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Leserfragen zum Leben mit Mutismus

Da ich mittlerweile auch schon einige Fragen über formspring.me erhalten und beantwortet habe, wollte ich diese der Vollständigkeit halber hier im Blog auch nochmal veröffentlichen.

1. Hast du einen Führerschein? Wenn ja, wie waren für dich der Fahrschulunterricht und die Fahrstunden?

Ja, ich habe einen Führerschein und das mittlerweile sogar schon seit vier Jahren. Und ich fand alles eher schlimm als gut. Eigentlich wollte ich den Führerschein auch gar nicht machen. Aber da ich in einem kleinen Ort aufgewachsen bin, wo die Busverbindung schlecht bis gar nicht vorhanden ist, ist ein Führerschein schon sinnvoll.
Der Unterricht war in Ordnung, mit der theoretischen Prüfung hat alles prima geklappt, nur die Fahrstunden nicht. Zum einen, weil man ja auch irgendwie mal mit seinem Fahrlehrer kommunizieren sollte und zum anderen fällt es mir extrem schwer in Gegenwart fremder Menschen etwas zu lernen und zu üben. Besser gesagt ich bin dann so aufgeregt und vielmehr mit dem Thema Mutismus (was sage ich jetzt, verstehe ich das richtig, habe ich Fragen, wie frage ich was) beschäftigt, als mich auf den Inhalt konzentrieren zu können.
Und generell zu dem Thema kann ich sagen, dass ich nicht unbedingt große Freude am Autofahren habe. Ob das allerdings mit dem Mutismus zu tun hat, weiß ich nicht. Ich finde Autofahren ein bisschen unkontrollierbar. Das mag nun etwas verrückt klingen, aber ich plane gern alles und habe mich auf Situationen schon oft vorher gedanklich vorbereitet. Und das geht beim Autofahren irgendwie schlecht. Zum Beispiel hätte ich gern die Sicherheit einen festen Parkplatz zu bekommen, den ich in Gedanken schon vor mir habe und planen kann. Aber das geht nicht. Dann ist der Parkplatz voll, die Ampel rot, dann kann man die Spur nicht wechseln, verpasst die Ausfahrt oder Kreuzung ist auf einmal an einem völlig anderen Ort. Und was dann? Beim Zugfahren hat man den Fahrplan, steigt ein, wieder aus und ist da. Genauso zu Fuß. Das ist einfach wenig komplizierter.
Aber all das bedeutet nicht, dass Autofahren jedesmal eine riesige Anstrengung ist. Aber ich streite mich eben auch nicht darum jetzt unbedingt auf den Fahrersitz steigen zu müssen.

2. In einer Beziehung, kannst du da laut streiten?

Ja, kann ich. Ich kann schreien, schimpfen und hörbar wütend sein. In Streitsituationen bin ich nicht auf den Mund gefallen, kann mich verteidigen, kann diskutieren und habe kein “Mutismus-Blackout” sodass mir keine Worte einfallen. Sprich, in einer Beziehung kann ich streiten, wie ein ganz normaler Mensch.

3. Wenn du krank bist, und zum Arzt musst, fällt es dir dann schwer, dem Arzt deine Symptome zu schildern?

Generell fällt mir das ganze Thema schwer. Sprich ich muss überhaupt erstmal zum Arzt gehen und das tue ich wirklich nur, wenn es sein muss. Da kann man eventuell schon beim Terminmachen scheitern. Dann muss man sich anmelden, sagen was man will und dann kommt es auch darauf an, ob ich den Arzt kenne und mir die Praxis bekannt ist oder nicht.
Bisher bin ich eigentlich nur zum Arzt gegangen, wenn ich wirklich krank war und das ist zum Glück nicht ganz so oft der Fall. Aber dennoch muss ich Arztbesuche immer “vorbereiten”. D.h. mir überlegen, was ich will und wie ich das sagen kann und eigentlich alles erstmal vorher im Kopf durchdenken. Aber wenn ich denn dann erstmal da bin, klappt das alles eigentlich ganz gut und normal.

Einen, wie ich finde, sehr guten Eintrag über Arztbesuche, Gedanken, die man sich dabei machen und wie man sich fühlen kann, hat sara in ihrem Blog still.schweigend.

4. Kann man mit der Krankheit überhaupt normal durch das Berufsleben gehen? Was arbeitest Du denn?

Ich denke, wenn man sich anstrengt, schon. Da ich aber studiere und noch nicht wirklich im Berufsleben bin, kann ich die Frage auch nicht aus eigener Erfahrung beantworten. Ich kann nur sagen, dass ich bisher alles (Schule, Praktika) irgendwie “normal” geschafft habe.

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Wie ist das, wenn du deine eigene Stimme hörst? Sei es dass du sie aufnimmst am PC, sei es dass du dir einfach beide Ohren zuhältst und dann etwas vorliest? Ist dir deine eigene Stimme zu hören ein großes Problem bzw. eine großer Schrecken?

Eigentlich ist es kein großes Problem für mich, wenn ich meine Stimme beim Sprechen selbst höre. Zwar ist es irgendwie komisch meine Stimme in Mutismussituationen, sprich bei fremden Menschen selbst zu hören, weil ich es eben von mir nicht kenne und ungewohnt ist, aber das liegt nicht daran, dass ich persönlich meine Stimme nicht mag. Eigentlich empfinde ich meine Stimme sogar als normal, wie jede andere auch.
Nur aufgenommen mag ich sie gar nicht. Aber ich habe erst sehr spät die Erfahrung gemacht, wie sich die aufgenommene Stimme überhaupt anhört, da es keine Kindervideos von mir gibt und der erste PC kein Mikro hatte. Daher hat das den Mutismus also nicht beeinflusst. Nur heute merke ich, dass ich bei Videos oder Tonaufnahmen wieder total verstummen kann und es absolut nicht mag.

2. Wie ist das, wenn du jemanden gern hast? Kannst du das dann sagen?

Um es kurz zu machen, nein. Jedenfalls nicht, wenn mir der Mensch relativ unbekannt ist oder ich gerade dabei bin ihn kennen zu lernen und Interesse an mehr hätte. Aber eine ganz praktische Erfindung ist bei diesem Thema besonders für mich das Internet. Und wenn mir der Mensch erstmal vertraut ist, kann ich ganz normal sprechen. Also auch sagen, dass ich jemandem mag oder liebe.

Fahrplanauskunft l

„Na, dann lass’ uns losgehen, zum Bahnhof“, sagte Herr V. mit einem Lächeln.
„Wie, was? Jetzt?“, fragte Alena skeptisch.
„Ja. Oder spricht etwas dagegen?“
Nein, an sich nicht. Aber trotzdem ging das nicht einfach mal eben so. Und schon gar nicht heute und jetzt. Da muss man drüber nachdenken. Man muss sich vorbereiten und Nächte darüber schlafen. Auch, wenn sie nun schon eine halbe Stunde der Therapie darüber geredet hatten. So schnell ging das nicht.
Alena wollte wieder zur Schule gehen. Sie war nun schon vier Monate in der psychiatrischen Klinik und das neue Schuljahr hatte inzwischen begonnen. Extern, nannte man das hier und die Möglichkeit gab es. Viele Patienten gingen extern zur Schule. Nur war die Schule der anderen Patienten in derselben Stadt und nicht 40 Kilometer außerhalb. Und darum musste erst geschaut werden, ob das funktioniert und ob es eine Zugverbindung gab.
Ehe Alena Argumente einfielen, was denn nun eigentlich dagegen spricht sofort zum Bahnhof zu laufen und sich eine Fahrplanauskunft zu holen, stand Herr V. schon in seinem Büro und schnappte sich seine Jacke, die über dem Schreibtischstuhl hing.
„Lass’ uns hoch gehen. Ich sag’ schnell im Dienstzimmer bescheid und du holst deine Jacke“, sagte Herr V.
Nein. Ich kann das nicht. Nicht jetzt, dachte Alena still und folgte Herr V.,  wie automatisiert, der schon den Schlüssel zückte, um seine Bürotür abzuschließen.
Alena schlich in ihr Zimmer, schnappte ihre Jacke und hörte Herr V. gerade fragen, ob sie laufen oder mit der Straßenbahn fahren wollen.
„Laufen!“ Dann ist mehr Zeit, dachte Alena.

Und so gingen sie den kurzen Weg zum Bahnhof zu Fuß.
„Wie geht es dir?“, fragte Herr V.
„Ich kann das nicht“, antwortete sie gequält und verzog das Gesicht dabei vor Angst.
Ihr war übel. Ihr Magen fuhr Achterbahn. Und alles tat ihr weh. Ihren Herzschlag konnte sie trotz der quietschenden Straßebahnen und der vorbeifahrenden Autos hören. Sie merkte selbst kaum, wie sie einen Fuß vor den anderen setzte und neben Herrn V. zum Bahnhof ging.
Es war komisch neben ihm zu gehen. Überhaupt, war es komisch mit ihm irgendwo hin zu gehen, denn sie kannte ihn nur in seinem Büro als ihren Therapeuten. Drin. Draußen war ihre Welt. Da war sie allein.
„Wir gehen da erstmal einfach nur hin“, schlug Herr V. mit beruhigender Stimme vor.
Nur hingehen, sagte Alena zu sich selbst, damit sie nicht schlagartig umdrehte und zurück rannte.
Sie gingen die Treppe zum Bahnhof hinauf, durch die Glastür und die große Bahnhofshalle entlang bis zum Servicebereich.
In einem Glaskasten waren einige Schalter und dahinter saßen die Mitarbeiter. Es waren bestimmt insgesamt 10 Schalter und einige Reisende mit ihren Koffern waren auch dort. Das konnte man durch das Glas gut sehen.
Alena blieb stehen. Reingehen geht nicht. Herr V. blieb auch stehen und schaute sie an. „Möchtest du hineingehen?“
Alena schüttelte schnell und energisch den Kopf. Wenn sie irgendetwas tat, dann wäre das zurückgehen.
„Weißt du, was du sagen möchtest?“, fragte Herr V.
„Ich kann nicht“, antwortete sie diesmal noch gequälter. Man konnte Alena die Anspannung im Gesicht ansehen.
Um sie herum war alles taub und verschwommen. Die ganzen Geräusche klangen Meter weit entfernt.
Es war viel zu kompliziert nach einer Zugverbindung zu fragen. Es gab zig Möglichkeiten. Viel zu viele Wörter und Sätze. Und auch zig Antwortmöglichkeiten der Mitarbeiter.
Ich möchte wieder zurück, dachte Alena. Ich kann das nicht!
Aber zurückgehen war auch irgendwie nicht richtig. Nein! Sie wollte das können. Einfach wieder zurückgehen ging auch nicht. Gar nichts ging. Nicht vor und auch nicht zurück.
„Ich könnte sagen, dass ich von hier zur Schule fahren möchte. Und dass ich dazu gern eine Fahrplanauskunft hätte“, sagte Alena plötzlich.
„Das klingt gut.“

Herr V. schlug vor, einfach mal hineinzugehen. Sie könnten ja dann wieder herausgehen, wenn es nicht klappte.
Okay, Alena folgte ihm.
In dem Glaskasten war alles ganz anders. Viel ruhiger. Und die Leute standen alle in einer Schlange und warteten bis sie an der Reihe waren. Es gab viele Schalter für den Fernverkehr und einen Schalter für den regionalen Verkehrsverbund. Man hörte das Klappern von Computertastaturen.
Herr V. zeigte auf den regionalen Schalter. Dort stand kein Fahrgast und ein Mann hinter dem Tisch schaute sie an, als sie ein Stück näher kamen. Sofort drehte ihm Alena den Rücken zu und schaute nun Herrn V. an. Er schaute sie an und lächelte aufmunternd.
Es geht nicht, hätte ihr Blick jammernd zu ihm gesagt, wenn sie gesprochen hätte.
Plötzlich ging sie schnell an Herrn V. vorbei und wieder hinaus. Draußen in der Bahnhofshalle war es besser. Da schlug das Herz nicht ganz so schlimm. Herr V. folgte ihr.
„Fällt es dir leichter, wenn ich dabei bin oder draußen bleibe?“
„Draußen bleiben“, antwortete Alena leise.
„In Ordnung.“
Herr V. drehte sich um und ging einige Schritte von ihr weg. Er tat so, als wäre er einer der Reisenden und würde warten. Auf irgendwas anderes und nicht auf sie, die gerade durch die Hölle ging. Herr V. ging bis zur großen Uhr und drehte sich um, um zurück zu schauen. Sie waren jetzt schon über eine halbe Stunde am Bahnhof. Alena verpasste gerade das Mittagessen und Herr V. würde sicher auch zu irgendwas zu spät kommen.
Oh man, dachte Alena.
Die Minuten vergingen, sie stand wie angewurzelt da. Sie hatte sich keinen Schritt bewegt. Irgendwann kam Herr V. wieder zurück.
„Ich kann das nicht!“, Tränen quollen ihr aus den Augen hervor.
Er schaute sie an und reichte ihr ein Taschentuch. Er wartete, bis sie sich wieder beruhigt hatte und legte seine Hand auf ihren Arm. „Soll ich noch mal weggehen?“
„Ja“, flüsterte Alena und er drehte sich wieder um.
Alena warf einen Blick hinter das Glas. Der Mann saß immer noch allein hinter dem Schalter und wartete auf Fragen. Für ihn war das völlig normal den ganzen Tag Fragen zu beantworten.
Los jetzt! Gehen!
Und sie ging hinein. Sie ging bis ans Ende der Schalter und auf den Mann zu, der sie wieder anschaute. Sie ging immer weiter bis sie vor ihm stand.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte er.
„Hallo“, sagte Alena leise mit zitternder Stimme. Und sie sagte auch das, was sie sich vorher überlegt hatte. Dann hörte sie das Klappern der Tastatur, als der Mann ihre Verbindung in den Computer eingab. Plötzlich fragte er, wer  denn der Mann sei, der vor einigen Minuten auch da gewesen war. Ob es Alenas Onkel wäre.
Oh nein. Das muss für Andere sicherlich komisch ausgesehen haben. Ein Mann, der auf ein junges Mädchen einredet, das absolut gar nicht glücklich aussieht.
„Nein“, antwortete Alena und schwieg dann. Sie konnte doch dem Mann nicht sagen, dass das ihr Therapeut war und sie doch eigentlich gar nicht sprechen konnte und das gerade übte.
Sie wartete bis die Verbindungen hin und zurück ausgedruckt waren und verabschiedete sich leise, um ganz schnell wieder aus dem Glaskasten zu verschwinden. Aber diesmal mit einem Zettel in der Hand.
Herr V. stand vor ihr, als sie wieder in der Bahnhofshalle stand. Er lächelte sie an. Und Alena strahlte beinahe. Zwar sah man ihr den Kampf, den sie gerade durchstehen musste an und sie konnte es eigentlich noch gar nicht richtig glauben, was sie soeben getan hatte, aber sie hätte bis über beide Ohren strahlen können.
„Wie war es?“, fragte Herr V. und Alena erzählte ihm von dem Mann, der fragte, wer er sei.
Herr V. lachte: „Aber es ist ja nett von ihm, dass er nachfragt und sich Sorgen macht um ein Mädchen, das von einem Mann angequatscht wird.“
Alena lächelte auch. Ja, das war es.

Sie schaute stolz auf ihren ergatterten Zettel. Oh, verdammt. Es war falsch! Es war die falsche Verbindung! Da wollte sie doch gar nicht hin. Nein, verdammt! Da musste irgendwas schief gegangen sein. Ein Missverständnis.
Sie fluchte. Das bedeutete, dass das ganze noch mal gemacht werden musste. All der ganze Mist und nun trotzdem ohne Ergebnis. Am liebsten hätte sie den Zettel vor Wut zerrissen. Alles umsonst!
„Aber du warst da. Du hast es gemacht“, erinnerte sie Herr V. stolz.
„Ja, aber…“
Ja, sie hatte es gemacht. Und wenn sie darüber nachdachte, hatte sie so etwas noch nie in ihrem Leben gemacht. Noch nie. Und eigentlich konnte man die Gespräche mit fremden Menschen auch an einer Hand abzählen. Hatte sie überhaupt jemals schon mit Fremden gesprochen?
Ja, aber es war doch die falsche Verbindung…

Fahrplanauskunft II

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Kannst du, wenn du allein bist, ein Lied summen oder singen?

Ja, das ist kein Problem. Das macht mir manchmal sogar Spaß, wie zum Beispiel nachts allein beim Autofahren. Und dann würde ich gern richtig singen und Gitarre spielen können. Bis vor kurzem hätte ich nun auch noch geantwortet, dass ich unter Menschen absolut nicht singen kann. Allerdings habe ich es vor einiger Zeit erst getan und habe daher nun keine genaue Antwort mehr. Ich würde mal sagen, es ist abhängig von den Menschen. Von der Anzahl, von der Lautstärke der Musik, davon wie laut man meine Stimme hören kann und und und. Völlig allein und mit leiser Musik und Zuhörern kann ich allerdings (noch) nicht singen.
Damals fiel es mir unwahrscheinlich schwer mit anderen zu singen, wie zum Beispiel in der Schule im Musikunterricht, im Gottesdienst und Konfirmandenunterricht oder unter Freunden aus Spaß. Oft habe ich dann einfach nur die Lippen bewegt, damit es so aussah, als ob ich singe.

2. Was empfindest du, wenn du anderen bei einem Gespräch zuhörst?

Hm, unterschiedlich. Manchmal eigentlich gar nichts. Dann ist es völlig okay, wenn sich andere um mich herum unterhalten und ich nichts oder nur sehr wenig sage. Und manchmal fühle ich mich ziemlich gestresst, weil ich versuche mich irgendwie bemerkbar zu machen und mit zu reden. Dann bin ich irgendwie immer angespannt und auf der Hut jeden Moment etwas sagen zu müssen. Das ist meistens der Fall, wenn es um neue Menschen geht, die mich noch nicht kennen, damit ich einen guten Eindruck hinterlassen kann. Oder besser gesagt einen nicht all zu stillen Eindruck. Und manchmal fühle ich mich schrecklich. Dann bin ich tierisch neidisch und es ist an allen Ecken und Enden schwer. Das ist meistens so, wenn es um irgendetwas geht, was ich auch gern machen möchte, aber durch den Mutismus nicht kann. Das können ganz verschiedene Dinge sein, zum Beispiel etwas spielen, eine Geschichte erzählen und so weiter. Dann muss ich nicht nur mit den komischen Blicken der anderen klarkommen, warum ich das denn nun nicht mache, sondern auch mit mir selbst. Es ist dann unheimlich schwierig mir nicht selbst ständig Ohrfeigen geben zu wollen und mich dabei auch noch irgendwie zu mögen oder den Mutismus als Problem zu akzeptieren. Dann bin ich in solchen Situationen meistens mit mir selbst beschäftigt, weil ich mich irgendwie wieder beruhigen muss, damit ich nicht losheule und wegrenne.

“The Big Bang Theory”

“In the television sitcom “The Big Bang Theory”, the character of Rajesh Koothrappali suffers from selective mutism. His results from social anxiety and renders him unable to talk to women who are not family members.”

wikipedia.com

Die Sendung “Domian” zum Thema Schweigen

Bei „Domian“ auf WDR, einer Telefon-Talkshow, wo Menschen anrufen und von ihren Sorgen und Gedanken erzählen können, ging es mal um das Thema Schweigen. Hierzu rief eine junge Frau an, die sagte, dass sie an selektivem Mutismus leide. Interessant finde ich, dass es bei ihr eigentlich genau andersherum ist. Sie kann nämlich in Gegenwart ihrer Familie nicht sprechen und im Alltag ist sie eigentlich völlig normal. Allerdings wird auch nicht richtig deutlich, ob bei ihr offiziell selektiver Mutismus diagnostiziert wurde, da sie mal bei einem Psychologen war, aber keine Therapie macht.  Außerdem wäre es für einige Mutisten sicherlich undenkbar beim Fernsehen anzurufen. Aber ich finde es sehr interessant, wie sie von ihrem Problem spricht und dass es bei ihr nur im Familienkreis auftritt, was allerdings nicht gleich bedeutet, dass andere Mutisten mit der ganzen Familie sprechen können. Denn es gibt sicherlich Verwandte, mit denen man leichter und mehr als mit anderen reden kann.

Hier ist das Video von ihrem Anruf:

Das Video wurde von youtube leider entfernt. Tut mir leid.

Ausladen

„Das schlimmste an allem ist, dass ich mit mir selbst leben muss“, dachte Alena als sie in der Dunkelheit nach Hause ging. Sie kam gerade von einer Feier, auf die sie von einer Kommilitonin eingeladen wurde. Eigentlich wollte sie gar nicht hingehen. Sie mochte Feiern nicht. Oder sie hatte einfach viel zu viel Angst, es war immer irgendwie anstrengend oder die Blockade war sowieso wieder da, sodass sie verstummte. Aber sie ging trotzdem hin. Mehr aus dem Grund, nicht die Kontakte zu verlieren, als aus Spaß.
Und mal wieder hatte sie sich grauenvoll benommen. Besser gesagt hatte sie sich gar nicht benommen, weil sie überhaupt nichts machte und das war das Problem. Es wurde gespielt, geredet und getrunken und eigentlich hörte Alena nur zu oder lächelte mit.
Sie war unsichtbar und stumm. Und das schlimmste daran war eigentlich, dass die anderen sie das nächste Mal einfach nicht mehr einladen bräuchten, wenn sie Alena nicht so akzeptieren oder sie ihnen unsympathisch war. Aber sie selbst konnte das nicht. Als könnte das einem selbst so gefallen, wenn man inmitten einer lachenden Gruppe junger Leute saß und selbst kein einziges Wort heraus bekam. Aber ja, sie konnten denken, was soll das denn und laden sie das nächste Mal einfach gar nicht mehr sein. Und sie selbst?
Am liebsten würde sie sich selbst gar nicht mehr einladen. Oder einfach ausladen, um nichts mehr mit sich zu tun haben zu müssen.
„Ich will mich nicht mehr haben, mich selbst nicht dabei haben“, dachte Alena unter dem Sternenhimmel. Wenn es doch nur so leicht wäre, wie andere Menschen es haben. Einfach ausladen. „Ich will mich selbst nicht mehr haben. Aber ich muss. Tagtäglich muss ich mich immer wieder dabei haben. Ich will mich nicht.“

“Kevin – der Junge, der nicht sprechen wollte” von Torey Hayden

Aus dem Klappentext:
„Kevin lebt in einem Heim und hat seit Jahren keinen Laut mehr von sich gegeben. Er verkriecht sicht unter Tische und verschanzt sich hinter Stühlen, sobald ein Mensch sich ihm zuwendet. Er will keinen Kontakt mit der Welt!
Als die Psychologin Torey Hayden den Fall übernimmt, gelingt es ihr nach erstaunlich kurzer Zeit, den Jungen zum Sprechen zu bringen. Aber das Aufheben dieser Barriere lässt die Vergangenheit Kevins hervorbrechen, die er durch sein Schweigen mühsam unterdrückt hatte. […] Die Unterdrückten Aggressionen des Jungens beginnen sich gegen die zu richten, die sie befreit hat: Torey Hayden. Ihrer Geduld, Liebe und Zuversicht und ihrem Vertrauen in die Möglichkeiten eines jeden Kindes gelingt es, Kevin in die menschliche Gemeinschaft zurückzuführen.“

Torey Hayden wurde 1951 in Montana, USA geboren und ist eine Psychologin, die sich auf Sonderpädagogik mit emotional gestörten Kindern spezialisiert hat. Sie ist geschieden und hat eine Tochter. Mehr Informationen gibt es auf ihrer Website.
Das Buch basiert auf einer wahren Geschichte. Hier gibt es sogar ein Statement des Jungen aus dem Buch.

Mir hat das Buch ziemlich gut gefallen, auch wenn es mein erster Roman mit dem Thema Mutismus war und ich daher generell noch keine Vergleiche habe.
Zu Beginn war ich allerdings etwas überrascht, denn persönlich kannte ich die Art und Weise wie Kevin versucht hat zu sprechen nicht. Kevin sprach einige Jahre kein einziges Wort mehr und hatte demnach große Anstrengungen wieder Laute zu sprechen. Manchmal schien es so, als könnte Kevin organtechnisch nicht sprechen und versuche es bis zur Erschöpfung, was ich eben persönlich nicht kenne, da ich schon immer sprechen konnte, nur die Worte bei fremden Menschen nicht kamen. Aber im Laufe des Buches wird immer deutlicher, dass Kevin an Mutismus leidet.
Gut beschrieben finde ich die vielen Ängste und Sorgen, die Kevin hat, welche für manch andere vielleicht lächerlich erscheinen. So scheitert zum Beispiel eine wichtige Situation, weil Kevin Angst hat auf die Toilette zu gehen.
Auch finde ich den Verlauf der Therapie mit vielen Rückschlägen und kleinen Fortschritten super beschrieben. Es traten immer wieder neue Probleme auf, die eine Veränderung normalerweise mit sich bringt und Kevin stellte sich die Frage, will man lieber „verrückt“ bleiben, weil man es schon kennt oder will man sich verändern. Das Verrücktsein ist eben doch nicht immer so schlecht, wie man denkt.
Ebenso finde ich bei Kevin sehr spannend, wieso er bzw. was er eigentlich verschweigt. Ohne zu viel zu verraten, sah es eben in Kevin ganz anders aus als äußerlich. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass das stimmt. Oft sind Mutisten innen ganz anders als außen. Kevin dachte sich sogar einen anderen Namen, für die Person, die er innerlich war bzw. äußerlich gern sein wollte, aus.
Zusammenfassend hat mich die Art und Weise wie Torey Hayden mit Kevin umgeht sehr berührt. Sie glaubt an ihn und gibt ihn nicht auf, auch wenn sie in manchen Situationen einen guten Grund gehabt hätte. Ich kann das Buch daher sehr empfehlen, will man sich mit dem Thema Mutismus beschäftigen und wissen, wie ein Leben damit so sein kann.

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Kommt es vor, dass du mit vertrauten Personen z.B. Vater, Mutter, Partner etc. auch nicht sprechen kannst?

Nein, eigentlich kommt das nicht vor. Es sei, denn es ist ein schwieriges Thema und es wäre für jeden anderen Menschen auch etwas schwer oder unangenehm. Aber dann rede ich eher „drumherum“, wechsele das Thema oder versuche es und verstumme nicht komplett, wie es beim Mutismus sonst der Fall wäre. Daher kann ich also sagen, dass ich mit vertrauten Menschen immer sprechen kann und es mir bisher noch nie passiert ist, dass ich wirklich verstummte. Aber das ist ja auch ein sehr wichtiges Merkmal, was bei vielen den selektiven Mutismus kennzeichnet: das Schweigen gegenüber fremden Personen.

2. Kannst du problemlos mit einem Kopfnicken oder einem Kopfschütteln antworten, wenn dir jemand eine Ja-Nein-Frage stellt?

Ja, das kann ich problemlos. So fingen sogar die ersten Kommunikationsversuche in meiner Therapie an. Mein Therapeut hat die Fragen dann, wenn er eine Antwort haben wollte, oft so gestellt, dass ich mit dem Kopf nicken oder schütteln konnte. Allerdings nur bei, in dem Moment, wirklich wichtigen Fragen, denn eigentlich sollte ich ja schon reden. Später als ich dann einige Worte sprach, vereinbarten wir, dass ich wenigstens als ersten Schritt immer ja und nein sagte.

Weitere Fragen gern an sab@mutismusblog.de.

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