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	<title>Mutismus Blog &#187; Psychiatrie</title>
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	<description>Die Welt aus der Sicht einer Schweigsamen...</description>
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		<title>Das erste Mal</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Jun 2010 09:30:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(und hier das letzte Mal)
Alenas Mutter setzte den Blinker und bog rechts in die Straße ein. Die Straße war durch die vielen Bäume ziemlich dunkel. Fast schon düster wirkte sie. Alena kniff die Augen zusammen. Die Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, weil über den großen, dicken Bäumen die Sonne vom Himmel schien.
Dafür [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(und <a href="/letztes-mal-therapie/">hier</a> das letzte Mal)</p>
<p style="text-align: justify;">Alenas Mutter setzte den Blinker und bog rechts in die Straße ein. Die Straße war durch die vielen Bäume ziemlich dunkel. Fast schon düster wirkte sie. Alena kniff die Augen zusammen. Die Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, weil über den großen, dicken Bäumen die Sonne vom Himmel schien.<br />
Dafür wirkte das Gebäude der psychiatrischen Klinik umso heller. Es war ein grelles Gelb, das da hinter den Bäumen hervor sprang.<br />
Ihre Mutter parkte das Auto und zusammen gingen sie zur Klinikanmeldung, die in einem weißen Gebäude nebenan war. Die Frau hinter dem Tresen sagte, es dauerte noch einen Moment, sie würde auf der Station bescheid geben, dass Alena da wäre.<br />
Warten. Gut, also warten.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach einer Weile kam ein großer, ein bisschen schlaksiger Mann durch die Glastür am anderen Ende des Warteraums. Er lächelte freundlich und fragte, ob sie Alena sei.<br />
Sie nickte.<br />
Er streckte ihr die Hand hin, die sie entgegen nahm.<br />
„Hallo, ich bin Herr V.“, sagte er. „Der behandelnde Psychotherapeut der Station 3.“<br />
Er schüttelte auch Alenas Mutter die Hand und bat ihm zu folgen.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie gingen in sein Büro.<br />
Das Büro lag im zweiten Stock des gelben Gebäudes.<br />
Herr V. schloss die Tür auf und bot ihnen einen Sitzplatz an. Rechts, in der Ecke seines Büros stand ein runder, heller Tisch. Drumherum vier genauso helle Stühle mit einem blaugrauen Sitzpolster.<br />
Alena setzte sich direkt an die Tür. Das fühlte sich besser an. So hätte sie einfach wieder gehen können. Ihre Mutter rechts und Herr V. links neben ihr. Oder besser gesagt, saß er ihr schon fast gegenüber.<br />
Hinter Herr V. war sein Schreibtisch und dahinter, da war das Fenster. Links war ein großer Bücherschrank, genauso hell, wie die anderen Möbel und rechts war auch schon die Wand. Das Büro war also nicht sehr groß.</p>
<p style="text-align: justify;">Herr V. hatte mittlerweile das Gespräch begonnen. Er hatte sich noch einmal genau vorgestellt und sagte, dass er das Aufnahmegespräch führte.</p>
<p style="text-align: justify;">Warum möchtest du hier eine Therapie machen, Alena?&#8221;<br />
<em>Pah! Wollen?! Hab&#8217; ich denn eine andere Wahl, wenn man so, wie es ist nicht mehr klar kommt? Man will keine Therapie machen. Eine Therapie muss man nur machen wollen, damit es besser wird. Hätte ich irgendwas gewollt, dann wäre das ein anderes Leben! Und keine Therapie!</em><br />
&#8220;Alena?&#8221;<br />
Schweigen.<br />
Ja, weil das war ja das Problem, dachte sie und schwieg.<br />
Irgendwann antwortete ihre Mutter &#8220;weil sie nicht spricht&#8221; und dann beantwortete sie eigentlich auch die ganzen anderen Fragen, die Herr V. für die Anamnese stellte.<br />
Das einzige, was Alena sagte war  &#8220;siebzehn&#8221;. Siebzehn, weil sie siebzehn Jahre alt war.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Boden war hässlich. Er stach einem, in diesem Büro, eigentlich sofort ins Auge. Viel zu dunkel und blau. Und viel zu gepunktet auch. Schlimm.<br />
Und Herr V., der war auch irgendwie komisch. Freundlich war er, aber irgendwie war er eigenartig. Sie wusste nicht warum, aber wenn Psychologen komisch waren, dann war er eben ein Psychologe und einfach nur komisch. Von seiner Art.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Gespräch machte sie wütend. Ihre Mutter erzählte und erzählte. Erzählte vom Kindergarten, von der Schule und von zu Hause. Und eigentlich erzählte sie alles falsch! Jedenfalls nicht so, wie es Alena selbst erzählt hätte, weil es für sie eben ganz anders war!<br />
Herr V, er hätte es spüren müssen, dass alles ganz falsch war!<br />
Nein, eigentlich hätte sie alles selbst erzählen müssen! Und natürlich konnte sie mal wieder nicht sprechen. Was auch sonst?!<br />
Der Kopf war voll mit Gedanken, nur die Worte im Mund dazu fehlten. Da war nichts! Keine drin! Wie immer eben.<br />
Scheiße, war alles!</p>
<p style="text-align: justify;">Das Gespräch dauerte nicht lange. Zum Schluss fragte Herr V., ob Alena sich denn eine stationäre Therapie hier  und ihn als Einzeltherapueten vorstellen könnte.<br />
<em>Ja, eine andere Wahl hatte sie doch nicht oder? Vielleicht würde es durch eine Therapie besser werden. Ja, vielleicht.<br />
Also dann. Willkommen in der Klapse und hallo Herr V.</em><br />
Alena nickte.</p>
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		<title>In der Psychiatrie</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Apr 2010 16:46:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eigentlich hätte nur noch das Nachthemd gefehlt und dann wäre jedes Klischee, was man über Menschen in einer Psychiatrie hat, erfüllt gewesen. Dann wäre Alena eine wandelnde Geistesabwesende gewesen mit Augenringen, blasser Haut, einem mageren Körper und Haaren, die ihr wild ins Gesicht fielen.
Aber das war nicht so, weil sie psychisch krank war, sondern das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Eigentlich hätte nur noch das Nachthemd gefehlt und dann wäre jedes Klischee, was man über Menschen in einer Psychiatrie hat, erfüllt gewesen. Dann wäre Alena eine wandelnde Geistesabwesende gewesen mit Augenringen, blasser Haut, einem mageren Körper und Haaren, die ihr wild ins Gesicht fielen.<br />
Aber das war nicht so, weil sie psychisch krank war, sondern das war so, weil eine Therapie katastrophal schwierig und kompliziert war. Vor der Therapie, da kam sie irgendwie zurecht. Es war nicht schön so, aber es funktionierte. Weil Menschen ihr Verhalten anpassen und kleine Überlebenskünstler sind, wenn sie es sein müssen.<br />
Aber nun war alles aufgewühlt und umgegraben. In Wunden gebohrt und nichts war mehr an seinem Platz.<br />
Innerlich, da war es schlimm. So schlimm, sodass man es äußerlich sehen konnte. Es war so, als wollte Alena diesmal nicht nur innerlich für immer einschlafen, sondern auch äußerlich. Es war einfach alles müde, auch der Körper. Da musste man auf einmal nicht mehr Essen und Schlafen, weil es dafür keine Kraft mehr gab.<br />
Früher, da hatte es eben funktioniert, das Leben. Und nun funktionierte gar nichts mehr. Das Sprechen funktionierte sowieso nicht. Aber das Nichtsprechen nun auch nicht mehr! Und alle Gedanken, Ansichten und Weltbilder waren plötzlich anders.<br />
Alles war furchtbar aufgewühlt. Im Wandel. Oder eben doch nicht. Jedenfalls war es nicht mehr so, wie es war. Entweder ging es vor oder es ging gar nicht mehr. Gar nicht mehr sollte es eigentlich nicht gehen und vor war furchtbar schwierig.<br />
<strong>Und deswegen sahen die meisten Menschen nicht so aus, weil sie krank waren und in eine Psychiatrie mussten, sondern, weil sie in einer waren.</strong></p>
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		<title>Essen</title>
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		<pubDate>Wed, 24 Feb 2010 14:25:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Essen ist, wenn man Mutismus hat, schrecklich kompliziert.
Alena hasste es, weil in der Klinik die Mahlzeiten zusammen im Gruppenraum eingenommen wurden. An einem großen Tisch. Und das Problem war, dass es nur wenige Schüsseln gab. So standen die Kartoffeln einmal am Tischende, das Gemüse in der Mitte und die Soße vielleicht am anderen Ende.
Als Mutist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Essen ist, wenn man Mutismus hat, schrecklich kompliziert.<br />
Alena hasste es, weil in der Klinik die Mahlzeiten zusammen im Gruppenraum eingenommen wurden. An einem großen Tisch. Und das Problem war, dass es nur wenige Schüsseln gab. So standen die Kartoffeln einmal am Tischende, das Gemüse in der Mitte und die Soße vielleicht am anderen Ende.<br />
Als Mutist kann man nicht über den Tisch rufen „ich hätte gern mal die Kartoffeln.“ Und deswegen war das Essen kompliziert. Für Alena alles eine strategische Organisation. Das musste alles genau geplant werden.<br />
Alena ging immer rechtzeitig zum Gruppenraum. Manchmal konnte sie dann dem Küchendienst helfen, den Tisch zu decken. Dann war alles weniger schlimm, weil sie das Essen so hinstellen konnte, dass sie überall ran kam und nicht rufen brauchte. Manchmal ging das nicht. Aber dann musste das Hinsetzten geplant werden. Dann musste Alena am besten so sitzen, dass sie an die Sachen kam, die sie auch aß. Kartoffeln mochte sie nicht so sehr. Das war okay, wenn die mal weiter weg standen. Wenn jemand fragte, warum sie keine Kartoffeln aß, konnte sie sagen, dass sie Kartoffeln nicht so gern mag. Die Wahrheit würde niemanden interessieren. Problematisch war das bei Dingen, die sie mochte.<br />
Manchmal redete sie mit den Patienten, wenn sie allein waren. Da ging das Sprechen schon immer besser. Und was war, wenn sie irgendwann mal erzählt hatte, dass sie Rosenkohl eigentlich ganz gern mochte und dann stand der Rosenkohl völlig unerreichbar auf dem Tisch?  Dann wär’s peinlich gewesen.<br />
„Och, heute mag ich den Rosenkohl nicht mehr“, wäre eine völlig blödsinnige Antwort gewesen.<br />
Manchmal hatte Alena Glück und da wurden die Schüsseln einfach durchgegeben. Dann war alles in Ordnung. Und manchmal saß ein Patient neben ihr, mit dem sie besser sprechen konnte. Dann konnte sie fragen, vorausgesetzt er oder sie kam ran. Und manchmal ging auch alles schief. Dann aß sie gar nichts.<br />
„Ich habe keinen Hunger“, hatte sie dann auf Fragen geantwortet und wieder interessierte sich niemand für die Wahrheit. Weil es in Ordnung war mal keinen Hunger zu haben. Sie war ja schließlich nicht wegen einer Essstörung da. Dann wäre es nicht mehr so in Ordnung gewesen.<br />
Problem aber war, wenn sie sagte, dass sie keinen Hunger hatte, konnte man da nicht mehr zurück. Und zu sagen „ach, jetzt hab’ ich doch ganz plötzlich Hunger bekommen“ nur weil  die Nudeln zufällig erreichbar waren, wäre völliger Blödsinn gewesen. Deshalb saß Alena dann meistens da, mit knurrendem Magen, an einem Tisch mit Essen. Schön war das. Ganz toll. Völlig festgefahren und ausweglos. Fertig mit der Welt. Weil man als Mutist noch nicht einmal vernünftig essen konnte!</p>
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		<title>Die Geburtstagsparty</title>
		<link>http://www.mutismusblog.de/die-geburtstagsparty/</link>
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		<pubDate>Tue, 26 Jan 2010 23:01:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es war Alenas Geburtstag. Zwölf wurde sie und sie hatte einige Mädchen aus ihrer Klasse eingeladen. Und eigentlich freute sie sich auf ihre Geburtstagsfeier, denn zu Hause konnte sie endlich mal so sein, wie sie wirklich war. Jedenfalls fiel dort das Sprechen sehr viel leichter als in der Schule.
Alle Mädchen, die sie eingeladen hatte kamen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Es war Alenas Geburtstag. Zwölf wurde sie und sie hatte einige Mädchen aus ihrer Klasse eingeladen. Und eigentlich freute sie sich auf ihre Geburtstagsfeier, denn zu Hause konnte sie endlich mal so sein, wie sie wirklich war. Jedenfalls fiel dort das Sprechen sehr viel leichter als in der Schule.<br />
Alle Mädchen, die sie eingeladen hatte kamen. Es gab Kuchen, Pizza, Chips, Gummibärchen und Cola. Sie durfte in dem großen Wohnzimmer feiern, weil Alenas Kinderzimmer viel zu klein war.<br />
Erst wollten sie alle raus. Christina wollte eine Freundin, die im gleichen Ort wohnte besuchen, weil sie sich doch so lange nicht mehr gesehen hatten. Und die anderen fanden die Idee super. Gut, überstimmt, also alle raus und zu einer wildfremden Person an Alenas Geburtstag.</p>
<p style="text-align: justify;">Wieder zurück. In Alenas Zimmer. Weil alle ihr Zimmer sehen wollten.<br />
Jeder suchte irgendwas. Im Bücherregal, im CD-Regal und auf dem Schreibtisch. Und alles, was sie fanden war auf einmal so schrecklich lustig. Das alte zerzauste Schaf, was Alena seit dem Tag ihrer Geburt hatte, flog durch das Zimmer, ihre Lieblingsmusik war mit einem Mal auch furchtbar lustig und wurde von allen albern nachgeäfft, obwohl sie sie eigentlich selbst auch hörten und die Stifte auf dem Schreibtisch waren albern und die Bücher im Regal sowieso. Irgendwann war das Abendessen auch lustig und ein Kindergartenessen, das Besteck, die Teller und die Gläser waren uncool und das ganze Haus sowieso.<br />
Kurzum, alle amüsierten sich prächtig über Alena und ihr Leben.<br />
Und wahrscheinlich waren sie deshalb auch hier. Damit sie sich in der Schule nur noch mehr über Alena lustig machen konnten.<br />
GEHT WEG!!!, hätte sie am liebsten geschrien und hätte alle samt ihrer Geschenke hinausgeworfen. Und die Jacken, Schuhe, Schals und Handschuhe hinterher und dann hätten sie blöd guckend im Schnee gestanden. In der Kälte.<br />
Aber das traute sie sich nicht. Nicht, weil sie zu Hause nicht schreien konnte. Wie hätte sie es denn ihren Eltern erklären sollen, dass sie gerade ihre Geburtstaggäste raus geworfen hätte? Und wie wäre es nach diesem Tag in der Schule gewesen? Sicherlich noch schlimmer als den Rest dieses Abends noch ertragen zu müssen.</p>
<p style="text-align: justify;">Am späten Abend <span style="color: #3366ff;">weinte sie sich in den Schlaf</span>. Es war ihre letzte Geburtstagfeier. Erstmal, jedenfalls.</p>
<p style="text-align: justify;">
<p style="text-align: justify;">
<p style="text-align: justify;">
<h2 style="text-align: right;"><span style="color: #000000;"><strong>Cut.</strong></span></h2>
<p><span style="color: #000000;"><strong><br />
</strong></span></p>
<p style="text-align: justify;">Und wenn ich am nächsten Morgen nicht mehr aufwache, dann soll es so sein, dachte Alena und <span style="color: #3366ff;">Tränen tropften auf das Kissen</span>. Vielleicht habe ich Glück und werde keine 18 Jahre mehr alt.<br />
Langsam hatte sie keine Kraft gegen die schweren Augenlider, die zufallen wollten, anzukämpfen und schlief ein.<br />
Es war 20 Uhr. Sie war gerade erst nach Hause gekommen und hatte sich sofort in ihr Zimmer verkrümelt. Sie hatte die Musik aufgedreht und die kleine Holzkiste aus der Schublade unter den Socken hervorgeholt. In der Kiste lagen Taschentücher, Raiserklingen und ganz viele kleine, bunte Tabletten. Alena hatte sie nach und nach gesammelt, die Tabletten. Aus dem Medizinschrank. Schlaftabletten, Beruhigungstabletten – und Tabletten, die man als gesunder Mensch eigentlich nicht nehmen sollte.<br />
Sie nahm die Tabletten alle.<br />
Sie hatte sich keine Gedanken gemacht, was danach mit ihr passieren könnte und ob das so überhaupt funktioniert oder ob sie am Ende Folgen davon tragen würde. Sie wollte nur schlafen. Ganz tief schlafen und dabei sollte das Herz einfach aufhören zu schlagen. Und wenn es in dieser Nacht eben passierte, dann war es so.<br />
Die Musik lief. Dauerschleife. „<em>Oh girl we are the same. We are young and lost and so afraid. There´s no cure for the pain, no shelter from the rain. All our prayers seem to fail…</em>”</p>
<p style="text-align: justify;">Der Wecker klingelte. Und klingelte.<br />
Alena’s Augenlider zuckten. Langsam bewegte sie sich und öffnete die Augen.<br />
Scheiße bin ich müde, murmelte sie.<br />
Und scheiße, ich atme noch.<br />
Nur langsam konnte sie aufstehen. Ihr Kopf brummte, als wären zig Autos drüber gefahren.<br />
Duschen. Erstmal duschen, dachte sie.<br />
Und dazu brauchte sie ewig lange, sodass sie sich beeilen musste, um es noch pünktlich zur Schule zu schaffen. Ihre Familie gratulierte ihr, sie bekam Umschläge und machte sich schnell auf den Weg.</p>
<p style="text-align: justify;">Am Nachmittag schlurfte sie die Wendeltreppe zur Station hinauf. Sie mussten jeden Tag zur Klinik, da sie noch tagesklinisch war. Auch an ihrem Geburtstag.<br />
Irgendwas war komisch, als sie gerade eben an der Tür geklingelt und sich durch die Sprechanlage gemeldet hatte.<br />
Und auf einmal hörte sie Stühlerücken.<br />
Die haben doch Übergabe um diese Zeit, dachte sie.<br />
Dann hörte sie auch noch die Stationstür. Mittlerweile war Alena schon sieben Monate hier, sodass sie die verschiedenen Türen sehr gut durch ihren Klang beim Öffnen unterscheiden konnte.<br />
Und plötzlich standen sie alle da. Alle. Die kompletten Patienten, Therapeuten und Betreuer von der Früh- und von der Spätschicht. Und auch Therapeuten, mit denen sie eigentlich nicht viel zu tun hatte.<br />
Herr V. stand vorn und fing nun auch noch an zu zählen.<br />
Eins. Zwei. Drei.<br />
Happy Birthday to you…<br />
Sie sangen Happy Birthday.<br />
Ich glaub’ ich spinn’, dachte Alena.<br />
Ist das verrückt.<br />
Sie singen. Sie singen alle Happy Birthday nur für mich.<br />
Das hat noch nie jemand getan. Nagut, im Kindergarten. Aber das zählt nicht, weil man das tun musste.<br />
Sie sangen zu Ende.<br />
Herr V. kam auf sie zu. Er gab ihr die Hand und gratulierte und konnte nicht aufhören Alena anzugrinsen. Er spürte, wie überwältigt sie war. Und sie <span style="color: #3366ff;">kämpfte mit den Tränen</span>.<br />
Die Menge löste sich auf und die Patienten kamen auf sie zu gestürmt.<br />
Alena wurde umarmt und gedrückt. Hier und da.<br />
Ich glaube, ich spinne, dachte sie wieder.<br />
Es gab Kakao und Kuchen.<br />
Mit 18 Kerzen obendrauf.<br />
Ich muss einfach spinnen, dachte sie.<br />
Sie hatte schon einige Geburtstage auf der Station miterlebt. In den sieben Monaten. Und Kuchen gab es immer. Er wurde von der Nachtschicht gebacken. Aber die Sache mit dem Lied, dass alle auf dem Flur versammelt waren und sangen, das gab es noch nie…<br />
Und Alena atmete, sie atmete und lebte noch immer.<br />
Zum Glück.</p>
<p style="text-align: justify;">
<h2 style="text-align: right;"><span style="color: #000000;"><strong>Cut.</strong></span></h2>
<p><span style="color: #000000;"><strong><br />
</strong></span></p>
<p style="text-align: justify;">20 Jahre. Alena hatte einige Freunde eingeladen. Ihre beste Freundin, die sie in der Klinik kennengelernt hatte und ihre beste Freundin, die mit ihr zur Schule ging. Beide brachten ihre Freunde mit. Ihre Freundin, die sie über das Internet kennengelernt hatte, war auch da. Und natürlich ihr Freund. Ja, ihr Freund.<br />
Es gab Pizza und selbstgemachte Cocktails.<br />
Es wurde gesagt, wie lecker die Pizza sei und nach dem Rezept für den Teig gefragt. Weil Pizzen eben doch nicht immer lustig sind.<br />
Aber Cocktails sind es. Und deswegen war der ganze Abend auch lustig. Mit Alena und nicht ohne Alena.<br />
Es gab Musik, lustige Kartenspiele und Witze. Und es wurden <span style="color: #3366ff;">Tränen</span><span style="color: #3366ff;"> gelacht</span>.<br />
A <span style="text-decoration: underline;">Happy</span> Birthday.</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Fahrplanauskunft ll</title>
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		<pubDate>Mon, 18 Jan 2010 09:58:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Fahrplanauskunft I
Alena lag auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Das bedruckte Papier vom Bahnhof lag auf dem Schreibtisch. Wie ärgerlich das doch ist, dachte sie. Die falsche Zugverbindung. Gut, an sich, war es nicht völlig falsch. Die Fahrtzeiten in die Stadt standen auf dem Zettel. Aber ab dem Bahnhof musste man noch einmal [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><span style="text-decoration: underline;"><a href="http://mutismusblog.de/fahrplanauskunft-l/">Fahrplanauskunft I</a></span></p>
<p style="text-align: justify;">Alena lag auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Das bedruckte Papier vom Bahnhof lag auf dem Schreibtisch. Wie ärgerlich das doch ist, dachte sie. Die falsche Zugverbindung. Gut, an sich, war es nicht völlig falsch. Die Fahrtzeiten in die Stadt standen auf dem Zettel. Aber ab dem Bahnhof musste man noch einmal mit dem Bus fahren und die Busverbindung war falsch. Der Mitarbeiter von der Bahn musste die genaue Straße wohl falsch verstanden haben. Und das lies ihr einfach keine Ruhe. Sie wollte einen richtigen Zettel  mit ihren Zugverbindungen haben.<br />
Es war 18.30 Uhr, Zeit für das Abendessen. Langsam schlurfte Alena in den Gruppenraum, in dem nicht nur die Gruppentherapie stattfand, sondern auch die Mahlzeiten eingenommen wurden. Alena setzte sich neben Maike, die sich mit Dennis unterhielt. Nach und nach folgte der Rest, bis alle da waren.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Abendessen, zurück in Alenas Zimmer, klopfte es plötzlich an der Tür. Maike und einige andere Mädchen warfen ihre Köpfe zur Tür herein. „Möchtest du mit in den Abendausgang kommen? Wir wollen zum Bahnhof.“ Ja, warum nicht. Die Sonne geht gerade so hübsch unter, dachte sie. „Ja.“<br />
Es war der letzte Abendausgang in diesem Sommer. Nach dem Abendessen durfte man nur im Sommer noch einmal bis um 20.15 Uhr die Station verlassen. Im Herbst und Winter dann nicht mehr, da es dunkel wurde. Als würde die Dunkelheit die kleinen Patienten auffressen, dachte Alena. Sie möchte es im Dunkel spazieren zu gehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Alena und vier andere Mädchen gingen zum Bahnhof. Zwei wollten irgendwie Zigaretten bekommen – sie waren erst 14 – und die anderen beiden Zeitschriften und Süßigkeiten für den Abend kaufen.<br />
Ja, der Bahnhof. Und eigentlich könnte Alena noch einmal beim Servicebereich vorbeischauen. Nur schauen. Mehr nicht. Die Lage checken, wie sie manchmal scherzhaft zu Herr V. sagte, wenn sie erstmal nur beobachten wollte.<br />
Der Weg zum Bahnhof war nicht lang. Sie sagte den anderen, dass sie nicht mitkomme. Sie müsse etwas erledigen und dann stand sie aufeinmal allein in der Bahnhofshalle. Der Bahnhof war viel leerer. Nicht mehr so viele Menschen, wie am Mittag waren unterwegs. Und hinter den Tresen saßen nur eine Frau und ein Mann, ein anderer als am Mittag. Ein Fahrgast mit einem großen schwarzen Koffer und glatt gekämmtem Haar stand an seinem Tresen. Wenn Alena da nun reingehen würde, könnte sie nicht mehr so einfach wieder rausgehen. Dann gab’s kein Zurück mehr, denn alles war so menschenleer, dass jeder Alena bemerken würde.<br />
Okay. Durchatmen und gehen. Genau, wie heute Mittag.<br />
Gehen.<br />
Und sie ging.<br />
Das Herz schlug ihr wieder bis zum Hals. Aber diesmal versuchte sie es zu ignorieren. Adrenalin schoss durch ihren Körper und er fühlte sich irgendwie merkwürdig kühl an.<br />
Alena ging durch die Glastür und den mit Bändern markierten Weg für eine lange Schlange entlang. Links, rechts, links, rechts – warum musste man die Markierungen so stehen lassen, wenn doch gar keine Menschen mehr hier waren? Daran, dass so ein langer Weg für jemanden, der gerade Todesängste durchstehen musste, sehr ungeeignet war, dachte niemand.<br />
Endlich war sie bei der Frau. Es war eine blonde, freundlich aussehende etwas fülligere Frau.<br />
„Hallo!“<br />
„Hallo. Ich bräuchte eine Fahrplanauskunft.“<br />
„Von wo nach wo denn?“, fragte die Frau.<br />
„Von hier zur Berufsschule und wieder zurück.“<br />
Sie tippte.<br />
„Okay. Morgens hin und am Nachmittag zurück?“<br />
„Genau.“<br />
Der Drucker ratterte.<br />
„Ich habe Ihnen ein paar Verbindungen ausgedruckt“, sie zeigte Alena den Zettel.<br />
Alena schaute ihn an. Da stand als Endhaltestelle „Berufsschule“! Es stimmte!<br />
„Danke“, sagte sie freundlich und lächelte.<br />
„Tschüss.“<br />
Ihr Herz schlug noch immer laut. Es war als wollte es nicht leiser werden. Aber diesmal wohl vor Stolz. Und vor Erleichterung. Aufeinmal fühlte es sich so an, als wäre sie schwerelos, wie eine Feder. Als hätte sie tausende von Kilogramm verloren. Und eigentlich hätte sie auch den ganzen Bahnhof umarmen können, würde er in ihre Arme passen.<br />
Ich glaube, ich zerspringe, dachte sie. Das ist ja besser als alles, was ich jemals gefühlt habe.</p>
<p style="text-align: justify;">Zurück auf der Station erzählte sie es sofort. Das musste man einfach erzählen. Darüber konnte man nun wirklich nicht schweigen. Außerdem strahlte Alena bis über beide Ohren, das konnte  auch niemand übersehen ohne zu fragen, was passiert war.<br />
Frau Förster schaute sie skeptisch, aber erfreut an. Wahrscheinlich dachte sie, so etwas Verrücktes konnte Alena gar nicht gemacht haben. Sicherlich hatte sie bei der Teambesprechung schon von Alenas Ausflug am Mittag  mit Herr V. gehört und wie schwer es ihr gefallen war.<br />
Aber konnte man machen. Sogar Alena.<br />
Weil es einfach nicht ging, wenn man die falsche Auskunft hatte. Das war so, als hätte man etwas angefangen und konnte es nicht zu Ende bringen. Und das funktioniert doch einfach nicht! Der ganze Kampf am Mittag hätte nicht umsonst sein können!</p>
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		<title>Fahrplanauskunft l</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Dec 2009 20:48:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Na, dann lass&#8217; uns losgehen, zum Bahnhof“, sagte Herr V. mit einem Lächeln.
„Wie, was? Jetzt?“, fragte Alena skeptisch.
„Ja. Oder spricht etwas dagegen?“
Nein, an sich nicht. Aber trotzdem ging das nicht einfach mal eben so. Und schon gar nicht heute und jetzt. Da muss man drüber nachdenken. Man muss sich vorbereiten und Nächte darüber schlafen. Auch, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">„Na, dann lass&#8217; uns losgehen, zum Bahnhof“, sagte Herr V. mit einem Lächeln.<br />
„Wie, was? Jetzt?“, fragte Alena skeptisch.<br />
„Ja. Oder spricht etwas dagegen?“<br />
Nein, an sich nicht. Aber trotzdem ging das nicht einfach mal eben so. Und schon gar nicht heute und jetzt. Da muss man drüber nachdenken. Man muss sich vorbereiten und Nächte darüber schlafen. Auch, wenn sie nun schon eine halbe Stunde der Therapie darüber geredet hatten. So schnell ging das nicht.<br />
Alena wollte wieder zur Schule gehen. Sie war nun schon vier Monate in der psychiatrischen Klinik und das neue Schuljahr hatte inzwischen begonnen. Extern, nannte man das hier und die Möglichkeit gab es. Viele Patienten gingen extern zur Schule. Nur war die Schule der anderen Patienten in derselben Stadt und nicht 40 Kilometer außerhalb. Und darum musste erst geschaut werden, ob das funktioniert und ob es eine Zugverbindung gab.<br />
Ehe Alena Argumente einfielen, was denn nun eigentlich dagegen spricht sofort zum Bahnhof zu laufen und sich eine Fahrplanauskunft zu holen, stand Herr V. schon in seinem Büro und schnappte sich seine Jacke, die über dem Schreibtischstuhl hing.<br />
„Lass&#8217; uns hoch gehen. Ich sag&#8217; schnell im Dienstzimmer bescheid und du holst deine Jacke“, sagte Herr V.<br />
Nein. Ich kann das nicht. Nicht jetzt, dachte Alena still und folgte Herr V.,  wie automatisiert, der schon den Schlüssel zückte, um seine Bürotür abzuschließen.<br />
Alena schlich in ihr Zimmer, schnappte ihre Jacke und hörte Herr V. gerade fragen, ob sie laufen oder mit der Straßenbahn fahren wollen.<br />
„Laufen!“ Dann ist mehr Zeit, dachte Alena.</p>
<p style="text-align: justify;">Und so gingen sie den kurzen Weg zum Bahnhof zu Fuß.<br />
„Wie geht es dir?“, fragte Herr V.<br />
„Ich kann das nicht“, antwortete sie gequält und verzog das Gesicht dabei vor Angst.<br />
Ihr war übel. Ihr Magen fuhr Achterbahn. Und alles tat ihr weh. Ihren Herzschlag konnte sie trotz der quietschenden Straßebahnen und der vorbeifahrenden Autos hören. Sie merkte selbst kaum, wie sie einen Fuß vor den anderen setzte und neben Herrn V. zum Bahnhof ging.<br />
Es war komisch neben ihm zu gehen. Überhaupt, war es komisch mit ihm irgendwo hin zu gehen, denn sie kannte ihn nur in seinem Büro als ihren Therapeuten. Drin. Draußen war ihre Welt. Da war sie allein.<br />
„Wir gehen da erstmal einfach nur hin“, schlug Herr V. mit beruhigender Stimme vor.<br />
Nur hingehen, sagte Alena zu sich selbst, damit sie nicht schlagartig umdrehte und zurück rannte.<br />
Sie gingen die Treppe zum Bahnhof hinauf, durch die Glastür und die große Bahnhofshalle entlang bis zum Servicebereich.<br />
In einem Glaskasten waren einige Schalter und dahinter saßen die Mitarbeiter. Es waren bestimmt insgesamt 10 Schalter und einige Reisende mit ihren Koffern waren auch dort. Das konnte man durch das Glas gut sehen.<br />
Alena blieb stehen. Reingehen geht nicht. Herr V. blieb auch stehen und schaute sie an. „Möchtest du hineingehen?“<br />
Alena schüttelte schnell und energisch den Kopf. Wenn sie irgendetwas tat, dann wäre das zurückgehen.<br />
„Weißt du, was du sagen möchtest?“, fragte Herr V.<br />
„Ich kann nicht“, antwortete sie diesmal noch gequälter. Man konnte Alena die Anspannung im Gesicht ansehen.<br />
Um sie herum war alles taub und verschwommen. Die ganzen Geräusche klangen Meter weit entfernt.<br />
Es war viel zu kompliziert nach einer Zugverbindung zu fragen. Es gab zig Möglichkeiten. Viel zu viele Wörter und Sätze. Und auch zig Antwortmöglichkeiten der Mitarbeiter.<br />
Ich möchte wieder zurück, dachte Alena. Ich kann das nicht!<br />
Aber zurückgehen war auch irgendwie nicht richtig. Nein! Sie wollte das können. Einfach wieder zurückgehen ging auch nicht. Gar nichts ging. Nicht vor und auch nicht zurück.<br />
„Ich könnte sagen, dass ich von hier zur Schule fahren möchte. Und dass ich dazu gern eine Fahrplanauskunft hätte“, sagte Alena plötzlich.<br />
„Das klingt gut.“</p>
<p style="text-align: justify;">Herr V. schlug vor, einfach mal hineinzugehen. Sie könnten ja dann wieder herausgehen, wenn es nicht klappte.<br />
Okay, Alena folgte ihm.<br />
In dem Glaskasten war alles ganz anders. Viel ruhiger. Und die Leute standen alle in einer Schlange und warteten bis sie an der Reihe waren. Es gab viele Schalter für den Fernverkehr und einen Schalter für den regionalen Verkehrsverbund. Man hörte das Klappern von Computertastaturen.<br />
Herr V. zeigte auf den regionalen Schalter. Dort stand kein Fahrgast und ein Mann hinter dem Tisch schaute sie an, als sie ein Stück näher kamen. Sofort drehte ihm Alena den Rücken zu und schaute nun Herrn V. an. Er schaute sie an und lächelte aufmunternd.<br />
Es geht nicht, hätte ihr Blick jammernd zu ihm gesagt,  wenn sie gesprochen hätte.<br />
Plötzlich ging sie schnell an Herrn V. vorbei und wieder hinaus. Draußen in der Bahnhofshalle war es besser. Da schlug das Herz nicht ganz so schlimm. Herr V. folgte ihr.<br />
„Fällt es dir leichter, wenn ich dabei bin oder draußen bleibe?“<br />
„Draußen bleiben“, antwortete Alena leise.<br />
„In Ordnung.“<br />
Herr V. drehte sich um und ging einige Schritte von ihr weg. Er tat so, als wäre er einer der Reisenden und würde warten. Auf irgendwas anderes und nicht auf sie, die gerade durch die Hölle ging. Herr V. ging bis zur großen Uhr und drehte sich um, um zurück zu schauen. Sie waren jetzt schon über eine halbe Stunde am Bahnhof. Alena verpasste gerade das Mittagessen und Herr V. würde sicher auch zu irgendwas zu spät kommen.<br />
Oh man, dachte Alena.<br />
Die Minuten vergingen, sie stand wie angewurzelt da. Sie hatte sich keinen Schritt bewegt. Irgendwann kam Herr V. wieder zurück.<br />
„Ich kann das nicht!“, Tränen quollen ihr aus den Augen hervor.<br />
Er schaute sie an und reichte ihr ein Taschentuch. Er wartete, bis sie sich wieder beruhigt hatte und legte seine Hand auf ihren Arm. „Soll ich noch mal weggehen?“<br />
„Ja“, flüsterte Alena und er drehte sich wieder um.<br />
Alena warf einen Blick hinter das Glas. Der Mann saß immer noch allein hinter dem Schalter und wartete auf Fragen. Für ihn war das völlig normal den ganzen Tag Fragen zu beantworten.<br />
Los jetzt! Gehen!<br />
Und sie ging hinein. Sie ging bis ans Ende der Schalter und auf den Mann zu, der sie wieder anschaute. Sie ging immer weiter bis sie vor ihm stand.<br />
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte er.<br />
„Hallo“, sagte Alena leise mit zitternder Stimme. Und sie sagte auch das, was sie sich vorher überlegt hatte. Dann hörte sie das Klappern der Tastatur, als der Mann ihre Verbindung in den Computer eingab.  Plötzlich fragte er, wer  denn der Mann sei, der vor einigen Minuten auch da gewesen war. Ob es Alenas Onkel wäre.<br />
Oh nein. Das muss für Andere sicherlich komisch ausgesehen haben. Ein Mann, der auf ein junges Mädchen einredet, das absolut gar nicht glücklich aussieht.<br />
„Nein“, antwortete Alena und schwieg dann. Sie konnte doch dem Mann nicht sagen, dass das ihr Therapeut war und sie doch eigentlich gar nicht sprechen konnte und das gerade übte.<br />
Sie wartete bis die Verbindungen hin und zurück ausgedruckt waren und verabschiedete sich leise, um ganz schnell wieder aus dem Glaskasten zu verschwinden. Aber diesmal mit einem Zettel in der Hand.<br />
Herr V. stand vor ihr, als sie wieder in der Bahnhofshalle stand. Er lächelte sie an. Und Alena strahlte beinahe. Zwar sah man ihr den Kampf, den sie gerade durchstehen musste an und sie konnte es eigentlich noch gar nicht richtig glauben, was sie soeben getan hatte, aber sie hätte bis über beide Ohren strahlen können.<br />
„Wie war es?“, fragte Herr V. und Alena erzählte ihm von dem Mann, der fragte, wer er sei.<br />
Herr V. lachte: „Aber es ist ja nett von ihm, dass er nachfragt und sich Sorgen macht um ein Mädchen, das von einem Mann angequatscht wird.“<br />
Alena lächelte auch. Ja, das war es.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie schaute stolz auf ihren ergatterten Zettel. Oh, verdammt. Es war falsch! Es war die falsche Verbindung! Da wollte sie doch gar nicht hin. Nein, verdammt! Da musste irgendwas schief gegangen sein. Ein Missverständnis.<br />
Sie fluchte. Das bedeutete, dass das ganze noch mal gemacht werden musste. All der ganze Mist und nun trotzdem ohne Ergebnis. Am liebsten hätte sie den Zettel vor Wut zerrissen. Alles umsonst!<br />
„Aber du warst da. Du hast es gemacht“, erinnerte sie Herr V. stolz.<br />
„Ja, aber…“<br />
Ja, sie hatte es gemacht. Und wenn sie darüber nachdachte, hatte sie so etwas noch nie in ihrem Leben gemacht. Noch nie. Und eigentlich konnte man die Gespräche mit fremden Menschen auch an einer Hand abzählen. Hatte sie überhaupt jemals schon mit Fremden gesprochen?<br />
Ja, aber es war doch die falsche Verbindung…</p>
<p style="text-align: right;"><span style="text-decoration: underline;"><a href="http://mutismusblog.de/fahrplanauskunft-ll/">Fahrplanauskunft II</a></span></p>
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