Manchmal, da gibt es Tage, da geht es gut. Da komme ich klar und niemand frisst mich auf. Und manchmal ist es anders. Da ist es nicht so gut und ich habe das Gefühl nicht klar zu kommen. Wie heute. Dann ist da wieder die Angst, die lähmt und alle Körperteile spüren lässt. Dann ist wieder alles so intensiv und ich muss mich auf das Stehenbleiben und Atmen konzentrieren. Heute ist es mal wieder anstrengend. Und deswegen laufe ich heute damit in den Ohren durch die Welt:
Mutismus Tagung 2011
Übermorgen ist dann also mal die Mutismustagung in Frankfurt am Main und ich hab’ mich angemeldet. Werde also hingehen. Aufgeregt bin ich. Aus verschiedenen Gründen. Zum einen, weil ich es immer ein bisschen schwierig finde an neue Orte zu gehen. Die Stadt kenne ich zwar, aber den Veranstaltungsort nicht. Und ganz so viel Zeit, um vom Bahnhof dorthin zu kommen, hab’ ich nicht. Und dann eben wegen der Tagung an sich. Weil Tagungen, auf denen ich schon war, ein bisschen kompliziert waren. Mit dem Small-Talk und so. Aber ich bin gespannt. Ist ja schließlich eine Tagung zum Thema und keine aus “meiner Studiumsberufsgruppe”. Und neugierig bin ich. So ziemlich. Auf die Eindrücke und die Dinge, die ich mit nach Hause nehmen werde. Also freu’ ich mich sogar.
Ich glaube, ich werde am Samstag dann ein bisschen twittern. Zu lesen ist das dann quasi live hier. Und wenn ich schonmal dabei bin Werbung zu machen, gibt es auch das hier, nämlich Facebook, wo ich ab und an andere, kurze Dinge schreibe, die nicht hier im Blog stehen.
Gut-Gehen
Wenn ich so darüber nachdenke, fällt es mir unheimlich schwer zu erkennen, dass es mir gut geht. Nicht unbedingt, weil es nicht so ist oder ich in einer depressiven Phase stecke, sondern vielmehr weil mir ständig etwas einfallen könnte, weswegen es mir nicht so richtig gut gehen kann. Für mich bedeutet das Wort “gut” irgendwie sehr viel. Und gut ist dann eben wirklich gut. Gut ist irgendwie ohne die kleinen Alltagsschwierigkeiten, die ich jeden Tag erlebe. Gut ist gut. Zurechtkommend. Und zufrieden.
Das fiel mir schon während der Therapie sehr schwer. Zu benennen wie es mir geht. Und wenn es mir mal nicht schlecht ging, dann ging es mir auch nicht gut. Weil mir immer irgendetwas eingefallen ist, was mutismusmäßig schwierig ist und was in meinem Kopf umher geisterte. Und mit selektiven Mutismus ist eben nichts gut. Und deswegen bin ich immer sehr vorsichtig mit dem Gut-Gehen.
Aber eigentlich ist das blöd. Und dumm. Denn eigentlich geht’s mir gut. Oder besser gesagt, geht es mir besser als damals. Viel besser. Und wenn damals schlecht war, dann muss ja irgendwie ein Gut folgen. Und eigentlich geht es mir auch gut. Ich komme zurecht. Lebe. Lebe gut. Studiere, wohne, arbeite. Habe wenige wichtige Menschen und bin stolz. Sehr. Und eigentlich sogar halbwegs zufrieden. Weil ich eben zurecht komme. Eigentlich geht’s mir gut. Sehr gut. Aber ich sag’s viel zu wenig. Und viel zu vorsichtig. Viel zu leise. Eben weil ich weiß, wie es ist, wenn es nicht gut geht. Ja. Viel zu leise.
Mir geht’s GUT!
Freizeit
Ich hab’ heute auf dem Weg zu meinem Nebenjob im Bus über Freizeit nachgedacht. Weil mein momentaner Alltag mit der Bachelorarbeit irgendwie grad viel Zeitmanagement braucht. Und deswegen hab’ ich darüber nachgedacht, was für mich Freizeit ist. Weil etwas mit anderen Menschen unternehmen ja eigentlich auch dazu gehört. Nur für mich irgendwie nicht. Weil es anstrengend ist. Mit selektivem Mutismus. Klar, es ist ein bisschen besser geworden und manchmal machen mir gewisse Dinge auch Spaß, wie zum Beispiel mit Freunden im Park picknicken oder spazieren gehen. Aber deswegen würde ich es dennoch nicht als Freizeit bezeichnen. Für mich nicht. Weil eine kleine Aufgabe bleibt es dennoch. Ich finde in seiner Freizeit ist man entspannt. Entspannt bin ich mit Menschen ganz und gar nicht. Und manchmal treffe ich mich auch nur mit Menschen, weil man es eben ab und an mal machen sollte. Damit man nicht völlig kontaktlos bleibt. Aber für mich ist das eher ein Zwischending aus Arbeitszeit und Freizeit. Eben irgendwie eine Alltagsaufgabe. Nicht unbedingt zum Vergnügen. Und Freizeit sollte irgendwie Vergnügen sein.
Wie ist das bei Euch?
Nach der Schule
Marie stellte ihre Schultasche in die Ecke und deckte den Tisch mit Tellern, wie ihre Mutter sagte. Ihre ältere Schwester tat es ihr mit dem Besteck gleich, während ihre Mutter die heißen Töpfe aus der Küche brachte.
Gemeinsam saßen sie am Tisch und aßen das Mittagessen.
Während Marie’s Schwester auf die Frage, wie es in der Schule war nur kurz und gelangweilt mit einem Gut antwortete, erzählte Marie, wie der Matheunterricht und der Deutschunterricht war. Sie erzählte die Geschichte, wie sich ein Klassenkamerad verrechnete, aber fest der Überzeugung war, dass es stimmte und sich davon nicht abbringen lassen wollte und gab eine kurze Inhaltsangabe der Gesichte, die sie heute in Deutsch gelesen hatten, weil sie sie besonders mochte. Dann erzählte sie, wie voll der Schulbus war und dass beinahe nicht alle Schüler hinein gepasst hätten. Und nachdem sie das erzählt hatte, erzählte sie von den Hausaufgaben und dass, sie die schnell schaffen würde, denn sie wüsste schon, wie es geht.
Eigentlich plapperte Marie sogar. Wie ein Wasserfall kamen die Worte sortiert und laut und deutlich aus ihrem Mund geschossen. Würden das die Lehrer hören, würde sie nicht glauben, dass es Marie war. Denn in der Schule, da hatte sie selektiven Mutismus und sprach kein Wort. Und dass sie nicht sprach, davon erzählte Marie nichts. Wie sie manchmal im Schulbus von den älteren Jungs geärgert wurde, weil sie sich nicht wehrte und nicht sprach. Und wie sie manchmal in Deutsch Geschichten vorlesen sollte, aber dann kein einziges Wort aus dem Mund kam, erzählte sie auch nicht. Und wie sie sehr viele Ergebnisse in Mathe wusste, die Hand zum Sprechen aber nicht heben konnte, verschwieg sie auch. Weil sie so nicht sein wollte. Weil das nicht das kleine, blonde plappernde Mädchen am Küchentisch war. Das war jemand anders.
Kampf
Manchmal frage ich mich, warum ich das immer alles tue. Warum ich es mir selbst immer so schwer mache und nicht einfach mit dem bisschen Schwierigem, was ich mir erkämpft habe zufrieden bin? Warum muss ich studieren? Warum muss ich ernsthaft überlegen nach diesem Studium ein weiterführendes Studium zu beginnen, wo ich doch genau weiß, dass es wieder eine Quälerei werden wird? Wieso muss ich einen blöden Nebenjob haben, der doch nicht unbedingt notwendig ist (wenn ich die Miete nicht mehr bezahlen kann, ziehe ich eben wieder bei meinen Eltern ein – im Notfall) ? Warum muss ich mich da momentan noch jeden Tag hinquälen, die Angst und die Körperschmerzen ertragen, wenn ich es doch einfach sein lassen könnte? Wenn ich es doch irgendwie leichter haben könnte. Notfalls eben arbeitlsos und in zig verschiedenen Therapien. Oder vielleicht mit einem mutismusmäßig leichtem Job. An den man sich einmal gewöhnt hat und der dann halbwegs leicht ist. Aber irgendwie gibt es bei einem Studium viel mehr Neues. Irgendwie ist das größer. Und warum muss ich es größer haben, wenn klein doch auch in Ordnung wäre?
Ich glaub’, irgendwie ist das alles wie ein blödes Spielzeug, womit man irgendwann genug gespielt hat und dann irgendwie langweilig ist. Oder es ist so, weil ich es nicht akzeptieren kann, dass ich es nicht auch größer haben kann. Oder besser gesagt, dass ich Dinge, die andere Menschen hinbekommen, nicht auch schaffen kann. Wieso auch? Vielleicht, weil ich mir nichts sagen lassen will. Kein, du schaffst das nicht. Vielleicht will ich mir etwas beweisen. Vielleicht will ich auch ein schwieriges Leben haben um am Ende zurück blicken zu können und zu wissen, dass es schön war. Dass sich der ganze Kampf irgendwie gelohnt hat. Oder, dass ich mein Bestes gegeben habe. So gut es eben ging.
Aber manchmal nervt es schon ein bisschen. Das Nichtaufgeben wollen. Ohne wäre es ein bisschen leichter. Ein bisschen entspannter. Vielleicht nicht zufriedener, aber ruhiger. Viel ruhiger. Vielleicht auch langweiliger. Aber trotzdem leichter.
Angst II
Vor kurzem hat mich jemand gefragt, wie ich das immer schaffe, diese Quälerei und am Ende doch etwas Gutes draus zu machen. Und ehrlich gesagt, weiß ich das selbst nicht. Manchmal frage ich mich das nämlich auch.
Eigentlich geht es nur um’s Aushalten. Und zwar diesen Haufen Angst, der mich überkommt, wenn Situationen anstehen, bei denen das Sprechen nötig ist. Das Tun an sich geht mittlerweile ganz passabel von allein. Das war nicht immer so. Es gab mal Zeiten, da funktionierte gar nichts. Jedenfalls reicht’s jetzt zum Überleben und meist ist es am Ende gar nicht mehr so negativ. Deswegen geht es mittlerweile eigentlich nur um das Aushalten der ganzen Sorgen, Ängste und Gedanken vorher. Und wie ich das mache, weiß ich auch nicht.
Irgendwie einfach standhaft bleiben. Und warten. Warten, bis man wieder besser atmen kann. Bis das Herz ein bisschen langsamer schlägt. Bis sich der Bauch nicht mehr so komisch anfühlt und bis der ganze Körper nicht mehr alles dafür tun muss, damit man davonläuft und flieht. Eben standhaft bleiben. Ja, so schaffe ich das alles irgendwie. Und ich hoffe ja immer noch, dass ich irgendwann mal vor Angst kaputt gehe, damit es vorbei ist. Aber ich tu’s nicht. Ich bin widerspenztig. Schwer vernichtbar. Unkraut eben.
Leserfragen zum Leben mit Mutismus
Machst du zur Zeit eine Therapie? Wenn ja, welche?
Nein, ich mache zur Zeit keine Therapie. Seitdem mein Therapeut gestorben ist, will und kann ich das irgendwie nicht mehr. Irgendwie ist die Traurigkeit über seinen Tod zu groß, als dass ich das könnte. Er war ein ziemlich wichtiger Mensch in meinem Leben. Ich kann mir nicht vorstellen nocheinmal jemandem so viel über mich zu erzählen und “mit mir arbeiten” zu lassen. Außerdem war er von Beginn an dabei und andere Therapeuten würden es deswegen und wie hier schon darüber geschrieben sicherlich nie so ganz verstehen. Und irgendwie würde sich das auch so anfühlen, als würde ich ihn ersetzen. Und das ist er nicht. Ersetzbar.
Ein wichtiger Grund ist allerdings auch, dass ich durch die Arbeit mit ihm jede Menge Dinge gelernt habe und denke, dass ich keine Therapie mehr brauche. Jedenfalls fällt mir nichts ein, wobei ich vorankommen möchte, was ich nicht selbst und ohne therapeutische Hilfe irgendwie meistern kann. Weil ich weiß, was ich dazu brauche und wie es funktionieren kann. Sprich er hat seine Arbeit ausgezeichnet gemacht. Weil, er war eben der Weltbeste.
Mutismusgedanken II
Es fällt mir schwer Menschen mit in mein Zuhause zu nehmen und das mache ich ehrlich gesagt sogar sehr ungern. Aus zwei Gründen. Zum einen, weil ich dann der Gastgeber bin und irgendwie lauter sein muss, als wäre ich nur ein Gast bei anderen. Dann muss ich nämlich fragen, anbieten, unterhalten, Themen finden, sprechen und kümmern. Dann habe ich mehr Verantwortung und muss dafür sorgen, dass sich Gäste wohlfühlen. Und dann muss ich irgendwie anders sein, als sonst. Nämlich lauter. Und viele Menschen kennen mich eben leiser. Das ist dann so, als passe es einfach nicht zusammen und deswegen suche ich immer Ausreden, wenn sich Menschen in mein Zuhause einladen wollen. Gefällt mir nicht. Ich mag keinen Besuch.
Und zum anderen, weil mein Zuhause irgendwie meins ist. Das ist der einzige Ort, an dem ich Ich sein kann und da will ich niemanden haben, der mir fremd ist. Mein Zuhause ist wie mein Schloss. Meins und irgendwie sicher. Da kann ich reden soviel ich will und muss nicht schweigen. Und schon gar nicht gehemmt sein, was ich wäre, wenn Besuch da wäre. Mir fallen gerade mal drei, nicht familienangehörige Menschen ein, die hier sein dürfen, ohne dass ich sie am liebsten sofort wieder wegschicken möchte, weil es sich komisch – komisch unwohl – anfühlt. Mehr nicht. Weil mein Zuhause meins ist und da hab’ ich am liebsten nur Menschen vor denen ich mich nicht verstellen muss – oder besser gesagt – vor denen das Sprechen absolut kein Problem ist. Ich mag keinen Besuch. Weil es komisch ist im Zuhause selektiven Mutismus haben zu müssen. Mutismus gehört nach draußen. Nicht in mein Zuhause.
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