Mein Weg
Montag, 22. März 2010[...]
Ich laufe oft zurück
und rückwärts wieder voran,
komme trotzdem vorwärts,
auch wenn ich nicht wie andre kann.
(03. Juli 2005)
[...]
Ich laufe oft zurück
und rückwärts wieder voran,
komme trotzdem vorwärts,
auch wenn ich nicht wie andre kann.
(03. Juli 2005)
Einige Monate, nachdem Alena die Therapie begann, hatte Herr V. das Wort selektiven Mutismus gesagt. Es war eigentlich gar kein Gespräch über die Diagnose, sondern er erwähnte das Wort nur im Zusammenhang mit ihrem Schweigen. Und eigentlich hatten sie auch später nie über die Diagnose gesprochen. Herr V. erklärte nie, was Mutismus war und Alena fragte auch nicht nach.
Das musste sie nicht.
Nach dieser Woche fuhr Alena am Wochenende nach Hause. Das war auf dieser Station so, dass man das Wochenende zu Hause verbrachte. Und dort durchforstete sie dann das Internet nach dem Wort Mutismus. Sie las alles, was es zu lesen gab. Sogar ein Forum gab es, wo Betroffene von ihrem Mutismus schrieben. Und bei jedem Satz dachte sie, ja, das bin ich. Alles passte genau. Jedes Wort.
Mutismus heißt das also. Mu – tis – mus. Komisches Wort.
An diesem Wochenende hatte Alena das erste Mal das Gefühl irgendwie „normal“ zu sein. Es gab einen Namen für das, was sie jahrelang schon tat, nämlich nicht sprechen können, obwohl sie es eigentlich doch konnte. Zum ersten Mal fühlte sie sich ein bisschen weniger verrückt.
Sie hatte sich die Probleme also nicht einfach nur ausgedacht und stellte sich nicht nur besonders schlimm an. Da gab’s wirklich eine Krankheit, bei der man nicht sprechen kann, obwohl man eine Stimme hat. Alena hatte also ein echtes Problem mit Namen und sogar einem ICD-10 Schlüssel (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems). Das war eine echte, richtige Krankheit.
Unzählige Steine plumpsten Alena von der Brust. Vielleicht war sie nun ein bisschen gerettet. Mit einer Diagnose. Einem Namen. Mit selektiven Mutisms.
Irgendwie ist das beim Mutismus so, als wäre man zwei Menschen in einem. Da gibt es nämlich den ganz normalen, der spricht und lacht und schreit und schimpft. Und den komischen, der’s nicht tut.
Sobald man inmitten vieler Menschen ist, ist das so, als würde man einen Schalter umlegen – klack – und aus dem normalen wird ein komischer Mensch. Ganz automatisch und man kann es nicht wieder zurück schalten. Und der komische Mensch, der kann gar nichts. Er ist stocksteif, steht in Ecken, weiß nicht wohin mit sich und was er sagen soll, schon gar nicht. Wenn er etwas gefragt wird, spricht er viel zu leise, wenn er’s denn überhaupt tut und er ist gar nichts. Keine Persönlichkeit, kein Mensch. Überhaupt nichts ist er und leer auch. Es ist so, als wäre er gar nicht da, dieser komische Mensch.
Aber der normale Mensch, der kann alles, in seiner vertrauten Welt. Dann hat er eine Persönlichkeit und einen Charakter. Er hat Humor und weiß, was er mag und was nicht. Der normale Mensch kann Geschichten erzählen und diskutieren. Er kann laut sein. Und wenn jemand, der den komischen Mensch kennt, den normalen sieht, dann müsste er sich die Augen reiben und denken, er wäre im falschen Film. Oder er müsste fragen, wer ist der normale Mensch nochmal? Der komische? Nee, nie im Leben ist das der komische! Aber doch ist er. Weil er zwei in einem ist.
Die Bedürfnispyramide von Maslow ist ein Modell um die Motivation von Menschen zu beschreiben. Die Bedürfnisse sind hierbei die einzelnen Stufen der Pyramide und bauen aufeinander auf. Erst wenn die Bedürfnisse der unteren Stufe gestillt sind, strebt der Mensch nach einer höheren Bedürfnisstufe.
Zur ersten Stufe der körperlichen Existenzbedürfnisse zählen essen, schlafen, atmen, Wärme, Gesundheit, Wohnraum und Bewegung.
Zur Stufe der Sicherheitsbedürfnisse zählen ein festes Einkommen, eine Absicherung Schutz vor Gefahren und ein Dach über dem Kopf.
Die Stufe der sozialen Beziehungen umfassen Familie, Freundeskreis, Partner, Liebe und Kommunikation.
Soziale Wertschätzung meint Anerkennung, Geld, ein höherer Status, Respekt, Wohlstand, Erfolge und körperliche sowie psychische Stärke.
Die letzte Stufe der Pyramide, die Selbstverwirklichung beinhaltet Individualität, Unabhängigkeit, Selbstverbesserung und Entfaltung.
Interessant finde ich, dass man – vor allem bei psychischen Krankheiten – förmlich zusehen kann, wie man die Pyramide herauf oder herunter geht. Das ist jedenfalls bei mir und dem Mutismus so.
Erst würde man gern im Supermarkt Essen und Trinken kaufen können. Die Verkäufer begrüßen, bezahlen und Fragen stellen, wenn man welche hat. Dann strebt man vielleicht einen Job und eine eigene Wohnung an und danach Freunde und soziale Kontakte. Und eigentlich könnte man dann zufrieden sein, vor allem als Mutist.
Aber ich bin’s nicht. Weil man einen guten Job möchte, der einem Spaß macht. Oder man mehr Geld verdienen möchte und nicht nur das “Überleben” im Vordergrund steht, sondern auch Interessen, neue Ziele, mehr Freunde und so weiter.
Ich möchte zum Beispiel nun mein Studium beenden. Und danach am liebsten einige Zeit im Ausland wohnen. Dabei wollte ich noch vor drei Jahren eigentlich nur Essen im Supermarkt kaufen können, damit man nicht verhungert. Und das überhaupt erstmal auf Deutsch.
Verrückte Sache, die Psyche des Menschen.
Wenn es das Jahr anders machen könnte, würde ich ein Weltmeister im Sprechen sein wollen. Dann würde ich in einem Callcenter arbeiten und so viel telefonieren, bis ich heiser werden würde. Wenn es die Zeit zurück drehen und man Tote so lebendig machen könnte, dann würde ich mich im Fernsehen zum Affen machen. In einer Casting- oder Spielshow auftreten, tanzen, singen und Witze machen. Wenn ich ein Gesetz aufstellen könnte, dass nur alte Menschen sterben dürfen, dann würde ich als Politiker seitenlange Reden vor Millionen Menschen halten. Ich würde alles tun, was ich nicht kann, wenn er doch nur wieder lebendig werden würde…
Dieses Jahr war ein ordentliches Scheißjahr. Und mehr fällt mir dazu eigentlich nicht ein. Sicher gab es auch schöne Dinge. Es gab schöne Stunden, nette neue Menschen, gute Filme, berührende Musik, verschlingbare Bücher, tolle Ausflüge, gemütliche Abende und ganz viele andere Dinge – eigentlich alles – die ich mir früher immer gewünscht habe. Aber, dass ich in diesem Jahresrückblick irgendetwas Wunderbares schreiben kann, ist nicht.
Da war der Anfang. Dieser Berg beim Studium, den man dann doch irgendwie geschafft hat und dann waren da die Ferien, die man eigentlich nur zur persönlichen Wiederherstellung genutzt hat bis da wieder ein neuer Studiumsberg im März war.
Und dann ist im Juni etwas passiert, was einen völlig aus der Bahn wirft. Was das gesamte Leben komplett durcheinander bringt und man die ganze Zeit alles durch einen Schleier sieht und jeden Moment hofft, man wacht endlich aus diesem Albtraum auf. Weil es einfach nicht wahr sein kann, dass ein riesiges Standbein (der Weltbeste) urplötzlich nicht mehr da sein soll. Man hat ihn doch zwei Tage vorher noch gesehen und beim Tschüssagen bis in zwei Wochen gesagt. Und außerdem sterben Menschen doch erst wenn sie alt sind und man sich verabschiedet hat.
Dann waren da im Juli die Prüfungen, die man noch alle gut gemacht hat, weil es ja schließlich irgendwie weitergehen muss und dann war da der Absturz. Dann auf einmal, mit einem Schlag, weiß man nicht mehr wie man atmen, schlafen, essen soll. Dann schlägt das Herz wie verrückt und der Puls ist so schnell, als wäre man einen Marathon gelaufen, dabei sitzt man eigentlich den ganzen Tag. Die Hände zittern und innen drin ist es so, als würde alles schreien. Man hat das Gefühl nicht mehr weggehen zu können, ohne einen Fluchtweg zu haben. Ein Fenster, eine Tür. Einkaufen im Supermarkt und Autofahren wird zu Qual, weil man ganz plötzlich die Panik bekommt, man müsse sofort raus hier. Und zwar wirklich sofort. Und eigentlich weiß man auch gar nicht warum das alles so ist. Aber man weiß, den Körper kann man nicht austricksen.
Und dann braucht man erst wieder ungeheuere Kraft sich wieder herzustellen. Weil man doch gern ohne Übelkeit und Panik in den Supermarkt gehen und Essen kaufen möchte. Im August weiß man dann, wie sich das mit den Trauerphasen anfühlt und wünscht sich, man würde es nicht wissen. Dann beginnt man stumme Briefe an den Weltbesten zu schreiben und hat das Gefühl sich bald tot daran zu tippen. Im September ist man froh in den Urlaub fahren zu können. Da kann man wieder ein bisschen mehr atmen, ein bisschen besser essen und schlafen. Im Oktober versucht man wieder zurück zu kommen. Nimmt vom Studium eine Auszeit und sucht sich wieder ein bisschen Alltag. Irgendwann kann man dann das Haus wieder ohne eine Notfallwasserflasche verlassen und ohne Fluchtwege Gebäude betreten. Im November und Dezember sucht man sich einen Job und macht im Endeffekt das Verrückteste, was man als Mutist je gemacht hat. Und während man da so steht, stellt man sich den Weltbesten vor, wie er durch sein Himmelfenster auf einen herab schaut und den Mund vor Staunen nicht mehr schließen kann. Und dann ist das Jahr zu Ende und eigentlich war es ein richtiges Scheißjahr…
Ich danke allen Menschen, die in diesem Scheißjahr für mich da waren. Besonders – ach du weißt schon wem – für das Dasein, das Ohr, die vielen Taschentücher und die Wärme. Ich danke den Menschen, denen es ähnlich geht, weil sie jemanden verloren haben, für den Austausch und die E-Mails, denn dann ist man weniger allein. Und für die lieben, aufmunternden und tröstenden Worte. Ich danke allen, die dieses Jahr da waren und nicht weggegangen sind. Danke auch an meine Kommilitoninnen, die mich, ohne es zu wissen, zum Lachen gebracht haben und ein kleiner Grund waren, irgendwo hinzugehen.
Und ich danke wem auch immer, dass es den Weltbesten in meinem Leben gab…
Ich wünsche euch einen guten und netten Jahreswechsel und dass ihr ihn so verbringen könnt, wie ihr es euch wünscht. Und wenn nicht, dann wünsche ich euch die Kraft weiter zu hoffen, dass es irgendwann einmal so sein wird, weil – wie schon gesagt – immer alles irgendwann mal anders wird.
Auch wünsche ich euch ein gutes, glückliches, gesundes neues Jahr. Nein, irgendwie klingt das blöd. Denn das gibt’s gar nicht. Ein ganzes Jahr kann eigentlich nie nur gut sein.
Ich wünsche euch besser die Kraft die unguten Dinge eines Jahres gut zu überstehen und den Mut für Veränderungen, sofern man etwas verändern möchte.
Eigentlich ist das nur ein Zettel. Ein Zettel, den ich mal von meinem Therapeuten zu Weihnachten bekommen habe.
2004 war ich in der Klinik und es war kurz vor Weihnachten. Er begegnete mir auf dem Flur und erzählte, dass er vor einigen Tagen ein chinesisches Sprichwort gelesen hatte und dabei an mich denken musste, weil er fand, dass es zu mir passte. Er sagte es auf und fragte, ob er es mir aufschreiben solle. Ich nickte. Er ging zurück in das Dienstzimmer und kam mit diesem Zettel zurück. Fröhliche Weihnachten, sagte er.
Seitdem habe ich diesen Zettel. Ich habe ihn aufgehangen. Erst in meinem Zimmer und nun in meiner Wohnung. Fünf Jahre ist das her. Und heute ist es eines – das mag verrückt klingen - der wertvollsten Dinge, die ich habe. Ein Stück Papier zu Weihnachten. Zum einen ist es eine Erinnerung an ihn, an meinen verstorbenen Therapeuten. Etwas, das ich noch habe. Und zum anderen ist es irgendwie absurd. Da hing der Zettel jahrelang irgendwo und eigentlich habe ich ihn auch selten angeschaut und nun… ja nun, kann ich wirklich sagen, dass Mauern zu Windmühlen umgebaut werden können. Als wäre er all die Jahre mein Kampfspruch gewesen.
Und das wird mir gerade zu dieser Zeit des Jahres immer wieder bewusst, weil ich Weihnachten gehasst habe. Weil ich nirgendwo hingehen konnte und allein war. Weil Weihnachten immer unspektakulär und einsam war. Eigentlich wie jeder andere Tag nur mit viel Melancholie. Ich war immer froh, wenn Weihnachten vorbei war. Und Silvester sowieso. Weil allein feiern eben einfach nicht lustig ist. Dann starrt man nur die Uhr an und fragt sich, ob das nächste Jahr genauso beschissen wird, wie das letzte auch.
Dieses Jahr ist Weihnachten, wie ein richtiges Weihnachten. Mit vielen Menschen und sogar mit zwei Familien. Erst nachmittags da, dann abends dort. Am nächsten Tag mittags da und nachmittags dort. Und danach wieder hier. Und Silvester auch. Da bin ich auch irgendwo. Irgendwo, nur nicht mehr allein, weil Mauern eben zu Windmühlen umgebaut werden können.
In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein frohes und ruhiges Weihnachtsfest. Ich wünsche denjenigen, die noch keine Windmühle aus ihrer Mauer gemacht haben die Kraft weiter durchzuhalten, damit auch ihr Weihnachten einmal schön werden kann. Weil alles irgendwann immer einmal anders wird. Das ist einfach so.
Und ich wünsche denjenigen, die Weihnachten gar nicht mögen, vielleicht wegen des Streitens, fehlender Harmonie, Stresses oder der Einsamkeit, trotzdem – und wenn’s nur ein kleines bisschen ist – Wärme und Weihnachten im Herz.
Ganz besonders gehen meine Gedanken dieses Jahr an die Menschen, die jemanden verloren haben und Weihnachten deswegen kein Weihnachten mehr ist. An seine Familie, die ohne Ehemann, Vater, Bruder und Sohn diesen Tag unter dem Weihnachtsbaum überstehen muss. Ich werde eine Kerze anzünden, für sie, und schenke ihnen viel Kraft.
Habt eine besinnliche Weihnacht.
1. Kannst du, wenn du allein bist, ein Lied summen oder singen?
Ja, das ist kein Problem. Das macht mir manchmal sogar Spaß, wie zum Beispiel nachts allein beim Autofahren. Und dann würde ich gern richtig singen und Gitarre spielen können. Bis vor kurzem hätte ich nun auch noch geantwortet, dass ich unter Menschen absolut nicht singen kann. Allerdings habe ich es vor einiger Zeit erst getan und habe daher nun keine genaue Antwort mehr. Ich würde mal sagen, es ist abhängig von den Menschen. Von der Anzahl, von der Lautstärke der Musik, davon wie laut man meine Stimme hören kann und und und. Völlig allein und mit leiser Musik und Zuhörern kann ich allerdings (noch) nicht singen.
Damals fiel es mir unwahrscheinlich schwer mit anderen zu singen, wie zum Beispiel in der Schule im Musikunterricht, im Gottesdienst und Konfirmandenunterricht oder unter Freunden aus Spaß. Oft habe ich dann einfach nur die Lippen bewegt, damit es so aussah, als ob ich singe.
2. Was empfindest du, wenn du anderen bei einem Gespräch zuhörst?
Hm, unterschiedlich. Manchmal eigentlich gar nichts. Dann ist es völlig okay, wenn sich andere um mich herum unterhalten und ich nichts oder nur sehr wenig sage. Und manchmal fühle ich mich ziemlich gestresst, weil ich versuche mich irgendwie bemerkbar zu machen und mit zu reden. Dann bin ich irgendwie immer angespannt und auf der Hut jeden Moment etwas sagen zu müssen. Das ist meistens der Fall, wenn es um neue Menschen geht, die mich noch nicht kennen, damit ich einen guten Eindruck hinterlassen kann. Oder besser gesagt einen nicht all zu stillen Eindruck. Und manchmal fühle ich mich schrecklich. Dann bin ich tierisch neidisch und es ist an allen Ecken und Enden schwer. Das ist meistens so, wenn es um irgendetwas geht, was ich auch gern machen möchte, aber durch den Mutismus nicht kann. Das können ganz verschiedene Dinge sein, zum Beispiel etwas spielen, eine Geschichte erzählen und so weiter. Dann muss ich nicht nur mit den komischen Blicken der anderen klarkommen, warum ich das denn nun nicht mache, sondern auch mit mir selbst. Es ist dann unheimlich schwierig mir nicht selbst ständig Ohrfeigen geben zu wollen und mich dabei auch noch irgendwie zu mögen oder den Mutismus als Problem zu akzeptieren. Dann bin ich in solchen Situationen meistens mit mir selbst beschäftigt, weil ich mich irgendwie wieder beruhigen muss, damit ich nicht losheule und wegrenne.
1. Kommt es vor, dass du mit vertrauten Personen z.B. Vater, Mutter, Partner etc. auch nicht sprechen kannst?
Nein, eigentlich kommt das nicht vor. Es sei, denn es ist ein schwieriges Thema und es wäre für jeden anderen Menschen auch etwas schwer oder unangenehm. Aber dann rede ich eher „drumherum“, wechsele das Thema oder versuche es und verstumme nicht komplett, wie es beim Mutismus sonst der Fall wäre. Daher kann ich also sagen, dass ich mit vertrauten Menschen immer sprechen kann und es mir bisher noch nie passiert ist, dass ich wirklich verstummte. Aber das ist ja auch ein sehr wichtiges Merkmal, was bei vielen den selektiven Mutismus kennzeichnet: das Schweigen gegenüber fremden Personen.
2. Kannst du problemlos mit einem Kopfnicken oder einem Kopfschütteln antworten, wenn dir jemand eine Ja-Nein-Frage stellt?
Ja, das kann ich problemlos. So fingen sogar die ersten Kommunikationsversuche in meiner Therapie an. Mein Therapeut hat die Fragen dann, wenn er eine Antwort haben wollte, oft so gestellt, dass ich mit dem Kopf nicken oder schütteln konnte. Allerdings nur bei, in dem Moment, wirklich wichtigen Fragen, denn eigentlich sollte ich ja schon reden. Später als ich dann einige Worte sprach, vereinbarten wir, dass ich wenigstens als ersten Schritt immer ja und nein sagte.
Als ich zu Beginn über mögliche Blogthemen nachgedacht habe, kam mir der Gedanke, Fragen von Lesern zu beantworten. Daran hab’ ich gedacht, weil es sicherlich interessant sein kann, wie das mit dem Mutismus bei mir genau aussieht. Und zum anderen weil ich als Betroffener nicht völlig unwissend an das Thema herangehen kann und darum vielleicht vergesse über wichtige und interessante Themen zu schreiben. Allerdings hatte ich die Gedanken wieder in den Hintergrund gestellt, da ich dazu erst einmal einige Leser brauche, die überhaupt Fragen stellen.
Da ich aber vor einigen Tagen von einem/r Leser/in in einem Kommentar einige Fragen gestellt bekam, würde ich diese gerne nutzen, um die Rubrik „Fragen“ zu eröffnen. Somit kann mir also jeder, der Fragen zum Leben mit dem Mutismus hat, diese gern per E-Mail (sab[at]mutismusblog.de) stellen und ich werde versuchen so gut, wie es hier öffentlich geht, sie zu beantworten.
1. Kannst du sozusagen innerlich sprechen?
Ich male mir im Kopf Situationen aus, wie ich mit bestimmten Menschen ein Gespräch führe, mit denen ich normalerweise nicht reden kann. Früher habe ich das sehr oft getan, heute nicht mehr. Da habe ich dann sozusagen innerlich ein Gespräch in meinem Kopf mit Fragen, Antworten und Gedanken, so als würde ein richtiges Gespräch stattfinden. Das kann ich allerdings nur, wenn ich entspannt und nicht gerade Anwesende eines Gesprächs bin. Sprich wenn sich Leute um mich herum unterhalten und ich am Gespräch teilnehmen könnte. Denn dann bin ich in solchen Situationen völlig angespannt und mein Kopf ist wortleer. Man kann sich das so, wie ein Blackout vorstellen. Durch diese Anspannung, die ganz automatisch kommt, fallen mir einfach keine Worte ein, die ich sagen könnte. Darum kann ich bei Gesprächen nicht mitreden, selbst wenn es nur innerlich und mit Worten in meinem Kopf ist.
2. Kannst du eigentlich, wenn kein Mensch in der Nähe ist, Selbstgespräche führen oder mit Tieren reden?
Ja, das kann ich. Ich habe keine Probleme Selbstgespräche zu führen oder mit Tieren zu sprechen. Abgesehen von dem komischen Gefühl, was vielleicht jeder kennt, wenn man Selbstgespräche führt, weil es einfach komisch sein kann. Mit Tieren kann ich sogar auch sprechen, wenn wirklich sehr vertraute Menschen dabei sind. Nur bei fremden Menschen schaut es da etwas anders aus. Zu dieser Frage, fällt mir ein gutes passendes Beispiel ein. Ich passte mal auf ein Baby auf, während die Mutter reiten war. In der Reithalle, eine fremde Umgebung mit fremden Menschen, konnte ich nicht mit dem Baby reden. Es hätte ja nicht antworten können und das glich irgendwie den Selbstgesprächen. Darum bin ich meistens spazieren gegangen, denn da war ich völlig allein und konnte auch problemlos mit dem Baby sprechen.