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Aufgeben I

Momentan fehlt mir ein bisschen die Motivation. Ein bisschen viel vielleicht sogar. Und eigentlich liegt es an der Bachelorarbeit. Weil so ein Ding ein Arschloch sein kann, was vielleicht jeder weiß, der eine geschrieben hat. Das ist eigentlich kein richtiges Mutismusthema, sondern normal. (Wobei mir eigentlich egal ist, was normal ist und was nicht.) Aber der Mutismus nimmt ein bisschen die Motivation. Denn es wäre leichter, wenn ich wüsste, dass es mir etwas bringt. Die Bachelorarbeit. Ein beendetes Studium. Aber das weiß ich nicht. Ich kann mich nicht verkaufen. Bin nicht selbstbewusst und auch nicht von mir überzeugt. Und eigentlich studiere ich nur, weil ich als schweigender Mensch keine Ausbildung bekommen habe. Und ich befürchte nach dem Studium nichts anderes. Keinen Job. Und das macht das Weitermachen schwer. Und dann will ich natürlich nicht nur die Bachelorarbeit aufgeben, sondern alles. Weils nicht aufhören wird mit dem Schwierigsein. Und irgendwie sehe ich auch da keine Motivation. Wofür auch? Für’s weiter Schwierigsein? Das kann nicht motivieren.
Dabei gibt es einerseits auch so viele neue Dinge danach, die auf mich warten werden. Auf die ich mich freue. Sehr sogar. Nur da wird eben auch einiges schwierig sein. Und wie soll man sich da so richtig tief innendrin motivieren können? Wenn alles schwierig ist. Ich hab’s grad ein bisschen verloren. Ich wär’ gern wieder die Kämpferin, die wirklich innendrin fühlen könnte, wie blöd das wäre jetzt das Studium aufzugeben, wo man doch bald fertig ist. Mit der Ausrede, dass man eventuell keinen Job finden könnte. Ich hätte sie wirklich gern wieder die Kämpferin. Nur momentan bin ich irgendwo dazwischen. Mehr beim Aufgeben. Obwohl ich eigentlich gar nicht so genau weiß, weswegen. Denn ich hab’ momentan ein Ich-weiß-wie’s-weitergehen-kann. Also ein Ziel. Einen Lebensplan. Das hab’ ich nicht oft. Vielleicht bin ich müde. Zu sehr müde, um mich von etwas motivieren lassen zu können, was immer gleichzeitig auch schwierig sein wird. Denn mein ganzes Leben ist und bleibt schwierig.

Kampf

Manchmal frage ich mich, warum ich das immer alles tue. Warum ich es mir selbst immer so schwer mache und nicht einfach mit dem bisschen Schwierigem, was ich mir erkämpft habe zufrieden bin? Warum muss ich studieren? Warum muss ich ernsthaft überlegen nach diesem Studium ein weiterführendes Studium zu beginnen, wo ich doch genau weiß, dass es wieder eine Quälerei werden wird? Wieso muss ich einen blöden Nebenjob haben, der doch nicht unbedingt notwendig ist (wenn ich die Miete nicht mehr bezahlen kann, ziehe ich eben wieder bei meinen Eltern ein – im Notfall) ? Warum muss ich mich da momentan noch jeden Tag hinquälen, die Angst und die Körperschmerzen ertragen, wenn ich es doch einfach sein lassen könnte?  Wenn ich es doch irgendwie leichter haben könnte. Notfalls eben arbeitlsos und in zig verschiedenen Therapien. Oder vielleicht mit einem mutismusmäßig leichtem Job. An den man sich einmal gewöhnt hat und der dann halbwegs leicht ist. Aber irgendwie gibt es bei einem Studium viel mehr Neues. Irgendwie ist das größer. Und warum muss ich es größer haben, wenn klein doch auch in Ordnung wäre?

Ich glaub’, irgendwie ist das alles wie ein blödes Spielzeug, womit man irgendwann genug gespielt hat und dann irgendwie langweilig ist. Oder es ist so, weil ich es nicht akzeptieren kann, dass ich es nicht auch größer haben kann. Oder besser gesagt, dass ich Dinge, die andere Menschen hinbekommen, nicht auch schaffen kann. Wieso auch? Vielleicht, weil ich mir nichts sagen lassen will. Kein, du schaffst das nicht. Vielleicht will ich mir etwas beweisen. Vielleicht will ich auch ein schwieriges Leben haben um am Ende zurück blicken zu können und zu wissen, dass es schön war. Dass sich der ganze Kampf irgendwie gelohnt hat. Oder, dass ich mein Bestes gegeben habe. So gut es eben ging.

Aber manchmal nervt es schon ein bisschen. Das Nichtaufgeben wollen. Ohne wäre es ein bisschen leichter. Ein bisschen entspannter. Vielleicht nicht zufriedener, aber ruhiger. Viel ruhiger. Vielleicht auch langweiliger. Aber trotzdem leichter.

Angst II

Vor kurzem hat mich jemand gefragt, wie ich das immer schaffe, diese Quälerei und am Ende doch etwas Gutes draus zu machen. Und ehrlich gesagt, weiß ich das selbst nicht. Manchmal frage ich mich das nämlich auch.
Eigentlich geht es nur um’s Aushalten. Und zwar diesen Haufen Angst, der mich überkommt, wenn Situationen anstehen, bei denen das Sprechen nötig ist. Das Tun an sich geht mittlerweile ganz passabel von allein. Das war nicht immer so. Es gab mal Zeiten, da funktionierte gar nichts. Jedenfalls reicht’s jetzt zum Überleben und meist ist es am Ende gar nicht mehr so negativ. Deswegen geht es mittlerweile eigentlich nur um das Aushalten der ganzen Sorgen, Ängste und Gedanken vorher. Und wie ich das mache, weiß ich auch nicht.

Irgendwie einfach standhaft bleiben. Und warten. Warten, bis man wieder besser atmen kann. Bis das Herz ein bisschen langsamer schlägt. Bis sich der Bauch nicht mehr so komisch anfühlt und bis der ganze Körper nicht mehr alles dafür tun muss, damit man davonläuft und flieht. Eben standhaft bleiben. Ja, so schaffe ich das alles irgendwie. Und ich hoffe ja immer noch, dass ich irgendwann mal vor Angst kaputt gehe, damit es vorbei ist. Aber ich tu’s nicht. Ich bin widerspenztig. Schwer vernichtbar. Unkraut eben.

Ein kleiner riesengroßer Sieg

Im Vorbeigehen versuchte Alena einen Blick durch die Schaufensterscheibe der Apotheke zu erhaschen. Hm, nichts. Sie konnte nichts davon sehen, was für sie wichtig war, um in das Gebäude gehen zu können. Nämlich wie wiele Menschen dort drin waren. Kunden, die etwas kauften, Kunden die sich im Raum aufhielten und Apotheker, die verkauften oder mit anderen Aufgaben beschäftigt waren. Nichts konnte sie sehen. Das war also keine gute Apotheke. Sie ging weiter.
Vier Stück fielen ihr noch ein, die in der Innenstadt lagen. Vielleicht waren sie besser. Besser, weil sie dort besser durch die Fenster gucken konnte. Denn um das Rezept, was sie gefaltet in ihrem Portemonnaie trug, abgeben zu können, musste sie wissen, wie es in der Apotheke aussah. Eben, wie viele Menschen dort waren. Kunden, die etwas kauften und Apotheker.
Anders war das Sprechen irgendwie unmöglich. Klar, sie hätte einfach hineingehen, gucken und wieder rausgehen können. Aber was wäre gewesen, wenn die Apotheke gut war? Dann hätte sie wieder reingehen müssen und dann hätten die Apotheker und Kunden komisch geschaut. Und wenn sie eine Weile mit dem Reingehen gewartet hätte, würde es wohlmöglich in der Apotheke ganz anders aussehen und dann war die Sicherheit wieder weg.
Ja, Sicherheit gab ihr das. Sicherheit zum Sprechen, um dieses blöde Rezept einlösen zu können.
Die nächste Apotheke war auch nicht besser. Dort konnte sie zwar gut gucken, konnte die drei Tresen sehen und die Menschen. Das Problem hier war, sie war zu voll. Es gab drei Apothekerinnen und viel zu viele Kunden in Schlangen. Auch nicht gut. Sie hätte warten können. Aber es hätte ja auch sein können, dass wenn sie dort stand, wieder ganz viele Menschen hinzukamen und hinter ihr standen. Das wäre zu voll gewesen. Sie ging weiter zur nächsten. Drei gab es schließlich noch. Und wenn die auch nicht gut waren, würde sie wieder zu dieser zurück laufen. Vielleicht war sie dann wirklich leerer.
Sie hasste das. Warum musste alles nur so kompliziert sein? Ihr Herz schlug bestimmt schon seit einer Stunde viel zu schnell. Wie ihre Atmung. Und sie war langsam müde. Viel zu anstrengend und riesengroß war das. Aber das Medikament brauchte sie. Weil dann wären ja die ganzen Anstrengungen mit dem Arzt, um das Rezept zu bekommen, unnötig gewesen. Das ging auch nicht.

Cut.

4 Jahre später. In einer anderen Stadt.
Das Medikament musste sie noch abholen. Als Alena den Weg gegangen war, hatte sie die Apotheke schon gesehen. Auf dem Rückweg würde sie dort schnell das Rezept abgeben. Weil’s eben auf dem Weg lag und sie keine Lust hatte zu den ihr bekannten Apotheken zu laufen. Warum auch.
Sie drückte auf den Ampelknopf und wartete auf das grüne Signal. Sie ging über die Straße und gleich danach die Treppe zur Apotheke hinauf. Die Schiebetüren öffneten sich und sie trat ein. In dem Raum gab es drei Apothekerinnen, wovon eine der Auszubildenden etwas erklärte und dann noch eine Kundin. Es war nicht schlimm. Die Auszubildende begrüßte Alena und sie hörte ihre unsichere Stimme. Wahrscheinlich machte sie das noch nicht so oft, Kunden bedienen und beraten. Ein bisschen Stärke überkam Alena. Aber auch ohne Auszubildende wäre es nicht schlimm gewesen. Das ging ja schließlich schnell und war keine große Sache. War ja nur ein Rezept.

Nur, damit man mal sieht, was man sich erkämpfen kann…

Mutismusgedanken II

Und heute quäle ich mich mit unsinnigen Telefonanrufen, die gemacht werden müssen, weil man Kontrolluntersuchungen bei Ärzten wahrnehmen sollte. Eigentlich sind ganz andere Dinge in meinem Kopf, die mir Magengrummeln und zittrig, kalte Hände bereiten. Aber das Telefonieren funktioniert. Das weiß ich. Weil es bloß unsinnige Termine sind, die gemacht werden müssen. Und so quäle ich mich heute damit, um zu sehen, dass es funktioniert. Um ein klitze kleines Erfolgserlebnis zu haben, weil es Mut macht. Mut macht vor dem großen Berg, der in wenigen Stunden auf mich zu kommt. So habe ich das Gefühl mich ein bisschen auszutricksen, damit ich wenigstens ein bisschen Lächeln kann. Keine große Sache, aber eine kleine Kampfstrategie.
Und am Ende werd’ ich natürlich wieder merken, dass es halb so schlimm war, wie  immer. Aber so ist das eben. Und deswegen quäle ich mich mit Telefonieren, als Lebensstrategie um nicht zu verzweifeln.

Gebrannte Mandeln

Gut. Heute würde sie es also versuchen. Schon seit knapp eineinhalb Wochen hatte sich das Alena vorgenommen. Und sie musste es nun bald tun, sonst war die Zeit vorbei.
Deswegen heute. Eigentlich dachte sie das letzte Woche auch schon und dann ging es nicht. Aber heute war ein guter Zeitpunkt. Irgendwie war der Tag heute ertragbar gewesen und ihr ging es ganz passabel. Deswegen war heute richtig.
Heute würde sie gebrannte Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt in der Stadt kaufen.

Sie ging zur Tür des Dienstzimmers der Kinder- und Jugendpsychiatrie um sich zu verabschieden. Sie sagte, sie fahre nun nach Hause. Da sie mittlerweile teilstationär war, tat sie das jeden Abend. Davon, dass sie auf den Weihnachtsmarkt gehen wollte, erzählte sie nichts. Das machte nur Druck, dachte sie. Und dann wäre es viel zu blöd, wenn es nicht funktionierte.
Alena ging die Treppe hinunter und stiefelte durch das bisschen Schnee, das in Großstädten liegt, zur Straßenbahn. Mit jeder Station, die sie der Innenstadt näher kam, war da dieses komische Gefühl im Magen. Aber eigentlich war es okay. Auch, wenn es nicht klappte. Da gab’s ja schließlich kein Müssen. Das war ein Wollen. Ein Wollen, weil jedesmal wenn die Straßenbahntüren aufsurrten, sich ein Duft von Weihnachten und gebrannten Mandeln in die Straßenbahn schlich. Und dann waren da draußen noch die vielen Lichter und die Musik. Das war die Zeit, die sie ziemlich gern hatte. Winter und Weihnachten. Und deswegen hatte sie schon seit sie den Mandelduft das erste Mal roch, Lust auf gebrannte Mandeln.
Sie überlegte. Eigentlich war es das erste Mal, dass sie etwas tat, was sie wollte. Meistens wollte sie nämlich gar nicht, weil sie es nicht konnte. Gebrannte Mandeln kaufen konnte sie eigentlich auch nicht, aber das wollte sie. Und wenn man will, kann man vielleicht.

Alena stieg in der Mitte der langen Einkaufsstraße aus. Der Weihnachtsmarkt war im unteren Teil der Straße.
Letzte Woche hatte sie schon geschaut, an welchen Weihnachtsmarktständen man gebrannte Mandeln kaufen konnte. Das musste sie vorher tun. Sie musste einen Überblick haben, damit sie wusste, welche Stände sie nun ablaufen konnte. Das musste planbar sein.
Und so ging sie von Stand zu Stand und checkte die Lage, wie sie manchmal scherzhaft zu Herr V., ihrem Therapeuten sagte, weil sie eigentlich immer erst die Lage checken musste. Sie musste wissen, wie es dort aussah, wo sie sprechen musste, wie die Menschen aussahen und wie es dort war. Dann ging es leichter.
Als könnte man das leicht nennen. Leicht war überhaupt nichts. Und eigentlich war es auch unmöglich. Aber wenn Alena vorher die Lage gecheckt hatte, war es vielleicht ein bisschen weniger unmöglich.

Zwei Weihnachtsmarktstände fielen in die engere Auswahl. Sie waren auf dem großen Platz in der Nähe der Straßenbahnhaltestelle und sie lagen sogar beinahe gegenüber. Jedenfalls konnte sie beide Stände sehen, wenn sie in der Mitte stand. Einer der beiden Stände war kleiner. Dort gab es nur Nüsse. Verschiedene Nüsse. Und dort gab es mehr Menschen. Viele Menschen. Vielleicht schmeckten dort die Mandeln besser und deswegen war dort die Menschenschlange länger. Oder es war so, weil es nur einen Verkäufer gab. Der andere Stand war dagegen viel größer. Und dort gab es auch Lebkuchen und Schokoküsse. Und Zuckerwatte sah Alena auch. Mit vielen Verkäufern.

Welcher Stand war besser? Würde sie sich zu Stand Nummer eins stellen, könnte es sein, dass sich andere Menschen nach ihr anstellten.  Und wenn mehr Menschen zuhören konnten, war’s schwieriger. Würde sie zu Stand Nummer zwei gehen und schnell  machen, wäre da niemand.
Da es komisch aussah, wie sie die ganze Zeit zwischen den beiden Ständen stand und nach rechts und links schaute, ging sie noch eine Runde um die Stände. Stand Nummer eins fühlte sich irgendwie schwieriger an. Auch wenn die vielen Menschen wahrscheinlich gar nicht hörten, wenn sie sprach. Es waren einfach zu viele. Stand Nummer zwei war irgendwie ruhiger. Vielleicht musste sie dort sogar weniger laut sprechen.
Irgendwie sagte das Bauchgefühl Stand Nummer zwei war besser. Da war Platz. Und vielleicht ging es mit Platz besser. Sie sollte auf das Bauchgefühl hören.

Stand Nummer zwei. Sie war wieder dort. Eine Runde noch, dachte Alena und dann würde sie gebrannte Mandeln kaufen. 100 Gramm würde sie kaufen. 100 Gramm waren gut. Am anderen Stand waren 100 Gramm etwas teurer. Hier kosteten sie 2,00 €. Als sie hinter dem Mandelstand war kramte sie das Geld aus ihrem Portemonaie. Das war leichter, wenn sie sich ganz allein auf das Sprechen konzentrieren konnte und beim Kauf nicht nach dem Geld kramen musste. Sie steckte die Geldstücke in die Hosentasche und tapste die Runde weiter.

Was sagte man überhaupt, wenn man Mandeln kaufen wollte? Beim anderen Stand war’s leichter. Da reichte es, wenn sie sagte, dass sie gern 100 Gramm hätte. Da gab’s ja schließlich nur Mandeln. Dagegen hatte der andere Stand sogar verschiedene Sorten. Sollte sie da sagen “ich hätte gern 100 Gramm normale gebrannte Mandeln?”. Oder sollte sie das “normale” weglassen? Wie kauft man überhaupt Mandeln? Am anderen Stand hätte sie hören können, was die Menschen vor ihr sagten. Vielleicht wäre das doch besser gewesen. Sollte sie sich doch anders entscheiden?

Mittlerweile war sie schon zwei weitere Runden gelaufen und die Verkäufer des Standes schauten sicherlich schon merkwürdig und wunderten sich, was sie da tat. Denn so menschenüberfüllt war der Markt gar nicht. Eigentlich war’s sogar ziemlich leer. Und deshalb konnten sie Alena sicherlich gut sehen. Vielleicht sollte sie Runden um andere Stände laufen? Aber dann konnte sie nicht mehr die Lage checken. Konnte nicht mehr sehen, ob sich bereits andere Menschen angestellt hatten und auch etwas kaufen wollten. Denn dann ging das nicht, dann musste sie noch eine Runde laufen und warten bis sie fertig gekauft hatten.

Okay. Die Lage war gut. Keine anderen Menschen. Sie wollte Mandeln kaufen. Mit den Worten, dass sie gern 100 Gramm Mandeln hätte. Was sollte sie auch sonst anderes sagen? Und das würden andere Menschen sicherlich auch so sagen. Die Runde war beinahe zu Ende und es reichte nun auch, fand Alena, denn sie fror. Sie lief sicherlich schon mehr als 30 Minuten auf dem Weihnachsmarkt rum, nur um gebrannte Mandeln zu kaufen. Also auf, dachte sie.

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und steuerte den Stand an. Weitergehen, weitergehen und nicht wieder umdrehen, dachte sie. Und dann stand sie auf einmal vor den vielen Mandeln. Ein Verkäufer kam auf sie zu, begrüßte und sah sie fragend an. Sie hielt die Hand in der Hosentasche. Die Faust umklammerten fest die Geldstücke.
“Ich hätte gern 100 Gramm gebrannte Mandeln”, sagte sie leise.
Das “normale” ließ sie einfach weg. Das konnte man sich sicher denken. Hätte sie andere gewollt, hätte sie gesagt mit Kokos oder so.
Der Mann schlug die Tüte auseinander und befüllte sie mit Mandeln. Er hatte verstanden, was sie wollte. Dann wog er sie, tat noch einige dazu und schlug den Rand der Papiertüte zusammen. Er legte sie auf den Verkaufstresen und nannte den Preis. Passend gab ihm Alena die Geldstücke aus ihrer Hosentasche, nahm die Tüte mit den Mandeln und lächelte. Warme Mandeln in ihrer Hand. Sie wärmte sich die Hände.
“Tschüss”, sagte sie.
“Tschüss. Einen schönen Abend”, wünschte er.
Ja, der Abend war schön. Zufrieden lächelnd, mit den warmen Mandeln in den Händen stieg sie in die nächste Straßenbahn und fuhr nach Hause.
Gebrannte Mandeln.

Droge: Mutismus

Wisst ihr, Mutismus ist manchmal wie eine Droge. Denn da gibts am Ende, wenn etwas geschafft ist dieses unglaublich berauschende Gefühl. Mir fällt kein ähnliches Gefühl ein, was ich euch nennen könnte, damit ihr wisst, wie das ist. Das ist viel mehr als das Abfallen der Anspannung. Da fallen tonnenweise Haufen ab. Besonders bei Dingen, die irgendwie mal unmöglich schienen. Wie das Praktikum im Studium. Das war so ein Ding, was unmöglich war. Im Nachhinein klingt’s blöd, weil’s seit gestern vobei ist, aber vor einem Jahr war es mal unmöglich. Da war’s riesengroß und schwer und unmöglich. Eine Herausforderung, die niemals meisterbar schien, weil’s zu kompliziert ist. Weil Praktika im Studium irgendwie wichtiger sind als in der Schule. Da wird mehr verlangt und erwartet und man hat mehr Verantwortung. Man ist eben Student und kein kleines Schulmädchen mehr und deswegen ist’s wichtiger.
Jedenfalls war’s mal so wirklich unmöglich für mich. Und ich weiß nicht, ob ihr wisst, wie sich das anfühlt, wenn unmögliche Dinge plötzlich möglich und sogar vorbei sind. Dann ist das mehr als ein Grinsen im Gesicht. Dann ist da die Gänsehaut die den ganzen Körper verziehrt und innendrin kribbelt es überall. Und dann kann das Gesicht gar nicht mehr anders als zu strahlen. Dann machen das die Muskeln ganz von allein. Innendrin ist’s dann ganz warm und es fühlt sich so an als wäre man federleicht oder man würde überhalb des Bodens stehen. Und dann stimmt auch die ganze bisherige Welt irgendwie gar nicht mehr, weil unmögliche Dinge eigentlich nicht machbar – eben unmöglich – sind. Heißt ja schließlich so. Dann ist das völlig überwältigend und man muss das erst wieder neu ordnen.
Besonders wenn es nicht nur vorbei und geschafft ist, sondern auch im Großen und Ganzen gar nicht so schlimm war. Eigentlich sogar nett. Und wenn man ein tolles Feedback bekommt, was gar nicht mal so schlimm den Fokus darauf hat, dass ich natürlich viel zu still bin und zurückhaltend mit mir und meinem Wissen, sondern auch viele andere Dinge gesagt werden. Dann ist das eigentlich noch viel schlimmer mit den Gefühlen. Und eigentlich könnten da auch Tränen in den Augen sein, weil man so wahnsinnig stolz ist und gerade in diesem klitzekleinen Moment so unsagbar glücklich. Weil die Welt nicht mehr stimmt und unmögliche Dinge aufeinmal möglich sind. Und man hat’s sich ganz allein zusammen gekämpft.
Und deswegen mag ich den Mutismus auch eigentlich gar nicht her geben. Selbst, wenn ich ihn manchmal verfluche und am liebsten weg werfen würde. Aber irgendwie wär’s ohne ihn auch langweilig. Und dieses unbeschreibliche Gefühl am Ende, wenn ein Kapitel im großen Buch vorbei ist, ist das Leben mit Mutismus ein klitzekleines Riesenbisschen lebenswert!

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