus?

Ich habe Vermutungen, aber ich bin mir natürlich nicht ganz sicher. Bei uns in der Familie gibt es Ängste, Depressionen und soziale Phobie. Meine Mama war viele Jahre selbst mutistisch, was die Kindererziehung und das Partnerleben erheblich erschwerten. Es wurde gemacht mit ihr, was die anderen wollten. Selbst heute hat sie noch Probleme auf Feste zu gehen, was zu Auseinandersetzungen führt. Aufrechterhaltungen waren mehrere Krankenhausaufenthalte wegen Asthma und familiäre Probleme, als ich klein war. Später folgten traumatische Erlebnisse, sexuelle Übergriffe, der Verlust meiner Brüder und zwei Psychiatrieaufenthalte, was mich wieder aus der Bahn und in den Mutismus warf.

4. Gibt es Menschen, bei denen dir das sprechen leichter fällt?

Ja, es gibt Menschen, bei denen ich leichter sprechen kann. Menschen, die mich nicht fertig (anschreien, erniedrigen, usw.) machen oder die ich nicht kenne und nicht schon geschwiegen habe. Bei Menschen, die mich schweigend kennen, bringe ich nicht so leicht ein Wort über die Lippen. Was mir auch noch schwer fällt ist, über mein Probleme, also persönliche Dinge zu sprechen. Wenn jemand nach der Uhrzeit fragt ist es bedeutend leichter.

5. Wie gehen deine Eltern, Geschwister und Angehörige damit um?

Meine Mama versteht mich sehr gut, weil sie es selber kennt. Verwandte können damit nur schwer umgehen. Oft kommen Vorwürfe, dass Mama mich krank gemacht hätte und so. Meinen Verwandten gehe ich aus dem Weg, weil häufig nur solche Vorwürfe kommen und ich mich sprachlich nicht wehren kann. Ich will nicht zurückbrüllen oder auch mit Vorwürfen herumballern, weil es nichts bringt. Das ist so gut wie alles kaputt.

6. Wie gehen deine Freunde/Partner damit um?

Freundschaft ist echt schwierig, da ich meistens immer das mache, was mir gesagt wird und wenn es mir mal zu viel wird, ziehe ich mich zurück, was Unverständnis und auch Streit gibt. Wenn ich mal meine Meinung sage, dann werde ich auch angeschrien und dann sage ich nichts mehr, weil ich nicht auf mein Recht pochen will und auch keine Kraft habe in so einer Redensart weiter zu kommunizieren. Ist nicht gesund, aber ich weiß nicht, wie ich es weiter machen soll. In einer Partnerschaft stehe ich noch nicht, da ich erst lebensfähig sein möchte. Nicht, dass ich an einem Typ gerate, der mir weh tut und ich mich nicht wehren kann (dass ich alles tue was er mir sagt).

7. Was machst du beruflich?

Ich strebe an nächstes Jahr eine Reha-Ausbildung zu machen. In einer Reha-Ausbildung sind Psychologen und ich werde dort in einem Internat schlafen. Beruf kann ich leider nicht genau sagen. Es wird erst einmal geschaut, physisch und psychisch, was ich machen könnte und was nicht. Dazu laufen jetzt amtsärztliche Untersuchungen.

8. Wie stark warst du in der Schule von dem Mutismus eingeschränkt?

Das war in der Schule sehr unterschiedlich! In der ersten Klasse war ich ziemlich ruhig, aber ich schien gelesen zu haben, so wie es auf meinem Zeugnis steht. Genauso auch in der zweiten Klasse. Allerdings gab es in Musik Schwierigkeiten, da ich nicht singe. Nur unter Tränen summte ich die Melodie, nachdem die Musiklehrerin mich unter Druck setzte. Ab der dritten Klasse sang ich auf jeden Fall nie wieder, was mir eine 6 nach der anderen brachte. In der dritten Klasse schwieg ich seit Anfang des neuen Schuljahres überall. Meine Klassenlehrerin konnte damit aber prima umgehen. Sie nahm mich immer wieder dran, wartete einige Sekunden und wenn es nicht klappte, dann nahm sie einen andern dran, ohne mich weiter unter Druck zu setzen. Irgendwann hatte ich so viel Mut doch vorzulesen und Gedichte vorzutragen. Nach der Grundschule hatte ich so gut wie kein Musik, jedenfalls nicht singen. Ich fiel hin und wieder bei belastenden Problemen ins Schweigen. Besonders schlimm wurde es in der neunten Klasse, wo ich dann auch in die Psychiatrie kam. Nach den Aufenthalten in Psychiatrien war ich ein Wrack. Ich saß nur noch in einer Ecke, habe geweint, geschrien und ließ einige Monate keinen an mich heran, selbst meine Mama nicht zu der ich das meiste Vertrauen habe. Ich redete so gut wie fast gar nicht mehr. 2004 machte ich noch eine Kur. Die tat mir viel besser. Dort habe ich sogar meine Angst zu singen abgebaut und sang in der Karaokebar. Dann holte ich 2005/2006 meinen Abschluss nach und bestand, aber es gab da natürlich auch Schwierigkeiten mit dem Sprechen.

9. Machst du eine Therapie?

Ich war bei etlichen Therapeuten, aber erst das Internet hat mir geholfen die richtige Therapie zu erhalten (Logopädie und Psychotherapie). Da mein Vertrauen kaputt ist, erweist sich die Therapie als schwierig. Belastende Ereignisse werfen mich immer wieder ins Schweigen zurück. Durch die vielen traumatischen Ereignisse und Fehltherapien, habe ich das Vertrauen in mich selbst und in Therapeuten verloren. Seit April 2008 nehme ich ein Antidepressivum (30mg Citalopram). Seitdem bin ich kein Bettnässer mehr und traue mir auch etwas mehr zu.

10. Wenn ja, ist es besser geworden? Was hat sich verändert?

Es ist auf jeden Fall besser geworden. Ich traue mich schon öfter zu telefonieren und mit Leuten zu sprechen. Aber es ist noch viel zu tun, damit ich nicht immer ins Schweigen verfalle.

11. Wie geht es dir heute?

Ich versuche heute damit klar zu kommen. Aber es gibt immer noch viele Tiefs. Es ist aber in Ordnung und ich lerne damit umzugehen. Auch wenn es immer noch vorkommt, dass ich mich selbst verletze (SVV) und hin und wieder in den Mutismus verfalle bin ich zufrieden, dass ich nicht aufgegeben habe und weiter kämpfe.

Vielen Dank an Peggy, 24 Jahre.

Fahrplanauskunft l

„Na, dann lass’ uns losgehen, zum Bahnhof“, sagte Herr V. mit einem Lächeln.
„Wie, was? Jetzt?“, fragte Alena skeptisch.
„Ja. Oder spricht etwas dagegen?“
Nein, an sich nicht. Aber trotzdem ging das nicht einfach mal eben so. Und schon gar nicht heute und jetzt. Da muss man drüber nachdenken. Man muss sich vorbereiten und Nächte darüber schlafen. Auch, wenn sie nun schon eine halbe Stunde der Therapie darüber geredet hatten. So schnell ging das nicht.
Alena wollte wieder zur Schule gehen. Sie war nun schon vier Monate in der psychiatrischen Klinik und das neue Schuljahr hatte inzwischen begonnen. Extern, nannte man das hier und die Möglichkeit gab es. Viele Patienten gingen extern zur Schule. Nur war die Schule der anderen Patienten in derselben Stadt und nicht 40 Kilometer außerhalb. Und darum musste erst geschaut werden, ob das funktioniert und ob es eine Zugverbindung gab.
Ehe Alena Argumente einfielen, was denn nun eigentlich dagegen spricht sofort zum Bahnhof zu laufen und sich eine Fahrplanauskunft zu holen, stand Herr V. schon in seinem Büro und schnappte sich seine Jacke, die über dem Schreibtischstuhl hing.
„Lass’ uns hoch gehen. Ich sag’ schnell im Dienstzimmer bescheid und du holst deine Jacke“, sagte Herr V.
Nein. Ich kann das nicht. Nicht jetzt, dachte Alena still und folgte Herr V.,  wie automatisiert, der schon den Schlüssel zückte, um seine Bürotür abzuschließen.
Alena schlich in ihr Zimmer, schnappte ihre Jacke und hörte Herr V. gerade fragen, ob sie laufen oder mit der Straßenbahn fahren wollen.
„Laufen!“ Dann ist mehr Zeit, dachte Alena.

Und so gingen sie den kurzen Weg zum Bahnhof zu Fuß.
„Wie geht es dir?“, fragte Herr V.
„Ich kann das nicht“, antwortete sie gequält und verzog das Gesicht dabei vor Angst.
Ihr war übel. Ihr Magen fuhr Achterbahn. Und alles tat ihr weh. Ihren Herzschlag konnte sie trotz der quietschenden Straßebahnen und der vorbeifahrenden Autos hören. Sie merkte selbst kaum, wie sie einen Fuß vor den anderen setzte und neben Herrn V. zum Bahnhof ging.
Es war komisch neben ihm zu gehen. Überhaupt, war es komisch mit ihm irgendwo hin zu gehen, denn sie kannte ihn nur in seinem Büro als ihren Therapeuten. Drin. Draußen war ihre Welt. Da war sie allein.
„Wir gehen da erstmal einfach nur hin“, schlug Herr V. mit beruhigender Stimme vor.
Nur hingehen, sagte Alena zu sich selbst, damit sie nicht schlagartig umdrehte und zurück rannte.
Sie gingen die Treppe zum Bahnhof hinauf, durch die Glastür und die große Bahnhofshalle entlang bis zum Servicebereich.
In einem Glaskasten waren einige Schalter und dahinter saßen die Mitarbeiter. Es waren bestimmt insgesamt 10 Schalter und einige Reisende mit ihren Koffern waren auch dort. Das konnte man durch das Glas gut sehen.
Alena blieb stehen. Reingehen geht nicht. Herr V. blieb auch stehen und schaute sie an. „Möchtest du hineingehen?“
Alena schüttelte schnell und energisch den Kopf. Wenn sie irgendetwas tat, dann wäre das zurückgehen.
„Weißt du, was du sagen möchtest?“, fragte Herr V.
„Ich kann nicht“, antwortete sie diesmal noch gequälter. Man konnte Alena die Anspannung im Gesicht ansehen.
Um sie herum war alles taub und verschwommen. Die ganzen Geräusche klangen Meter weit entfernt.
Es war viel zu kompliziert nach einer Zugverbindung zu fragen. Es gab zig Möglichkeiten. Viel zu viele Wörter und Sätze. Und auch zig Antwortmöglichkeiten der Mitarbeiter.
Ich möchte wieder zurück, dachte Alena. Ich kann das nicht!
Aber zurückgehen war auch irgendwie nicht richtig. Nein! Sie wollte das können. Einfach wieder zurückgehen ging auch nicht. Gar nichts ging. Nicht vor und auch nicht zurück.
„Ich könnte sagen, dass ich von hier zur Schule fahren möchte. Und dass ich dazu gern eine Fahrplanauskunft hätte“, sagte Alena plötzlich.
„Das klingt gut.“

Herr V. schlug vor, einfach mal hineinzugehen. Sie könnten ja dann wieder herausgehen, wenn es nicht klappte.
Okay, Alena folgte ihm.
In dem Glaskasten war alles ganz anders. Viel ruhiger. Und die Leute standen alle in einer Schlange und warteten bis sie an der Reihe waren. Es gab viele Schalter für den Fernverkehr und einen Schalter für den regionalen Verkehrsverbund. Man hörte das Klappern von Computertastaturen.
Herr V. zeigte auf den regionalen Schalter. Dort stand kein Fahrgast und ein Mann hinter dem Tisch schaute sie an, als sie ein Stück näher kamen. Sofort drehte ihm Alena den Rücken zu und schaute nun Herrn V. an. Er schaute sie an und lächelte aufmunternd.
Es geht nicht, hätte ihr Blick jammernd zu ihm gesagt, wenn sie gesprochen hätte.
Plötzlich ging sie schnell an Herrn V. vorbei und wieder hinaus. Draußen in der Bahnhofshalle war es besser. Da schlug das Herz nicht ganz so schlimm. Herr V. folgte ihr.
„Fällt es dir leichter, wenn ich dabei bin oder draußen bleibe?“
„Draußen bleiben“, antwortete Alena leise.
„In Ordnung.“
Herr V. drehte sich um und ging einige Schritte von ihr weg. Er tat so, als wäre er einer der Reisenden und würde warten. Auf irgendwas anderes und nicht auf sie, die gerade durch die Hölle ging. Herr V. ging bis zur großen Uhr und drehte sich um, um zurück zu schauen. Sie waren jetzt schon über eine halbe Stunde am Bahnhof. Alena verpasste gerade das Mittagessen und Herr V. würde sicher auch zu irgendwas zu spät kommen.
Oh man, dachte Alena.
Die Minuten vergingen, sie stand wie angewurzelt da. Sie hatte sich keinen Schritt bewegt. Irgendwann kam Herr V. wieder zurück.
„Ich kann das nicht!“, Tränen quollen ihr aus den Augen hervor.
Er schaute sie an und reichte ihr ein Taschentuch. Er wartete, bis sie sich wieder beruhigt hatte und legte seine Hand auf ihren Arm. „Soll ich noch mal weggehen?“
„Ja“, flüsterte Alena und er drehte sich wieder um.
Alena warf einen Blick hinter das Glas. Der Mann saß immer noch allein hinter dem Schalter und wartete auf Fragen. Für ihn war das völlig normal den ganzen Tag Fragen zu beantworten.
Los jetzt! Gehen!
Und sie ging hinein. Sie ging bis ans Ende der Schalter und auf den Mann zu, der sie wieder anschaute. Sie ging immer weiter bis sie vor ihm stand.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte er.
„Hallo“, sagte Alena leise mit zitternder Stimme. Und sie sagte auch das, was sie sich vorher überlegt hatte. Dann hörte sie das Klappern der Tastatur, als der Mann ihre Verbindung in den Computer eingab. Plötzlich fragte er, wer  denn der Mann sei, der vor einigen Minuten auch da gewesen war. Ob es Alenas Onkel wäre.
Oh nein. Das muss für Andere sicherlich komisch ausgesehen haben. Ein Mann, der auf ein junges Mädchen einredet, das absolut gar nicht glücklich aussieht.
„Nein“, antwortete Alena und schwieg dann. Sie konnte doch dem Mann nicht sagen, dass das ihr Therapeut war und sie doch eigentlich gar nicht sprechen konnte und das gerade übte.
Sie wartete bis die Verbindungen hin und zurück ausgedruckt waren und verabschiedete sich leise, um ganz schnell wieder aus dem Glaskasten zu verschwinden. Aber diesmal mit einem Zettel in der Hand.
Herr V. stand vor ihr, als sie wieder in der Bahnhofshalle stand. Er lächelte sie an. Und Alena strahlte beinahe. Zwar sah man ihr den Kampf, den sie gerade durchstehen musste an und sie konnte es eigentlich noch gar nicht richtig glauben, was sie soeben getan hatte, aber sie hätte bis über beide Ohren strahlen können.
„Wie war es?“, fragte Herr V. und Alena erzählte ihm von dem Mann, der fragte, wer er sei.
Herr V. lachte: „Aber es ist ja nett von ihm, dass er nachfragt und sich Sorgen macht um ein Mädchen, das von einem Mann angequatscht wird.“
Alena lächelte auch. Ja, das war es.

Sie schaute stolz auf ihren ergatterten Zettel. Oh, verdammt. Es war falsch! Es war die falsche Verbindung! Da wollte sie doch gar nicht hin. Nein, verdammt! Da musste irgendwas schief gegangen sein. Ein Missverständnis.
Sie fluchte. Das bedeutete, dass das ganze noch mal gemacht werden musste. All der ganze Mist und nun trotzdem ohne Ergebnis. Am liebsten hätte sie den Zettel vor Wut zerrissen. Alles umsonst!
„Aber du warst da. Du hast es gemacht“, erinnerte sie Herr V. stolz.
„Ja, aber…“
Ja, sie hatte es gemacht. Und wenn sie darüber nachdachte, hatte sie so etwas noch nie in ihrem Leben gemacht. Noch nie. Und eigentlich konnte man die Gespräche mit fremden Menschen auch an einer Hand abzählen. Hatte sie überhaupt jemals schon mit Fremden gesprochen?
Ja, aber es war doch die falsche Verbindung…

Fahrplanauskunft II

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Kannst du, wenn du allein bist, ein Lied summen oder singen?

Ja, das ist kein Problem. Das macht mir manchmal sogar Spaß, wie zum Beispiel nachts allein beim Autofahren. Und dann würde ich gern richtig singen und Gitarre spielen können. Bis vor kurzem hätte ich nun auch noch geantwortet, dass ich unter Menschen absolut nicht singen kann. Allerdings habe ich es vor einiger Zeit erst getan und habe daher nun keine genaue Antwort mehr. Ich würde mal sagen, es ist abhängig von den Menschen. Von der Anzahl, von der Lautstärke der Musik, davon wie laut man meine Stimme hören kann und und und. Völlig allein und mit leiser Musik und Zuhörern kann ich allerdings (noch) nicht singen.
Damals fiel es mir unwahrscheinlich schwer mit anderen zu singen, wie zum Beispiel in der Schule im Musikunterricht, im Gottesdienst und Konfirmandenunterricht oder unter Freunden aus Spaß. Oft habe ich dann einfach nur die Lippen bewegt, damit es so aussah, als ob ich singe.

2. Was empfindest du, wenn du anderen bei einem Gespräch zuhörst?

Hm, unterschiedlich. Manchmal eigentlich gar nichts. Dann ist es völlig okay, wenn sich andere um mich herum unterhalten und ich nichts oder nur sehr wenig sage. Und manchmal fühle ich mich ziemlich gestresst, weil ich versuche mich irgendwie bemerkbar zu machen und mit zu reden. Dann bin ich irgendwie immer angespannt und auf der Hut jeden Moment etwas sagen zu müssen. Das ist meistens der Fall, wenn es um neue Menschen geht, die mich noch nicht kennen, damit ich einen guten Eindruck hinterlassen kann. Oder besser gesagt einen nicht all zu stillen Eindruck. Und manchmal fühle ich mich schrecklich. Dann bin ich tierisch neidisch und es ist an allen Ecken und Enden schwer. Das ist meistens so, wenn es um irgendetwas geht, was ich auch gern machen möchte, aber durch den Mutismus nicht kann. Das können ganz verschiedene Dinge sein, zum Beispiel etwas spielen, eine Geschichte erzählen und so weiter. Dann muss ich nicht nur mit den komischen Blicken der anderen klarkommen, warum ich das denn nun nicht mache, sondern auch mit mir selbst. Es ist dann unheimlich schwierig mir nicht selbst ständig Ohrfeigen geben zu wollen und mich dabei auch noch irgendwie zu mögen oder den Mutismus als Problem zu akzeptieren. Dann bin ich in solchen Situationen meistens mit mir selbst beschäftigt, weil ich mich irgendwie wieder beruhigen muss, damit ich nicht losheule und wegrenne.

“The Big Bang Theory”

“In the television sitcom “The Big Bang Theory”, the character of Rajesh Koothrappali suffers from selective mutism. His results from social anxiety and renders him unable to talk to women who are not family members.”

wikipedia.com

Ausladen

„Das schlimmste an allem ist, dass ich mit mir selbst leben muss“, dachte Alena als sie in der Dunkelheit nach Hause ging. Sie kam gerade von einer Feier, auf die sie von einer Kommilitonin eingeladen wurde. Eigentlich wollte sie gar nicht hingehen. Sie mochte Feiern nicht. Oder sie hatte einfach viel zu viel Angst, es war immer irgendwie anstrengend oder die Blockade war sowieso wieder da, sodass sie verstummte. Aber sie ging trotzdem hin. Mehr aus dem Grund, nicht die Kontakte zu verlieren, als aus Spaß.
Und mal wieder hatte sie sich grauenvoll benommen. Besser gesagt hatte sie sich gar nicht benommen, weil sie überhaupt nichts machte und das war das Problem. Es wurde gespielt, geredet und getrunken und eigentlich hörte Alena nur zu oder lächelte mit.
Sie war unsichtbar und stumm. Und das schlimmste daran war eigentlich, dass die anderen sie das nächste Mal einfach nicht mehr einladen bräuchten, wenn sie Alena nicht so akzeptieren oder sie ihnen unsympathisch war. Aber sie selbst konnte das nicht. Als könnte das einem selbst so gefallen, wenn man inmitten einer lachenden Gruppe junger Leute saß und selbst kein einziges Wort heraus bekam. Aber ja, sie konnten denken, was soll das denn und laden sie das nächste Mal einfach gar nicht mehr sein. Und sie selbst?
Am liebsten würde sie sich selbst gar nicht mehr einladen. Oder einfach ausladen, um nichts mehr mit sich zu tun haben zu müssen.
„Ich will mich nicht mehr haben, mich selbst nicht dabei haben“, dachte Alena unter dem Sternenhimmel. Wenn es doch nur so leicht wäre, wie andere Menschen es haben. Einfach ausladen. „Ich will mich selbst nicht mehr haben. Aber ich muss. Tagtäglich muss ich mich immer wieder dabei haben. Ich will mich nicht.“

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