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Zu groß

Manchmal finde ich mich zu groß. Mit einem Meter und siebzig bin ich nicht gerade riesig, sodass ich kleiner sein müsste. Aber für selektiven Mutismus eben doch manchmal zu groß. Es wäre mir lieber, ich wäre ein bisschen kleiner. Besonders dann, wenn ich nicht sprechen kann. Ich finde bei großen Menschen ist es noch blöder, wenn sie nicht sprechen, weil man große Menschen definitiv nicht so gut übersehen kann, auch wenn sie stumm sind. Kleine, stumme  und zierliche Menschen kann man irgendwie besser übersehen und deswegen wäre ich manchmal gern ein bisschen kleiner. Denn, wenn ich nicht sprechen kann, wäre ich am liebsten gar nicht da. Und bei großen Menschen ist es schwer nicht da zu sein, wenn man eigentlich doch da ist.
Ich bin zu groß, zu dick, zu auffällig. Für selektiven Mutismus bin ich zu viel Person.

Ein kleiner riesengroßer Sieg

Im Vorbeigehen versuchte Alena einen Blick durch die Schaufensterscheibe der Apotheke zu erhaschen. Hm, nichts. Sie konnte nichts davon sehen, was für sie wichtig war, um in das Gebäude gehen zu können. Nämlich wie wiele Menschen dort drin waren. Kunden, die etwas kauften, Kunden die sich im Raum aufhielten und Apotheker, die verkauften oder mit anderen Aufgaben beschäftigt waren. Nichts konnte sie sehen. Das war also keine gute Apotheke. Sie ging weiter.
Vier Stück fielen ihr noch ein, die in der Innenstadt lagen. Vielleicht waren sie besser. Besser, weil sie dort besser durch die Fenster gucken konnte. Denn um das Rezept, was sie gefaltet in ihrem Portemonnaie trug, abgeben zu können, musste sie wissen, wie es in der Apotheke aussah. Eben, wie viele Menschen dort waren. Kunden, die etwas kauften und Apotheker.
Anders war das Sprechen irgendwie unmöglich. Klar, sie hätte einfach hineingehen, gucken und wieder rausgehen können. Aber was wäre gewesen, wenn die Apotheke gut war? Dann hätte sie wieder reingehen müssen und dann hätten die Apotheker und Kunden komisch geschaut. Und wenn sie eine Weile mit dem Reingehen gewartet hätte, würde es wohlmöglich in der Apotheke ganz anders aussehen und dann war die Sicherheit wieder weg.
Ja, Sicherheit gab ihr das. Sicherheit zum Sprechen, um dieses blöde Rezept einlösen zu können.
Die nächste Apotheke war auch nicht besser. Dort konnte sie zwar gut gucken, konnte die drei Tresen sehen und die Menschen. Das Problem hier war, sie war zu voll. Es gab drei Apothekerinnen und viel zu viele Kunden in Schlangen. Auch nicht gut. Sie hätte warten können. Aber es hätte ja auch sein können, dass wenn sie dort stand, wieder ganz viele Menschen hinzukamen und hinter ihr standen. Das wäre zu voll gewesen. Sie ging weiter zur nächsten. Drei gab es schließlich noch. Und wenn die auch nicht gut waren, würde sie wieder zu dieser zurück laufen. Vielleicht war sie dann wirklich leerer.
Sie hasste das. Warum musste alles nur so kompliziert sein? Ihr Herz schlug bestimmt schon seit einer Stunde viel zu schnell. Wie ihre Atmung. Und sie war langsam müde. Viel zu anstrengend und riesengroß war das. Aber das Medikament brauchte sie. Weil dann wären ja die ganzen Anstrengungen mit dem Arzt, um das Rezept zu bekommen, unnötig gewesen. Das ging auch nicht.

Cut.

4 Jahre später. In einer anderen Stadt.
Das Medikament musste sie noch abholen. Als Alena den Weg gegangen war, hatte sie die Apotheke schon gesehen. Auf dem Rückweg würde sie dort schnell das Rezept abgeben. Weil’s eben auf dem Weg lag und sie keine Lust hatte zu den ihr bekannten Apotheken zu laufen. Warum auch.
Sie drückte auf den Ampelknopf und wartete auf das grüne Signal. Sie ging über die Straße und gleich danach die Treppe zur Apotheke hinauf. Die Schiebetüren öffneten sich und sie trat ein. In dem Raum gab es drei Apothekerinnen, wovon eine der Auszubildenden etwas erklärte und dann noch eine Kundin. Es war nicht schlimm. Die Auszubildende begrüßte Alena und sie hörte ihre unsichere Stimme. Wahrscheinlich machte sie das noch nicht so oft, Kunden bedienen und beraten. Ein bisschen Stärke überkam Alena. Aber auch ohne Auszubildende wäre es nicht schlimm gewesen. Das ging ja schließlich schnell und war keine große Sache. War ja nur ein Rezept.

Nur, damit man mal sieht, was man sich erkämpfen kann…

Umfrage Mutismus und Beruf

Da ich auch ein bisschen neugierig bin, was andere Mutisten beruflich so tun, finde ich, dass zu dem Mutismus und Berufe Thema eine Umfrage passt. Es wäre wirklich toll, wenn diesmal NUR Mutisten (oder Menschen mit anderen “berufseinschränkenden Sprechproblemen”) mitmachen würden. Danke.

Mutismus und Beruf

Einige von euch haben mich schon gefragt, was ich beruflich mache bzw. was ich studiere. Und bisher habe ich immer überlegt, ob ich diese Frage beantworten sollte oder lieber nicht, weil ich in diesem Blog schon irgendwie ein bisschen anonym bleiben will. Und den Beruf zu verraten finde ich nicht mehr so ganz anonym. Aber dennoch weiß ich, dass es im Bezug auf den selektiven Mutismus vielleicht ein spannendes Thema ist. Deshalb werde ich über meine Berufsrichtung ein bisschen schreiben, ohne es jedoch zu verraten.

Ich studiere etwas, was irgendwie mit Menschen zu tun hat. Wie zum Beispiel Psychologie, Pädagogik oder Medizin. Allerdings muss ich nicht direkt mit Menschen arbeiten, wie das zum Beispiel Lehrer, Erzieher oder Ärzte tun. Ich könnte aber, wenn ich das tun wollte und deshalb hat es etwas mit Menschen zu tun. Und eigentlich geht es auch bei dem Studienfach nur um Menschen und nicht um Tiere oder Gegenstände.
Das mag nun alles vielleicht, wie ein lustiges Rätsel klingen, aber was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass ich trotz Mutismus  eher die soziale und menschenorientierte Richtung gewählt habe. Und ich denke, das funktioniert ganz gut. Direkt am Menschen muss ich zwar nicht arbeiten, dennoch muss man in dieser Berufsrichtung reden.  Aber das muss man eigentlich auch bei allen Berufen irgendwie. Deshalb wird es wohl nicht den mutismuskompatiblen Beruf geben.

Wenn ihr trotzdem gern wissen wollt, was ich genau tue, könnt ihr mir gern eine eMail schreiben.

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Hast du schon mal angefangen zu weinen als du etwas gefragt wurdest und nicht antworten konntest?

Ja, hab’ ich. Aber das ist schon eine Weile her. Das war in der Schule und einige Lehrer sahen darin ein sehr großes Problem, dass ich nicht sprach. Was ja an sich auch kein Problem ist, aber die Art und Weise wie sie damit umgingen, war es. Das krasseste, was ich erlebte, war mal das Wort verrückt vor der ganzen Klasse, weil ich einen Text nicht vorlesen konnte und da fing ich dann auch an zu weinen.

2. Hast du schon mal überlegt die Gebärdensprache zu erlernen/auszuprobieren?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Mag zwar naheliegend sein, dass wenn man mit dem Mund nicht sprechen kann, es mit den Händen versucht, aber Mutismus ist mehr so ein Eingefrorensein und ein Erstarren. Und deswegen waren mir in solchen Situationen auch Bewegungen unmöglich.

3. Wie soll jemand vorgehen, der Kontakt zu einem Menschen mit Mutismus aufbauen will? Extrem vorsichtig/langsam oder doch eher normal/munter drauflos?

Ich denke es gibt nicht DEN Mensch mit selektiven Mutismus. Das wird sicherlich ganz unterschiedlich sein. Je nach Charakter eben. Daher würde ich sagen weder noch und einfach normal. Und notfalls kann man einfach nachfragen, wie es für denjenigen am besten ist. Wichtig ist glaube ich nur, dass man sich durch ein Schweigen nicht einschüchtern lässt oder auf sich persönlich bezieht. Dieser Eintrag passt vielleicht gut zu der Frage.

Bloggertreffen

Gestern hab’ ich mich mit der Aufschneiderin und dem AlltagimRettungsdienst getroffen. War für mich irgendwie ziemlich spontan und hab’ ich auch noch nie so gemacht. Ich hab’ zwar schon einige Menschen aus dem Internet getroffen, wie ich hier schonmal geschrieben hab’, aber da kannte ich die Menschen ein bisschen besser. Gestern kannte ich keinen von den beiden richtig. Aufschneiderin hab’ ich über Kommentare in meinem alten Blog “kennen gelernt” und AlltagimRettungsdienst über diesen Blog hier. Ich wusste weder wie die beiden aussahen, noch wie sie heißen. Auch hab’ ich mich mit zwei Internetmenschen aufeinmal noch nie getroffen. Das war dann gestern also sozusagen Premiere.

Aufgeregt war ich schon ein bisschen. Aber nicht Stunden vorher, wie bei meinem ersten Internettreffen, sondern vielleicht nur eine. Am Bahnhof haben wir uns getroffen. Und während ich dort stand, weil ich ein bisschen früher da war – der Aufregung wegen – überlegte ich, wie verrückt das eigentlich war. Ich würde sie doch nie im Leben erkennen und fremde Menschen ansprechen auch nicht. Ich beobachtete junge Frauen und überlegte wie wohl eine Aufschneiderin aussehen muss. Irgendwann kam dann ein AlltagimRettungsdienst auf mich zu und dank kurzer Beschreibung ging das Erkennen wunderbar. Und dann war auch die Aufschneiderin da, die zuvor schonmal an mir vorbei gegangen war und ich mich fragte, ob das eine Aufschneiderin sei.

Nun gut. Wir waren Kakao bzw. Chai-Tea trinken und Kuchen essen in einem Café mit Monsterkuchen hier in der Stadt und ehrlich gesagt fand’ ich das mit den zwei Menschen treffen ziemlich entspannt. Da muss man nämlich nicht ständig reden. Die Treffen mit einem Mensch waren wesentlich anstrengender für mich, weil Gesprächspause dann immer Schweigen bedeutet und so konnten sich wenigstens zwei weiter unterhalten. So sagte ich zwar nicht sehr viel, aber ich fühlte mich am Abend nicht ganz so müde.

Ansonsten war es wirklich sehr nett die beiden kennen zu lernen. Ich find’s lustig, wie klein die Welt sein kann. Da ich den Blog von Aufschneiderin schon eine Weile lese, fragte ich mich immer wo sie studiert. Und nun weiß ich, dass sie schon immer hier in der Nähe studiert hat und nicht nur jetzt, wo sie in dieser Stadt ein Praktikum macht. Komische Sache.

Das war nun also mein erstes Bloggertreffen und ich fand’s toll. Gerne wieder.

Mutismus-Tagung 2011

Ich würd’ mal gern wissen, ob jemand dieses Jahr zur Mutismus Tagung in Frankfurt am Main geht.  Und wo kann man neben dem Forum sonst fragen, wenn nicht auf dem Blog? Vielleicht tut’s ja jemand von euch oder kommt über Google hier her.
Ich überleg’ nämlich hinzugehen…

Verliebtsein

Es war halb 8 und die Sonne blinzelte schon hinter den Tannen an der gegenüberliegenden Straßenseite hervor. Kevin stand mit Jan an der Bushaltestelle vor dem Schulgebäude. Jan zog hastig an seiner Zigarette und spähte nebenbei um die Ecke, damit er die Lehrer kommen sah und nicht beim Rauchen erwischt wurde.
Heute würde es wohl sehr warm werden. Das verriet die warme Luft am Morgen. Bald würde es Sommerferien geben und dann wäre es nur noch ein Jahr, das Kevin an dieser Schule verbrachte.

Ein weiterer Schulbus kam an. Schüler stiegen aus und gingen den Weg zum Schulgebäude hinauf.  In der Schüleransammlung war Stephanie. Stephanie und Kevin gingen gemeinsam in eine Klasse und er fand sie toll. Heimlich natürlich. Vielleicht war er sogar verliebt. Aber das war egal, denn sie war’s sicherlich nicht.
Wahrscheinlich glaubte sie sogar er könne sie nicht leiden. Denn er sprach nicht. Er konnte nicht sprechen. Und was sollte man da auch anderes denken?

Stephanie blieb mit ihren Freundinnen bei Jan und Kevin stehen und wünschte fröhlich einen guten Morgen. Kevin überließ Jan das Antworten und lächelte nur.
Andererseits, dachte er, könnte er sie nicht leiden, würde er doch nicht lächeln.
“Wie geht es dir?”, fragte sie und schaute Kevin an.
Was sollte er darauf antworten? Ihm ging’s nicht so gut. Weil er wusste, dass er darauf nicht vernünftig antworten konnte. Und weil er wusste, dass sie eigentlich nur versuchte ein Gespräch zu beginnen und er damit absolut nichts anfangen konnte. Weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Weil es in seinem Kopf, wie bei einem Blackout aussah. Mutismus eben.
“Gut”, antworte er kurz und lächelte. Eigentlich hätte er jetzt noch mehr sagen müssen. Aber was? Ihm fiel absolut nichts ein.

Nach einer kurzen Stille ergriff Jan das Wort und erzählte welche Entdeckung er gestern im Internet gemacht hatte. So war das immer. Mehr als auf Fragen antworten konnte Kevin nicht. Und das Blöde war, dass sie ihn immer wieder ansprach. Als würde sie versuchen ihn zum Sprechen zu bringen. Immer wieder fragte sie ihn was. Warum tat sie das? Wollte sie sich lustig über ihn machen, wie einige andere Klassenkameraden? Manchmal hatten sie sogar Wetten am Laufen, wann Kevin sprechen würde und wann nicht.
Er war skeptisch. Weil sie einfach mit ihm Sprechen wollte, sicherlich wohl nicht. Und weil sie ihn mochte auch nicht. Das wäre ja zu schön gewesen.
Und so hörte er sie lachen, weil Jan wohl gerade etwas Lustiges gesagt haben muss. Kevin hatte nicht zugehört. Denn nun gingen ihm gefühlte tausend Gesprächsmöglichkeiten durch den Kopf. Er hätte sie zum Beispiel fragen können, wie es ihr ging. Oder wie ihr Tag gestern war. Oder etwas über die Schule. Ob sie mit den Hausaufgaben klar kam. Gut. Das wäre vielleicht etwas zu streberhaft gewesen, aber ihm fiel sicherlich noch eine andere Schulefrage ein.
Aber es war egal. Jetzt war’s vorbei. Sie unterhielt sich mit den Anderen und in der nächsten Situation war wahrscheinlich keine dieser Fragen in seinem Kopf parat. Dann war er wieder leer, als hätte es nie Gesprächsideen gegeben. So war das eben mit dem elenden Mutismus. Immer.
Aber wahrscheinlich war das mal eine halbwegs normale Situation, dachte Kevin. Das mit dem Ansprechen von Mädchen. Nur fühlte er sich dadurch auch nicht besser. Wie beschissen war das denn, wenn er ein Mädchen nett fand, sie ihn ständig ansprach und er nicht sprechen konnte?

Mutismusgedanken II

Und heute quäle ich mich mit unsinnigen Telefonanrufen, die gemacht werden müssen, weil man Kontrolluntersuchungen bei Ärzten wahrnehmen sollte. Eigentlich sind ganz andere Dinge in meinem Kopf, die mir Magengrummeln und zittrig, kalte Hände bereiten. Aber das Telefonieren funktioniert. Das weiß ich. Weil es bloß unsinnige Termine sind, die gemacht werden müssen. Und so quäle ich mich heute damit, um zu sehen, dass es funktioniert. Um ein klitze kleines Erfolgserlebnis zu haben, weil es Mut macht. Mut macht vor dem großen Berg, der in wenigen Stunden auf mich zu kommt. So habe ich das Gefühl mich ein bisschen auszutricksen, damit ich wenigstens ein bisschen Lächeln kann. Keine große Sache, aber eine kleine Kampfstrategie.
Und am Ende werd’ ich natürlich wieder merken, dass es halb so schlimm war, wie  immer. Aber so ist das eben. Und deswegen quäle ich mich mit Telefonieren, als Lebensstrategie um nicht zu verzweifeln.

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