« Posts tagged Mutismus

Umfrage: Wie hast du von Mutismus erfahren?

Es gibt eine neue Kategorie und zwar “Umfragen”. Ich habe mir gedacht, dass es interessant sein kann zu gewissen Themen eine Rückmeldung zu bekommen. Darum würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mitmacht. Vielen Dank!
(Vorschläge zu anderen Umfragen können natürlich auch gern gemacht werden.)

Formen des Mutismus I

Ich habe mir gedacht, mal ein bisschen zu recherchieren, ob es neben der Einteilung zwischen totalem und selektiven Mutismus noch weitere gibt und wie es bezüglich der Mutismusformen in der Vergangenheit aussah.

In der Literatur sind verschiedene Einteilungen  zu finden. Eine der ältesten stammt aus dem Jahr 1936 (von J. Waterink und R. Vedder):

1. hysterischer Mutismus : Mutismus mit hysterischen Symptomen
(z.B. körperliche Störungen: Erbrechen, Zittern, Atemnot, Lähmungen).

2. elektiver Mutismus: “freiwilliger” Mutismus, bei dem die Personen
ausgesucht werden, mit denen der Betroffenen spricht.

3. Heinz`sche Mutismus: der Betroffene reagiert bei einem
Mileuwechsel mit Mutismus.

4. neurotischer Mutismus: Mutismus, der durch eine
Angstneurose ausgelöst wird.

5. thymogener Mutismus: Mutismus, der aufgrund eines Traumas
auftritt. Der Begriff thymogen wurde im zweiten Weltkrieg geprägt.
Beispiele sind daher Traumata durch Kriegserlebnisse.

6. ideogener Mutismus: Mutismus, der organische Ursachen hat.

.

Eine andere Einteilung wurde 1950 (von A. Weber) vorgenommen:

1. einfach-reaktiver Mutismus: Mutismus aufgrund eines
schrecklichen Erlebnisses, der besonders bei der Sprachentwicklung
auftritt. Beschreibt eher totalen Mutismus.

2. neurotischer Mutismus: Mutismus, der in Form einer Neurose
durch innere und/oder äußere Konflikte entsteht. Überwiegend
elektiver Mutismus.

Formen des Mutismus II

aus: Mutismus, zur Theorie und Kasuistik des totalen und elektiven Mutismus
von Boris Hartmann

Marie

Marie war ein ängstliches Mädchen. Sie hatte Angst vor der Nacht und vor Monstern unter dem Bett oder im Schrank. Und vor der Dunkelheit sowieso. Ohne Licht konnte sie nicht schlafen. Aber die komischen Schatten, die das Licht machte, waren auch nicht gut. Und das alte Haus, in dem sie wohnte, machte zu viele Geräusche und auch die fürchtete sie. Deshalb musste Marie immer eine Hörspielkassette hören. Bibi Blocksberg. Weil Bibi Blocksberg eine Hexe ist und keine Angst haben muss. Ohne Hörspielkassette konnte sie nicht einschlafen. Und wenn die Hörspielkassette zu Ende war, sie aber noch nicht schlief, musste sie noch eine hören. Und dann hatte sie wieder Angst geschimpft zu werden, weil sie noch nicht schlief. Sie hatte Angst allein in kleinen, geschlossenen Räumen zu sein – deshalb mussten die Türen immer auf sein – und allein in großen sowieso. Sie hatte Angst vor Einbrechern, vor Feuer und vor Gewitterblitzen am Himmel und davor, dass ihrer Familie etwas passierte. Durch einen Autounfall oder so. Deswegen wollte sie immer mitfahren, wenn jemand wegfuhr, damit sie auch sterben würde, wenn etwas passierte. Sie konnte nicht Fahrradfahren und auch nicht Schwimmen – Marie war acht – weil es gefährlich war, so wie ihr Papa immer sagte. Das ganze Leben ist gefährlich. Immer muss man aufpassen, das hatte sie so gelernt. Es war auch gefährlich allein an die Straße zu gehen – drüber sowieso – und deshalb tat sie es nicht. Auch hatte sie manchmal Angst vor Menschen. Vor den beiden bösen Jungs, die sie nie in Ruhe ließen, wenn sie zu Besuch kamen. Und wenn sie wieder gingen war immer eines ihrer Spielsachen kaputt. Sie hatte Angst vor Ärzten, davor, dass es wehtat und vor der Schule. Außerdem fürchtete sie sich vor Spinnen und Schlangen. Auch, wenn es die gefährlichen hier gar nicht gab und nur in anderen Ländern, wie ihre Mama immer sagte. Aber man wusste ja nie. Vielleicht war doch eine gefährliche Schlange im Gras versteckt. Vorsichtig musste man sein und aufpassen. Man musste auch aufpassen, dass man nicht entführt wurde. Davor hatte sie nämlich auch Angst, von einem fremden Mann einfach mitgenommen zu werden. Und eigentlich hatte sie auch vor allem Angst, was Angst machen konnte.

Der Sportunterricht

Und schon wieder Sport. Warum muss die Woche immer so schnell vergehen, wenn sie es eigentlich gar nicht tun sollte, dachte Kevin und hatte schon den ganzen Morgen dieses komische flaue Gefühl im Magen gehabt, als wäre dieser Freitag der letzte Tag in seinem Leben.
Kevin hasste den Sportunterricht. Eigentlich war es sogar mehr als Hass, er verabscheute ihn. Und das lag nicht daran, dass er Sport nicht mochte oder unsportlich war, nein, Kevin konnte sich nicht bewegen. Genauso, wie er nicht sprechen konnte funktionierte auch das nicht.
Sein Körper war wie gelähmt. Alles bewegte sich nicht so, wie es sollte, oder wie es das zu Hause tat, wenn niemand da war und zuschaute. Die Arme funktionierten nicht und die Beine auch nicht. Alle Bewegungen waren irgendwie merkwürdig, unnatürlich. Natürlich konnte er den Arm heben, oder das Bein, aber es war steif. Und es sah komisch aus. Allein konnte er besser fangen, weiter werfen und springen und schneller laufen.
Kevin nannte es das Ding. Er hatte ein Ding in sich, was ihn versteinern und nicht sprechen lies. Und deswegen war der Sportunterricht für ihn eine Katastrophe.
Natürlich war er immer derjenige, der übrig blieb und als letztes gewählt wurde, wenn Teams gebildet werden sollten. Und wenn Kevin dann gezwungenermaßen einem Team zugeteilt wurde, verdrehten die anderen Jungs immer die Augen und gingen zu ihrem Spielfeld. Kevin trottete hinterher.
Wenn er denn wenigstens wirklich unsportlich wäre oder übergewichtig, wie Patrick – selbst er wurde noch vor ihm gewählt – dann wäre es ein vernünftiger und nachvollziehbarer Grund, weshalb er nicht gut in Sport war, dachte Kevin. Aber so war es nicht.
Manchmal konnte er sich drücken. Dann war er krank oder hatte sich verletzt. Und während er auf dem Spielfeld stand – Basektball wurde gespielt – dachte er daran, wie praktisch es wäre ein Mädchen zu sein. Dann hätte er einmal im Monat Unterleibschmerzen haben können und könnte gackernd auf der Bank sitzen und die Jungs beim Sport beobachten. Nein, könnte er nicht, weil er ja nicht viel sprechen konnte. Also würde er schweigend da sitzen. Aber immerhin sitzen.
„VORSICHT, KEVIN!“, schrie Steffen.
Mist, ein Korb. Die anderen seufzten. So was geht immer viel zu schnell. Manchmal zweifelte er sogar daran, ob mit seinen Augen alles in Ordnung sei, weil er manchmal keine Bälle sah, so schnell ging das. Aber mit den Augen war alles in Ordnung. Oder mit dem Gehirn. Weil Ball sehen, nachdenken, was zu tun ist, reagieren und bewegen in diesem Moment viel zu kompliziert war. Aber auch mit dem Gehirn war alles in Ordnung, denn zu Hause konnte er mit seinem besten Freund, den er schon seit dem Kindergarten kannte, Basketballspielen. Und sogar gut.
Dieses scheiß Ding, dachte er.
Sport war die Hölle. Drei Jahre Sportunterricht müsste er noch durchstehen. Nur noch drei Stück. Zehn hatte er schon. Da waren drei doch ein Zuckerschlecken. Drei Jahre. Wie viel Schulwochen waren das? 40? Egal, mehr als 120 Sportstunden waren das nicht mehr…

Wieder war eine Woche geschafft und wieder warf Kevin am Nachmittag die Tasche in sein Zimmer, zog sich um, ging raus und rannte. Er rannte die Feldwege um das Wohnviertel entlang und rannte und rannte. Musik im Ohr. Um den Kopf von der Woche freizubekommen. Und damit die Wut verschwand, die Wut über sich selbst, weil er so komisch war.

Ein Lied über selektiven Mutismus

Paul McCartney “She’s Given Up Talking”

She’s given up talking
Don’t say a word
Even in the classroom
Not a dickie bird
Unlike other children
She’s seen and never heard
She’s given up talking
Don’t say a word

You see her in the playground
Standing on her own
Everybody wonders
Why she’s all alone
Someone made her angry
Someone’s got her scared
She’s given up talking
Don’t say a word

Ah but when she comes home
It’s yap-a-yap-yap
Words are running freely
Like the water from a tap
Her brothers and her sisters
Can’t get a word in edgeways
But when she’s back at school again
She goes into a daze

Ah but when she comes home
It’s yap-a-yap-yap
Words are running freely
Like the water from a tap
Her brothers and her sisters
Can’t get a word in edgeways
But when she’s back at school again
She goes into a daze

She’s given up talking
Don’t say a word
Even in the classroom
Not a dickie bird
Unlike other children
She’s seen and never heard
She’s given up talking
Don’t say a word

Was ich verpasst hätte, wenn ich nicht mehr leben würde…

…und das ist eigentlich eine ganze Menge, was ich wirklich nicht mehr missen möchte.

1. Liebedie länger andauernde und ernste Liebe.

2. Fliegen - ein wirklich total irres Gefühl, wenn man in einem Flugzeug sitzt und langsam abhebt oder wieder landet.

3. Konzerte - die Bässe im Bauch und die dröhnende Lautstärke. Vor allem das Konzert von meiner Lieblingsband war ein Lebenstraum.

4. noch mehr Schneein 5 Jahren kommt ganz schön viel Schnee zusammen, den ich verpasst hätte.

5. das Reisen und fremde Länder entdeckt zu haben – vor allem USA, Kanada, Frankreich und Schweden.

6. eigene Wohnungdie geb’ ich nicht mehr her!

7. Fotografie - ich wäre nie im Besitz einer eigenen Kamera gewesen und hätte nicht gemerkt, wie toll das sein kann, die Welt in Bildern festzuhalten.

8. Studierenhätte man mir gesagt, dass ich mal studiere, hätte ich demjenigen den Vogel gezeigt.

9. Kontaktlinsenich habe meine Brille schon immer gehasst. Und es ist ein tolles Gefühl nun ohne sehen zu können.

10. weiter Musik hören - ich hätte ganz viele tolle Lieder verpasst. Und zwei Alben meiner Lieblingsband hätte ich nie gehört.

11. weiter Schreiben zu können – ich mag Schreiben wirklich sehr gern.

12. Menschen, denen man begegnet ist – wie wäre es um Beispiel, ohne die Samen-Frau in Lappland gewesen, die eine so furchtbare Weisheit ausstrahlte, sodass sie unbeschreiblich magisch wirkte, mit ihren tiefen Augen und ihrer Stimme.

13. Events und Veranstaltungendann hätte ich heute nicht sagen können, dass mir Martin Schneider mal zum Geburtstag gratuliert hat oder ich mit “Die Happy” gesprochen habe.

14. Häschenwie wäre es, ohne ganz fest zu wissen, dass ich irgendwann mal ein Häschen (als Haustier) haben werde?

15. Finnland-Traumgäb’s auch nicht und heute ist es die Zukunft.

16. Autofahren - auch, wenn ich es nicht mag, aber das Gefühl völlig selbstständig von A nach B zu kommen, geb’ ich nicht mehr her.

17. Taizéweil man inmitten hunderter Menschen auch ganz still sein kann.

18. bestiegene Berge - nicht nur bildlich sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes. Wie wäre es ohne die endlose Aussicht auf dem Berg?

19. Genuss - ich wäre nie in den Genuss von Orangina, Oreos und gutem Essen gekommen.

20. gute Filmehätte ich eine Menge verpasst. Die meisten meiner Lieblingsfilme hätte ich nie gesehen.

21. gute Bücherich hätte Twilight nie gelesen.

22. Alkohol - ich hätte mich niemals angenehm mit meiner damaligen besten Freundin betrunken und im Mondschein über das Leben philosophiert.

23. Streit, Diskussionen und Konflikteauch, wenn das nicht gerade positiv ist, aber ich hätte nie gewusst, wie das ist, wenn man sich streitet oder über belanglose Alltagsthemen diskutiert.

24. zweite Familiehätte nie das Gefühl kennengelernt in einer “Wahlfamilie” willkommen zu sein.

25. das Gefühl von Heimat - ich hätte nie gewusst, dass ich auch irgendwo hingehören kann.

26. Emotionen teilen - hatte ich davor immer nur für mich allein.

27. Nähe - ich hätte nicht gewusst, wie es ist, Freunde zu umarmen.

[Protected]

Die Geburtstagsparty

Dieser Artikel ist passwortgeschützt. Um ihn anzusehen, trage das Passwort bitte hier ein:


Die Geschafftes-Liste

Früher – das war so 2006 und 2007, als ich anfing viele Dinge zu machen – habe ich eine Geschafftes-Liste geführt. Ich habe alles, jede Kleinigkeit aufgeschrieben, die Überwindung gekostet und mit Angst zu tun hatte.
Irgendwie war es toll, die ganzen kleinen Fortschritte aufgelistet zu sehen. Und wenn etwas geschafft war, dann kam ein Kreuz davor und die Liste wuchs und wuchs.

Heute mache ich das nicht mehr. Ich glaube, wenn ich es noch tun würde, könnte ich jeden Tag etwas auf diese Liste schreiben, denn an so vielen Dingen bin ich schon reicher geworden.
Und wenn ich diese Liste aus der Vergangenheit selbst so lese, komme ich mir albern und komisch vor. Wäre heute jede Kleinigkeit noch solch ein Kraftakt und Kampf, würde ich sicherlich durchdrehen. Ja, es ist besser. Viel besser.
Heute muss ich mir nicht mehr Stunden vorher Gedanken machen, wie ich im Supermarkt Hackfleisch kaufen kann, sondern nur noch dann, wenn ich auch wirklich im Supermarkt stehe. Und dann reicht in Gedanken auch nur ein kurzes „auf geht’s!“ und muss nicht minutenlang mit mir hadern und irgendwelche Runden im Laden drehen.

Aber lest selbst:

[x] habe etwas beim Bäcker gekauft.

Zum Mittagessen. Eine Bäckerei etwas abseits vom Stadtgeschehen. Mit wenigen Leuten. Beim Bäcker sagt man, was man gern kaufen möchte. Bei unbekannten Bäckereien muss man sich darüber erst im Klaren sein.  Vielleicht schnell und spontan entscheiden und wählen. Ich habe noch nicht oft in einer Bäckerei gekauft. Um genau zu sein, ich selbst, ich allein, mit heute, dreimal. Kann ich zählen. Beim Metzger noch nie.
Es hat funktioniert. Irgendwie locker. Habe sogar gefragt, was in dem Teigding drin ist, bevor ich es gekauft habe.

[x] habe etwas an der Fleischtheke im Supermarkt gekauft.

Geplant war eigentlich ein normaler Supermarkteinkauf für das Abendessen und dafür brauchte ich Hackfleisch. In vielen Supermärkten ist das ja schon fertig abgepackt zur Selbstbedienung. Hier auch, nur gab es dort nicht die richtige Menge, sondern wirklich viel zu viel. Machte mir schon Gedanken, was ich nun tun sollte – das ganze Rezept verwerfen – und stellte mich aber irgendwie – fast wie von Geisterhand geschoben, zur Fleischtheke, an der noch bedient wird. Ich sagte, was ich haben wollte, worauf die Verkäuferin mir sagte, dass sie Hackfleisch nur abgepackt haben. Sie zeigte mir die Päckchen, die ich schon gesehen habe und ich teilte ihr irgendwie mit, dass dies viel zu viel sei. Darauf machte sie eines auf und verpackte mir meine Menge neu. Die Frau kam aus Osteuropa, was die Kommunikation etwas erschwerte, weil sie mich kaum verstand und nicht gut Deutsch sprach.
Die Kassiererin war sehr sprachfreudig und fragte, ob ich zwei Cent klein hätte. Anstatt dies zu verneinen, weil ich es nicht mag an der Kasse im Portemonnaie zu wühlen und eine ganze Schlange hinter mir steht, suchte ich brav das Kleingeld zusammen.

[x] habe etwas aus der Apotheke geholt.

Ich finde es geht besser. Lockerer. Gut, anfangs war es schwieriger. Bin an vielen Apotheken vorbeigegangen. Aber in der Innenstadt gibt es sehr viele Apotheken, also immer wieder neue Chancen. Als ich mich dann für die vierte entschieden hatte, hatte ich das Glück eine etwas verwirrte Apothekerin zu haben. Glück zum Üben oder so ähnlich. Etwas verwirrt. Sie vergaß mir mein Wechselgeld zu geben. Ich habe sie darauf aufmerksam gemacht. Und wenn ich nun darüber nachdenke, war es eigentlich Blödsinn. Diese zwei Cent. Sie hat mir sogar eine Probe und Taschentücher geschenkt. Wegen zwei Cent. Mutisten verschweigen das. Aber es geht um das Prinzip. Mein Wechselgeld. Und ich habe sie mit meiner Stimme, meinen Worten darauf aufmerksam gemacht, dass sie es vergessen hat. Mehr als zwei Cent wert.

[x] habe an einer Umfrage teilgenommen.

Im Zug lief die ganze Zeit eine junge Frau umher, die die Fahrgäste befragte. Auch mich. Vielleicht traute ich mich aber auch einfach nicht sie abzuweisen, als sie mich fragte, ob sie mir einige Fragen stellen dürfte. Jedenfalls nahm ich spontan an einer Umfrage teil und beantwortete fremde Fragen. Irgendwie nichts besonderes, noch nicht einmal etwas Geschafftes, aber Menschen mit Mutismus bevorzugen nicht mit Fremden zu sprechen.

[x] habe zwei ausgeliehene DVD’s zurückgebracht.

Ich habe es ganz allein gemacht. Irgendwie hatte ich Angst. Es gibt Dinge, wie im Supermarkt oder Geschäft einkaufen, die bereiten mir nur noch unangenehme Gefühle, da ich sie schon oft getan habe. Aber das heute tat ich eben noch nie. Aber im Nachhinein war es sichtlich einfach. Sehr sogar. Und komisch. So selbstständig, irgendwie erwachsen. Als könnte ich auch fort von zu Hause leben, ohne Hilfe, die ich eigentlich gar nicht brauche, damit ich mich noch mehr entwickeln und weiter gezwungenermaßen üben kann.

[x] habe mit dem Therapeuten telefoniert.

Habe überlegt, ob ich das Kreuz weglasse und schreibe “habe den Therapeuten angerufen“, weil ich ihn ja anrufen musste wollte. Ich scheiterte. Rief ihn nicht an. Dennoch scheiterte ich irgendwie auch nicht. Weil er selbst anrief und ich unbeschwert an das Handy ging, als es klingelte. Und danach dachte ich daran, wie unmöglich es vor noch gar nicht so langer Zeit schien überhaupt mit ihm durch das Telefon zu sprechen. Dachte das ginge niemals. Konnte es mir noch nicht einmal auch nur vorstellen. Und deswegen bin ich absolut nicht gescheitert.

[x] habe nochmal telefoniert.

Diesmal habe ich ihn angerufen. Auf der Station der Psychiatrie, weil ich meinen Therapeuten sprechen musste wollte. Das Problem hierbei war, dass ich zuerst auf der Station anrufen musste und natürlich nicht weiß, welcher Betreuer an das Telefon geht. Es war ein sehr netter. Außerdem ist es oft sehr schwierig den Therapeut zu erreichen, da er wohl ein beschäftigter Mann ist. Aus diesem Grund sagte mir jener Betreuer freundlich, dass er gerade nicht da wäre und ich ab dreizehn Uhr nocheinmal anrufen sollte. Also nocheinmal. Bin ich denn verrückt? Ich habe angerufen.

[x] habe wieder telefoniert.

Der gleiche Betreuer war dran, der Therapeut da. Ich wollte wegen des Termins anrufen, weil ich es nicht pünktlich schaffen würde. Ich weiß nicht, ob der Therapeut sehr überrascht war. Schließlich war es das erste Mal, dass ich dort angerufen habe. Premiere quasi. Ach, bin ich stolz. So sehr, dass ich unbedingt hüpfen musste. Vor Freude natürlich. Hüpfen. Das Unmögliche ist gar nicht so sehr unmöglich.

und was würde ich jetzt geben, um mit ihm telefonieren zu können…?

Fahrplanauskunft ll

Fahrplanauskunft I

Alena lag auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Das bedruckte Papier vom Bahnhof lag auf dem Schreibtisch. Wie ärgerlich das doch ist, dachte sie. Die falsche Zugverbindung. Gut, an sich, war es nicht völlig falsch. Die Fahrtzeiten in die Stadt standen auf dem Zettel. Aber ab dem Bahnhof musste man noch einmal mit dem Bus fahren und die Busverbindung war falsch. Der Mitarbeiter von der Bahn musste die genaue Straße wohl falsch verstanden haben. Und das lies ihr einfach keine Ruhe. Sie wollte einen richtigen Zettel  mit ihren Zugverbindungen haben.
Es war 18.30 Uhr, Zeit für das Abendessen. Langsam schlurfte Alena in den Gruppenraum, in dem nicht nur die Gruppentherapie stattfand, sondern auch die Mahlzeiten eingenommen wurden. Alena setzte sich neben Maike, die sich mit Dennis unterhielt. Nach und nach folgte der Rest, bis alle da waren.

Nach dem Abendessen, zurück in Alenas Zimmer, klopfte es plötzlich an der Tür. Maike und einige andere Mädchen warfen ihre Köpfe zur Tür herein. „Möchtest du mit in den Abendausgang kommen? Wir wollen zum Bahnhof.“ Ja, warum nicht. Die Sonne geht gerade so hübsch unter, dachte sie. „Ja.“
Es war der letzte Abendausgang in diesem Sommer. Nach dem Abendessen durfte man nur im Sommer noch einmal bis um 20.15 Uhr die Station verlassen. Im Herbst und Winter dann nicht mehr, da es dunkel wurde. Als würde die Dunkelheit die kleinen Patienten auffressen, dachte Alena. Sie möchte es im Dunkel spazieren zu gehen.

Alena und vier andere Mädchen gingen zum Bahnhof. Zwei wollten irgendwie Zigaretten bekommen – sie waren erst 14 – und die anderen beiden Zeitschriften und Süßigkeiten für den Abend kaufen.
Ja, der Bahnhof. Und eigentlich könnte Alena noch einmal beim Servicebereich vorbeischauen. Nur schauen. Mehr nicht. Die Lage checken, wie sie manchmal scherzhaft zu Herr V. sagte, wenn sie erstmal nur beobachten wollte.
Der Weg zum Bahnhof war nicht lang. Sie sagte den anderen, dass sie nicht mitkomme. Sie müsse etwas erledigen und dann stand sie aufeinmal allein in der Bahnhofshalle. Der Bahnhof war viel leerer. Nicht mehr so viele Menschen, wie am Mittag waren unterwegs. Und hinter den Tresen saßen nur eine Frau und ein Mann, ein anderer als am Mittag. Ein Fahrgast mit einem großen schwarzen Koffer und glatt gekämmtem Haar stand an seinem Tresen. Wenn Alena da nun reingehen würde, könnte sie nicht mehr so einfach wieder rausgehen. Dann gab’s kein Zurück mehr, denn alles war so menschenleer, dass jeder Alena bemerken würde.
Okay. Durchatmen und gehen. Genau, wie heute Mittag.
Gehen.
Und sie ging.
Das Herz schlug ihr wieder bis zum Hals. Aber diesmal versuchte sie es zu ignorieren. Adrenalin schoss durch ihren Körper und er fühlte sich irgendwie merkwürdig kühl an.
Alena ging durch die Glastür und den mit Bändern markierten Weg für eine lange Schlange entlang. Links, rechts, links, rechts – warum musste man die Markierungen so stehen lassen, wenn doch gar keine Menschen mehr hier waren? Daran, dass so ein langer Weg für jemanden, der gerade Todesängste durchstehen musste, sehr ungeeignet war, dachte niemand.
Endlich war sie bei der Frau. Es war eine blonde, freundlich aussehende etwas fülligere Frau.
„Hallo!“
„Hallo. Ich bräuchte eine Fahrplanauskunft.“
„Von wo nach wo denn?“, fragte die Frau.
„Von hier zur Berufsschule und wieder zurück.“
Sie tippte.
„Okay. Morgens hin und am Nachmittag zurück?“
„Genau.“
Der Drucker ratterte.
„Ich habe Ihnen ein paar Verbindungen ausgedruckt“, sie zeigte Alena den Zettel.
Alena schaute ihn an. Da stand als Endhaltestelle „Berufsschule“! Es stimmte!
„Danke“, sagte sie freundlich und lächelte.
„Tschüss.“
Ihr Herz schlug noch immer laut. Es war als wollte es nicht leiser werden. Aber diesmal wohl vor Stolz. Und vor Erleichterung. Aufeinmal fühlte es sich so an, als wäre sie schwerelos, wie eine Feder. Als hätte sie tausende von Kilogramm verloren. Und eigentlich hätte sie auch den ganzen Bahnhof umarmen können, würde er in ihre Arme passen.
Ich glaube, ich zerspringe, dachte sie. Das ist ja besser als alles, was ich jemals gefühlt habe.

Zurück auf der Station erzählte sie es sofort. Das musste man einfach erzählen. Darüber konnte man nun wirklich nicht schweigen. Außerdem strahlte Alena bis über beide Ohren, das konnte  auch niemand übersehen ohne zu fragen, was passiert war.
Frau Förster schaute sie skeptisch, aber erfreut an. Wahrscheinlich dachte sie, so etwas Verrücktes konnte Alena gar nicht gemacht haben. Sicherlich hatte sie bei der Teambesprechung schon von Alenas Ausflug am Mittag  mit Herr V. gehört und wie schwer es ihr gefallen war.
Aber konnte man machen. Sogar Alena.
Weil es einfach nicht ging, wenn man die falsche Auskunft hatte. Das war so, als hätte man etwas angefangen und konnte es nicht zu Ende bringen. Und das funktioniert doch einfach nicht! Der ganze Kampf am Mittag hätte nicht umsonst sein können!

Seiten: 1 2 3 ...4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14