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Donnerstagsgruppentherapie

Heute war Donnerstag. Und Donnerstag hätte Alena am liebsten aus der Klinikalltagswoche gelöscht. Weil Donnerstag Gruppentherapietag war. Eigentlich war die am Montag auch, aber am Montag gab’s Gespräche in der Gruppentherapie und am Donnerstag alberne Spiele oder Aufgaben, die erfüllt werden mussten. Vetrauensspiele, Kooperationsspiele und sonstige dämliche Spiele, die die Therapeuten hübsch für die Gruppentherapie fanden.
Da gab’s zum Beispiel den Gordischen Knoten, die Aufgabe, dass alle eine Wand hinaufklettern mussten, egal wie, nur alle mussten hoch und die Starken den Schwachen helfen und es gab irgendwelche Strecken, die in der Gruppe auf Getränkekisten zurück gelegt werden mussten ohne den Boden zu berühren. Spaßigerweise wurden immer mehr Kisten entfernt, sodass man sich gegenseitig “helfen” und festhalten musste. Oder auf Holzbrettern, das gab’s auch. Und die mussten dann in einer Schlange von hinten nach vorn durchgegeben werden.
Die Umsetzung musste immer erst in der Gruppe diskutiert werden. Die Therapeuten gaben nur die Aufgabe und beobachteten und analysierten wahrscheinlich.
Was diese Wörter “helfen”, “vertrauen” und “für den anderen da sein” in diesen blöden Spielen mit dem echten Leben zu tun hatte, war Alena ein großes Rätsel. Als würde man daraus irgendetwas lernen, geschweige denn dadurch therapiert werden.
Und sie erst recht nicht. Denn für sie war das nur eine Qual. Und meistens tat Alena gar nichts. Abgesehen von atmen und auf-einer-Stelle-stehen. Meistens mit verschränkten Armen. In Abwehrhaltung. Während die anderen versuchten sie zum Mitmachen zu überreden. Als würde es daran liegen, dass sie nicht wollte. Und als könnte man das mit den richtigen Argumenten ändern.
An ihrem ersten Donnerstag in der Psychiatrie hatte sie so die ganze Gruppentherapie ausfallen lassen. Die Therapeuten sagten immer, dass alle mitmachen müssen, sonst geht’s nicht weiter. Das war zwar irgendwie nett, dass niemand vergessen wurde und zusammen Ideen und Lösungen gesammelt wurden, sodass jeder individuell – sein Problem betreffend – mitmachen konnte, aber Alena konnte nicht. Sie konnte wirklich nicht! Und darum fand die Donnerstagsgruppentherapie manchmal – eigentlich ziemlich oft sogar – ohne sie statt. Ohne sie aktiv jedenfalls, denn dabei sein musste sie.

Teil II folgt…

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Im Spiegel ist gerade Angst das Titelthema. Inwieweit ist Mutismus FÜR DICH selbst eine Angststörung? Würdest du sagen, dass du ANGST vorm Reden oder öffentlichen Aktivitäten hast? Hast du außerdem noch andere Ängste?

Hm, schwierige Frage. Ich weiß nicht, ist Mutismus eine Angststörung?
Boris Hartmann (ein auf dem Gebiet bekannter Sprachtherapeut) schreibt das: “Die internationale Klassifikation der WHO ordnet den elektiven Mutismus unter die Gruppe “Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend.” Damit wird das Schweigen als soziale Störung beschrieben. Allerdings mehren sich die Stimmen, die eine Subsumierung des Mutismus unter die Angststörungen postulieren.”
Aber für mich selbst… Ja, teilweise habe ich Angst vor öffentlichen Aktivitäten und irgendwie auch vorm Reden. Allerdings kann ich ehrlich gesagt nicht beantworten, ob ich tatsächlich Angst vorm Reden an sich habe, oder den ganzen Kosequenzen, die damit zusammenhängen. Also eher Angst davor wieder nichts zu sagen, nicht zu wissen, was ich sagen kann oder Angst davor in Schweigen zu verfallen. Oder in eine Situation zu geraten, in der verlangt wird, dass ich etwas sage. Ich habe jede Menge Angst. Mein ganzes Leben besteht aus Angst. Und dieses komische Unwohlsein im Bauch kenne ich jeden Tag. Angst angesprochen zu werden, Angst nicht weiter zu wissen, Angst in Situationen zu geraten, die mir zu groß sind und Angst, dass etwas schief läuft. Aber ist das Angst vorm Reden an sich? Wie fühlt sich Angst vorm Reden an? Ich weiß es nicht… Vielleicht kann mir jemand (als Mutist) helfen, die Frage zu beantworten?!

2. Mal zurück zum Thema “Freunde finden”. Mal angenommen, Du lernst im Internet jemanden kennen, verstehst Dich gut mit ihm/ihr und plötzlich steht das Thema “persönliches Treffen” im Raum. Wie ist Deine Reaktion? Sagst Du das Treffen dann erstmal ab?

Nein, das habe ich sogar schon einige Male gemacht. Müssten sogar um die 10 Mal gewesen sein, schätzungsweise. Und daraus sind sogar Freundschaften und mehr entstanden. Menschen aus dem Internet persönlich zu treffen, finde ich also kein großes Problem, weil ich, wenn Menschen allein sind, oft recht gut reden kann. Und mit den Menschen, die ich bisher getroffen habe, hatte ich auch schon längeren Kontakt, weswegen sie mir also nicht völlig fremd waren. Würde mir ein völlig fremder Mensch spontan ein Treffen vorschlagen, würde ich definitiv absagen. Aber ich denke, das wäre vielleicht auch ein Stück weit normal. Schließlich sollte man ja ein bisschen vorsichtig sein…

Das Wort “Mutismus”

Manchmal nervt mich dieser Blog ein bisschen. Weil das Wort “Mutismus” irgendwie noch nie so wichtig in meinem Leben war, wie jetzt. Durch den Blog hat das Wort einen riesigen Stellenwert bekommen. Mutismus, Mutismus, Mutismus. Überall Mutismus. Die Blogadresse, Twitter, die e-Mail Adresse.
Wisst ihr, eigentlich mag ich das Wort nicht. Absolut nicht. Ich finde es klingt komisch, wenn man es ausspricht und ich es hören muss und ich spreche es im realen Leben auch ziemlich ungern aus. Weil ich irgendwie finde, dass man den ganzen Mist nicht mit einem Wort zusammenfassen kann. Eine Krankheit, ein Problem, ein Leben (oder was auch immer Mutismus ist) ist kein Wort. Das ist irgendwie mehr. Und ich glaube niemand kann sich vorstellen, wie es mit diesem Wort ist, wenn er es nicht selbst kennt. Da kann ich das Wort erklären, so viel wie ich will. Was Mutismus ist, wisst ihr trotzdem nicht. Weil es nicht nur ein Wort ist.

Tageabhaken

Geschafft:

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Kannst du dich noch an deine KiGa Zeit erinnern? Zu mindestens an das letzte Jahr? Falls du nicht im KiGa warst, kannst du dich an die Zeit zwischen 5 und 6 Jahren erinnern? Oder hat das bei dir erst im Teenageralter angefangen?

Nein, den Mutismus hatte ich schon immer. Oder besser gesagt seitdem ich denken kann. Aber damals war das für mich eher weniger ein Problem, weswegen ich mich auch nur teilweise daran erinnern kann. Im Kindergarten kann ich mich daran erinnern, dass ich meistens nur gemalt und allein gespielt habe. Allerdings hatte ich auch vier ziemlich gute Freunde mit denen ich gespielt habe und die mich auch zu Hause besuchten. Ich kann mich daran erinnern, dass ich oft mitbekommen haben, dass die Erzieher meiner Mutter sagten, dass ich sehr still sei und gar nicht bis kaum mit ihnen sprach. Aber erinnern kann ich mich daran eigentlich nicht.
Als ich eingeschult wurde kann ich mich daran erinnern, dass ich gemerkt habe, dass ich mich im Unterricht nicht melden konnte und wie schwer das Reden war, wenn ich aufgerufen wurde. Aber mehr nicht. Wie gesagt bekam ich die Rückmeldung der Lehrer und Erzieher an meine Eltern mit, hab’ mich darüber aber eigentlich keine Gedanken gemacht oder empfand es nicht so. Schlimmer wurde es erst später.

2. Was war für Dich das Schlüsselerlebnis, dass Du aus dem Mutismus ausgebrochen bist?

Eigentlich gab es kein konkretes Schlüsselerlebnis, denn es war/ist vielmehr ein Prozess mit Fortschritten, vielen vielen Rückschritten und den Gedanken einfach aufzugeben.
Ziemlich schlimm für mich war aber, als ich in einen Junger verliebt war und ich kein Wort mit ihm reden konnte und er immer wieder versuchte mit mir zu reden. Schlimm war lange Zeit auch, dass die meisten Menschen dachten, dass ich sie nicht leiden kann, obwohl es meistens nie so war. Und der Ärger darüber, dass ich mir durch die schlechten mündlichen Leistungen in jedem Schuljahr das Zeugnis sozusagen versaute.
Aber das waren eher alles Gründe, weswegen ich irgendwann an ziemlich starken Depressionen litt und nicht mehr leben wollte. Also keine Schlüsselerlebnisse.

Geschafftes

Irgendwann hab’ ich mal von meiner Geschafftes-Liste geschrieben, die ich damals geführt hab’.
Wie dort schon gesagt, mache ich das heute eigentlich nicht mehr. Da ich aber gerade letzte Woche Dinge geschafft habe, die ich noch nie vorher gemacht habe, gibt es nun doch mal wieder eine kleine Geschafftes-Liste.

[x] Französisch gesprochen.

Letzte Woche, in Frankreich, hab’ ich zweimal in einer Boulangerie (Bäcker) Baguette und Schokoladencroissant auf Französisch gekauft. Ich hatte früher in der Schule einmal Französisch gehabt, alles wieder vergessen und nun versuche ich das seit einem Jahr neben dem Studium aufzufrischen. Das war dann sozusagen nicht nur eine Ich-spreche-in-Frankreich-Französisch-Premiere sondern auch eine generelle Fremdsprachen-Premiere, da das mit dem fremde Sprachen Sprechen (noch) nicht sonderlich gut klappt. Ähnlich mit Englisch. Ich verstehe eigentlich recht gut, nur sprechen kann ich nicht… Und deswegen muss das nun auf eine Geschafftes-Liste. Ich hab’ Französisch gesprochen, ich wurde verstanden und ich hab’ bekommen was ich wollte!

[x] in einer Gruppe von Menschen gesprochen.

Das hat bisher auch noch nie funktioniert. Ich erinnere mich da nur zu lebhaft an die Gruppentherapien, an denen ich damals in der Psychiatrie teilnehmen musste. Lange Zeit konnte ich kein einziges Wort sagen. Irgendwann dann kurze, zurecht gelegt Sätze, wie zum Beispiel “mir geht’s schlecht, ich gebe weiter”. Aber frei sagen, was ich denke, konnte ich nie. Normalerweise redet man einfach los und viele Gedanken entwickeln sich dann während dem Sprechen. Das kann ich nicht. Nicht in Gruppen. Dabei bin ich viel zu blockiert und hab’ dann ganz plötzlich absolut keine Gedanken mehr im Kopf, die man sagen könnte.
Aber diesmal hat’s irgendwie geklappt. Zwar hatte ich mir das im Kopf ein bisschen anders vorgestellt, aber ich hab’ in Gegenwart einer Gruppe (ähnliche Situation, wie bei einer Gruppentherapie: im Kreis sitzen, zuhören, volle Aufmerksamkeit bekommen) mehrere Sätze frei gesagt!

Was man mit selektiven Mutismus alles machen kann II…

  • eine Beziehung führen
  • die praktische Führerscheinprüfung bestehen und die ganzen Fahrstunden mit einem redenden Fahrlehrer überstehen
  • von zu Hause ausziehen und ganz alleine in der eigenen Wohnung in einer fremden Stadt wohnen
  • ein Studium beginnen und schon viele Prüfungen (mündliche und Referate) bestanden haben und Dinge selbstständig organisieren
  • in der Fußgängerzone rumlaufen, fremde Menschen anquatschen und Flyer verteilen

zu Teil I

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Ist für dich das Sprechen nur im Kontakt mit Anderen ein Problem, oder kommt das auch mal für dich vor (also stellst du manchmal einfach für dich zu Hause auch fest, dass es “blockiert” – kann das grad sehr schlecht erklären, vielleicht auch beim Gedanken gleich jemand anzurufen oder so aber eben noch nicht im Kontakt)?

Wenn ich deine Frage richtig verstanden hab’, würde ich sagen beides. Hauptsächlich aber mit Anderen, vorallem fremden Menschen in direktem Kontakt. Bei Alltagsdingen ist Sprechen mittlerweile nicht mehr ein sehr großes Problem, Smalltalk schon eher. Aber ein Stück weit blockiert bin ich vorher natürlich auch. Wenn ich weiß, ich muss irgendetwas machen, wobei man Sprechen muss, wie zum Beispiel Telefonieren. Wobei blockiert, vielleicht das falsche Wort ist, denn blockiert bin ich in diesem Moment ja eigentlich nicht. Nur die Angst ist da, sodass das zu einer Sprechblockade führen kann. (Ich hoffe ich hab’ deine Frage richtig verstanden?)

2. Wenn das Sprechen nicht geht, geht dann das Singen?

Nein, singen geht nicht. Und vorallem nicht als Sprechersatz. Singen ist für mich noch viel komplizierter als Sprechen. Also bevor ich in Gegenwart Anderer singen kann, hab’ ich vorher  schon ganz viel gesprochen.
Zum Thema Singen, gab es schonmal eine Frage. Vielleicht auch interessant für dich.

3. Kannst Du das Reden durch Schreiben ersetzen. Also ein bisschen so wie ein Stummer es kann? Oder ist das Nicht-Reden der Ausdruck eines inneren Symptoms, welches die Fähigkeit zur Kommunikation einschränkt?

Ja, das kann ich. Iinnerlich kann ich ganz normal kommunizieren und mich ausdrücken. Bei Mutismus geht es darum, dass man die Gedanken sprachlich nicht mitteilen kann.
Ich schreib’ gern und im Vergleich zum Sprechen auch viel besser und sicherer. Liegt vielleicht daran, dass ich das Schreiben ganz lange Zeit als einzige, richtige Ausdrucksform genutzt habe. Seitdem ich schreiben kann, schreibe ich und vor einigen Jahren hätte ich sicherlich sagen können, dass ich in meinem Leben schon mehr Worte geschrieben, als gesprochen hab’.
Allerdings hab’ ich im Alltag noch nie geschrieben. Also zum Beispiel bin ich noch nie mit einem Zettel zum Bäcker gegangen und hab’ aufgeschrieben, was ich kaufen möchte. Irgendwie ist mir das immer zu blöd und albern gewesen, weil ich ja eigentlich sprechen kann…

4. War/ist es für Dich schwierig, Beziehungen zu haben oder neue Freunde zu finden?

Das Haben an sich nicht. Es sei denn man unternimmt Dinge, die es schwieriger machen, weil man mit fremden Menschen sprechen muss. Beispiele wären andere Freunde der Freunde treffen oder Familie kennenlernen oder einkaufen beziehungsweise ins Kino gehen und Kinokarten kaufen zu müssen. Aber an sich mit dem Freund oder der Freundin reden, ist kein Problem, weil ich die Person ja kenne.
Gut, wahrscheinlich ist es für die Freundschaft schwierig, wenn so viele Dinge drumherum schwierig sind, aber an sich das Haben einer Freundschaft ist nicht schwierig.
Das Finden schon eher. Ich kann kaum Menschen einfach so ansprechen. In der Schule hatte ich daher kaum bis keine Freunde, weil jeder schon mit irgendjemandem befreundet war und man sich sozusagen dazudrängen musste. Und das ist schwierig. Beim Studium hat das Freundefinden besser geklappt, weil jeder neu war und man deshalb einfach angesprochen wurde. Weil jeder irgendwie jemanden sucht. Und ansonsten gibt’s da das Internet. Menschen, die man irgendwo kennenlernt und sich dann mal trifft.

Selbsthass

Die Wut hämmerte gegen Alenas Schädel.
Wie ein Mensch nur mit sowas klar kommen sollte, überlegte sie während sie die Hände zu Fäusten ballte.
Mit dieser verdammten Wut, weil man so war, wie man war und so elementare, lebenswichtige Dinge nicht konnte, wie zum Beispiel Sprechen.
Das war so, als könnte man nicht immer laufen. Als könnte man nur bestimmte Wege gehen und bei anderen Wegen würden die Beine versagen und keinen einzigen Schritt mehr vorwärts gehen.
Und während sie so daran dachte, fiel ihr ein, wie bescheuert das Beispiel eigentlich war.
Es gab keine Menschen, denen die Beine bei bestimmten Wegen versagten! Und genauso gab es wahrscheinlich keinen einzigen Menschen außer ihr, der nicht sprechen konnte, obwohl er es eigentlich doch konnte. Nur eben nicht immer.
Das war doch niemandem zumutbar, dachte Alena und spürte, wie ihre Finger vor Wut über sich selbst kribbelten. Und es konnte ihr niemand erzählen, dass damit jemand klarkommen würde. Wenn man etwas gefragt wird und man keinen einigen Ton heraus bekommt. Dabei wäre die Antwort leicht gewesen. Und auch kurz. Aber nichts bewegte sich. Die Lippen waren aneinander gefroren.
Und dann sollte man auch noch selbst akzeptieren, dass es so war. Dabei war es beschissen so! Richtig beschissen! Nein, sogar mehr als das…
Äußerlich sah Alena ganz ruhig aus. Eben wie eingefroren. Unbeweglich und starr. Innerlich bebte sie vor Zorn über ihr Schweigen.
Am liebsten wäre sie aufgesprungen und fortgerannt. Ihre Arme waren warm. Als wären sie schon bereit, damit sie sich selbst ohrfeigen konnte. Denn das hätte Alena am liebsten getan. Sich bestraft. Anders ging das auch nicht. Wie konnte man sonst damit aufhören? Gut oder akzeptabel war alles andere, nur das nicht!
Eigentlich hätte sie Prügel verdient, wie das damals in Schulen war, wenn die Kinder nicht gehorchten. Dann gab’s da den Rohrstock und den hätte sie jetzt auch verdient. Weil… Ihr Kopf wurde warm. Weil… Weil sie sich einfach hasste! Sie hasste das, was sie tat und hätte man einfach nur einen Knopf drücken müssen, mit dem man das Leben ausschaltete, hätte sie es getan. Denn so wollte niemand leben! Wenn man etwas konnte, was man eigentlich nicht konnte, aber dann doch wieder konnte. Sogar der Gedanke daran, war zu absurd und kompliziert.
Am liebsten wäre sie nach Hause gegangen – ihre Unterarme kribbelten – und hätte sich mit den Rasierklingen in die Haut geschnitten. Ganz kleine Schnitte, bis der Arm mit Blut verdeckt war. Danach war es immer besser. Die Wut war weg. Weil danach die Arme schmerzten und brannten. Dann war im Kopf kein Platz mehr für die Wut. Aber das ging jetzt nicht. Und am liebsten hätte sie nicht nur in die Arme geschnitten, sondern hätte sich gern komplett aufgeschnitten. Das ganze Fleisch.
Krank? Ja, das klang furchtbar krank. Aber ja verdammt nochmal, das war es! Es war furchtbar krank etwas nicht zu können, obwohl man es doch so sehr wollte. Klar konnte man nicht alles haben, was man wollte. Aber es ging doch nur um’s Sprechen. Das was jeder kann. Nur Sprechen.
Ja klar war das krank, sich aufschneiden zu wollen! Aber wenn mir einer, nur einer, eine gottverdammte Möglichkeit sagt, wie man mit selektiven Mutismus selbst klarkommen kann, wie man mit sich selbst im Reinen ist, wenn man ständig so scheitern muss, dann sagt es mir, verdammt, schrie Alena innerlich.

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