Ich glaube, eigentlich habe ich gar keinen selektiven Mutismus mehr. Weil wenn selektiver Mutismus heißt, dass man selektiv schweigt, dann ist er weg. Denn ich schweige nicht mehr selektiv. Natürlich bin ich bei fremden Menschen kein Plappermaul und schweige, weil ich nicht erzählen kann. Weil ich nichts weiß oder alle anderen schon erzählen, es mir zu laut, zu fremd und zu unwohl ist. Aber ich schweige nicht mehr, wenn ich gefragt werde. So wie früher. Und ich meide auch nicht mehr so viele Stituation, in denen man sprechen muss oder theoretisch sprechen können müsste. Und ich bin auch nicht mehr so blockiert. Oder so steif, starr und außenrum tot, wenn andere Menschen dabei sind, sodass ich – wie früher – kein einziges Wort aus der Kehle bekomme, nicht mehr weiß, wie man Worte formt und auch der Kopf völlig wortlos ist. Wenn nur das Mutismus ist, dann habe ich keinen mehr.
Vielleicht habe ich “nur noch” eine soziale Phobie. Eben nur noch Angst und Unwohlsein vor und mit Menschen. Aber Selbstdiagnosen mag ich nicht. Und mein Therapeut ist tot und einen neuen will ich nie mehr haben. Also weiß ich nicht, was ich denn noch habe und was nicht mehr. Aber eigentlich ist es auch egal. Egal, wie’s heißt, ich fühl mich trotzdem so, wie ich es immer tat und hier immer schreibe und deswegen schreibe ich weiter. Ob ohne oder mit Mutismus. Und auch wenn ich nicht mehr schweige, mutismuslos bin, schweigsam bin ich trotzdem.
Mutismuslos
Mutismus-Reportage bei MDR
Hier mal wieder eine kurze Reportage über selektiven Mutismus, die ich gefunden habe und euch zeigen möchte.
Gut finde ich, dass auch mal eine erwachsene Betroffene gezeigt wird und nicht nur Kinder. Und irgendwie macht es auch Mut, weil sie eine eigene Familie gegründet hat und sagt, dass sie mit den Aufgaben (wie Krabbelgruppen, Kinderarztbesuche usw.) gewachsen ist. Weil ich auch nicht weiß, wie sowas funktionieren soll, falls man mal irgendwann an die eigene Kinderplanung denkt… Oder besser gesagt, woher man die Kraft nehmen soll, sich für ein Leben voller Anstrengung und Verantwortung, die man nicht mehr abgeben kann, zu entscheiden.
Zeugniszahlen
Vor ein paar Tagen hab’ ich meine Mappe mit den Zeugnissen aus der Schule durchgeblättert, weil ich eine Kopie des Abschlusszeugnisses für die Zulassung zum Master-Studium brauchte. Und der Mutismus lässt sich eigentlich in der gesamten Mappe finden. In der Grundschule hieß es in Worten ausgedrückt “Sab sollte sich um eine aktive Teilnahme am Unterricht bemühen” und später eben in Zahlen. Sport war eigentlich am schlimmsten, weil man dort nichts durch schriftliche Noten ausgleichen und ich mich nicht bewegen konnte. Mag komisch klingen, aber bei vielen fremden Menschen bin ich steif und regungslos, was im Sportunterricht blöd war. Und in den anderen Fächern konnte ich eben die mündlichen Noten durch schriftliche ausgleichen, sodass ich im Mittel eine durchschnittliche Schülerin war. Aber jedes Mal, wenn ich diese blöden Zahlen anschaue, fällt mir wieder ein, wie man sich das Leben mit selektivem Mutismus verbauen kann. Anstelle der schriftlichen 1 in Mathe und Deutsch stehen dort 2en und 3en und am schlimmsten ist es in den Fächern, in denen es keine Klassenarbeiten gab. Oder nur eine und mündlich mehr zählte. Geschichte, Biologie, Chemie, Erdkunde und so weiter. Da gab’ es 4en und manchmal Mitleids-3en, weil ich mündliche Noten von 5 bis 6 hatte.
Im Nachhinein verstehe ich nicht, wieso die Lehrer nicht aktiv wurden und beobachteten und fragten. Niemand versaut sich doch sein Zeugnis mit Absicht, weil er im Unterricht nicht spricht. Sondern schweigt. Sogar manchmal wenn er aufgerufen wird.
Es macht mich wütend. Die ganzen blöden Zahlen machen mich wütend. Wissen und Können in blöden Zahlen ausgedrückt nach denen sich alle Welt richtet. Ich hatte wahnsinniges Glück, dass ich mit diesen elenden Zahlen studieren konnte (Losverfahren) und im Nachhinein bin ich gut. Zum ersten Mal bin ich richtig gut, weil es keine mündliche Noten gibt und die mündlichen Leistungsnachweise krieg’ ich alle irgendwie hin. Zahlen in der Schule sagen also überhaupt nichts aus. Überflüssig. Blödsinn. Und irgendwie unfair. Denn würden sie das tun, würde ich keinen Bachelor-Abschluss – vorraussichtlich in sehr gut – schaffen, da die Zahlen in der Schule schlecht waren.
Angst II
Vor kurzem hat mich jemand gefragt, wie ich das immer schaffe, diese Quälerei und am Ende doch etwas Gutes draus zu machen. Und ehrlich gesagt, weiß ich das selbst nicht. Manchmal frage ich mich das nämlich auch.
Eigentlich geht es nur um’s Aushalten. Und zwar diesen Haufen Angst, der mich überkommt, wenn Situationen anstehen, bei denen das Sprechen nötig ist. Das Tun an sich geht mittlerweile ganz passabel von allein. Das war nicht immer so. Es gab mal Zeiten, da funktionierte gar nichts. Jedenfalls reicht’s jetzt zum Überleben und meist ist es am Ende gar nicht mehr so negativ. Deswegen geht es mittlerweile eigentlich nur um das Aushalten der ganzen Sorgen, Ängste und Gedanken vorher. Und wie ich das mache, weiß ich auch nicht.
Irgendwie einfach standhaft bleiben. Und warten. Warten, bis man wieder besser atmen kann. Bis das Herz ein bisschen langsamer schlägt. Bis sich der Bauch nicht mehr so komisch anfühlt und bis der ganze Körper nicht mehr alles dafür tun muss, damit man davonläuft und flieht. Eben standhaft bleiben. Ja, so schaffe ich das alles irgendwie. Und ich hoffe ja immer noch, dass ich irgendwann mal vor Angst kaputt gehe, damit es vorbei ist. Aber ich tu’s nicht. Ich bin widerspenztig. Schwer vernichtbar. Unkraut eben.
Eingesperrt
Nach dem Aufnahmegespräch und nachdem Alena sich von ihrer Mutter verabschiedet hatte, wurde sie von Herr V. zur Station 3 der Kinder- und Jugenspsychiatrie begleitet. Am Dienstzimmer der Betreuer lernte sie Frau H. kennen, die sie zu ihrem Zimmer führte.
Es war ein Zweibettzimmer, ganz am Ende des hellen, durch ein Glasdach erleuchteten Ganges.
“In den nächsten Tagen kommt eine weitere Patintin in das Zimmer”, erklärte Frau H.
Das Zimmer war irgendwie komisch. Ja, komisch war das richtige Wort. Gegenüber der Tür waren große Fenster, die sich über die gesamte Breite des Zimmers erstreckten. Mit blauen, schweren Vorhängen konnte man die Fenster verdecken. Davor standen in jeder Ecke des Zimmers zwei Betten. Eins rechts, das andere links.
“Noch kannst du dir sogar eines aussuchen”, lächelte Frau H. Sie wirkte freundlich. Mit ihren blonden, lockigen Haaren.
Nach dem rechten Bett folgte ein Schreibtisch. Der Schreibtisch, der zu dem linken Bett gehörte, stand vor dem Fenster, zwischen den beiden Betten. Was zu wem gehörte, erkannte man an den Farben. Rechts war blau und links rot. Die Möbel waren aus hellem Holz. Buche wohlmöglich. Aber die Tisch- und Bettbeine waren farbig. Rot und blau eben.
Und dann gab es noch für jeden einen Schrank, die neben der Tür nebeneinander standen. Mit roten und blauen Türgriffen natürlich.
“Packst du bitte deine Sachen aus? Hier ist das so geregelt, dass die Betreuer dabei zusehen müssen, damit die Jugendlichen wissen, was sie auf den Zimmern haben dürfen und was sie abgeben müssen”, erklärte Frau H.
Ahja. Sonst ist alles klar?, dachte Alena während sie in das Zimmer starrte und schwieg. Sie rührte sich nicht.
Frau H. die etwas unbeholfen schaute, weil sie nicht wusste, wie sie Alenas Schweigen interpretieren sollte, schlug nach einer Weile vor: ” Okay, dann erkläre ich dir erstmal, wie das auf Station hier so abläuft und danach packen wir deine Sachen aus.”
Wir packen meine Sachen aus? Wo bin ich nur hier gelandet, dachte Alena und änderte ihre Körperhaltung keinen Milimeter.
“Setz’ dich doch,” bot Frau H. an während sie auf den Stuhl mit den blauen Stuhlbeinen zeigte und sich selbst den mit den grünen zurecht rückte.
Alena setzte sich. Steif und starr saß sie nun und starrte wieder in eine Ecke des Zimmers.
Frau H. erklärte anhand des Wochenplanes, den jeder Patient bekam, wie die Woche hier so abläuft. Es gab feste Termine, wie Gruppentherapien, Schwimm- und Reittherapie und einige wechselnde Therapien, wie die Einzeltherapie und Ergotherapie. Die Zeiten, an denen es die Mahlzeiten gab, standen auch auf dem Plan. Am Vormittag gingen die Jugendlichen entweder extern oder intern zur Schule oder nahmen an der Arbeitstherapie teil. Das konnte sie sich aussuchen, da sie schon einen Schulabschluss hatte.
“Ausgang hat man hier insgesamt zwei Stunden, den du nur nehmen kannst, wenn du keine Termine hast. Dazu musst du dich im Dienstzimmer in die Liste eintragen. Allerdings hast du am Anfang, weil du neu hier bist, nur 3 x 30 Minuten pro Tag. Später kannst du die zwei Stunden dann auch am Stück nehmen”, sagte Frau H.
“Ausgang. Das klingt wie Gefängnis. Gefangen. Man kann nicht einfach raus gehen, wann man will. Man ist hier gefangen. Muss um Erlaubnis fragen. Diese Gedanken schwirrten Alena durch den Kopf.
“Und dein Handy darfst du nur mit in den Ausgang nehmen. Die sind hier auf der Station verboten und werden ausgeschaltet im Dienstzimmer abgegeben.”
Prima, noch nicht mal Kontakt zu ihren wenigen Freunden. Man sah ihr dieses komische Gefühl an. Gefangen und kontrolliert zu sein. Als hätte sie etwas verbrochen oder angestellt. Als wäre sie böse. Oder kein eigener Mensch mehr. Irgendwie war sie hier völlig falsch. Sie war doch nicht so verrückt im Kopf, dass sie sich kontrollieren lassen musste. Keine Freiheit mehr. Nichts. Nicht essen, wann man will. Nicht rausgehen, wann man will. Gar nichts. Es sollte doch nur mit dem Sprechen besser werden. Deswegen war sie hier. Und weil man sich Sorgen machte, dass sie sich das Leben nahm und depressiv war. Aber doch nicht so schlimm, dass eingesperrt werden musste! Sie war wütend.
“So und jetzt packen wir deinen Koffer aus”, sagte Frau H.
Ja, wir meinen Koffer aus. Jawohl, dachte sie. Wir packen gar nichts. Sie saß da, schwieg und rührte sich nicht. Versteinert. Völlig falsch. Am falschen Ort.
Mutismusgedanken II
Es fällt mir schwer Menschen mit in mein Zuhause zu nehmen und das mache ich ehrlich gesagt sogar sehr ungern. Aus zwei Gründen. Zum einen, weil ich dann der Gastgeber bin und irgendwie lauter sein muss, als wäre ich nur ein Gast bei anderen. Dann muss ich nämlich fragen, anbieten, unterhalten, Themen finden, sprechen und kümmern. Dann habe ich mehr Verantwortung und muss dafür sorgen, dass sich Gäste wohlfühlen. Und dann muss ich irgendwie anders sein, als sonst. Nämlich lauter. Und viele Menschen kennen mich eben leiser. Das ist dann so, als passe es einfach nicht zusammen und deswegen suche ich immer Ausreden, wenn sich Menschen in mein Zuhause einladen wollen. Gefällt mir nicht. Ich mag keinen Besuch.
Und zum anderen, weil mein Zuhause irgendwie meins ist. Das ist der einzige Ort, an dem ich Ich sein kann und da will ich niemanden haben, der mir fremd ist. Mein Zuhause ist wie mein Schloss. Meins und irgendwie sicher. Da kann ich reden soviel ich will und muss nicht schweigen. Und schon gar nicht gehemmt sein, was ich wäre, wenn Besuch da wäre. Mir fallen gerade mal drei, nicht familienangehörige Menschen ein, die hier sein dürfen, ohne dass ich sie am liebsten sofort wieder wegschicken möchte, weil es sich komisch – komisch unwohl – anfühlt. Mehr nicht. Weil mein Zuhause meins ist und da hab’ ich am liebsten nur Menschen vor denen ich mich nicht verstellen muss – oder besser gesagt – vor denen das Sprechen absolut kein Problem ist. Ich mag keinen Besuch. Weil es komisch ist im Zuhause selektiven Mutismus haben zu müssen. Mutismus gehört nach draußen. Nicht in mein Zuhause.
Zu groß
Manchmal finde ich mich zu groß. Mit einem Meter und siebzig bin ich nicht gerade riesig, sodass ich kleiner sein müsste. Aber für selektiven Mutismus eben doch manchmal zu groß. Es wäre mir lieber, ich wäre ein bisschen kleiner. Besonders dann, wenn ich nicht sprechen kann. Ich finde bei großen Menschen ist es noch blöder, wenn sie nicht sprechen, weil man große Menschen definitiv nicht so gut übersehen kann, auch wenn sie stumm sind. Kleine, stumme und zierliche Menschen kann man irgendwie besser übersehen und deswegen wäre ich manchmal gern ein bisschen kleiner. Denn, wenn ich nicht sprechen kann, wäre ich am liebsten gar nicht da. Und bei großen Menschen ist es schwer nicht da zu sein, wenn man eigentlich doch da ist.
Ich bin zu groß, zu dick, zu auffällig. Für selektiven Mutismus bin ich zu viel Person.
Leserfragen zum Leben mit Mutismus
1. Hast du schon mal angefangen zu weinen als du etwas gefragt wurdest und nicht antworten konntest?
Ja, hab’ ich. Aber das ist schon eine Weile her. Das war in der Schule und einige Lehrer sahen darin ein sehr großes Problem, dass ich nicht sprach. Was ja an sich auch kein Problem ist, aber die Art und Weise wie sie damit umgingen, war es. Das krasseste, was ich erlebte, war mal das Wort verrückt vor der ganzen Klasse, weil ich einen Text nicht vorlesen konnte und da fing ich dann auch an zu weinen.
2. Hast du schon mal überlegt die Gebärdensprache zu erlernen/auszuprobieren?
Nein, ehrlich gesagt nicht. Mag zwar naheliegend sein, dass wenn man mit dem Mund nicht sprechen kann, es mit den Händen versucht, aber Mutismus ist mehr so ein Eingefrorensein und ein Erstarren. Und deswegen waren mir in solchen Situationen auch Bewegungen unmöglich.
3. Wie soll jemand vorgehen, der Kontakt zu einem Menschen mit Mutismus aufbauen will? Extrem vorsichtig/langsam oder doch eher normal/munter drauflos?
Ich denke es gibt nicht DEN Mensch mit selektiven Mutismus. Das wird sicherlich ganz unterschiedlich sein. Je nach Charakter eben. Daher würde ich sagen weder noch und einfach normal. Und notfalls kann man einfach nachfragen, wie es für denjenigen am besten ist. Wichtig ist glaube ich nur, dass man sich durch ein Schweigen nicht einschüchtern lässt oder auf sich persönlich bezieht. Dieser Eintrag passt vielleicht gut zu der Frage.
Verliebtsein
Es war halb 8 und die Sonne blinzelte schon hinter den Tannen an der gegenüberliegenden Straßenseite hervor. Kevin stand mit Jan an der Bushaltestelle vor dem Schulgebäude. Jan zog hastig an seiner Zigarette und spähte nebenbei um die Ecke, damit er die Lehrer kommen sah und nicht beim Rauchen erwischt wurde.
Heute würde es wohl sehr warm werden. Das verriet die warme Luft am Morgen. Bald würde es Sommerferien geben und dann wäre es nur noch ein Jahr, das Kevin an dieser Schule verbrachte.
Ein weiterer Schulbus kam an. Schüler stiegen aus und gingen den Weg zum Schulgebäude hinauf. In der Schüleransammlung war Stephanie. Stephanie und Kevin gingen gemeinsam in eine Klasse und er fand sie toll. Heimlich natürlich. Vielleicht war er sogar verliebt. Aber das war egal, denn sie war’s sicherlich nicht.
Wahrscheinlich glaubte sie sogar er könne sie nicht leiden. Denn er sprach nicht. Er konnte nicht sprechen. Und was sollte man da auch anderes denken?
Stephanie blieb mit ihren Freundinnen bei Jan und Kevin stehen und wünschte fröhlich einen guten Morgen. Kevin überließ Jan das Antworten und lächelte nur.
Andererseits, dachte er, könnte er sie nicht leiden, würde er doch nicht lächeln.
“Wie geht es dir?”, fragte sie und schaute Kevin an.
Was sollte er darauf antworten? Ihm ging’s nicht so gut. Weil er wusste, dass er darauf nicht vernünftig antworten konnte. Und weil er wusste, dass sie eigentlich nur versuchte ein Gespräch zu beginnen und er damit absolut nichts anfangen konnte. Weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Weil es in seinem Kopf, wie bei einem Blackout aussah. Mutismus eben.
“Gut”, antworte er kurz und lächelte. Eigentlich hätte er jetzt noch mehr sagen müssen. Aber was? Ihm fiel absolut nichts ein.
Nach einer kurzen Stille ergriff Jan das Wort und erzählte welche Entdeckung er gestern im Internet gemacht hatte. So war das immer. Mehr als auf Fragen antworten konnte Kevin nicht. Und das Blöde war, dass sie ihn immer wieder ansprach. Als würde sie versuchen ihn zum Sprechen zu bringen. Immer wieder fragte sie ihn was. Warum tat sie das? Wollte sie sich lustig über ihn machen, wie einige andere Klassenkameraden? Manchmal hatten sie sogar Wetten am Laufen, wann Kevin sprechen würde und wann nicht.
Er war skeptisch. Weil sie einfach mit ihm Sprechen wollte, sicherlich wohl nicht. Und weil sie ihn mochte auch nicht. Das wäre ja zu schön gewesen.
Und so hörte er sie lachen, weil Jan wohl gerade etwas Lustiges gesagt haben muss. Kevin hatte nicht zugehört. Denn nun gingen ihm gefühlte tausend Gesprächsmöglichkeiten durch den Kopf. Er hätte sie zum Beispiel fragen können, wie es ihr ging. Oder wie ihr Tag gestern war. Oder etwas über die Schule. Ob sie mit den Hausaufgaben klar kam. Gut. Das wäre vielleicht etwas zu streberhaft gewesen, aber ihm fiel sicherlich noch eine andere Schulefrage ein.
Aber es war egal. Jetzt war’s vorbei. Sie unterhielt sich mit den Anderen und in der nächsten Situation war wahrscheinlich keine dieser Fragen in seinem Kopf parat. Dann war er wieder leer, als hätte es nie Gesprächsideen gegeben. So war das eben mit dem elenden Mutismus. Immer.
Aber wahrscheinlich war das mal eine halbwegs normale Situation, dachte Kevin. Das mit dem Ansprechen von Mädchen. Nur fühlte er sich dadurch auch nicht besser. Wie beschissen war das denn, wenn er ein Mädchen nett fand, sie ihn ständig ansprach und er nicht sprechen konnte?
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