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	<title>Mutismusblog &#187; Herr V.</title>
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	<description>Die Welt aus der Sicht einer Schweigsamen...</description>
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		<title>Eingesperrt</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Mar 2011 18:47:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nach dem Aufnahmegespräch und nachdem Alena sich von ihrer Mutter verabschiedet hatte, wurde sie von Herr V. zur Station 3 der Kinder- und Jugenspsychiatrie begleitet. Am Dienstzimmer der Betreuer lernte sie Frau H. kennen, die sie zu ihrem Zimmer führte. Es war ein Zweibettzimmer, ganz am Ende des hellen, durch ein Glasdach erleuchteten Ganges. &#8220;In [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Nach dem <a href="http://www.mutismusblog.de/das-erste-mal/">Aufnahmegespräch</a> und nachdem Alena sich von ihrer Mutter verabschiedet hatte, wurde sie von Herr V. zur Station 3 der Kinder- und Jugenspsychiatrie begleitet. Am Dienstzimmer der Betreuer lernte sie Frau H. kennen, die sie zu ihrem Zimmer führte.<br />
Es war ein Zweibettzimmer, ganz am Ende des hellen, durch ein Glasdach erleuchteten Ganges.<br />
&#8220;In den nächsten Tagen kommt eine weitere Patintin in das Zimmer&#8221;, erklärte Frau H.<br />
Das Zimmer war irgendwie komisch. Ja, komisch war das richtige Wort. Gegenüber der Tür waren große Fenster, die sich über die gesamte Breite des Zimmers erstreckten. Mit blauen, schweren Vorhängen konnte man die Fenster verdecken. Davor standen in jeder Ecke des Zimmers zwei Betten. Eins rechts, das andere links.<br />
&#8220;Noch kannst du dir sogar eines aussuchen&#8221;, lächelte Frau H. Sie wirkte freundlich. Mit ihren blonden, lockigen Haaren.<br />
Nach dem rechten Bett folgte ein Schreibtisch. Der Schreibtisch, der zu dem linken Bett gehörte, stand vor dem Fenster, zwischen den beiden Betten. Was zu wem gehörte, erkannte man an den Farben. Rechts war blau und links rot. Die Möbel waren aus hellem Holz. Buche wohlmöglich. Aber die Tisch- und Bettbeine waren farbig. Rot und blau eben.<br />
Und dann gab es noch für jeden einen Schrank, die neben der Tür nebeneinander standen. Mit roten und blauen Türgriffen natürlich.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8220;Packst du bitte deine Sachen aus? Hier ist das so geregelt, dass die Betreuer dabei zusehen müssen, damit die Jugendlichen wissen, was sie auf den Zimmern haben dürfen und was sie abgeben müssen&#8221;, erklärte Frau H.<br />
Ahja. Sonst ist alles klar?, dachte Alena während sie in das Zimmer starrte und schwieg. Sie rührte sich nicht.<br />
Frau H. die etwas unbeholfen schaute, weil sie nicht wusste, wie sie Alenas Schweigen interpretieren sollte, schlug nach einer Weile vor: &#8221; Okay, dann erkläre ich dir erstmal, wie das auf Station hier so abläuft und danach packen wir deine Sachen aus.&#8221;<br />
<strong>Wir </strong>packen <strong>meine </strong>Sachen aus? Wo bin ich nur hier gelandet, dachte Alena und änderte ihre Körperhaltung keinen Milimeter.<br />
&#8220;Setz&#8217; dich doch,&#8221; bot Frau H. an während sie auf den Stuhl mit den blauen Stuhlbeinen zeigte und sich selbst den mit den grünen zurecht rückte.<br />
Alena setzte sich. Steif und starr saß sie nun und starrte wieder in eine Ecke des Zimmers.</p>
<p style="text-align: justify;">Frau H. erklärte anhand des Wochenplanes, den jeder Patient bekam, wie die Woche hier so abläuft. Es gab feste Termine, wie Gruppentherapien, Schwimm- und Reittherapie und einige wechselnde Therapien, wie die Einzeltherapie und Ergotherapie. Die Zeiten, an denen es die Mahlzeiten gab, standen auch auf dem Plan. Am Vormittag gingen die Jugendlichen entweder extern oder intern zur Schule oder nahmen an der Arbeitstherapie teil. Das konnte sie sich aussuchen, da sie schon einen Schulabschluss hatte.<br />
&#8220;Ausgang hat man hier insgesamt zwei Stunden, den du nur nehmen kannst, wenn du keine Termine hast. Dazu musst du dich im Dienstzimmer in die Liste eintragen. Allerdings hast du am Anfang, weil du neu hier bist, nur 3 x 30 Minuten pro Tag. Später kannst du die zwei Stunden dann auch am Stück nehmen&#8221;, sagte Frau H.<br />
&#8220;Ausgang. Das klingt wie Gefängnis. Gefangen. Man kann nicht einfach raus gehen, wann man will. Man ist hier gefangen. Muss um Erlaubnis fragen. Diese Gedanken schwirrten Alena durch den Kopf.<br />
&#8220;Und dein Handy darfst du nur mit in den Ausgang nehmen. Die sind hier auf der Station verboten und werden ausgeschaltet im Dienstzimmer abgegeben.&#8221;<br />
Prima, noch nicht mal Kontakt zu ihren wenigen Freunden. Man sah ihr dieses komische Gefühl an. Gefangen und kontrolliert zu sein. Als hätte sie etwas verbrochen oder angestellt. Als wäre sie böse. Oder kein eigener Mensch mehr. Irgendwie war sie hier völlig falsch. Sie war doch nicht so verrückt im Kopf, dass sie sich kontrollieren lassen musste. Keine Freiheit mehr. Nichts. Nicht essen, wann man will. Nicht rausgehen, wann man will. Gar nichts. Es sollte doch nur mit dem Sprechen besser werden. Deswegen war sie hier. Und weil man sich Sorgen machte, dass sie sich das Leben nahm und depressiv war. Aber doch nicht so schlimm, dass eingesperrt  werden musste! Sie war wütend.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8220;So und jetzt packen wir deinen Koffer aus&#8221;, sagte Frau H.<br />
Ja, <strong>wir meinen </strong>Koffer aus. Jawohl, dachte sie. <strong>Wir</strong> packen gar nichts. Sie saß da, schwieg und rührte sich nicht. Versteinert. Völlig falsch. Am falschen Ort.</p>
 <p><a href="http://www.mutismusblog.de/?flattrss_redirect&amp;id=2753&amp;md5=eacbe5a712f7c89f854dd3b4fb5f8406" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.mutismusblog.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Gebrannte Mandeln</title>
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		<pubDate>Mon, 20 Dec 2010 08:37:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltagsszenen]]></category>
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		<description><![CDATA[Gut. Heute würde sie es also versuchen. Schon seit knapp eineinhalb Wochen hatte sich das Alena vorgenommen. Und sie musste es nun bald tun, sonst war die Zeit vorbei. Deswegen heute. Eigentlich dachte sie das letzte Woche auch schon und dann ging es nicht. Aber heute war ein guter Zeitpunkt. Irgendwie war der Tag heute [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Gut. Heute würde sie es also versuchen. Schon seit knapp eineinhalb Wochen hatte sich das Alena vorgenommen. Und sie musste es nun bald tun, sonst war die Zeit vorbei.<br />
Deswegen heute. Eigentlich dachte sie das letzte Woche auch schon und dann ging es nicht. Aber heute war ein guter Zeitpunkt. Irgendwie war der Tag heute ertragbar gewesen und ihr ging es ganz passabel. Deswegen war heute richtig.<br />
Heute würde sie gebrannte Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt in der Stadt kaufen.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie ging zur Tür des Dienstzimmers der Kinder- und Jugendpsychiatrie um sich zu verabschieden. Sie sagte, sie fahre nun nach Hause. Da sie mittlerweile teilstationär war, tat sie das jeden Abend. Davon, dass sie auf den Weihnachtsmarkt gehen wollte, erzählte sie nichts. Das machte nur Druck, dachte sie. Und dann wäre es viel zu blöd, wenn es nicht funktionierte.<br />
Alena ging die Treppe hinunter und stiefelte durch das bisschen Schnee, das in Großstädten liegt, zur Straßenbahn. Mit jeder Station, die sie der Innenstadt näher kam, war da dieses komische Gefühl im Magen. Aber eigentlich war es okay. Auch, wenn es nicht klappte. Da gab&#8217;s ja schließlich kein Müssen. Das war ein Wollen. Ein Wollen, weil jedesmal wenn die Straßenbahntüren aufsurrten, sich ein Duft von Weihnachten und gebrannten Mandeln in die Straßenbahn schlich. Und dann waren da draußen noch die vielen Lichter und die Musik. Das war die Zeit, die sie ziemlich gern hatte. Winter und Weihnachten. Und deswegen hatte sie schon seit sie den Mandelduft das erste Mal roch, Lust auf gebrannte Mandeln.<br />
Sie überlegte. Eigentlich war es das erste Mal, dass sie etwas tat, was sie wollte. Meistens wollte sie nämlich gar nicht, weil sie es nicht konnte. Gebrannte Mandeln kaufen konnte sie eigentlich auch nicht, aber das wollte sie. Und wenn man will, kann man vielleicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Alena stieg in der Mitte der langen Einkaufsstraße aus. Der Weihnachtsmarkt war im unteren Teil der Straße.<br />
Letzte Woche hatte sie schon geschaut, an welchen Weihnachtsmarktständen man gebrannte Mandeln kaufen konnte. Das musste sie vorher tun. Sie musste einen Überblick haben, damit sie wusste, welche Stände sie nun ablaufen konnte. Das musste planbar sein.<br />
Und so ging sie von Stand zu Stand und checkte die Lage, wie sie manchmal scherzhaft zu Herr V., ihrem Therapeuten sagte, weil sie eigentlich immer erst die Lage checken musste. Sie musste wissen, wie es dort aussah, wo sie sprechen musste, wie die Menschen aussahen und wie es dort war. Dann ging es leichter.<br />
Als könnte man das leicht nennen. Leicht war überhaupt nichts. Und eigentlich war es auch unmöglich. Aber wenn Alena vorher die Lage gecheckt hatte, war es vielleicht ein bisschen weniger unmöglich.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwei Weihnachtsmarktstände fielen in die engere Auswahl. Sie waren auf dem großen Platz in der Nähe der Straßenbahnhaltestelle und sie lagen sogar beinahe gegenüber. Jedenfalls konnte sie beide Stände sehen, wenn sie in der Mitte stand. Einer der beiden Stände war kleiner. Dort gab es nur Nüsse. Verschiedene Nüsse. Und dort gab es mehr Menschen. Viele Menschen. Vielleicht schmeckten dort die Mandeln besser und deswegen war dort die Menschenschlange länger. Oder es war so, weil es nur einen Verkäufer gab. Der andere Stand war dagegen viel größer. Und dort gab es auch Lebkuchen und Schokoküsse. Und Zuckerwatte sah Alena auch. Mit vielen Verkäufern.</p>
<p style="text-align: justify;">Welcher Stand war besser? Würde sie sich zu Stand Nummer eins stellen, könnte es sein, dass sich andere Menschen nach ihr anstellten.  Und wenn mehr Menschen zuhören konnten, war&#8217;s schwieriger. Würde sie zu Stand Nummer zwei gehen und schnell  machen, wäre da niemand.<br />
Da es komisch aussah, wie sie die ganze Zeit zwischen den beiden Ständen stand und nach rechts und links schaute, ging sie noch eine Runde um die Stände. Stand Nummer eins fühlte sich irgendwie schwieriger an. Auch wenn die vielen Menschen wahrscheinlich gar nicht hörten, wenn sie sprach. Es waren einfach zu viele. Stand Nummer zwei war irgendwie ruhiger. Vielleicht musste sie dort sogar weniger laut sprechen.<br />
Irgendwie sagte das Bauchgefühl Stand Nummer zwei war besser. Da war Platz. Und vielleicht ging es mit Platz besser. Sie sollte auf das Bauchgefühl hören.</p>
<p style="text-align: justify;">Stand Nummer zwei. Sie war wieder dort. Eine Runde noch, dachte Alena und dann würde sie gebrannte Mandeln kaufen. 100 Gramm würde sie kaufen. 100 Gramm waren gut. Am anderen Stand waren 100 Gramm etwas teurer. Hier kosteten sie <span style="color: #000000;">2,00 €</span>. Als sie hinter dem Mandelstand war kramte sie das Geld aus ihrem Portemonaie. Das war leichter, wenn sie sich ganz allein auf das Sprechen konzentrieren konnte und beim Kauf nicht nach dem Geld kramen musste. Sie steckte die Geldstücke in die Hosentasche und tapste die Runde weiter.</p>
<p style="text-align: justify;">Was sagte man überhaupt, wenn man Mandeln kaufen wollte? Beim anderen Stand war&#8217;s leichter. Da reichte es, wenn sie sagte, dass sie gern 100 Gramm hätte. Da gab&#8217;s ja schließlich nur Mandeln. Dagegen hatte der andere Stand sogar verschiedene Sorten. Sollte sie da sagen &#8220;ich hätte gern 100 Gramm normale gebrannte Mandeln?&#8221;. Oder sollte sie das &#8220;normale&#8221; weglassen? Wie kauft man überhaupt Mandeln? Am anderen Stand hätte sie hören können, was die Menschen vor ihr sagten. Vielleicht wäre das doch besser gewesen. Sollte sie sich doch anders entscheiden?</p>
<p style="text-align: justify;">Mittlerweile war sie schon zwei weitere Runden gelaufen und die Verkäufer des Standes schauten sicherlich schon merkwürdig und wunderten sich, was sie da tat. Denn so menschenüberfüllt war der Markt gar nicht. Eigentlich war&#8217;s sogar ziemlich leer. Und deshalb konnten sie Alena sicherlich gut sehen. Vielleicht sollte sie Runden um andere Stände laufen? Aber dann konnte sie nicht mehr die Lage checken. Konnte nicht mehr sehen, ob sich bereits andere Menschen angestellt hatten und auch etwas kaufen wollten. Denn dann ging das nicht, dann musste sie noch eine Runde laufen und warten bis sie fertig gekauft hatten.</p>
<p style="text-align: justify;">Okay. Die Lage war gut. Keine anderen Menschen. Sie wollte Mandeln kaufen. Mit den Worten, dass sie gern 100 Gramm Mandeln hätte. Was sollte sie auch sonst anderes sagen? Und das würden andere Menschen sicherlich auch so sagen. Die Runde war beinahe zu Ende und es reichte nun auch, fand Alena, denn sie fror. Sie lief sicherlich schon mehr als 30 Minuten auf dem Weihnachsmarkt rum, nur um gebrannte Mandeln zu kaufen. Also auf, dachte sie.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und steuerte den Stand an. Weitergehen, weitergehen und nicht wieder umdrehen, dachte sie. Und dann stand sie auf einmal vor den vielen Mandeln. Ein Verkäufer kam auf sie zu, begrüßte und sah sie fragend an. Sie hielt die Hand in der Hosentasche. Die Faust umklammerten fest die Geldstücke.<br />
&#8220;Ich hätte gern 100 Gramm gebrannte Mandeln&#8221;, sagte sie leise.<br />
Das &#8220;normale&#8221; ließ sie einfach weg. Das konnte man sich sicher denken. Hätte sie andere gewollt, hätte sie gesagt mit Kokos oder so.<br />
Der Mann schlug die Tüte auseinander und befüllte sie mit Mandeln. Er hatte verstanden, was sie wollte. Dann wog er sie, tat noch einige dazu und schlug den Rand der Papiertüte zusammen. Er legte sie auf den Verkaufstresen und nannte den Preis. Passend gab ihm Alena die Geldstücke aus ihrer Hosentasche, nahm die Tüte mit den Mandeln und lächelte. Warme Mandeln in ihrer Hand. Sie wärmte sich die Hände.<br />
&#8220;Tschüss&#8221;, sagte sie.<br />
&#8220;Tschüss. Einen schönen Abend&#8221;, wünschte er.<br />
Ja, der Abend war schön. Zufrieden lächelnd, mit den warmen Mandeln in den Händen stieg sie in die nächste Straßenbahn und fuhr nach Hause.<br />
Gebrannte Mandeln.</p>
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		<title>Das erste Mal</title>
		<link>http://www.mutismusblog.de/das-erste-mal/</link>
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		<pubDate>Tue, 01 Jun 2010 09:30:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(und hier das letzte Mal) Alenas Mutter setzte den Blinker und bog rechts in die Straße ein. Die Straße war durch die vielen Bäume ziemlich dunkel. Fast schon düster wirkte sie. Alena kniff die Augen zusammen. Die Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, weil über den großen, dicken Bäumen die Sonne vom Himmel [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(und <a href="/letztes-mal-therapie/">hier</a> das letzte Mal)</p>
<p style="text-align: justify;">Alenas Mutter setzte den Blinker und bog rechts in die Straße ein. Die Straße war durch die vielen Bäume ziemlich dunkel. Fast schon düster wirkte sie. Alena kniff die Augen zusammen. Die Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, weil über den großen, dicken Bäumen die Sonne vom Himmel schien.<br />
Dafür wirkte das Gebäude der psychiatrischen Klinik umso heller. Es war ein grelles Gelb, das da hinter den Bäumen hervor sprang.<br />
Ihre Mutter parkte das Auto und zusammen gingen sie zur Klinikanmeldung, die in einem weißen Gebäude nebenan war. Die Frau hinter dem Tresen sagte, es dauerte noch einen Moment, sie würde auf der Station bescheid geben, dass Alena da wäre.<br />
Warten. Gut, also warten.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach einer Weile kam ein großer, ein bisschen schlaksiger Mann durch die Glastür am anderen Ende des Warteraums. Er lächelte freundlich und fragte, ob sie Alena sei.<br />
Sie nickte.<br />
Er streckte ihr die Hand hin, die sie entgegen nahm.<br />
„Hallo, ich bin Herr V.“, sagte er. „Der behandelnde Psychotherapeut der Station 3.“<br />
Er schüttelte auch Alenas Mutter die Hand und bat ihm zu folgen.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie gingen in sein Büro.<br />
Das Büro lag im zweiten Stock des gelben Gebäudes.<br />
Herr V. schloss die Tür auf und bot ihnen einen Sitzplatz an. Rechts, in der Ecke seines Büros stand ein runder, heller Tisch. Drumherum vier genauso helle Stühle mit einem blaugrauen Sitzpolster.<br />
Alena setzte sich direkt an die Tür. Das fühlte sich besser an. So hätte sie einfach wieder gehen können. Ihre Mutter rechts und Herr V. links neben ihr. Oder besser gesagt, saß er ihr schon fast gegenüber.<br />
Hinter Herr V. war sein Schreibtisch und dahinter, da war das Fenster. Links war ein großer Bücherschrank, genauso hell, wie die anderen Möbel und rechts war auch schon die Wand. Das Büro war also nicht sehr groß.</p>
<p style="text-align: justify;">Herr V. hatte mittlerweile das Gespräch begonnen. Er hatte sich noch einmal genau vorgestellt und sagte, dass er das Aufnahmegespräch führte.</p>
<p style="text-align: justify;">Warum möchtest du hier eine Therapie machen, Alena?&#8221;<br />
<em>Pah! Wollen?! Hab&#8217; ich denn eine andere Wahl, wenn man so, wie es ist nicht mehr klar kommt? Man will keine Therapie machen. Eine Therapie muss man nur machen wollen, damit es besser wird. Hätte ich irgendwas gewollt, dann wäre das ein anderes Leben! Und keine Therapie!</em><br />
&#8220;Alena?&#8221;<br />
Schweigen.<br />
Ja, weil das war ja das Problem, dachte sie und schwieg.<br />
Irgendwann antwortete ihre Mutter &#8220;weil sie nicht spricht&#8221; und dann beantwortete sie eigentlich auch die ganzen anderen Fragen, die Herr V. für die Anamnese stellte.<br />
Das einzige, was Alena sagte war  &#8220;siebzehn&#8221;. Siebzehn, weil sie siebzehn Jahre alt war.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Boden war hässlich. Er stach einem, in diesem Büro, eigentlich sofort ins Auge. Viel zu dunkel und blau. Und viel zu gepunktet auch. Schlimm.<br />
Und Herr V., der war auch irgendwie komisch. Freundlich war er, aber irgendwie war er eigenartig. Sie wusste nicht warum, aber wenn Psychologen komisch waren, dann war er eben ein Psychologe und einfach nur komisch. Von seiner Art.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Gespräch machte sie wütend. Ihre Mutter erzählte und erzählte. Erzählte vom Kindergarten, von der Schule und von zu Hause. Und eigentlich erzählte sie alles falsch! Jedenfalls nicht so, wie es Alena selbst erzählt hätte, weil es für sie eben ganz anders war!<br />
Herr V, er hätte es spüren müssen, dass alles ganz falsch war!<br />
Nein, eigentlich hätte sie alles selbst erzählen müssen! Und natürlich konnte sie mal wieder nicht sprechen. Was auch sonst?!<br />
Der Kopf war voll mit Gedanken, nur die Worte im Mund dazu fehlten. Da war nichts! Keine drin! Wie immer eben.<br />
Scheiße, war alles!</p>
<p style="text-align: justify;">Das Gespräch dauerte nicht lange. Zum Schluss fragte Herr V., ob Alena sich denn eine stationäre Therapie hier  und ihn als Einzeltherapueten vorstellen könnte.<br />
<em>Ja, eine andere Wahl hatte sie doch nicht oder? Vielleicht würde es durch eine Therapie besser werden. Ja, vielleicht.<br />
Also dann. Willkommen in der Klapse und hallo Herr V.</em><br />
Alena nickte.</p>
 <p><a href="http://www.mutismusblog.de/?flattrss_redirect&amp;id=1828&amp;md5=3c6c48b24c346c681739da416bdb65c3" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.mutismusblog.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Die mündliche Abschlussprüfung</title>
		<link>http://www.mutismusblog.de/muendliche-pruefung-mutismus/</link>
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		<pubDate>Thu, 29 Apr 2010 19:08:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Wie geht es dir?“ fragte Herr V. lächelnd. Alena grinste. Sie zuckte mit den Schultern. Wie ging es ihr? Ja. Gut. Ich glaube gut, dachte sie. „Wie war die Prüfung?“ fragte er neugierig, immer noch lächelnd, weil er merkte, dass die Prüfung offenbar gut verlaufen war. Jedenfalls schaute sie nicht unglücklich. „Ging so“, antwortete Alena [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">„Wie geht es dir?“ fragte Herr V. lächelnd.<br />
Alena grinste. Sie zuckte mit den Schultern. Wie ging es ihr?<br />
Ja. Gut. Ich glaube gut, dachte sie.<br />
„Wie war die Prüfung?“ fragte er neugierig, immer noch lächelnd, weil er merkte, dass die Prüfung offenbar gut verlaufen war. Jedenfalls schaute sie nicht unglücklich.<br />
„Ging so“, antwortete Alena kurz.<br />
Er schaute fragend „ging so“?<br />
Und dann plapperte sie los und erzählte, was alles nicht so gut war. Erzählte, dass sie sich einmal total verrechnet hatte und es nicht merkte. Noch nicht einmal als ihr Mathelehrer sie danach fragte und sagte, sie solle es mal genau an die Tafel schreiben. Nichts. Sie merkte es nicht. Eigentlich war es nicht so schlimm. Eine Zwei hatte sie insgesamt bekommen. Aber es war ärgerlich, weil es ein dummer Fehler war und die Note ansonsten besser gewesen wäre. Und sie erzählte davon, wie ihr Mathelehrer am Schluss sagte, dass er sie noch nie so viel reden gehört hatte und dass es schade wäre, dass er es jetzt zum Schluss erst hörte. Ja ärgerlich. Hätte sie die ganze Zeit im Unterricht schon gesprochen, dann wäre die Note super gewesen. Und sie erzählte auch davon, wie sie nach der Prüfung mit einem Klassenkameraden den Nachmittag verbrachte, weil es nicht lohnte die 20 Kilometer mit dem Auto nach Hause zu fahren und dann später wieder hinzufahren, weil die schriftlichen Abschlussnoten bekannt gegeben wurden. Sie hatte sich mit ihm noch nie unterhalten und deshalb erzählte sie manchmal unsinnige Dinge. Nach ihrer Meinung jedenfalls. Und dann erzählte sie Herrn V. auch noch davon, wie ihre Klassenlehrerin freudestrahlend auf sie zu kam und ihr zur bestandenen Fachhochschulreife gratulierte und sagte, wie prima sie es fand. Weil Alena doch nicht sprechen konnte und gerade die mündliche Prüfung so gut gelaufen war, mit einer Zwei. Aber Alena war so gerührt und glücklich, sodass sie sich nicht vernünftig bedanken konnte und sich irgendwas in den Bart murmelte. Und das könnte unhöflich sein und deshalb ärgerte sie sich, weil sie nicht laut und deutlich sprach und auch gar nicht genau wusste, was sie sagen sollte.<br />
Herr V. grinste. Er grinste einfach nur. Und Alena erzählte. Erzählte, was alles falsch war und wieso und was hätte anders sein müssen. Aber Herr V. grinste weiter. Und dann stockte sie und musste plötzlich auch lächeln. Bis über beide Ohren. Weil eigentlich gar nichts falsch war. Weil sie die mündliche Prüfung &#8211; das Horrording &#8211; mit selektiven Mutismus bestanden hatte und nun rein theoretisch &#8211; praktisch nicht &#8211; studieren konnte. Daran war überhaupt nichts falsch. Und dann lächelten sie zusammen.</p>
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		<title>Das Leben mit einer Diagnose</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Mar 2010 08:36:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Einige Monate, nachdem Alena die Therapie begann, hatte Herr V. das Wort selektiven Mutismus gesagt. Es war eigentlich gar kein Gespräch über die Diagnose, sondern er erwähnte das Wort nur im Zusammenhang mit ihrem Schweigen. Und eigentlich hatten sie auch später nie über die Diagnose gesprochen. Herr V. erklärte nie, was Mutismus war und Alena [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Einige Monate, nachdem Alena die Therapie begann, hatte Herr V. das Wort selektiven Mutismus gesagt. Es war eigentlich gar kein Gespräch über die Diagnose, sondern er erwähnte das Wort nur im Zusammenhang mit ihrem Schweigen. Und eigentlich hatten sie auch später nie über die Diagnose gesprochen. Herr V. erklärte nie, was Mutismus war und Alena fragte auch nicht nach.<br />
Das musste sie nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dieser Woche fuhr Alena am Wochenende nach Hause. Das war auf dieser Station so, dass man das Wochenende zu Hause verbrachte. Und dort durchforstete sie dann das Internet nach dem Wort Mutismus. Sie las alles, was es zu lesen gab. Sogar ein Forum gab es, wo Betroffene von ihrem Mutismus schrieben. Und bei jedem Satz dachte sie, ja, das bin ich. Alles passte genau. Jedes Wort.<br />
Mutismus heißt das also. Mu &#8211; tis &#8211; mus. Komisches Wort.</p>
<p style="text-align: justify;">An diesem Wochenende hatte Alena das erste Mal das Gefühl irgendwie „normal“ zu sein. Es gab einen Namen für das, was sie jahrelang schon tat, nämlich nicht sprechen können, obwohl sie es eigentlich doch konnte. Zum ersten Mal fühlte sie sich ein bisschen weniger verrückt.<br />
Sie hatte sich die Probleme also nicht einfach nur ausgedacht und stellte sich nicht nur besonders schlimm an. Da gab&#8217;s wirklich eine Krankheit, bei der man nicht sprechen kann, obwohl man eine Stimme hat.  Alena hatte also ein echtes Problem mit Namen und sogar einem ICD-10 Schlüssel <em>(International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems)</em><em>. </em>Das war eine echte, richtige Krankheit.<br />
Unzählige Steine plumpsten Alena von der Brust. Vielleicht war sie nun ein bisschen gerettet. Mit einer Diagnose. Einem Namen. Mit selektiven Mutisms.</p>
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		<title>Das letzte Mal</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Feb 2010 16:07:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Freitag, 16 Uhr und Alena stand vor der Tür zur Station 3 der psychiatrischen Klinik. Sie stand unter dem Vordach, die Tasche hatte sie auf die Bank gestellt. Und dort wartete sie. Es war Anfang Juni. Für Juni war es zu kalt und grau. Sie wartete und überlegte, wie auf der Zugfahrt, weiter, was heute [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Freitag, 16 Uhr und Alena stand vor der Tür zur Station 3 der psychiatrischen Klinik. Sie stand unter dem Vordach, die Tasche hatte sie auf die Bank gestellt. Und dort wartete sie. Es war Anfang Juni. Für Juni war es zu kalt und grau. Sie wartete und überlegte, wie auf der Zugfahrt, weiter, was heute Thema der Therapie sein sollte.<br />
Um 16.10 Uhr sah sie eine Gestalt vom Anmeldungsgebäude herüber gehen. Das war Herr V. Sie erkannte seinen Gang schon von Weitem. Um 16.10 Uhr, obwohl sie den Termin eigentlich schon um 16 Uhr hatte. Das war aber immer so. Herr V. kam immer zehn Minuten zu spät. Danach konnte man die Uhr stellen. Aber es war nicht schlimm, denn er hing immer einige Minuten dran und meist sogar mehr als zehn.</p>
<p style="text-align: justify;">„Hallo Alena“, lächelte er und gab ihr die Hand.<br />
„Hallo“, sie grinste zurück.<br />
Herr V. schloss die Tür auf und ging die Treppe hinauf zu seinem Büro.<br />
Alena folgte ihm.</p>
<p style="text-align: justify;">„Wie geht es dir?“<br />
„Geht so“, antwortete sie.<br />
„Und von einer Skala von eins bis zehn, wobei eins sehr schlecht und zehn sehr gut ist?“, fragte er.<br />
Alena schaute ihn schief an. Sie mochte das nicht. Weil man seine Gefühle nicht einfach in Zahlen einordnen konnte und heute hatte sie einfach keine Lust auf dieses Spielchen. Einmal hatte sie geantwortet, dass nur Männer etwas in Zahlen einordnen würden und Herr V. hatte gelacht. Sie mochte seinen Humor und es machte Spaß mit ihm zu witzeln. Aber heute nicht und das merkte er. Er fragte nicht mehr weiter.</p>
<p style="text-align: justify;">Alena erzählte von den letzten zwei Wochen, vom Studium und vom Alltag. Und irgendwann erzählte sie davon, wie elend schwierig alles war und davon, dass zwar alles irgendwie funktionierte, aber dennoch immer so viel Anstrengung kostete.<br />
„Das ist zum Kotzen! Das ist fast jeden Tag eine Quälerei. Alles was für andere völlig normal erscheint ist eine Quälerei!“, erklärte Alena.<br />
„Welche Situationen meinst du denn genau?“<br />
„Alles!<br />
Angst, dass man in den Übungen angesprochen wird, vor den praktischen sowieso, weil man keinen Partner finden könnte, obwohl das Blödsinn ist, da es zahlenmäßig extra so aufgeteilt wurde. Dass man etwas falsch macht und man jemanden fragen muss oder gar nicht weiß, wie es geht und und und. Vor allem ist der Professor ein Idiot.<br />
Ach, und man muss so schrecklich viel organisieren. Generell.<br />
Und eine Kommilitonin fragt oft, ob ich Lust habe abends etwas zu unternehmen. Hab’ ich nicht, aber es ist mir zu dumm jedes Mal Ausreden zu überlegen. Der Alltag und die Menschen sind so anstrengend, dass ich abends schlafen muss, damit das Sprechen am nächsten Tag wieder funktioniert. Aber wer versteht das schon? Andere unternehmen gern etwas. Als Entspannung. Ich hab’ da keine Entspannung.<br />
Hab’ ich was vergessen? Ach, und zu Hause natürlich. Das ist auch schwierig.“<br />
&#8220;Aber du machst alles?&#8221;<br />
&#8220;Ja. Aber es ist schwierig!&#8221;</p>
<p style="text-align: justify;">Herr V. merkte, dass er dazu nicht viel sagen konnte, denn Alena hatte die besseren Argumente. Weil es eben einfach schwierig war. Tatsache.<br />
Auf den Versuch Lösungen zu finden, ging sie nicht ein. Sie wollte keine Lösungen, weil es keine mehr gab, die sie nicht schon kannte und die leicht waren.<br />
„Okay, man muss nicht immer Lösungen finden…“, entgegnete er.</p>
<p style="text-align: justify;">„Ich möchte einen Zauberer. Das wäre eine gute Lösung. Einen Zauberer, der alles ein bisschen leichter und weniger schwierig zaubern könnte. Das wäre wirklich schön. Ein Zauberer…“<br />
Und Tränen liefen die Wangen hinunter.</p>
<p style="text-align: justify;">Er schaute komisch. Komisch, weil er so noch nie geschaut hatte. Irgendwie so voller Leid. Mitleid. Aber nicht bemitleidend sondern so, als würde er es gerade mehr als alles andere verstehen und auch fühlen. Komisch war das. Als berührte es ihn zutiefst. Als berührte Alena ihn zutiefst. Irgendwie hatte er ein schmerzverzehrtes Gesicht und seine Stimme war sehr leise.</p>
<p style="text-align: justify;">„Hast du schon mal darüber nachgedacht, Medikamente zu nehmen?“, fragte er nach einer langen Weile.<br />
Hm?! Sie funkelte ihn böse an.<br />
Sie schwieg. Wut stieg in ihren Bauch.<br />
Und das war eine Lösung? Tabletten nehmen? Darüber hatten sie doch schon einmal geredet. Vor einigen Jahren und das endete auch nur in Wut, weil sie keine kleinen Pillchen nehmen wollte. Weil damit auch nichts besser werden konnte. Das war einfach nur die einfachste Lösung. Tabletten schlucken, wie ein Psycho. Das ging all die Jahre ohne und deshalb wollte sie auch jetzt keine Medikamente haben. Alena hatte die Depressionen besiegt und hatte aufgehört sich selbst zu verletzen. Das war alles viel schlimmer gewesen, als jetzt. Deswegen nimmt man jetzt auch keine Tabletten! Irgendwie wäre das ein Zeichen von Schwäche gewesen.<br />
Sie war wütend, weil Herr V. diesen Vorschlag machte und wütend, weil er es sich leicht machte. Es sollte leicht sein, aber nicht so.<br />
Außerdem hatte Alena Angst davor, mit Medikamenten nicht mehr echt zu sein. Zugedröhnt und beeinflusst. Oder ausgeschaltet und anders. Nein, keine Medikamente!</p>
<p style="text-align: justify;">Sie war so wütend, dass sie nicht sprechen konnte, weil sie sich kontrollieren musste. Sonst hätte sie geschimpft und geschrien und das ging nicht.<br />
Herr V. redete weiter, fragte warum, was sie dachte, dass sie die Wut heraus lassen sollte. Und dass Alena mal wieder nicht sprechen konnte, machte sie nur noch wütender.<br />
Sie hatte keine Lust mehr, wollte nach Hause. Sie sprang auf und nahm ihre Tasche.<br />
„Geh’ bitte nicht…“, sagte er und da stand sie, an der Tür und schaute ihm in die Augen.<br />
Nein, eigentlich konnte sie auch gar nicht gehen.  Das war schon immer so gewesen, dass sie bei einem Streit oder Unstimmigkeiten nicht einfach gehen konnte. Erst, wenn es wieder gut oder besser war, weil man sich in Frieden verabschieden sollte. Und deshalb blieb sie bis zum Schluss. Sie setzte sie wieder.</p>
<p style="text-align: justify;">Herr V. fragte am Ende der Stunde, wann sie den gern wieder kommen würde. Alena zuckte mit den Schultern.<br />
„Ich glaube es ist besser, wenn du ziemlich bald wieder kommst.“<br />
Sie nickte und sah ihm zu, wie er in seinem Terminkalender blätterte.<br />
„Freitag in zwei Wochen, ist das okay?“<br />
Sie nickte wieder.<br />
Er schrieb den Termin auf einen Zettel.<br />
Und sie ging. Sie schaute beim Türschließen nicht noch mal zurück, nicht wie sonst immer. Da schenkte sie ihm immer ein Lächeln zum Abschied.<br />
Heute nicht. Alena war müde. Bis in zwei Wochen.</p>
<h3 style="text-align: right;"><strong>Cut.</strong></h3>
<p style="text-align: justify;">Am Sonntag schrieb Alena ihm eine e-Mail. Sie schrieb all ihre Gedanken auf, die sie am Freitag nicht sagen konnte. Warum sie wütend war und warum sie keine Medikamente nehmen wollte.<br />
Die e-Mail Adresse hatte Herr V. ihr erst vor kurzem gegeben. Damit sie ihm schreiben konnte, wenn das Anrufen mal nicht funktionierte, hatte er gesagt. Das war nett und deshalb schrieb sie.<br />
Und danach malte Alena einen Zauberer. Einen Zauberer, der das Leben leicht zauberte. Einfach so.</p>
<p style="text-align: justify;">
<div id="attachment_1392" class="wp-caption aligncenter" style="width: 302px"><a href="http://www.mutismusblog.de/wp-content/uploads/2010/03/zauberer.jpg"><img class="size-full wp-image-1392   " title="Zauberer © mutismusblog.de" src="http://www.mutismusblog.de/wp-content/uploads/2010/03/zauberer.jpg" alt="Zauberer © mutismusblog.de" width="292" height="257" /></a><p class="wp-caption-text">Zauberer © mutismusblog.de</p></div>
<p style="text-align: justify;">In der nächsten Nacht schlief sie furchtbar. So schlecht hatte sie sicherlich noch nie geschlafen. Es war so, als wäre sie die ganze Nacht wach gewesen. Und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie sich beim Schlafen selbst sehen konnte. Dass sie überall war und durch die Welt wanderte. Furchtbar komisch war das.</p>
<h3 style="text-align: right;"><strong>Cut.</strong></h3>
<p style="text-align: justify;">Es war Freitag. Schon dreimal hatte die unbekannte Nummer angerufen. Alena ging nicht ran. Sie mochte es nicht, wenn sie nicht wusste, wer anrief.<br />
Aber das war nun der vierte Anruf. Irgendwie schien es dann doch wichtig zu sein.<br />
Beim nächsten Mal, gehe ich ran, dachte sie und hoffte insgeheim, dass der Unbekannte nicht noch einmal anrufen würde.<br />
Aber da klingelte es wieder.<br />
„Ja?“<br />
„Alena, hallo. Ich bin’s Frau G.“<br />
„Oh, hallo“ und ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Frau G., ihre Lieblingsbetreuerin aus der psychiatrischen Klinik, mit der sie immer noch ab und an Kontakt hatte. Sie hatte schon lange nicht mehr angerufen.<br />
„Alena? Bist du allein?“<br />
Hm? Wieso fragte sie, ob ich allein sei?<br />
„Ja, bin ich. Ich bin in meiner Wohnung.“<br />
„Hm. Sitzt du?“ Ihre Stimme zitterte.<br />
Häh? Wieso sollte Alena sitzen? Sie konnte auch im Stehen telefonieren. Oder ist etwas passiert? Wie im Fernsehen. Da sieht man das manchmal, dass Menschen fragen, ob man sitzt. Musste sie den Therapietermin nächste Woche absagen? Ist Herr V. im Krankenhaus, wie schon einmal? Und da hatte sich Frau G. mit Alena getroffen. War das so?<br />
„Ja.“<br />
„Herr V….<br />
Herr V. ist am Sonntag, in der Nacht, gestorben…“, flüsterte Frau G. leise und man hörte, wie sie mit den Tränen kämpfte.</p>
<p style="text-align: justify;">Zittern. Am ganzen Leib Zittern.<br />
Das Herz, das donnerte  bumm, bumm, bumm und übertönte das Schweigen.<br />
Das Blut schoss in den Kopf.<br />
Und die Tränen und der Nebel um die Augen.<br />
Filmriss.</p>
<p style="text-align: justify;"><span style="color: #000000;">Die Welt, die ging heute für immer kaputt.</span></p>
 <p><a href="http://www.mutismusblog.de/?flattrss_redirect&amp;id=839&amp;md5=b8d76a30af2a40aec908e625f8acf4ef" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.mutismusblog.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Die Geschafftes-Liste</title>
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		<pubDate>Mon, 25 Jan 2010 18:27:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Früher – das war so 2006 und 2007, als ich anfing viele Dinge zu machen – habe ich eine Geschafftes-Liste geführt. Ich habe alles, jede Kleinigkeit aufgeschrieben, die Überwindung gekostet und mit Angst zu tun hatte. Irgendwie war es toll, die ganzen kleinen Fortschritte aufgelistet zu sehen. Und wenn etwas geschafft war, dann kam ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Früher – das war so 2006 und 2007, als ich anfing viele Dinge zu machen – habe ich eine Geschafftes-Liste geführt. Ich habe alles, jede Kleinigkeit aufgeschrieben, die Überwindung gekostet und mit Angst zu tun hatte.<br />
Irgendwie war es toll, die ganzen kleinen Fortschritte aufgelistet zu sehen. Und wenn etwas geschafft war, dann kam ein Kreuz davor und die Liste wuchs und wuchs.</p>
<p style="text-align: justify;">Heute mache ich das nicht mehr. Ich glaube, wenn ich es noch tun würde, könnte ich jeden Tag etwas auf diese Liste schreiben, denn an so vielen Dingen bin ich schon reicher geworden.<br />
Und wenn ich diese Liste aus der Vergangenheit selbst so lese, komme ich mir albern und komisch vor. Wäre heute jede Kleinigkeit noch solch ein Kraftakt und Kampf, würde ich sicherlich durchdrehen. Ja, es ist besser. Viel besser.<br />
Heute muss ich mir nicht mehr Stunden vorher Gedanken machen, wie ich im Supermarkt Hackfleisch kaufen kann, sondern nur noch dann, wenn ich auch wirklich im Supermarkt stehe. Und dann reicht in Gedanken auch nur ein kurzes „auf geht’s!“ und muss nicht minutenlang mit mir hadern und irgendwelche Runden im Laden drehen.</p>
<p>Aber lest selbst:</p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: xx-small;">[<span style="color: #3366ff;">x</span>] <span style="color: #333333;">habe etwas beim Bäcker gekauft.</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: xx-small;">Zum Mittagessen. Eine Bäckerei etwas abseits vom Stadtgeschehen. Mit wenigen Leuten. Beim Bäcker sagt man, was man gern kaufen möchte. Bei unbekannten Bäckereien muss man sich darüber erst im Klaren sein.  Vielleicht schnell und spontan entscheiden und wählen. Ich habe noch nicht oft in einer Bäckerei gekauft. Um genau zu sein, ich selbst, ich allein, mit heute, <strong>dreimal</strong>. Kann ich zählen. Beim Metzger noch nie.<br />
Es hat funktioniert. Irgendwie locker. Habe sogar gefragt, was in dem Teigding drin ist, bevor ich es gekauft habe.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: xx-small;">[<span style="color: #3366ff;">x</span>] <span style="color: #333333;">habe etwas an der Fleischtheke im Supermarkt gekauft.</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: xx-small;">Geplant war eigentlich ein normaler Supermarkteinkauf für das Abendessen und dafür brauchte ich Hackfleisch. In vielen Supermärkten ist das ja schon fertig abgepackt zur Selbstbedienung. Hier auch, nur gab es dort nicht die richtige Menge, sondern wirklich viel zu viel. Machte mir schon Gedanken, was ich nun tun sollte – das ganze Rezept verwerfen &#8211;  und stellte mich aber irgendwie &#8211; fast wie von Geisterhand geschoben, zur Fleischtheke, an der noch bedient wird. Ich sagte, was ich haben wollte, worauf die Verkäuferin mir sagte, dass sie Hackfleisch nur abgepackt haben. Sie zeigte mir die Päckchen, die ich schon gesehen habe und ich teilte ihr irgendwie mit, dass dies viel zu viel sei. Darauf machte sie eines auf und verpackte mir meine Menge neu. Die Frau kam aus Osteuropa, was die Kommunikation etwas erschwerte, weil sie mich kaum verstand und nicht gut Deutsch sprach.<br />
Die Kassiererin war sehr sprachfreudig und fragte, ob ich zwei Cent klein hätte. Anstatt dies zu verneinen, weil ich es nicht mag an der Kasse im Portemonnaie zu wühlen und eine ganze Schlange hinter mir steht, suchte ich brav das Kleingeld zusammen.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: xx-small;">[<span style="color: #3366ff;">x</span>] <span style="color: #333333;">habe etwas aus der Apotheke geholt.</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: xx-small;">Ich finde es geht besser. Lockerer. Gut, anfangs war es schwieriger. Bin an vielen Apotheken vorbeigegangen. Aber in der Innenstadt gibt es sehr viele Apotheken, also immer wieder neue Chancen. Als ich mich dann für die vierte entschieden hatte, hatte ich das Glück eine etwas verwirrte Apothekerin zu haben. Glück zum Üben oder so ähnlich. Etwas verwirrt. Sie vergaß mir mein Wechselgeld zu geben. Ich habe sie darauf aufmerksam gemacht. Und wenn ich nun darüber nachdenke, war es eigentlich Blödsinn. Diese zwei Cent. Sie hat mir sogar eine Probe und Taschentücher geschenkt. Wegen zwei Cent. Mutisten verschweigen das. Aber es geht um das Prinzip. Mein Wechselgeld. Und ich habe sie mit meiner Stimme, meinen Worten darauf aufmerksam gemacht, dass sie es vergessen hat. <strong>Mehr als zwei Cent wert</strong>. </span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: x-small;">[<span style="color: #3366ff;">x</span>] <span style="color: #888888;">h<span style="color: #333333;">abe an einer Umfrage teilgenommen.</span></span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: xx-small;">Im Zug lief die ganze Zeit eine junge Frau umher, die die Fahrgäste befragte. Auch mich. Vielleicht traute ich mich aber auch einfach nicht sie abzuweisen, als sie mich fragte, ob sie mir einige Fragen stellen dürfte. Jedenfalls nahm ich spontan an einer Umfrage teil und beantwortete fremde Fragen. Irgendwie nichts besonderes, noch nicht einmal etwas Geschafftes, aber Menschen mit Mutismus  bevorzugen nicht mit Fremden zu sprechen. </span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: xx-small;">[<span style="color: #3366ff;">x</span>] <span style="color: #333333;">habe zwei ausgeliehene DVD&#8217;s zurückgebracht.</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: xx-small;">Ich habe es ganz allein gemacht. Irgendwie hatte ich Angst. Es gibt Dinge, wie im Supermarkt oder Geschäft einkaufen, die bereiten mir nur noch unangenehme Gefühle, da ich sie schon oft getan habe. Aber das heute tat ich eben noch nie. Aber im Nachhinein war es sichtlich einfach. Sehr sogar. Und komisch. So selbstständig, irgendwie erwachsen. Als könnte ich auch fort von zu Hause leben, ohne Hilfe, die ich eigentlich gar nicht brauche, damit ich mich noch mehr entwickeln und weiter gezwungenermaßen üben kann.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: xx-small;">[<span style="color: #3366ff;">x</span>]<span style="color: #333333;"> habe mit dem Therapeuten telefoniert.</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: xx-small;">Habe überlegt, ob ich das Kreuz weglasse und schreibe &#8220;habe den Therapeuten angerufen“, weil ich ihn ja anrufen <span style="text-decoration: line-through;">musste</span> wollte.  Ich scheiterte. Rief ihn nicht an. Dennoch scheiterte ich  irgendwie auch nicht. Weil er selbst anrief und ich unbeschwert an das Handy ging, als es klingelte. Und danach dachte ich daran, wie unmöglich es vor noch gar nicht so langer Zeit schien überhaupt mit ihm durch das Telefon zu sprechen. Dachte das ginge niemals. Konnte es mir noch nicht einmal auch nur vorstellen. Und deswegen bin ich absolut nicht gescheitert.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: xx-small;">[<span style="color: #3366ff;">x</span>] <span style="color: #333333;">habe nochmal telefoniert.</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: xx-small;">Diesmal habe ich ihn angerufen. Auf der Station der Psychiatrie, weil ich meinen Therapeuten sprechen <span style="text-decoration: line-through;">musste</span> wollte. Das Problem hierbei war, dass ich zuerst auf der Station anrufen musste und natürlich nicht weiß, welcher Betreuer an das Telefon geht. Es war ein sehr netter. Außerdem ist es oft sehr schwierig den Therapeut zu erreichen, da er wohl ein beschäftigter Mann ist. Aus diesem Grund sagte mir jener Betreuer freundlich, dass er gerade nicht da wäre und ich ab dreizehn Uhr nocheinmal anrufen sollte. Also nocheinmal. Bin ich denn verrückt? Ich habe angerufen.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: xx-small;">[<span style="color: #3366ff;">x</span>] <span style="color: #333333;">habe wieder telefoniert.</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: xx-small;">Der gleiche Betreuer war dran, der Therapeut da. Ich wollte wegen des Termins anrufen, weil ich es nicht pünktlich schaffen würde. Ich weiß nicht, ob der Therapeut sehr überrascht war. Schließlich war es das <strong>erste Mal</strong>, dass ich dort <strong>angerufen</strong> habe. Premiere quasi. Ach, bin ich stolz. So sehr, dass ich unbedingt hüpfen musste. Vor Freude natürlich. Hüpfen. Das Unmögliche ist gar nicht so sehr unmöglich.</span></p>
<p style="text-align: right;">und was würde ich jetzt <span style="text-decoration: underline;"><a href="jahresruckblick-2009/">geben</a></span>, um mit ihm telefonieren zu können&#8230;?</p>
 <p><a href="http://www.mutismusblog.de/?flattrss_redirect&amp;id=684&amp;md5=908bbc4be0f29ef8173553e339e370a8" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.mutismusblog.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Fahrplanauskunft ll</title>
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		<pubDate>Mon, 18 Jan 2010 09:58:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Fahrplanauskunft I Alena lag auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Das bedruckte Papier vom Bahnhof lag auf dem Schreibtisch. Wie ärgerlich das doch ist, dachte sie. Die falsche Zugverbindung. Gut, an sich, war es nicht völlig falsch. Die Fahrtzeiten in die Stadt standen auf dem Zettel. Aber ab dem Bahnhof musste man noch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><span style="text-decoration: underline;"><a href="http://mutismusblog.de/fahrplanauskunft-l/">Fahrplanauskunft I</a></span></p>
<p style="text-align: justify;">Alena lag auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Das bedruckte Papier vom Bahnhof lag auf dem Schreibtisch. Wie ärgerlich das doch ist, dachte sie. Die falsche Zugverbindung. Gut, an sich, war es nicht völlig falsch. Die Fahrtzeiten in die Stadt standen auf dem Zettel. Aber ab dem Bahnhof musste man noch einmal mit dem Bus fahren und die Busverbindung war falsch. Der Mitarbeiter von der Bahn musste die genaue Straße wohl falsch verstanden haben. Und das lies ihr einfach keine Ruhe. Sie wollte einen richtigen Zettel  mit ihren Zugverbindungen haben.<br />
Es war 18.30 Uhr, Zeit für das Abendessen. Langsam schlurfte Alena in den Gruppenraum, in dem nicht nur die Gruppentherapie stattfand, sondern auch die Mahlzeiten eingenommen wurden. Alena setzte sich neben Maike, die sich mit Dennis unterhielt. Nach und nach folgte der Rest, bis alle da waren.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Abendessen, zurück in Alenas Zimmer, klopfte es plötzlich an der Tür. Maike und einige andere Mädchen warfen ihre Köpfe zur Tür herein. „Möchtest du mit in den Abendausgang kommen? Wir wollen zum Bahnhof.“ Ja, warum nicht. Die Sonne geht gerade so hübsch unter, dachte sie. „Ja.“<br />
Es war der letzte Abendausgang in diesem Sommer. Nach dem Abendessen durfte man nur im Sommer noch einmal bis um 20.15 Uhr die Station verlassen. Im Herbst und Winter dann nicht mehr, da es dunkel wurde. Als würde die Dunkelheit die kleinen Patienten auffressen, dachte Alena. Sie möchte es im Dunkel spazieren zu gehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Alena und vier andere Mädchen gingen zum Bahnhof. Zwei wollten irgendwie Zigaretten bekommen – sie waren erst 14 – und die anderen beiden Zeitschriften und Süßigkeiten für den Abend kaufen.<br />
Ja, der Bahnhof. Und eigentlich könnte Alena noch einmal beim Servicebereich vorbeischauen. Nur schauen. Mehr nicht. Die Lage checken, wie sie manchmal scherzhaft zu Herr V. sagte, wenn sie erstmal nur beobachten wollte.<br />
Der Weg zum Bahnhof war nicht lang. Sie sagte den anderen, dass sie nicht mitkomme. Sie müsse etwas erledigen und dann stand sie aufeinmal allein in der Bahnhofshalle. Der Bahnhof war viel leerer. Nicht mehr so viele Menschen, wie am Mittag waren unterwegs. Und hinter den Tresen saßen nur eine Frau und ein Mann, ein anderer als am Mittag. Ein Fahrgast mit einem großen schwarzen Koffer und glatt gekämmtem Haar stand an seinem Tresen. Wenn Alena da nun reingehen würde, könnte sie nicht mehr so einfach wieder rausgehen. Dann gab’s kein Zurück mehr, denn alles war so menschenleer, dass jeder Alena bemerken würde.<br />
Okay. Durchatmen und gehen. Genau, wie heute Mittag.<br />
Gehen.<br />
Und sie ging.<br />
Das Herz schlug ihr wieder bis zum Hals. Aber diesmal versuchte sie es zu ignorieren. Adrenalin schoss durch ihren Körper und er fühlte sich irgendwie merkwürdig kühl an.<br />
Alena ging durch die Glastür und den mit Bändern markierten Weg für eine lange Schlange entlang. Links, rechts, links, rechts – warum musste man die Markierungen so stehen lassen, wenn doch gar keine Menschen mehr hier waren? Daran, dass so ein langer Weg für jemanden, der gerade Todesängste durchstehen musste, sehr ungeeignet war, dachte niemand.<br />
Endlich war sie bei der Frau. Es war eine blonde, freundlich aussehende etwas fülligere Frau.<br />
„Hallo!“<br />
„Hallo. Ich bräuchte eine Fahrplanauskunft.“<br />
„Von wo nach wo denn?“, fragte die Frau.<br />
„Von hier zur Berufsschule und wieder zurück.“<br />
Sie tippte.<br />
„Okay. Morgens hin und am Nachmittag zurück?“<br />
„Genau.“<br />
Der Drucker ratterte.<br />
„Ich habe Ihnen ein paar Verbindungen ausgedruckt“, sie zeigte Alena den Zettel.<br />
Alena schaute ihn an. Da stand als Endhaltestelle „Berufsschule“! Es stimmte!<br />
„Danke“, sagte sie freundlich und lächelte.<br />
„Tschüss.“<br />
Ihr Herz schlug noch immer laut. Es war als wollte es nicht leiser werden. Aber diesmal wohl vor Stolz. Und vor Erleichterung. Aufeinmal fühlte es sich so an, als wäre sie schwerelos, wie eine Feder. Als hätte sie tausende von Kilogramm verloren. Und eigentlich hätte sie auch den ganzen Bahnhof umarmen können, würde er in ihre Arme passen.<br />
Ich glaube, ich zerspringe, dachte sie. Das ist ja besser als alles, was ich jemals gefühlt habe.</p>
<p style="text-align: justify;">Zurück auf der Station erzählte sie es sofort. Das musste man einfach erzählen. Darüber konnte man nun wirklich nicht schweigen. Außerdem strahlte Alena bis über beide Ohren, das konnte  auch niemand übersehen ohne zu fragen, was passiert war.<br />
Frau Förster schaute sie skeptisch, aber erfreut an. Wahrscheinlich dachte sie, so etwas Verrücktes konnte Alena gar nicht gemacht haben. Sicherlich hatte sie bei der Teambesprechung schon von Alenas Ausflug am Mittag  mit Herr V. gehört und wie schwer es ihr gefallen war.<br />
Aber konnte man machen. Sogar Alena.<br />
Weil es einfach nicht ging, wenn man die falsche Auskunft hatte. Das war so, als hätte man etwas angefangen und konnte es nicht zu Ende bringen. Und das funktioniert doch einfach nicht! Der ganze Kampf am Mittag hätte nicht umsonst sein können!</p>
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		<title>Fahrplanauskunft l</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Dec 2009 20:48:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Na, dann lass&#8217; uns losgehen, zum Bahnhof“, sagte Herr V. mit einem Lächeln. „Wie, was? Jetzt?“, fragte Alena skeptisch. „Ja. Oder spricht etwas dagegen?“ Nein, an sich nicht. Aber trotzdem ging das nicht einfach mal eben so. Und schon gar nicht heute und jetzt. Da muss man drüber nachdenken. Man muss sich vorbereiten und Nächte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">„Na, dann lass&#8217; uns losgehen, zum Bahnhof“, sagte Herr V. mit einem Lächeln.<br />
„Wie, was? Jetzt?“, fragte Alena skeptisch.<br />
„Ja. Oder spricht etwas dagegen?“<br />
Nein, an sich nicht. Aber trotzdem ging das nicht einfach mal eben so. Und schon gar nicht heute und jetzt. Da muss man drüber nachdenken. Man muss sich vorbereiten und Nächte darüber schlafen. Auch, wenn sie nun schon eine halbe Stunde der Therapie darüber geredet hatten. So schnell ging das nicht.<br />
Alena wollte wieder zur Schule gehen. Sie war nun schon vier Monate in der psychiatrischen Klinik und das neue Schuljahr hatte inzwischen begonnen. Extern, nannte man das hier und die Möglichkeit gab es. Viele Patienten gingen extern zur Schule. Nur war die Schule der anderen Patienten in derselben Stadt und nicht 40 Kilometer außerhalb. Und darum musste erst geschaut werden, ob das funktioniert und ob es eine Zugverbindung gab.<br />
Ehe Alena Argumente einfielen, was denn nun eigentlich dagegen spricht sofort zum Bahnhof zu laufen und sich eine Fahrplanauskunft zu holen, stand Herr V. schon in seinem Büro und schnappte sich seine Jacke, die über dem Schreibtischstuhl hing.<br />
„Lass&#8217; uns hoch gehen. Ich sag&#8217; schnell im Dienstzimmer bescheid und du holst deine Jacke“, sagte Herr V.<br />
Nein. Ich kann das nicht. Nicht jetzt, dachte Alena still und folgte Herr V.,  wie automatisiert, der schon den Schlüssel zückte, um seine Bürotür abzuschließen.<br />
Alena schlich in ihr Zimmer, schnappte ihre Jacke und hörte Herr V. gerade fragen, ob sie laufen oder mit der Straßenbahn fahren wollen.<br />
„Laufen!“ Dann ist mehr Zeit, dachte Alena.</p>
<p style="text-align: justify;">Und so gingen sie den kurzen Weg zum Bahnhof zu Fuß.<br />
„Wie geht es dir?“, fragte Herr V.<br />
„Ich kann das nicht“, antwortete sie gequält und verzog das Gesicht dabei vor Angst.<br />
Ihr war übel. Ihr Magen fuhr Achterbahn. Und alles tat ihr weh. Ihren Herzschlag konnte sie trotz der quietschenden Straßebahnen und der vorbeifahrenden Autos hören. Sie merkte selbst kaum, wie sie einen Fuß vor den anderen setzte und neben Herrn V. zum Bahnhof ging.<br />
Es war komisch neben ihm zu gehen. Überhaupt, war es komisch mit ihm irgendwo hin zu gehen, denn sie kannte ihn nur in seinem Büro als ihren Therapeuten. Drin. Draußen war ihre Welt. Da war sie allein.<br />
„Wir gehen da erstmal einfach nur hin“, schlug Herr V. mit beruhigender Stimme vor.<br />
Nur hingehen, sagte Alena zu sich selbst, damit sie nicht schlagartig umdrehte und zurück rannte.<br />
Sie gingen die Treppe zum Bahnhof hinauf, durch die Glastür und die große Bahnhofshalle entlang bis zum Servicebereich.<br />
In einem Glaskasten waren einige Schalter und dahinter saßen die Mitarbeiter. Es waren bestimmt insgesamt 10 Schalter und einige Reisende mit ihren Koffern waren auch dort. Das konnte man durch das Glas gut sehen.<br />
Alena blieb stehen. Reingehen geht nicht. Herr V. blieb auch stehen und schaute sie an. „Möchtest du hineingehen?“<br />
Alena schüttelte schnell und energisch den Kopf. Wenn sie irgendetwas tat, dann wäre das zurückgehen.<br />
„Weißt du, was du sagen möchtest?“, fragte Herr V.<br />
„Ich kann nicht“, antwortete sie diesmal noch gequälter. Man konnte Alena die Anspannung im Gesicht ansehen.<br />
Um sie herum war alles taub und verschwommen. Die ganzen Geräusche klangen Meter weit entfernt.<br />
Es war viel zu kompliziert nach einer Zugverbindung zu fragen. Es gab zig Möglichkeiten. Viel zu viele Wörter und Sätze. Und auch zig Antwortmöglichkeiten der Mitarbeiter.<br />
Ich möchte wieder zurück, dachte Alena. Ich kann das nicht!<br />
Aber zurückgehen war auch irgendwie nicht richtig. Nein! Sie wollte das können. Einfach wieder zurückgehen ging auch nicht. Gar nichts ging. Nicht vor und auch nicht zurück.<br />
„Ich könnte sagen, dass ich von hier zur Schule fahren möchte. Und dass ich dazu gern eine Fahrplanauskunft hätte“, sagte Alena plötzlich.<br />
„Das klingt gut.“</p>
<p style="text-align: justify;">Herr V. schlug vor, einfach mal hineinzugehen. Sie könnten ja dann wieder herausgehen, wenn es nicht klappte.<br />
Okay, Alena folgte ihm.<br />
In dem Glaskasten war alles ganz anders. Viel ruhiger. Und die Leute standen alle in einer Schlange und warteten bis sie an der Reihe waren. Es gab viele Schalter für den Fernverkehr und einen Schalter für den regionalen Verkehrsverbund. Man hörte das Klappern von Computertastaturen.<br />
Herr V. zeigte auf den regionalen Schalter. Dort stand kein Fahrgast und ein Mann hinter dem Tisch schaute sie an, als sie ein Stück näher kamen. Sofort drehte ihm Alena den Rücken zu und schaute nun Herrn V. an. Er schaute sie an und lächelte aufmunternd.<br />
Es geht nicht, hätte ihr Blick jammernd zu ihm gesagt,  wenn sie gesprochen hätte.<br />
Plötzlich ging sie schnell an Herrn V. vorbei und wieder hinaus. Draußen in der Bahnhofshalle war es besser. Da schlug das Herz nicht ganz so schlimm. Herr V. folgte ihr.<br />
„Fällt es dir leichter, wenn ich dabei bin oder draußen bleibe?“<br />
„Draußen bleiben“, antwortete Alena leise.<br />
„In Ordnung.“<br />
Herr V. drehte sich um und ging einige Schritte von ihr weg. Er tat so, als wäre er einer der Reisenden und würde warten. Auf irgendwas anderes und nicht auf sie, die gerade durch die Hölle ging. Herr V. ging bis zur großen Uhr und drehte sich um, um zurück zu schauen. Sie waren jetzt schon über eine halbe Stunde am Bahnhof. Alena verpasste gerade das Mittagessen und Herr V. würde sicher auch zu irgendwas zu spät kommen.<br />
Oh man, dachte Alena.<br />
Die Minuten vergingen, sie stand wie angewurzelt da. Sie hatte sich keinen Schritt bewegt. Irgendwann kam Herr V. wieder zurück.<br />
„Ich kann das nicht!“, Tränen quollen ihr aus den Augen hervor.<br />
Er schaute sie an und reichte ihr ein Taschentuch. Er wartete, bis sie sich wieder beruhigt hatte und legte seine Hand auf ihren Arm. „Soll ich noch mal weggehen?“<br />
„Ja“, flüsterte Alena und er drehte sich wieder um.<br />
Alena warf einen Blick hinter das Glas. Der Mann saß immer noch allein hinter dem Schalter und wartete auf Fragen. Für ihn war das völlig normal den ganzen Tag Fragen zu beantworten.<br />
Los jetzt! Gehen!<br />
Und sie ging hinein. Sie ging bis ans Ende der Schalter und auf den Mann zu, der sie wieder anschaute. Sie ging immer weiter bis sie vor ihm stand.<br />
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte er.<br />
„Hallo“, sagte Alena leise mit zitternder Stimme. Und sie sagte auch das, was sie sich vorher überlegt hatte. Dann hörte sie das Klappern der Tastatur, als der Mann ihre Verbindung in den Computer eingab.  Plötzlich fragte er, wer  denn der Mann sei, der vor einigen Minuten auch da gewesen war. Ob es Alenas Onkel wäre.<br />
Oh nein. Das muss für Andere sicherlich komisch ausgesehen haben. Ein Mann, der auf ein junges Mädchen einredet, das absolut gar nicht glücklich aussieht.<br />
„Nein“, antwortete Alena und schwieg dann. Sie konnte doch dem Mann nicht sagen, dass das ihr Therapeut war und sie doch eigentlich gar nicht sprechen konnte und das gerade übte.<br />
Sie wartete bis die Verbindungen hin und zurück ausgedruckt waren und verabschiedete sich leise, um ganz schnell wieder aus dem Glaskasten zu verschwinden. Aber diesmal mit einem Zettel in der Hand.<br />
Herr V. stand vor ihr, als sie wieder in der Bahnhofshalle stand. Er lächelte sie an. Und Alena strahlte beinahe. Zwar sah man ihr den Kampf, den sie gerade durchstehen musste an und sie konnte es eigentlich noch gar nicht richtig glauben, was sie soeben getan hatte, aber sie hätte bis über beide Ohren strahlen können.<br />
„Wie war es?“, fragte Herr V. und Alena erzählte ihm von dem Mann, der fragte, wer er sei.<br />
Herr V. lachte: „Aber es ist ja nett von ihm, dass er nachfragt und sich Sorgen macht um ein Mädchen, das von einem Mann angequatscht wird.“<br />
Alena lächelte auch. Ja, das war es.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie schaute stolz auf ihren ergatterten Zettel. Oh, verdammt. Es war falsch! Es war die falsche Verbindung! Da wollte sie doch gar nicht hin. Nein, verdammt! Da musste irgendwas schief gegangen sein. Ein Missverständnis.<br />
Sie fluchte. Das bedeutete, dass das ganze noch mal gemacht werden musste. All der ganze Mist und nun trotzdem ohne Ergebnis. Am liebsten hätte sie den Zettel vor Wut zerrissen. Alles umsonst!<br />
„Aber du warst da. Du hast es gemacht“, erinnerte sie Herr V. stolz.<br />
„Ja, aber…“<br />
Ja, sie hatte es gemacht. Und wenn sie darüber nachdachte, hatte sie so etwas noch nie in ihrem Leben gemacht. Noch nie. Und eigentlich konnte man die Gespräche mit fremden Menschen auch an einer Hand abzählen. Hatte sie überhaupt jemals schon mit Fremden gesprochen?<br />
Ja, aber es war doch die falsche Verbindung…</p>
<p style="text-align: right;"><span style="text-decoration: underline;"><a href="http://mutismusblog.de/fahrplanauskunft-ll/">Fahrplanauskunft II</a></span></p>
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