Der Vater, der auf der Mutismus-Tagung 2011 die Geschichte seiner Tochter vorstellte, hatte viele Fotos von ihr in die Präsentation mit eingebaut. “Mutistische Fotos” und nichtmutistische. Deswegen bin ich auf die Idee gekommen Kinderfotos von mir zu druchstöbern nach Fotos, auf denen ich “mutistisch aussehe”. Sprich starr, nicht sprechend, die Lippen geschlossen, keinen Ausdruck und irgendwie verkrampft. Leider gibt es davon nicht sehr viele, weil die meisten Kinderfotos zu Hause und durch meine Eltern entstanden sind, wo ich ganz normal gesprochen habe. Eins hab’ ich aber gefunden. Ich kann mich sogar daran erinnern, dass dort ein Kind im Kindergarten Geburtstag hatte und es Wackelpudding in Form von Marienkäfern gab und alle Kinder an einem langen Tisch saßen…
Leserfragen zum Leben mit Mutismus
1. Kannst du dich noch an deine KiGa Zeit erinnern? Zu mindestens an das letzte Jahr? Falls du nicht im KiGa warst, kannst du dich an die Zeit zwischen 5 und 6 Jahren erinnern? Oder hat das bei dir erst im Teenageralter angefangen?
Nein, den Mutismus hatte ich schon immer. Oder besser gesagt seitdem ich denken kann. Aber damals war das für mich eher weniger ein Problem, weswegen ich mich auch nur teilweise daran erinnern kann. Im Kindergarten kann ich mich daran erinnern, dass ich meistens nur gemalt und allein gespielt habe. Allerdings hatte ich auch vier ziemlich gute Freunde mit denen ich gespielt habe und die mich auch zu Hause besuchten. Ich kann mich daran erinnern, dass ich oft mitbekommen haben, dass die Erzieher meiner Mutter sagten, dass ich sehr still sei und gar nicht bis kaum mit ihnen sprach. Aber erinnern kann ich mich daran eigentlich nicht.
Als ich eingeschult wurde kann ich mich daran erinnern, dass ich gemerkt habe, dass ich mich im Unterricht nicht melden konnte und wie schwer das Reden war, wenn ich aufgerufen wurde. Aber mehr nicht. Wie gesagt bekam ich die Rückmeldung der Lehrer und Erzieher an meine Eltern mit, hab’ mich darüber aber eigentlich keine Gedanken gemacht oder empfand es nicht so. Schlimmer wurde es erst später.
2. Was war für Dich das Schlüsselerlebnis, dass Du aus dem Mutismus ausgebrochen bist?
Eigentlich gab es kein konkretes Schlüsselerlebnis, denn es war/ist vielmehr ein Prozess mit Fortschritten, vielen vielen Rückschritten und den Gedanken einfach aufzugeben.
Ziemlich schlimm für mich war aber, als ich in einen Junger verliebt war und ich kein Wort mit ihm reden konnte und er immer wieder versuchte mit mir zu reden. Schlimm war lange Zeit auch, dass die meisten Menschen dachten, dass ich sie nicht leiden kann, obwohl es meistens nie so war. Und der Ärger darüber, dass ich mir durch die schlechten mündlichen Leistungen in jedem Schuljahr das Zeugnis sozusagen versaute.
Aber das waren eher alles Gründe, weswegen ich irgendwann an ziemlich starken Depressionen litt und nicht mehr leben wollte. Also keine Schlüsselerlebnisse.
Video von einer Betroffenen
Bei youtube hat eine Betroffene aus den USA ein selbstgemachtes Video hochgeladen, was ihre Geschichte mit dem selektiven Mutismus erzählt. Ich finde die Videos ziemlich berührend und wollte es daher hier zeigen.
Es geht um ihren Lebensweg, ihre Träume, Wünsche und Ziele irgendwann einmal Lehrerin zu werden, obwohl ihr das Sprechen so schwer fällt. Am Anfang hört man eine Computerstimme, wie sie von der Kindheit und Schulzeit erzählt. Und am Ende hört man sogar ihre eigene Stimme, da sie etwas vorliest. Das finde ich wirklich ziemlich mutig und stark. Mir persönlich fällt es (noch?) ziemlich schwer meine Stimme aufzunehmen und dann jemandem zu zeigen oder in das Internet zu stellen. Das grenzt eher an Unmöglichkeit, als an tatsächlich umsetzbar…
Das Video ist zwar auf Englisch, aber ich hoffe, dass man es dennoch ein bisschen verstehen kann.
Teil 1:
Teil 2:

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