« Posts tagged Mutismus

Pressemeldung: “Das Schweigen der Kinder – Über 5.000 Schulanfänger schalten auf stumm”

“Das Schweigen der Kinder – Über 5.000 Schulanfänger schalten auf stumm”

Den hab’ ich soeben via Google Alerts bekommen und möchte ihn euch zeigen.
Ich finde es auch sehr sehr wichtig, dass Lehrer über Mutismus aufgeklärt werden. Zum einen, weil sie ihn dann eventuell erkennen, da die Schule für das Kind ja fremd ist und es dort nicht spricht oder weil sie besser mit dem betroffenen Kind umgehen können.
Keiner meiner Lehrer hatte jemals etwas von Mutismus gehört oder hatte im psychologischen Bereich Kenntnisse und Kompetenzen. Niemand wusste, wie er mit mir umzugehen hatte und eigentlich hat das auch keinen so richtig gekümmert.
Oft bin ich im Internet schon über Berichte mutistischer Kinder gestolpert, die auf Sonderschulen gehen müssen oder keinen Schulabschluss machen können. Und nur weil sie nicht sprechen? Irgendwas ist das falsch. Es gibt ja  schließlich auch anerkannte Lese-Rechtschreib-Schwächen. Warum also  keine Sprechschwächen?

Sekundärer Krankheitsgewinn II

Mir ist noch etwas eingefallen, was an selektiven Mutismus positiv ist. Und zwar, wenn man nicht spricht, hat man jede Menge Zeit andere Menschen zu beobachten.
Mir geht es oft so, dass ich bei Unterhaltungen in einer Gruppe versuche angestrengt zuzuhören, sodass ich eventuell auch mal etwas dazu sagen kann. Am Anfang bin ich also oft mit mir selbst beschäftigt, denke darüber nach, was man dazu sagen könnte, was passt, versuche mich zu überwinden und und und.
Und irgendwann, wenn die schweigsamen Minuten immer mehr werden, geb’ ich auf. Dann hör’ ich auf darüber nachzudenken, was man wie wann und wo sagen kann, weil sonst würde der Frust, dass es nicht funktioniert immer größer werden.
Darum etwas Positives… Andere Menschen beobachten. Mit Absicht mach’ ich das nicht. Aber was soll man auch anderes machen, wenn sich alle unterhalten, außer zuhören und Menschen anschauen? Und dann weiß ich meist mehr über einen Menschen als alle anderen, die mit Sprechen beschäftigt sind. Es ist mir schon einige Male passiert, dass diejenigen, denen ich aufmerksam zugehört hab’, darüber erstaunt waren, dass ich soviel über sie weiß. Weil man mich oft vergisst und als Zuhörer nicht wahrnimmt.
Ich glaub’ ich hab’ ziemlich gute Menschenkenntnisse. Ich merk’, wenn sich jemand nicht wohl fühlt oder wenn es demjenigen nicht gut geht. Und ich weiß auch ziemlich schnell ob mir Menschen sympathisch oder unsympathisch sind. Also noch etwas Positives am Mutimsus ist, ein Gefühl für Andere zu haben.

Sekundärer Krankheitsgewinn

Eigentlich hat jede Krankheit einen sekundären Krankheitsgewinn. Also etwas Positives, was diese Krankheit mit sich bringt. Bei einer Erkältung wäre das der Tee, der für einen gemacht wird oder die Wärmflasche. Also Aufmerksamkeit und Pflege über die man sich insgeheim doch freut und eine Erkältung ein bisschen ertäglicher macht.
Psychische Erkrankungen beziehungsweise bestimmte Verhaltensweisen haben meist einen tieferen Sinn. Oder besser gesagt haben auch etwas Positives oder sind einfach eine Überlebenstrategie.

Bei “meinem” Mutismus ist positiv, dass nichts passieren kann. Das mag komisch klingen, aber wenn man schweigt, kann einem nichts passieren. Keine Meinungsverschiedenheiten, keine Streitereien und auch keine peinlichen Situationen, in die man sich durch Worte bringen kann. Wenn man nicht spricht, ist man sicher.
Passend dazu hab’ ich mal ein Zitat gelesen. Ich weiß leider nicht mehr von wem und wo.

“Schweigen schützt, denn es verrät dich nie”

Das mag ich. Wenn an Mutismus irgendetwas positiv ist, dann dass er schützt. Dass man mit ihm sicher und in gewisser Weise behütet vor der Welt ist. Wie ein treuer, sicherer Begleiter, der einen in keine gefährlichen Situationen bringt…

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Wissen viele Menschen aus deinem realen Leben von deinem Mutismus?

Nein, eigentlich gar nicht. Klar, dass ich stiller bin, ist manchmal unschwer zu übersehen, aber den Namen selektiver Mutismus kennt kaum jemand in Verbingung mit mir. Abgesehen von den Menschen, die damals mit mir in der Psychatrie waren und den Psychologen, Betreuer etc. , wissen gerade mal 6 Menschen aus meinem Bekanntenkreis so richtig davon. Sprich 6 Menschen, denen ich es erzählt habe oder die es durch diesen Blog erfahren haben. Also gehe ich im realen Leben nicht wirklich offen damit um. Möchte ich auch gar nicht. Ich möchte keinen Mutismus-Mitleids-Bonus oder einen Die-spricht-ja-sowieso-nicht-Stempel bekommen.

2. Warum hast du früher geschwiegen?

Ja, die bekannte Warum-Frage… Hab’ ich mir oft gestellt und durch die Therapie habe ich auch viele Antworten bekommen. Allerdings möchte ich hier, öffentlich im Internet nicht ausführlich darüber schreiben. Ich möchte nicht über Dinge schreiben, die andere Menschen betreffen bzw. über Dinge, die so privat sind, sodass ich die besagten Menschen um Erlaubnis fragen müsste. In diesem Blog geht es um mich. Das ist okay. Und um Menschen, die etwas sagen möchten. Aber in diesem Fall würde es nicht nur mich betreffen. Nur soviel: Mutismus ist oder war für mich eine Verhaltensweise, die ich erlernt habe und sich für mich irgendwie als ziemlich praktisch erwiesen hat. Sozusagen eine (Über)lebensstrategie.
Wenn jemand dennoch gerne mehr wissen möchte, sei’s als Betroffener, Angehöriger oder Psychologieinteressierter, kann ich sicherlich per e-Mail (Adresse im Impressum) noch einige Dinge mehr schreiben als in dieser Antwort. Ich hoffe, ihr habt Verständis.

Was man mit selektiven Mutismus alles machen kann I…

  • einen Realschulabschluss machen, indem man die schlechten mündlichen Noten durch sehr gute Schriftliche ausgleicht
  • die Fachhochschulreife erlangen und sich auch da irgendwie durchbeißen (inklusive mündlicher Abschlussprüfung)
  • zwei längere Praktika im medizinischen Bereich machen, bei denen man sehr stark (eigentlich sogar nur) mit Menschen arbeitet

zu Teil II

Google: Mutismus Referat

Ich find’ es immer ziemlich amüsant, wenn ich in Blogs lese, wie darüber geschrieben wird, nach was bei Google gesucht wird und wie man auf die Blogs kommt. Nur leider hab’ ich in diesem Punkt (noch?) nichts Amüsantes zu bieten. Zwar einige Suchebgriffe, die etwas merkwürdig sind, aber dennoch nicht unbedingt erwähnenswert.
Aber was mich brennend interessieren würde, wäre das “Mutismus Referat“. Das wird nämlich ziemlich oft gegoogelt und es ist nach “Mutismus Blog“, “Mutismus” “selektiver Mutismus” weiter oben.

Und dann hätte ich eventuell noch gern gewusst, wie ihr – wenn ÜBER – auf das Thema gekommen seid und wenn ihr eines MIT Mutismus macht, dann wünsch’ ich euch ganz viel Kraft…

Danke :D

Focus Reportage: “Zwei, die schweigen”

Im Focus Nummer 18, also von Anfang Mai 2010, war eine Reportage über Zwillinge, die an selektiven Mutismus leiden. Dummerweise hatte ich den Artikel verpasst, sodass ich mir den Focus weder kaufen, noch euch bescheid sagen konnte. Ärgerlich!

Zum Glück hat focus.de die Reportage aber auch online gestellt, sodass ihr sie hier ansehen könnt. Der Artikel hat mehrere Teile und die jeweiligen Links sind unten auf der Seite zu finden.

Und naja, was soll ich dazu schreiben? Ich find’ es mal wieder gut, dass es eine Reportage über selektiven Mutismus gibt und hoffe, dass ganz viele Menschen sie gelesen haben. Auch gut finde ich, dass es diesmal um zwei Jugendliche geht und ein bisschen deutlich wird, welche Probleme Mutismus im Alltag machen kann, wenn er nich im Kindesalter behandelt wird (Einkaufen, Schulabschluss, Beruf…).

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

Fällt es dir leichter zu sprechen, wenn du Alkohol getrunken hast?

Nein. Eigentlich sogar im Gegenteil. Wenn ich in Gegenwart von Menschen trinke, mit denen mir auch das Sprechen schwer fällt, also sprich bei fremden und vielen Menschen aufeinmal, bringt Alkohol eigentlich gar nichts. Ich fühle mich mit Alkohol absolut nicht lockerer. Eher habe ich das Gefühl ich muss mich besonders stark kontrollieren, um angetrunken erst recht nichts Blödsinniges von mir zu geben oder mich total zu blamieren. Auch, wenn die Wahrscheinlichkeit sich zu blamieren unter Betrunkenen relativ gering ist. Aber ich weiß selbst nicht genau warum. Ich fühle mich mit Alkohol eigentlich nur noch verkrampfter und bin deshalb genauso still, wenn nicht sogar noch schweigsamer.
Ein bisschen anders ist es bei Menschen, bei denen ich auch ohne Alkohol leicht und viel sprechen kann. Da erfüllt der Alkohol seine Funktion und ich werd’ lockerer. Aber richtig betrunken war ich trotzdem noch nie, weil sich Mutismus einfach nicht ertrinken lässt.

Oma sein

Marie bewunderte ihre Oma. Weil Omas das Leben geschafft hatten. Da war eigentlich gar nichts mehr kompliziert und schwierig. Omas hatten alles gehabt, was sie wollten. Sie hatten irgendwo bei ihrer Familie eine kleine Wohnung mit einem Haustier und vielleicht einem kleinen Garten. Und Rente bekamen Omas auch.

Sie wünschte sich Oma zu sein. Ihre Oma, die war zu Hause. Dort kochte sie und putzte, ging spazieren, besuchte Freunde, las oder schaute fern. Oder strickte, das machte ihre Oma gern. Ob alle Omas stricken mögen oder ob sie nur stricken, weil Omas eben immer stricken?
Jedenfalls mussten sie nicht mehr zur Schule gehen und all die komischen Aufgaben, die mussten Omas auch nicht mehr machen. Vorlesen, vorrechnen oder Sportunterricht, den hatte Maries Oma auch nicht mehr. Hatte sie überhaupt Sport gehabt? Damals, da war das ein bisschen anders gewesen. Vielleicht hatten die Kinder damals ja gar keinen Sportunterricht. Dann hätte sie am liebsten damals gelebt.

Eigentlich konnte Marie es kaum erwarten, alt zu sein. Denn dann konnte sie nur das machen, was ihr Spaß machte und das Leben war beinahe vorbei gewesen bis man irgendwann einfach einschlief und nicht mehr aufwachte. Dann war auch die Angst zu Ende und es war egal, ob sie sprach oder nicht. Am liebsten wäre ihr gewesen, wenn ihr Leben schon fast zu Ende war.

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 ...12 13 14