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Mutismuslos

Ich glaube, eigentlich habe ich gar keinen selektiven Mutismus mehr. Weil wenn selektiver Mutismus heißt, dass man selektiv schweigt, dann ist er weg. Denn ich schweige nicht mehr selektiv. Natürlich bin ich bei fremden Menschen kein Plappermaul und schweige, weil ich nicht erzählen kann. Weil ich nichts weiß oder alle anderen schon erzählen, es mir zu laut, zu fremd und zu unwohl ist. Aber ich schweige nicht mehr, wenn ich gefragt werde. So wie früher. Und ich meide auch nicht mehr so viele Stituation, in denen man sprechen muss oder theoretisch sprechen können müsste. Und ich bin auch nicht mehr so blockiert. Oder so steif, starr und außenrum tot, wenn andere Menschen dabei sind, sodass ich – wie früher – kein einziges Wort aus der Kehle bekomme, nicht mehr weiß, wie man Worte formt und auch der Kopf völlig wortlos ist. Wenn nur das Mutismus ist, dann habe ich keinen mehr.
Vielleicht habe ich “nur noch” eine soziale Phobie. Eben nur noch Angst und Unwohlsein vor und mit Menschen. Aber Selbstdiagnosen mag ich nicht. Und mein Therapeut ist tot und einen neuen will ich nie mehr haben. Also weiß ich nicht, was ich denn noch habe und was nicht mehr. Aber eigentlich ist es auch egal. Egal, wie’s heißt, ich fühl mich trotzdem so, wie ich es immer tat und hier immer schreibe und deswegen schreibe ich weiter. Ob ohne oder mit Mutismus. Und auch wenn ich nicht mehr schweige, mutismuslos bin, schweigsam bin ich trotzdem.

Gesellschaftsspiele

Plötzlich schlug ihr das Herz bis zum Hals. Daran hatte sie nun überhaupt nicht gedacht. Verdammt. Panik breitete sich aus. Wie ein ekelhafter Parasit durchströmte sie blitzschnell Alenas ganzen Körper. Von Kopf bis Fuß, bis sie oben angelangt war und ihr den Kopf benebelte, sodass sie nicht mehr klar denken konnte.
Was sollte sie denn nun tun? Wieso hatte sie das nicht bedacht? Dann wäre sie doch gar nicht hier hin gegangen. Warum? Blöd war sie irgendwie gewesen. Wieso fiel ihr das nicht vorher ein, dass sie eventuell auch Gesellschaftsspiele spielen wollten? Warum nur…

Sie merkte, wie ihr Gesicht ganz kalt wurde und überlegte kurz, ob es nun auch die Farbe verloren hatte und ob die anderen es bemerkten. Ihre Hände verloren jedenfalls die Farbe und waren nun mehr weiß als warm und rosig. Sie schmerzten.
Und ihr Blick musste eisig und starr geworden sein, denn aufeinmal hörte sie die Frage, ob alles in Ordnung sei.
Ja, sagte sie, wie aus der Pistole geschossen, weil niemand merken sollte, dass es nicht so war.
ER schaute sie an. ER wusste, was los war. Dass das nicht ging. Dass sie keine Spiele spielen konnte. ER schaute fragend. So als ob ER fragen wollte, ob es wirklich okay war. Aber was sollte sie darauf antworten? Nein, es war nicht okay. Sie konnte keine Spiele spielen und wäre am liebsten verschwunden. Am liebsten hätte sie IHM gesagt, dass sie nach Hause gehen möchte, doch sie wusste nicht, wie sie das anstellen sollte ohne dass sie es hätte sprechen müssen. Dann würden es nämlich alle hören und das ging nicht.
Sie schaute IHN tief und durchdringend an. Sie fixierte SEINE Augen und wünschte sich, dass ER Augen lesen konnte. Dass man Gedanken in Augen sehen konnte und dass ER nun wusste, dass sie nicht länger bleiben konnte. Aber ER merkte es nicht. Woher auch.
ER nahm ihre Hand in SEINE und hielt sie fest. ER würde sich bestimmt hilflos fühlen, dachte Alena. Weil ER wusste, wie es in ihr drin aussah und nicht wusste, was ER tun sollte.
Plötzlich fragte ER, ob es in Ordnung sei, wenn sie spielen würden. Und da es nicht leise genug war, sodass es der ganze Tisch mitbekam, nickte sie wieder. ER hätte leiser fragen sollen, dachte sie. Dann hätte sie mit dem Kopf geschüttelt und niemand hätte es gesehen. Aber selbst dann hätte ER nicht gewusst, was ER tun sollte und es wäre eine blöde Situation gewesen für IHN. So hielt sie nur SEINE Hand fest in ihrer und hoffte, dass es besser werden würde. Das mit der Angst.

Eigentlich war’s mehr als Angst. Fast schon Panik. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, wippte abwechselnd mit den Beinen und versuchte der Diskussion, welches Spiel gespielt werden würde, zu lauschen. Das war schwierig, denn ihre Ohren waren benebelt. Die Stimmen klangen so, als wären sie meterweit entfernt. Sie waren leise und verschwommen. Dabei hätte sie eigentlich zuhören wollen. Damit sie wusste, was auf sie zu kam. Vielleicht war’s ja ein leichtes Spiel. Oder eines, was sie bestenfalls schon kannte, auch wenn sie nicht viele Spiele kannte.
Sehr schlimm wäre es, wenn es kompliziert war. Sie musste nur daran denken und schon fühlte sie den Schwindel, den man vor Angst bekommt, wenn sie besonders groß ist. Es ging beim Spielespielen eigentlich gar nicht so um’s Reden. Oft musste man auch gar nicht reden. Außer man spielte solch blöden Spiele, wie ‘Tabu’. Vielmehr ging’s um das Verstehen der Spieleanleitung. Da sie kaum spielte, kannte sie auch wenig Spiele, weswegen die Wahrscheinlichkeit groß war, dass man ihr das hätte erst erklären müssen. Und das war das Problem. Dann war sie immer so angespannt und voller Angst, sodass die Worte nur in die Ohren reingingen, aber nirgends ankamen. Jedenfalls nicht im Gehirn, sodass sie nach der Erklärung gewusst hätte, wie das Spiel funktionierte. Und das war blöd, wenn das Spiel erklärt wurde und sie’s trotzdem nicht verstand. Denn dann musste sie nachfragen und reden. Und sich wohlmöglich auch blamieren, weil sie sich wie der letzte Idiot fühlte. Ohne funktionierendes Gehirn. Das konnte sie am Spielen nicht. Das Zuhören, Verstehen und Umsetzen. Bei so vielen Menschen.

Am liebsten wäre sie tatsächlich weggerannt. Hätte alles stehen und liegen gelassen und wäre einfach gerannt. Besonders als sie hörte, auf welches Spiel sich die Gruppe geeinigt hatte. Natürlich kannte sie es nicht. Und auch, als sie einen beiläufigen Kommentar aus irgendeinem Mund aufschnappte, dass das Spiel nicht schwer sei, weil es offensichtlich noch mehr aus der Runde nicht kannten, wäre sie am liebsten gerannt.
Jetzt gab’s nur die Möglichkeit sich irgendwie davor zu drücken. Irgendwie. Aber sagen, dass sie nicht mitspielt, konnte sie auch nicht. Warum hätten sie sicherlich gefragt. Weil sie nicht wollte? Dann hätten sie ein anderes Spiel ausgesucht. Weil sie nicht spielte? Das konnte sie erst recht nicht sagen…

Ihr wurde schummrig, als das Spiel ausgepackt und aufgebaut wurde. Schwindelig war ihr nicht. Umgekippt wäre sie nicht. Aber es fühlte sich so an, als würde es bald soweit sein. Als wäre sie kurz davor. So, wie das ist, wenn die Augen kurz vor dem Schwarzwerden sind.
Sie wollte weg. Sie drückte SEINE Hand. Weg.

Geschafftes

Irgendwann hab’ ich mal von meiner Geschafftes-Liste geschrieben, die ich damals geführt hab’.
Wie dort schon gesagt, mache ich das heute eigentlich nicht mehr. Da ich aber gerade letzte Woche Dinge geschafft habe, die ich noch nie vorher gemacht habe, gibt es nun doch mal wieder eine kleine Geschafftes-Liste.

[x] Französisch gesprochen.

Letzte Woche, in Frankreich, hab’ ich zweimal in einer Boulangerie (Bäcker) Baguette und Schokoladencroissant auf Französisch gekauft. Ich hatte früher in der Schule einmal Französisch gehabt, alles wieder vergessen und nun versuche ich das seit einem Jahr neben dem Studium aufzufrischen. Das war dann sozusagen nicht nur eine Ich-spreche-in-Frankreich-Französisch-Premiere sondern auch eine generelle Fremdsprachen-Premiere, da das mit dem fremde Sprachen Sprechen (noch) nicht sonderlich gut klappt. Ähnlich mit Englisch. Ich verstehe eigentlich recht gut, nur sprechen kann ich nicht… Und deswegen muss das nun auf eine Geschafftes-Liste. Ich hab’ Französisch gesprochen, ich wurde verstanden und ich hab’ bekommen was ich wollte!

[x] in einer Gruppe von Menschen gesprochen.

Das hat bisher auch noch nie funktioniert. Ich erinnere mich da nur zu lebhaft an die Gruppentherapien, an denen ich damals in der Psychiatrie teilnehmen musste. Lange Zeit konnte ich kein einziges Wort sagen. Irgendwann dann kurze, zurecht gelegt Sätze, wie zum Beispiel “mir geht’s schlecht, ich gebe weiter”. Aber frei sagen, was ich denke, konnte ich nie. Normalerweise redet man einfach los und viele Gedanken entwickeln sich dann während dem Sprechen. Das kann ich nicht. Nicht in Gruppen. Dabei bin ich viel zu blockiert und hab’ dann ganz plötzlich absolut keine Gedanken mehr im Kopf, die man sagen könnte.
Aber diesmal hat’s irgendwie geklappt. Zwar hatte ich mir das im Kopf ein bisschen anders vorgestellt, aber ich hab’ in Gegenwart einer Gruppe (ähnliche Situation, wie bei einer Gruppentherapie: im Kreis sitzen, zuhören, volle Aufmerksamkeit bekommen) mehrere Sätze frei gesagt!

Essen

Essen ist, wenn man Mutismus hat, schrecklich kompliziert.
Alena hasste es, weil in der Klinik die Mahlzeiten zusammen im Gruppenraum eingenommen wurden. An einem großen Tisch. Und das Problem war, dass es nur wenige Schüsseln gab. So standen die Kartoffeln einmal am Tischende, das Gemüse in der Mitte und die Soße vielleicht am anderen Ende.
Als Mutist kann man nicht über den Tisch rufen „ich hätte gern mal die Kartoffeln.“ Und deswegen war das Essen kompliziert. Für Alena alles eine strategische Organisation. Das musste alles genau geplant werden.
Alena ging immer rechtzeitig zum Gruppenraum. Manchmal konnte sie dann dem Küchendienst helfen, den Tisch zu decken. Dann war alles weniger schlimm, weil sie das Essen so hinstellen konnte, dass sie überall ran kam und nicht rufen brauchte. Manchmal ging das nicht. Aber dann musste das Hinsetzten geplant werden. Dann musste Alena am besten so sitzen, dass sie an die Sachen kam, die sie auch aß. Kartoffeln mochte sie nicht so sehr. Das war okay, wenn die mal weiter weg standen. Wenn jemand fragte, warum sie keine Kartoffeln aß, konnte sie sagen, dass sie Kartoffeln nicht so gern mag. Die Wahrheit würde niemanden interessieren. Problematisch war das bei Dingen, die sie mochte.
Manchmal redete sie mit den Patienten, wenn sie allein waren. Da ging das Sprechen schon immer besser. Und was war, wenn sie irgendwann mal erzählt hatte, dass sie Rosenkohl eigentlich ganz gern mochte und dann stand der Rosenkohl völlig unerreichbar auf dem Tisch? Dann wär’s peinlich gewesen.
„Och, heute mag ich den Rosenkohl nicht mehr“, wäre eine völlig blödsinnige Antwort gewesen.
Manchmal hatte Alena Glück und da wurden die Schüsseln einfach durchgegeben. Dann war alles in Ordnung. Und manchmal saß ein Patient neben ihr, mit dem sie besser sprechen konnte. Dann konnte sie fragen, vorausgesetzt er oder sie kam ran. Und manchmal ging auch alles schief. Dann aß sie gar nichts.
„Ich habe keinen Hunger“, hatte sie dann auf Fragen geantwortet und wieder interessierte sich niemand für die Wahrheit. Weil es in Ordnung war mal keinen Hunger zu haben. Sie war ja schließlich nicht wegen einer Essstörung da. Dann wäre es nicht mehr so in Ordnung gewesen.
Problem aber war, wenn sie sagte, dass sie keinen Hunger hatte, konnte man da nicht mehr zurück. Und zu sagen „ach, jetzt hab’ ich doch ganz plötzlich Hunger bekommen“ nur weil  die Nudeln zufällig erreichbar waren, wäre völliger Blödsinn gewesen. Deshalb saß Alena dann meistens da, mit knurrendem Magen, an einem Tisch mit Essen. Schön war das. Ganz toll. Völlig festgefahren und ausweglos. Fertig mit der Welt. Weil man als Mutist noch nicht einmal vernünftig essen konnte!

Der Sportunterricht

Und schon wieder Sport. Warum muss die Woche immer so schnell vergehen, wenn sie es eigentlich gar nicht tun sollte, dachte Kevin und hatte schon den ganzen Morgen dieses komische flaue Gefühl im Magen gehabt, als wäre dieser Freitag der letzte Tag in seinem Leben.
Kevin hasste den Sportunterricht. Eigentlich war es sogar mehr als Hass, er verabscheute ihn. Und das lag nicht daran, dass er Sport nicht mochte oder unsportlich war, nein, Kevin konnte sich nicht bewegen. Genauso, wie er nicht sprechen konnte funktionierte auch das nicht.
Sein Körper war wie gelähmt. Alles bewegte sich nicht so, wie es sollte, oder wie es das zu Hause tat, wenn niemand da war und zuschaute. Die Arme funktionierten nicht und die Beine auch nicht. Alle Bewegungen waren irgendwie merkwürdig, unnatürlich. Natürlich konnte er den Arm heben, oder das Bein, aber es war steif. Und es sah komisch aus. Allein konnte er besser fangen, weiter werfen und springen und schneller laufen.
Kevin nannte es das Ding. Er hatte ein Ding in sich, was ihn versteinern und nicht sprechen lies. Und deswegen war der Sportunterricht für ihn eine Katastrophe.
Natürlich war er immer derjenige, der übrig blieb und als letztes gewählt wurde, wenn Teams gebildet werden sollten. Und wenn Kevin dann gezwungenermaßen einem Team zugeteilt wurde, verdrehten die anderen Jungs immer die Augen und gingen zu ihrem Spielfeld. Kevin trottete hinterher.
Wenn er denn wenigstens wirklich unsportlich wäre oder übergewichtig, wie Patrick – selbst er wurde noch vor ihm gewählt – dann wäre es ein vernünftiger und nachvollziehbarer Grund, weshalb er nicht gut in Sport war, dachte Kevin. Aber so war es nicht.
Manchmal konnte er sich drücken. Dann war er krank oder hatte sich verletzt. Und während er auf dem Spielfeld stand – Basektball wurde gespielt – dachte er daran, wie praktisch es wäre ein Mädchen zu sein. Dann hätte er einmal im Monat Unterleibschmerzen haben können und könnte gackernd auf der Bank sitzen und die Jungs beim Sport beobachten. Nein, könnte er nicht, weil er ja nicht viel sprechen konnte. Also würde er schweigend da sitzen. Aber immerhin sitzen.
„VORSICHT, KEVIN!“, schrie Steffen.
Mist, ein Korb. Die anderen seufzten. So was geht immer viel zu schnell. Manchmal zweifelte er sogar daran, ob mit seinen Augen alles in Ordnung sei, weil er manchmal keine Bälle sah, so schnell ging das. Aber mit den Augen war alles in Ordnung. Oder mit dem Gehirn. Weil Ball sehen, nachdenken, was zu tun ist, reagieren und bewegen in diesem Moment viel zu kompliziert war. Aber auch mit dem Gehirn war alles in Ordnung, denn zu Hause konnte er mit seinem besten Freund, den er schon seit dem Kindergarten kannte, Basketballspielen. Und sogar gut.
Dieses scheiß Ding, dachte er.
Sport war die Hölle. Drei Jahre Sportunterricht müsste er noch durchstehen. Nur noch drei Stück. Zehn hatte er schon. Da waren drei doch ein Zuckerschlecken. Drei Jahre. Wie viel Schulwochen waren das? 40? Egal, mehr als 120 Sportstunden waren das nicht mehr…

Wieder war eine Woche geschafft und wieder warf Kevin am Nachmittag die Tasche in sein Zimmer, zog sich um, ging raus und rannte. Er rannte die Feldwege um das Wohnviertel entlang und rannte und rannte. Musik im Ohr. Um den Kopf von der Woche freizubekommen. Und damit die Wut verschwand, die Wut über sich selbst, weil er so komisch war.

Mut-is(t)-mus(s)

mut-is-mus © mutismusblog.de

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Die Matheklausur

Säuberlich versuchte der Mathelehrer eine Tabelle mit geraden Linien an die Tafel zu zeichnen, in die er die Noten kritzelte. Der Notenspiegel. Er begann bei der schlechtesten Note. Es gab zwei Fünfen, Vierer und Dreier gab es am meisten, eine Zwei und eine Eins. Ein Raunen ging durch die Klasse, als der Mathelehrer die Kreide zurück  in den Kreidekasten an der Tafel legte.
Er begann mit dem Austeilen der korrigierten Klausuren und lief dabei kreuz und quer durch die Klasse. Je mehr verteilt wurden, desto lauter wurden die Schüler.
Kevin konnte Schimpfen und Kommentare zu den einzelnen Aufgaben aus dem Stimmengwirr wahrnehmen. Einige schienen erleichtert, andere enttäuscht zu sein.
Dann kam der Mathelehrer zu ihm, legte die Klausur auf den Tisch und sagte mit einem Grinsen: „Sehr gut. Nur Sie müssen an Ihrer mündlichen Mitarbeit arbeiten“ und ging zum nächsten Tisch.
Kevin schaute auf das Aufgabenblatt. Rechts oben in der Ecke stand die Note. Eine Eins. Eine schöne, glatte, mit rotem Stift geschriebene Eins sprang ihm entgegen. Es war die einzige Eins.
„Nicht schon wieder“, dachte er und setzte ein kurzes, schiefes Lächeln auf.
Klar war eine Eins gut. Und Kevin konnte auch stolz auf seine Leistung sein, doch richtig zufrieden war er damit nicht.
„Bringt mir sowieso nichts“, dachte er und stopfte die Klausur ohne sie genauer anzuschauen in seinen Block.
Das mit der mündlichen Mitarbeit, das geht eben einfach nicht. Es geht nicht. Alles ist an Kevin festgefroren. Die Hand, die man zum Melden braucht, lässt sich nicht in die Höhe strecken und die Lippen sind auch zusammen gefroren. Sogar die Stimmbänder in der Kehle sind es. Deswegen geht das nicht.
„Und was bringt schon eine Eins, wenn man mündlich eine Sechs hat“, überlegte Kevin. Gar nichts. Also sind Einsen überflüssig. Sie enttäuschen nur noch viel mehr, weil man daran erinnert wird, dass man niemals eine Eins auf dem Zeugnis haben kann. „Also will ich gar keine haben“, schwirrte in seinem Kopf umher. „Das zeigt mir nur immer wieder welch’ ein Versager ich bin.“
Nachdem der Mathelehrer alle Noten verteilt hatte, wurden die Aufgaben der Klausur besprochen.
„Hoffentlich ist die Stunde bald vorbei!“, dachte Kevin und versank weiter in Gedanken.

Das Referat

„Die Arteria femoralis – das ist die Oberschenkelarterie – ist für die Blutversorgung des Beins zuständig. Von ihr aus geht die Arteria profunda femoris ab, die die Muskulatur des Oberschenkels versorgt“, erklärte eine ihrer Mitschülerinnen der Klasse.
„Gleich. Gleich bin ich dran“, schwirrte Alena im Kopf herum. Ihr Herz begann nun mit jedem weiteren Wort der Klassenkameradin noch schneller zu pochen, als es das sowieso schon tat. Und eigentlich hatte ihr Herz zu Beginn der Unterrichtsstunde, vor einer halben Stunde, schon so schnell geschlagen, sodass man glaubte noch schneller kann das gar nicht gehen. Und heute morgen auch. Da war sie so aufgeregt und konnte um vier Uhr schon nicht mehr schlafen und auch keinen einzigen Bissen essen. Auf dem Weg zur Schule schmerzten ihre Fingerknochen so sehr, sodass sie die Finger am liebsten abgenommen und beiseite gelegt hätte. Das war immer so, wenn sie Angst hatte. Und das erste Mal übel wurde ihr schon, als die Lehrerin vor drei Wochen die Referate ankündigte und die Themen verteilte. Aber gut. So war es eben.

Ahh, nein. Sie ging. Sie ging. Sie war fertig mit ihrem Referat. Nun pochte das Blut sogar in Alenas Kopf. Sie konnte es an den Schläfen ganz deutlich spüren. “Alena, nun sind Sie mit dem Unterschenkel an der Reihe”, sagte die Lehrerin, nachdem sie auf ihre Liste schaute und den Oberschenkel abhakte.
Du musst jetzt die Zettel nehmen. Deinen Text und deine Karteikarten mit den Stichpunkten. Und das Bild von Schien- und Wadenbein.
All das hatte sie zuvor schon ordentlich auf ihren Tisch gelegt.
Nehmen. Nimm’ es! Beweg’ die Hand und nimm’ die verdammten Zettel.
Und dann musst du dich bewegen. Du musst mit dem Stuhl zurück rücken und aufstehen.
Alles ganz einfach, ist das.
Los, nun mach’ das endlich. Los, verdammt.
“Alena?”, ertönte die Stimme der Lehrerin und durchbrach die Stille. “Möchten Sie vortragen?”
Ja. Nein, eigentlich nicht. Wenn ich eine Wahl hätte. Aber hab’ ich nicht. Also ja, ja verdammt.
Steh’ doch verdammt nochmal endlich auf!
Die anderen, die gucken schon. Und denken bestimmt, ich spinn’. Gut, denken sie sowieso schon, aber nein, nicht jetzt schon wieder.
Nimm’ die Zettel und steh’ nun auf.
“Alena?”, sagte die Lehrerin wieder. “Ich habe nach dieser Stunde einen wichtigen Termin und kann nicht länger warten. Wollen Sie vortragen?”.
Festgefroren.
Stille. Und in mir ein tobender Kampf um alles. Um Leben und Tod.
“Okay. Dann ist es Hausaufgabe den Aufbau des Unterschenkels herauszuarbeiten.”

Schimpfen und das Packen der Taschen erfüllten den Klassenraum mit Geräuschen. Auch Alena packte ihre Sachen zusammen.
Schnell diese scheiß Zettel weg! Die will ich nicht mehr sehen!
Sie zog ihre schwarze Jacke an, nahm die Tasche und verließ das Klassenzimmer. Schwarz, ja, alles war schwarz.
Schnell stolperte sie die Treppe hinunter um raus, raus an die Luft zu gelangen. Die versteckten Tränen, die sich unbedingt aus den Augen quetschen wollten, brannten wie Feuer. Draußen sprang ihr die warme Frühlingsluft entgegen und das hartnäckige Gezwitscher der Vögel begleitete sie. Sie und ihre Tränen.