Vor ein paar Tagen hab’ ich meine Mappe mit den Zeugnissen aus der Schule durchgeblättert, weil ich eine Kopie des Abschlusszeugnisses für die Zulassung zum Master-Studium brauchte. Und der Mutismus lässt sich eigentlich in der gesamten Mappe finden. In der Grundschule hieß es in Worten ausgedrückt “Sab sollte sich um eine aktive Teilnahme am Unterricht bemühen” und später eben in Zahlen. Sport war eigentlich am schlimmsten, weil man dort nichts durch schriftliche Noten ausgleichen und ich mich nicht bewegen konnte. Mag komisch klingen, aber bei vielen fremden Menschen bin ich steif und regungslos, was im Sportunterricht blöd war. Und in den anderen Fächern konnte ich eben die mündlichen Noten durch schriftliche ausgleichen, sodass ich im Mittel eine durchschnittliche Schülerin war. Aber jedes Mal, wenn ich diese blöden Zahlen anschaue, fällt mir wieder ein, wie man sich das Leben mit selektivem Mutismus verbauen kann. Anstelle der schriftlichen 1 in Mathe und Deutsch stehen dort 2en und 3en und am schlimmsten ist es in den Fächern, in denen es keine Klassenarbeiten gab. Oder nur eine und mündlich mehr zählte. Geschichte, Biologie, Chemie, Erdkunde und so weiter. Da gab’ es 4en und manchmal Mitleids-3en, weil ich mündliche Noten von 5 bis 6 hatte.
Im Nachhinein verstehe ich nicht, wieso die Lehrer nicht aktiv wurden und beobachteten und fragten. Niemand versaut sich doch sein Zeugnis mit Absicht, weil er im Unterricht nicht spricht. Sondern schweigt. Sogar manchmal wenn er aufgerufen wird.
Es macht mich wütend. Die ganzen blöden Zahlen machen mich wütend. Wissen und Können in blöden Zahlen ausgedrückt nach denen sich alle Welt richtet. Ich hatte wahnsinniges Glück, dass ich mit diesen elenden Zahlen studieren konnte (Losverfahren) und im Nachhinein bin ich gut. Zum ersten Mal bin ich richtig gut, weil es keine mündliche Noten gibt und die mündlichen Leistungsnachweise krieg’ ich alle irgendwie hin. Zahlen in der Schule sagen also überhaupt nichts aus. Überflüssig. Blödsinn. Und irgendwie unfair. Denn würden sie das tun, würde ich keinen Bachelor-Abschluss – vorraussichtlich in sehr gut – schaffen, da die Zahlen in der Schule schlecht waren.
Zeugniszahlen
Die mündliche Abschlussprüfung
„Wie geht es dir?“ fragte Herr V. lächelnd.
Alena grinste. Sie zuckte mit den Schultern. Wie ging es ihr?
Ja. Gut. Ich glaube gut, dachte sie.
„Wie war die Prüfung?“ fragte er neugierig, immer noch lächelnd, weil er merkte, dass die Prüfung offenbar gut verlaufen war. Jedenfalls schaute sie nicht unglücklich.
„Ging so“, antwortete Alena kurz.
Er schaute fragend „ging so“?
Und dann plapperte sie los und erzählte, was alles nicht so gut war. Erzählte, dass sie sich einmal total verrechnet hatte und es nicht merkte. Noch nicht einmal als ihr Mathelehrer sie danach fragte und sagte, sie solle es mal genau an die Tafel schreiben. Nichts. Sie merkte es nicht. Eigentlich war es nicht so schlimm. Eine Zwei hatte sie insgesamt bekommen. Aber es war ärgerlich, weil es ein dummer Fehler war und die Note ansonsten besser gewesen wäre. Und sie erzählte davon, wie ihr Mathelehrer am Schluss sagte, dass er sie noch nie so viel reden gehört hatte und dass es schade wäre, dass er es jetzt zum Schluss erst hörte. Ja ärgerlich. Hätte sie die ganze Zeit im Unterricht schon gesprochen, dann wäre die Note super gewesen. Und sie erzählte auch davon, wie sie nach der Prüfung mit einem Klassenkameraden den Nachmittag verbrachte, weil es nicht lohnte die 20 Kilometer mit dem Auto nach Hause zu fahren und dann später wieder hinzufahren, weil die schriftlichen Abschlussnoten bekannt gegeben wurden. Sie hatte sich mit ihm noch nie unterhalten und deshalb erzählte sie manchmal unsinnige Dinge. Nach ihrer Meinung jedenfalls. Und dann erzählte sie Herrn V. auch noch davon, wie ihre Klassenlehrerin freudestrahlend auf sie zu kam und ihr zur bestandenen Fachhochschulreife gratulierte und sagte, wie prima sie es fand. Weil Alena doch nicht sprechen konnte und gerade die mündliche Prüfung so gut gelaufen war, mit einer Zwei. Aber Alena war so gerührt und glücklich, sodass sie sich nicht vernünftig bedanken konnte und sich irgendwas in den Bart murmelte. Und das könnte unhöflich sein und deshalb ärgerte sie sich, weil sie nicht laut und deutlich sprach und auch gar nicht genau wusste, was sie sagen sollte.
Herr V. grinste. Er grinste einfach nur. Und Alena erzählte. Erzählte, was alles falsch war und wieso und was hätte anders sein müssen. Aber Herr V. grinste weiter. Und dann stockte sie und musste plötzlich auch lächeln. Bis über beide Ohren. Weil eigentlich gar nichts falsch war. Weil sie die mündliche Prüfung – das Horrording – mit selektiven Mutismus bestanden hatte und nun rein theoretisch – praktisch nicht – studieren konnte. Daran war überhaupt nichts falsch. Und dann lächelten sie zusammen.
Du bist verrückt!
Deutschunterricht. Frau K. unterrichtete heute.
Eigentlich war Frau K. für Timo, einen Mitschüler von Kevin da, der im Rollstuhl saß. Timo hatte eine leichte Lernschwäche und deshalb betreute ihn Frau K. einige Stunden in der Woche.
Frau K. arbeitete noch an einer anderen Schule, denn sie war eigentlich Lehrerin an einer Sonderschule. Aber heute übernahm sie als Krankheitsvertretung den Deutschunterricht.
Das Thema war Eduard Mörike. Eigentlich nahmen sie im Deutschunterricht gerade etwas anderes durch, aber Frau K. war der Meinung, dass es nicht schaden könnte etwas über bekannte deutsche Lyriker zu wissen.
Sie teilte verschiedene Arbeitsblätter aus. Einen Steckbrief und verschiedene Blätter mit seinen Werken, die vorgelesen werden sollten.
Wahrscheinlich war Eduard Mörike und vorlesen das einzige, was sie für heute vorbereitet hatte, dachte Kevin während eine Mitschülerin den Steckbrief laut vorlas.
Nach dem Steckbrief wurden “Er ist’s” und “Septembermorgen” vorgelesen und dann ein Auszug aus “Idylle vom Bodensee”.
Plötzlich sagte Frau K.: “Kevin, liest du bitte weiter!”
Nicht auch das noch, dachte Kevin.
Normalerweise hatte er Glück. Er wurde selten dran genommen. Vorallem von Frau F., die sonst Deutsch unterrichtete. Vielleicht, weil sie wusste, dass Kevin nicht sprach und ihn nicht quälen wollte. Aber Frau K. wusste es auch. Sie nahm ihn trotzdem dran. Vielleicht weil sie der Meinung war, dass man in der Schule sprechen muss. Muss man ja eigentlich auch, aber in diesen Momenten war es Kevin gleichgültig, was am Ende des Schuljahres mit den Noten passierte, wenn er mündlich nicht mitarbeitete.
“Kevin, du bist dran mit lesen”, sagte sie diesmal etwas energischer.
Kevin saß starr auf seinem Platz und schaute mit gesenktem Kopf auf das Blatt mit den vielen Buchstaben. Sein Mund war geschlossen. Nur sein Brustkorb hebte und senkte sich leicht, wenn er ein und ausatmete.
Irgendwann, dann gaben die Lehrer auf. Weil sie konnten ja nicht ewig warten, bis Kevin endlich sprach. Und eigentlich war es auch Zeitverschwendung gewesen, denn wenn Kevin am Anfang nicht sprach, dann sprach er auch nicht, wenn gewartet wurde. Denn dann war es nur viel schwieriger aus dem Schweigen auszubrechen.
“Kevin, wir warten!”, sagte sie wieder und schien sichtlich verärgert und verständislos, warum er denn nicht vorlesen konnte.
Kevin wusste nicht, warum es diesmal nicht funktionierte. Eigentlich konnte er vorlesen. Jedenfalls war vorlesen viel leichter als frei sprechen, weil jedes Wort schon vorgeschrieben dort auf dem Blatt Papier stand. Aber irgendwie funktionierte es diesmal nicht. Vielleicht weil die Worte bei diesem Text so komisch waren? So altmodisch und Worte, bei denen man sich schnell verlesen konnte. Er wusste es nicht…
Und mittlerweile war so viel Zeit verstrichen, in der er schon schwieg, sodass das Sprechen nun ganz automatisch nicht mehr funktionierte.
“Kevin?!”
Stille und noch nicht mal ein Zucken.
“Du bist verrückt! Ich verstehe nicht, wie man sich nur so weigern kann vorzulesen. So ruinierst du dir doch nur deine mündlichen Noten!”, sagte Frau K. plötzlich verärgert.
“Versteht ihr das?”, fragte sie an die Klasse gerichtet ohne eine Antwort zu erwarten.
“Ich habe Sonderpädagogik studiert, aber sowas habe ich noch nie erlebt. Das gibt’s nicht…”
“Annika, liest du bitte weiter”, sagte sie nach einer Weile und Annika begann zu lesen.
Noch immer schaute Kevin auf den Text und rührte sich nicht. Er presste die Lippen fest aufeinander. Seine Gedanken waren voller Wut.
Wie konnte diese blöde Kuh so etwas sagen?
Verrückt.
Sonderpädagogik studiert. Wo denn?
Den Abschluss im Lotto gewonnen?
Wenn sie doch Sonderpädagodik studiert hatte, hätte sie doch von selektiven Mutismus wissen können! Oder sie hätte sich zumindest für verhaltensauffällige Schüler interessieren und recherchieren können, woran das liegt.
Psychologie nennt man das. Man sagt Schülern nicht, dass sie verrückt sind!
Sonderpädagogik… du mich auch!
Hätte ich keinen Mutismus, dann… ja dann…, dachte Kevin und versuchte sich zu beruhigen.
Verrückt. Ja verrückt, weil man nicht sprechen kann. Weil jeder doch sprechen kann.
Die Matheklausur
Säuberlich versuchte der Mathelehrer eine Tabelle mit geraden Linien an die Tafel zu zeichnen, in die er die Noten kritzelte. Der Notenspiegel. Er begann bei der schlechtesten Note. Es gab zwei Fünfen, Vierer und Dreier gab es am meisten, eine Zwei und eine Eins. Ein Raunen ging durch die Klasse, als der Mathelehrer die Kreide zurück in den Kreidekasten an der Tafel legte.
Er begann mit dem Austeilen der korrigierten Klausuren und lief dabei kreuz und quer durch die Klasse. Je mehr verteilt wurden, desto lauter wurden die Schüler.
Kevin konnte Schimpfen und Kommentare zu den einzelnen Aufgaben aus dem Stimmengwirr wahrnehmen. Einige schienen erleichtert, andere enttäuscht zu sein.
Dann kam der Mathelehrer zu ihm, legte die Klausur auf den Tisch und sagte mit einem Grinsen: „Sehr gut. Nur Sie müssen an Ihrer mündlichen Mitarbeit arbeiten“ und ging zum nächsten Tisch.
Kevin schaute auf das Aufgabenblatt. Rechts oben in der Ecke stand die Note. Eine Eins. Eine schöne, glatte, mit rotem Stift geschriebene Eins sprang ihm entgegen. Es war die einzige Eins.
„Nicht schon wieder“, dachte er und setzte ein kurzes, schiefes Lächeln auf.
Klar war eine Eins gut. Und Kevin konnte auch stolz auf seine Leistung sein, doch richtig zufrieden war er damit nicht.
„Bringt mir sowieso nichts“, dachte er und stopfte die Klausur ohne sie genauer anzuschauen in seinen Block.
Das mit der mündlichen Mitarbeit, das geht eben einfach nicht. Es geht nicht. Alles ist an Kevin festgefroren. Die Hand, die man zum Melden braucht, lässt sich nicht in die Höhe strecken und die Lippen sind auch zusammen gefroren. Sogar die Stimmbänder in der Kehle sind es. Deswegen geht das nicht.
„Und was bringt schon eine Eins, wenn man mündlich eine Sechs hat“, überlegte Kevin. Gar nichts. Also sind Einsen überflüssig. Sie enttäuschen nur noch viel mehr, weil man daran erinnert wird, dass man niemals eine Eins auf dem Zeugnis haben kann. „Also will ich gar keine haben“, schwirrte in seinem Kopf umher. „Das zeigt mir nur immer wieder welch’ ein Versager ich bin.“
Nachdem der Mathelehrer alle Noten verteilt hatte, wurden die Aufgaben der Klausur besprochen.
„Hoffentlich ist die Stunde bald vorbei!“, dachte Kevin und versank weiter in Gedanken.
Das Referat
„Die Arteria femoralis – das ist die Oberschenkelarterie – ist für die Blutversorgung des Beins zuständig. Von ihr aus geht die Arteria profunda femoris ab, die die Muskulatur des Oberschenkels versorgt“, erklärte eine ihrer Mitschülerinnen der Klasse.
„Gleich. Gleich bin ich dran“, schwirrte Alena im Kopf herum. Ihr Herz begann nun mit jedem weiteren Wort der Klassenkameradin noch schneller zu pochen, als es das sowieso schon tat. Und eigentlich hatte ihr Herz zu Beginn der Unterrichtsstunde, vor einer halben Stunde, schon so schnell geschlagen, sodass man glaubte noch schneller kann das gar nicht gehen. Und heute morgen auch. Da war sie so aufgeregt und konnte um vier Uhr schon nicht mehr schlafen und auch keinen einzigen Bissen essen. Auf dem Weg zur Schule schmerzten ihre Fingerknochen so sehr, sodass sie die Finger am liebsten abgenommen und beiseite gelegt hätte. Das war immer so, wenn sie Angst hatte. Und das erste Mal übel wurde ihr schon, als die Lehrerin vor drei Wochen die Referate ankündigte und die Themen verteilte. Aber gut. So war es eben.
Ahh, nein. Sie ging. Sie ging. Sie war fertig mit ihrem Referat. Nun pochte das Blut sogar in Alenas Kopf. Sie konnte es an den Schläfen ganz deutlich spüren. “Alena, nun sind Sie mit dem Unterschenkel an der Reihe”, sagte die Lehrerin, nachdem sie auf ihre Liste schaute und den Oberschenkel abhakte.
Du musst jetzt die Zettel nehmen. Deinen Text und deine Karteikarten mit den Stichpunkten. Und das Bild von Schien- und Wadenbein.
All das hatte sie zuvor schon ordentlich auf ihren Tisch gelegt.
Nehmen. Nimm’ es! Beweg’ die Hand und nimm’ die verdammten Zettel.
Und dann musst du dich bewegen. Du musst mit dem Stuhl zurück rücken und aufstehen.
Alles ganz einfach, ist das.
Los, nun mach’ das endlich. Los, verdammt.
“Alena?”, ertönte die Stimme der Lehrerin und durchbrach die Stille. “Möchten Sie vortragen?”
Ja. Nein, eigentlich nicht. Wenn ich eine Wahl hätte. Aber hab’ ich nicht. Also ja, ja verdammt.
Steh’ doch verdammt nochmal endlich auf!
Die anderen, die gucken schon. Und denken bestimmt, ich spinn’. Gut, denken sie sowieso schon, aber nein, nicht jetzt schon wieder.
Nimm’ die Zettel und steh’ nun auf.
“Alena?”, sagte die Lehrerin wieder. “Ich habe nach dieser Stunde einen wichtigen Termin und kann nicht länger warten. Wollen Sie vortragen?”.
Festgefroren.
Stille. Und in mir ein tobender Kampf um alles. Um Leben und Tod.
“Okay. Dann ist es Hausaufgabe den Aufbau des Unterschenkels herauszuarbeiten.”
Schimpfen und das Packen der Taschen erfüllten den Klassenraum mit Geräuschen. Auch Alena packte ihre Sachen zusammen.
Schnell diese scheiß Zettel weg! Die will ich nicht mehr sehen!
Sie zog ihre schwarze Jacke an, nahm die Tasche und verließ das Klassenzimmer. Schwarz, ja, alles war schwarz.
Schnell stolperte sie die Treppe hinunter um raus, raus an die Luft zu gelangen. Die versteckten Tränen, die sich unbedingt aus den Augen quetschen wollten, brannten wie Feuer. Draußen sprang ihr die warme Frühlingsluft entgegen und das hartnäckige Gezwitscher der Vögel begleitete sie. Sie und ihre Tränen.
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