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Ausladen

„Das schlimmste an allem ist, dass ich mit mir selbst leben muss“, dachte Alena als sie in der Dunkelheit nach Hause ging. Sie kam gerade von einer Feier, auf die sie von einer Kommilitonin eingeladen wurde. Eigentlich wollte sie gar nicht hingehen. Sie mochte Feiern nicht. Oder sie hatte einfach viel zu viel Angst, es war immer irgendwie anstrengend oder die Blockade war sowieso wieder da, sodass sie verstummte. Aber sie ging trotzdem hin. Mehr aus dem Grund, nicht die Kontakte zu verlieren, als aus Spaß.
Und mal wieder hatte sie sich grauenvoll benommen. Besser gesagt hatte sie sich gar nicht benommen, weil sie überhaupt nichts machte und das war das Problem. Es wurde gespielt, geredet und getrunken und eigentlich hörte Alena nur zu oder lächelte mit.
Sie war unsichtbar und stumm. Und das schlimmste daran war eigentlich, dass die anderen sie das nächste Mal einfach nicht mehr einladen bräuchten, wenn sie Alena nicht so akzeptieren oder sie ihnen unsympathisch war. Aber sie selbst konnte das nicht. Als könnte das einem selbst so gefallen, wenn man inmitten einer lachenden Gruppe junger Leute saß und selbst kein einziges Wort heraus bekam. Aber ja, sie konnten denken, was soll das denn und laden sie das nächste Mal einfach gar nicht mehr sein. Und sie selbst?
Am liebsten würde sie sich selbst gar nicht mehr einladen. Oder einfach ausladen, um nichts mehr mit sich zu tun haben zu müssen.
„Ich will mich nicht mehr haben, mich selbst nicht dabei haben“, dachte Alena unter dem Sternenhimmel. Wenn es doch nur so leicht wäre, wie andere Menschen es haben. Einfach ausladen. „Ich will mich selbst nicht mehr haben. Aber ich muss. Tagtäglich muss ich mich immer wieder dabei haben. Ich will mich nicht.“

“Kevin – der Junge, der nicht sprechen wollte” von Torey Hayden

Aus dem Klappentext:
„Kevin lebt in einem Heim und hat seit Jahren keinen Laut mehr von sich gegeben. Er verkriecht sicht unter Tische und verschanzt sich hinter Stühlen, sobald ein Mensch sich ihm zuwendet. Er will keinen Kontakt mit der Welt!
Als die Psychologin Torey Hayden den Fall übernimmt, gelingt es ihr nach erstaunlich kurzer Zeit, den Jungen zum Sprechen zu bringen. Aber das Aufheben dieser Barriere lässt die Vergangenheit Kevins hervorbrechen, die er durch sein Schweigen mühsam unterdrückt hatte. […] Die Unterdrückten Aggressionen des Jungens beginnen sich gegen die zu richten, die sie befreit hat: Torey Hayden. Ihrer Geduld, Liebe und Zuversicht und ihrem Vertrauen in die Möglichkeiten eines jeden Kindes gelingt es, Kevin in die menschliche Gemeinschaft zurückzuführen.“

Torey Hayden wurde 1951 in Montana, USA geboren und ist eine Psychologin, die sich auf Sonderpädagogik mit emotional gestörten Kindern spezialisiert hat. Sie ist geschieden und hat eine Tochter. Mehr Informationen gibt es auf ihrer Website.
Das Buch basiert auf einer wahren Geschichte. Hier gibt es sogar ein Statement des Jungen aus dem Buch.

Mir hat das Buch ziemlich gut gefallen, auch wenn es mein erster Roman mit dem Thema Mutismus war und ich daher generell noch keine Vergleiche habe.
Zu Beginn war ich allerdings etwas überrascht, denn persönlich kannte ich die Art und Weise wie Kevin versucht hat zu sprechen nicht. Kevin sprach einige Jahre kein einziges Wort mehr und hatte demnach große Anstrengungen wieder Laute zu sprechen. Manchmal schien es so, als könnte Kevin organtechnisch nicht sprechen und versuche es bis zur Erschöpfung, was ich eben persönlich nicht kenne, da ich schon immer sprechen konnte, nur die Worte bei fremden Menschen nicht kamen. Aber im Laufe des Buches wird immer deutlicher, dass Kevin an Mutismus leidet.
Gut beschrieben finde ich die vielen Ängste und Sorgen, die Kevin hat, welche für manch andere vielleicht lächerlich erscheinen. So scheitert zum Beispiel eine wichtige Situation, weil Kevin Angst hat auf die Toilette zu gehen.
Auch finde ich den Verlauf der Therapie mit vielen Rückschlägen und kleinen Fortschritten super beschrieben. Es traten immer wieder neue Probleme auf, die eine Veränderung normalerweise mit sich bringt und Kevin stellte sich die Frage, will man lieber „verrückt“ bleiben, weil man es schon kennt oder will man sich verändern. Das Verrücktsein ist eben doch nicht immer so schlecht, wie man denkt.
Ebenso finde ich bei Kevin sehr spannend, wieso er bzw. was er eigentlich verschweigt. Ohne zu viel zu verraten, sah es eben in Kevin ganz anders aus als äußerlich. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass das stimmt. Oft sind Mutisten innen ganz anders als außen. Kevin dachte sich sogar einen anderen Namen, für die Person, die er innerlich war bzw. äußerlich gern sein wollte, aus.
Zusammenfassend hat mich die Art und Weise wie Torey Hayden mit Kevin umgeht sehr berührt. Sie glaubt an ihn und gibt ihn nicht auf, auch wenn sie in manchen Situationen einen guten Grund gehabt hätte. Ich kann das Buch daher sehr empfehlen, will man sich mit dem Thema Mutismus beschäftigen und wissen, wie ein Leben damit so sein kann.

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Kommt es vor, dass du mit vertrauten Personen z.B. Vater, Mutter, Partner etc. auch nicht sprechen kannst?

Nein, eigentlich kommt das nicht vor. Es sei, denn es ist ein schwieriges Thema und es wäre für jeden anderen Menschen auch etwas schwer oder unangenehm. Aber dann rede ich eher „drumherum“, wechsele das Thema oder versuche es und verstumme nicht komplett, wie es beim Mutismus sonst der Fall wäre. Daher kann ich also sagen, dass ich mit vertrauten Menschen immer sprechen kann und es mir bisher noch nie passiert ist, dass ich wirklich verstummte. Aber das ist ja auch ein sehr wichtiges Merkmal, was bei vielen den selektiven Mutismus kennzeichnet: das Schweigen gegenüber fremden Personen.

2. Kannst du problemlos mit einem Kopfnicken oder einem Kopfschütteln antworten, wenn dir jemand eine Ja-Nein-Frage stellt?

Ja, das kann ich problemlos. So fingen sogar die ersten Kommunikationsversuche in meiner Therapie an. Mein Therapeut hat die Fragen dann, wenn er eine Antwort haben wollte, oft so gestellt, dass ich mit dem Kopf nicken oder schütteln konnte. Allerdings nur bei, in dem Moment, wirklich wichtigen Fragen, denn eigentlich sollte ich ja schon reden. Später als ich dann einige Worte sprach, vereinbarten wir, dass ich wenigstens als ersten Schritt immer ja und nein sagte.

Weitere Fragen gern an sab@mutismusblog.de.

Schreiben

Marie kramte die Stifte aus der Stiftebox und verteilte sie auf dem Tisch. Sie holte sich noch zwei leere Blatt Papier und kletterte auf den Stuhl.
Sie war wütend. Sehr wütend. Alle anderen Kinder ihrer Gruppe spielten gerade draußen und sie musste drin bleiben. Sie konnte das Geschrei durch die geöffneten Fenster hören. Sonnenstrahlen wärmten ihren Rücken. Frau Weitzel saß an ihrem Schreibtisch und spähte ab und an durch die Bürotür zu Marie. Das war Maries Bestrafung. Und alles nur, weil Johanna und Annika sagten, dass sie es gewesen sei, die die Schüssel mit dem Obstsalat in der Küche herunter geworfen hätte. Aber das stimme gar nicht. Sie kam nur zufällig an der Küche vorbei, als sie den Lärm von klirrendem Geschirr in der Küche hörte. Und da lag er dann zwischen Scherben, der ganze Obstsalat, den es am Nachmittag geben sollte. Annika und Johanna rannten wild aus der Küche und als Frau Weitzel vom Lärm aufgeschreckt wurde und nachschaute, stand da nur Marie. Sie fragte, was das solle und plötzlich kamen Johanna und Annika wieder zur Tür herein. Sie behaupteten gesehen zu haben, wie Marie unerlaubterweise in die Küche schlich. Es gab Diskussionen und Tränen, denn Frau Weitzel merkte, dass Johanna und Annika etwas verheimlichen wollten. Und da es niemand zugab, mussten alle drei heute Nachmittag drin bleiben.
Über das Papier gebeugt, malte Marie zwei Mädchen. Das eine bekam rote und das andere blonde Haare. Es sollten Johanna und Annika sein. Marie malte viele kleine Bilder. Es sah aus als würde sie mit den großen Stiften eine Bildergeschichte malen. Die strubbeligen Locken fielen ihr in das Gesicht.
In Gedanken schimpften sie vor sich hin. Am liebsten hätte sie geschrien, dass Johanna und Annika lügen. Dass sie gar nicht in der Küche war, sondern nur den Lärm gehört hatte und nachschaute. Aber sie tat es nichts. Sie tat gar nichts.
Marie wünschte sich schreiben zu können. Dann hätte sie das alles aufschreiben können. Dann hätte sie der Erzieherin schreiben können, dass sie es gar nicht war. Irgendwie fand sie die Buchstaben magisch. Wie toll es wohl sein muss, wenn man Buchstaben auf Papier malen kann und andere verstehen, was man sagen will ohne zu sprechen. Dann hätte sie jetzt keine Bildchen malen müssen, die niemand verstand, sondern hätte geschrieben. Sie wollte schreiben lernen. Sie konnte es kaum erwarten in die Schule zu gehen und zu lernen, wie man das, was im Kopf ist, aufschreibt. Sie beneidete die großen Mädchen. Darum, dass sie die vielen schönen, bunten Büchern mit dem Schloss und dem passenden Schlüssel dazu kaufen und hinein schreiben konnten. Ihre Mutter erklärte ihr einmal im Geschäft, dass dies Tagebücher seien, als Marie fragte, warum das Buch einen Schlüssel hat. Ein Tagebuch, sowas wollte sie auch haben.
Jedoch war Marie erst fünf und ging noch in den Kindergarten. Sie konnte nur ihren Namen schreiben. Und bis sie richtig schreiben konnte, würde es noch ewig dauern. Zu lang. Aber sie schwor sich, dass sie es aufschreiben würde, sobald sie schreiben kann. Und dann würde jeder wissen, dass sie die Schüssel in der Küche nicht herunter geworfen hatte. Und damit sie es nicht vergaß und sich erinnern konnte, malte Marie eben die Bildchen. Ja, sie würde schreiben lernen.

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

Als ich zu Beginn über mögliche Blogthemen nachgedacht habe, kam mir der Gedanke, Fragen von Lesern zu beantworten. Daran hab’ ich gedacht, weil es sicherlich interessant sein kann, wie das mit dem Mutismus bei mir genau aussieht. Und zum anderen weil ich als Betroffener nicht völlig unwissend an das Thema herangehen kann und darum vielleicht vergesse über wichtige und interessante Themen zu schreiben. Allerdings hatte ich die Gedanken wieder in den Hintergrund gestellt, da ich dazu erst einmal einige Leser brauche, die überhaupt Fragen stellen.

Da ich aber vor einigen Tagen von einem/r Leser/in in einem Kommentar einige Fragen gestellt bekam, würde ich diese gerne nutzen, um die Rubrik „Fragen“ zu eröffnen. Somit kann mir also jeder, der Fragen zum Leben mit dem Mutismus hat, diese gern per E-Mail (sab@mutismusblog.de) stellen und ich werde versuchen so gut, wie es hier öffentlich geht, sie zu beantworten.

1. Kannst du sozusagen innerlich sprechen?

Ich male mir im Kopf Situationen aus, wie ich mit bestimmten Menschen ein Gespräch führe, mit denen ich normalerweise nicht reden kann. Früher habe ich das sehr oft getan, heute nicht mehr. Da habe ich dann sozusagen innerlich ein Gespräch in meinem Kopf mit Fragen, Antworten und Gedanken, so als würde ein richtiges Gespräch stattfinden. Das kann ich allerdings nur, wenn ich entspannt und nicht gerade Anwesende eines Gesprächs bin. Sprich wenn sich Leute um mich herum unterhalten und ich am Gespräch teilnehmen könnte. Denn dann bin ich in solchen Situationen völlig angespannt und mein Kopf ist wortleer. Man kann sich das so, wie ein Blackout vorstellen. Durch diese Anspannung, die ganz automatisch kommt, fallen mir einfach keine Worte ein, die ich sagen könnte. Darum kann ich bei Gesprächen nicht mitreden, selbst wenn es nur innerlich und mit Worten in meinem Kopf ist.

2. Kannst du eigentlich, wenn kein Mensch in der Nähe ist, Selbstgespräche führen oder mit Tieren reden?

Ja, das kann ich. Ich habe keine Probleme Selbstgespräche zu führen oder mit Tieren zu sprechen. Abgesehen von dem komischen Gefühl, was vielleicht jeder kennt, wenn man Selbstgespräche führt, weil es einfach komisch sein kann. Mit Tieren kann ich sogar auch sprechen, wenn wirklich sehr vertraute Menschen dabei sind. Nur bei fremden Menschen schaut es da etwas anders aus. Zu dieser Frage, fällt mir ein gutes passendes Beispiel ein. Ich passte mal auf ein Baby auf, während die Mutter reiten war. In der Reithalle, eine fremde Umgebung mit fremden Menschen, konnte ich nicht mit dem Baby reden. Es hätte ja nicht antworten können und das glich irgendwie den Selbstgesprächen. Darum bin ich meistens spazieren gegangen, denn da war ich völlig allein und konnte auch problemlos mit dem Baby sprechen.

Spiegel Artikel “Stilles Leiden”

Ich möchte gern einen Artikel von Spiegel Online empfehlen. „Stilles Leiden“. Der Artikel ist von 2006, also schon ein bisschen älter, aber ich finde ihn ziemlich gut und interessant.
Zu Beginn wird Marvin vorgestellt, ein Junge der an selektivem Mutismus leidet. Seine Situation wird ein wenig beschrieben, bis erklärt wird, dass Mutismus oft überhaupt nicht bekannt ist und als normale Schüchternheit oder eine Trotzphase gedeutet wird. Eben weil Mutisten in der Familie oft völlig normal sprechen.
Ich finde, dass die Problematik Mutismus zu diagnostizieren und die Folgen in diesem Artikel sehr gut verdeutlicht werden. Und gleichzeitig verärgert es mich ein bisschen, weil auch deutlich wird, dass es anscheinend noch so viele Menschen gibt, die nicht wissen, was Mutismus ist und Betroffene für stur oder verrückt halten. Damit meine ich besonders Menschen, die eigentlich schon einmal davon gehört haben sollten, weil sie mit Kindern arbeiten. Erzieher und Lehrer zum Beispiel.
Ich schob es bei mir immer auf die Zeit, dass der Mutismus bei mir erst so spät erkannt wurde. Als ich im Kindergarten war, war das im Jahr 1990 und ich dachte immer, damals war das das einfach noch nicht so bekannt und deswegen hatte keiner meine Not erkannt. Aber ist es heute wirklich anders? Und wenn nein, warum ist es nicht anders? In einer so fortschrittlichen Gesellschaft.
Das ist eine interessante Frage…
Jedenfalls hoffe ich, dass in viele Menschen diesen Artikel bei Spiegel Online gelesen habe, sodass das Thema Mutismus immer bekannter wird. Vor allem Menschen, die bei einer frühen Diagnose helfen können, denn wird Mutismus früh erkannt ist er viel leichter zu therapieren, als im Jugendalter.

Interview mit einer Pädagogikstudentin

Ich habe mir überlegt, dass es sicherlich ganz interessant sein könnte, Menschen über den Mutismus zu befragen. Ich dachte dabei an Betroffene, Familie, Freunde, Lehrer usw.
Vor einigen Tagen füllte ich einen Fragebogen von einer Studentin aus, die ihre Diplomarbeit über das Thema Mutismus schreibt. Und so habe ich ihr als meinen ersten Interviewpartner einige Fragen gestellt:

1. Was studierst du?

Ich studiere Diplom-Pädagogik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Dort ist es möglich, im Zuge dieses Studiums, durch Belegung verschiedener Seminare eine Zusatzqualifikation zum Sprachheilpädagogen zu erwerben. Somit habe ich auf mehreren Ebenen Berührungspunkte mit dieser Symptomatik, einmal im Rahmen des Pädagogik-Studiums an sich, durch die Wahl meiner zweiten Fachrichtung, der Pädagogik bei Verhaltensstörungen (mein Praktikum fürs Hauptstudium hab ich beispielsweise in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie absolviert) und zum anderen durch meine Zusatzqualifikation, der Sprachheilpädagogik.

2. Wie lautet das Thema deiner Diplomarbeit?

Das genaue Thema der Arbeit lautet “Mutismus im Jugendalter”. Im ersten Teil wird auf die Thematik des Mutismus im Allgemeinen eingegangen. Es werden die unterschiedlichen Definitionen dieser Störung dargelegt und die verschiedenen Erklärungsansätze, wie sie in der Literatur vorherrschend sind, erläutert. Im Weiteren handelt es sich um einen kurzen Umriss der Jugendphase an sich, was sind Probleme und Themen der Jugendlichen, wie sieht deren Umwelt aus und welches sind die Probleme mit denen sie sich in dieser Phase ihres Lebens konfrontiert sehen. Im Anschluss daran hätte ich gerne einen Fall von jugendlichem Mutismus in allen Facetten näher beleuchtet. Doch da ich die Betroffenen, die sich dazu bereit erklärt haben ein paar Fragen von mir zu beantworten alle diese “kritische” Phase bereits überwunden haben und schon älter sind, werde ich versuchen, rückwirkend Schlüsse zu ziehen inwiefern sich die Jugendphase bei jugendlichen Mutisten anders gestaltet, als bei Jugendlichen die nicht von dieser Störung betroffen sind.

3. Wie bist du darauf gekommen deine Diplomarbeit zum Thema Mutismus zu schreiben?

Wie bereits erwähnt, habe ich mein letztes Praktikum in der Kinder- und Jugendpsychiatrie absolviert. Dort gab es einen Fall, ein 17-jähriges Mädchen, welches das “Pervasive Refusal Syndrome” hatte. Eine Teilsymptomatik dieses Syndroms ist Mutismus, welcher sich bei ihr in der totalen Form äußerte. Ich verbrachte viel Zeit mit dieser Patientin, und trotz der fehlenden verbalen Kommunikation hatte ich das Gefühl, dass ich eine Beziehung zu ihr aufbauen konnte. Im Laufe des Praktikums waren immer wieder Fortschritte in jeglichem der Betroffenen Bereiche bei ihr zu erkennen, und nach einiger Zeit kommunizierten wir auch miteinander, wenn auch nicht über das Mittel der Sprache. Ich fand dies einfach auf der einen Seite so spannend und auf der anderen Seite so berührend, dass ich das Thema des Mutismus an sich gern in meiner Diplomarbeit bearbeiten wollte.

4. Was wusstest du zuvor schon von Mutismus? Hast du neue/interessante Erkenntnisse bei der Recherche bekommen?

Durch mein Studium und die Seminare in der Sprachheilpädagogik wusste ich schon einiges über das Störungsbild des Mutismus. Doch es wurde nicht so ausführlich behandelt wie dies im Zuge einer Diplomarbeit geschieht. Man bekommt beim Bearbeiten eines solchen Themas immer noch weitere Einblicke, man beschäftigt sich ja über einen langen Zeitraum mit einer Thematik und entwickelt einen anderen Blick für Dinge. Auch gerade durch die Berichte von Betroffenen erhält man einen Einblick, den man durch ein Seminar an der Uni so gar nicht bekommen hätte. Gerade diese Berichte fand ich sehr berührend und interessant.

5. Magst du nach deinem Studium mit Mutisten arbeiten?

Ich kann mir sehr gut vorstellen, später auch mit Menschen, welche vom Mutismus betroffen sind, zu arbeiten. Mit Sicherheit ist dies nicht immer einfach, erfordert viel Geduld und Einfühlungsvermögen und man muss an jeden Fall ganz individuell herangehen und herausfinden, welche Möglichkeiten zu einer Förderung und Therapie sich gestalten und anbieten. Wohin mich mein Weg tatsächlich führen wird, weiss ich noch nicht, aber falls sich mir die Möglichkeit bietet mit mutistischen Menschen arbeiten zu können, werde ich mich gerne dieser Herausforderung stellen und versuchen einen Weg zu finden, ihnen ein Stück weit behilflich zu sein damit sie den Mutismus überwinden können.

Vielen Dank an Caroline.

Die Matheklausur

Säuberlich versuchte der Mathelehrer eine Tabelle mit geraden Linien an die Tafel zu zeichnen, in die er die Noten kritzelte. Der Notenspiegel. Er begann bei der schlechtesten Note. Es gab zwei Fünfen, Vierer und Dreier gab es am meisten, eine Zwei und eine Eins. Ein Raunen ging durch die Klasse, als der Mathelehrer die Kreide zurück  in den Kreidekasten an der Tafel legte.
Er begann mit dem Austeilen der korrigierten Klausuren und lief dabei kreuz und quer durch die Klasse. Je mehr verteilt wurden, desto lauter wurden die Schüler.
Kevin konnte Schimpfen und Kommentare zu den einzelnen Aufgaben aus dem Stimmengwirr wahrnehmen. Einige schienen erleichtert, andere enttäuscht zu sein.
Dann kam der Mathelehrer zu ihm, legte die Klausur auf den Tisch und sagte mit einem Grinsen: „Sehr gut. Nur Sie müssen an Ihrer mündlichen Mitarbeit arbeiten“ und ging zum nächsten Tisch.
Kevin schaute auf das Aufgabenblatt. Rechts oben in der Ecke stand die Note. Eine Eins. Eine schöne, glatte, mit rotem Stift geschriebene Eins sprang ihm entgegen. Es war die einzige Eins.
„Nicht schon wieder“, dachte er und setzte ein kurzes, schiefes Lächeln auf.
Klar war eine Eins gut. Und Kevin konnte auch stolz auf seine Leistung sein, doch richtig zufrieden war er damit nicht.
„Bringt mir sowieso nichts“, dachte er und stopfte die Klausur ohne sie genauer anzuschauen in seinen Block.
Das mit der mündlichen Mitarbeit, das geht eben einfach nicht. Es geht nicht. Alles ist an Kevin festgefroren. Die Hand, die man zum Melden braucht, lässt sich nicht in die Höhe strecken und die Lippen sind auch zusammen gefroren. Sogar die Stimmbänder in der Kehle sind es. Deswegen geht das nicht.
„Und was bringt schon eine Eins, wenn man mündlich eine Sechs hat“, überlegte Kevin. Gar nichts. Also sind Einsen überflüssig. Sie enttäuschen nur noch viel mehr, weil man daran erinnert wird, dass man niemals eine Eins auf dem Zeugnis haben kann. „Also will ich gar keine haben“, schwirrte in seinem Kopf umher. „Das zeigt mir nur immer wieder welch’ ein Versager ich bin.“
Nachdem der Mathelehrer alle Noten verteilt hatte, wurden die Aufgaben der Klausur besprochen.
„Hoffentlich ist die Stunde bald vorbei!“, dachte Kevin und versank weiter in Gedanken.

Die Integrative Mutismus-Therapie

Neben anderen Konzepten zur Behandlung von Mutismus gibt es die sogenannte Integrative Mutismus-Therapie (IMT), die für Kinder unter 10 Jahre entwickelt wurde und in Form von Einzelterminen stattfindet.

Zu Beginn dieser Therapieform steht im Vordergrund, dem Kind die Therapie überhaupt erst einmal zu ermöglichen. Dies bedeutet, dass die Angstminderung wichtig ist, sodass sich der Betroffene auf die Therapie einlassen kann und Vertrauen zum Therapeuten gewinnt. Aber nicht nur zu Beginn ist die Angstbehandlung ein zentraler Punkt, sondern auch während der gesamten Therapie. Unterstützend können Medikamente eingesetzt werden.
Für eine erfolgreiche Therapie ist zum einen eine angstfreie und kindgerechte Umgebung notwendig und zum anderen die Einbeziehung der Eltern sinnvoll. Vertraute Personen können zum Beispiel erst einmal beim Sprechen „helfen“. Zu Erleichterung können aber auch selbstgeschriebene Zettel verwendet oder Flüstern erlaubt werden.
Am Anfang der Therapie werden dem Kind leicht lösbare Aufgaben gestellt, sodass es mehr Selbstvertrauen gewinnt. Wichtig ist allerdings diese, neben den Hilfsmitteln für das Sprechen, zu erschweren bzw. zu verringern damit das Kind nicht auf dieser Stufe stehen bleibt, sondern weiter voran kommt.

Nachdem eine Grundlage geschaffen wurde, wird bei der IMT das Sprechen sozusagen wieder neu erlernt. So ist es ein Ziel die Mundmotorik zu trainieren und das Kind zum Laute sprechen – dem sogenannten Lautieren – zu ermutigen. Dies kann auf spielerische Art erfolgen, wie z.B. das Imitieren einer Lokomotive. Im Gegensatz zu anderen Therapieformen unterscheidet sich die IMT demnach durch logopädische Bestandteile.
Wichtig bei der Behandlung von Mutismus sind die Aufklärung und das Verstehen der eigenen Situation. Einige grundlegende Botschaften sind:

  • Mutismus ist eine Krankheit, bei der ein Therapeut helfen kann eine positive Änderung zu erreichen
  • Schweigen ist belastend und führt zu Verzweiflung
  • Angst kann das Sprechen verhindern
  • wichtig sind zuerst kleine Schritte

Oft ist der erste Schritt der schwerste, weswegen die Motivation bei Kindern besonders wichtig ist. Sträuben sich Kinder z.B. gegen eine Übung, muss eine Alternativübung gefunden werden. Daher sind sehr hohe Empathie und Aufmerksamkeit des Therapeuten wichtig, um das Kind nicht zu ängstigen. Kennzeichnend für eine Mutimustherapie ist auch, dass dem Kind längere Zeit zum Antworten gegeben wird.
Die Fortschritte in der Therapie werden anschließend auf weitere soziale Situationen und Personen übertragen und ausgebaut, sodass diese gefestigt und die Ängste schrittweise abgebaut werden.

Quelle: http://www.klinik-ellwangen.de/08_aktuelles/details.php?id=70

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