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Mutismus-Reportage im ZDF

Vor ein paar Tagen liefen eine kurze Reportage über Mutismus im ZDF. Boris Hartmann ist auch dabei. Kann man im Internet anschauen:

Mutismus-Reportage

 

Christian bei Domian

Gestern rief Christian, 21 Jahre alt, bei der Sendung “Domian” auf WDR an. Er erzählte, wie er damals in der Schule nicht sprach, welche Probleme er dort hatte und dass Mutismus bei ihm diagnostiert wurde.
Ich find’, er schildert den ganzen Mist ziemlich gut, weswegen ihr das unbedingt anhören solltet.
Erstaunlich finde ich, dass er es sozusagen allein geschaft hat, zu sprechen. Toll finde ich auch, dass er studiert, bald fertig ist und sogar einige Zeit im Ausland war.
Christian hat den größsten Respekt verdient! Auch, weil er dort – bei Domian – angerufen hat und von zig Leuten gehört wurde.
Ja, man kann mit Mutismus leben! Man kann…

Runteladen könnt ihr die Sendung, vom 3. Dezember 2010 im Archiv auf nachtlager.de. (Christian war der erste Anrufer.)

Tipps zum Umgang mit Mutismus

  • dem Schweigen nicht viel Aufmerksamkeit schenken und nicht lange warten bis etwas gesagt wird
    Oft war es bei mir so, dass das Sprechen unmöglicher wurde, je mehr man gewartet hat und mich zu einer Antwort drängen wollte. Je länger ich schwieg, desto schwieriger wurde es Worte für einen Einstieg zu finden und die Stille zu durchbrechen. Wenn ich mal gesprochen habe, dann war es meist spontan und es funktionierte eben einfach, weil die Situation und Umgebung passte. Konnte ich also nicht sprechen, änderte sich das auch mit mehr Zeit zum Antworten geben nicht.

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Tipps zum Umgang mit Mutismus

  • Gruppenaktionen mit Bezugspersonen zusammen machen
    Hätte ich mir in der Schule manchmal sehr gewünscht. Weil Gruppenarbeiten schon so schwierig genug waren und dann war man meistens auch noch mit Menschen in einer Gruppe, mit denen man noch nie ein Wort gesprochen hat. Wenn ich mit einer Bezugsperson, mit der ich sprechen konnte, zusammen war, fiel es mir deutlich leichter auch mit den anderen aus der Gruppe zu sprechen. Mag vielleicht für den Betroffenen irgendwie zu einfach gemacht sein, aber bei “fremden” Gruppen habe ich meist kein einziges Wort gesagt und das war auch nicht sehr förderlich.
  • wenn etwas unerwartet gesagt wurde, keine großes “Theater” daraus machen
    Das war mir immer ziemlich unangenehm, wenn es mal vorkam, dass ich doch unerwartet gesprochen habe. Dann kamen solche Kommentare, wie “du kannst ja doch sprechen” oder “oh, sie spricht”. Je länger ich geschwiegen habe, desto mehr habe ich darüber nachgedacht, was die anderen wohl denken würden, würde ich nun plötzlich etwas sagen. Und irgendwann bekam das einen großen Stellenwert und umso schwieriger wurde es.
    Also, wenn möglich nichts dazu sagen und nicht anmerken lassen, wie erstaunt man über die Worte ist.

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Tipps zum Umgang mit Mutismus

Und wieder gibt es eine neue Kategorie. Die Kategorie heißt “Tipps”, weil ich versuchen möchte einige hilfreiche Ratschläge und Tipps im Umgang mit Mutismusbetroffenen aufzustellen.
Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, weil ich bisher oft die Erfahrung gemacht habe, dass es in Situationen in denen ich geschwiegen habe eigentlich keine bestimmte allgemeine “Gebrauchsanweisung” gab und mein Schweigen sehr stark von der Situation, von der Umgebung, von meiner Stimmung und den Menschen um mich herum abhing. Aber ich glaube ich habe jede Menge Erfahrungen, Ratschläge und vielleicht Lösungen, die ich mir damals gewünscht hätte und die einiges sicherlich viel leichter gemacht hätten.
Vielleicht kann ich damit ja dem ein oder anderen Angehörigen irgendwie helfen und es den Betroffenen dadurch ein bisschen leichter machen. Mal sehen, wie und ob sich diese Kategorie mit Ratschlägen füllen wird.

  • so normal, wie möglich behandeln
    Ich glaube einer der wichtigsten Ratschläge ist, den Betroffenen so normal wie möglich zu behandeln und nicht zu ignorieren. In der Schule wurde ich damals oft gar nicht mehr angesprochen, weil alle sicherlich dachten “die spricht ja sowieso nicht“. Auch wenn das für den Betroffenen vielleicht in dem Moment die einfachste Lösung ist, denke ich, dass es im Nachhinein nur schaden kann. Zum einen fühlt man sich vielleicht wie ein Außenseiter und zum anderen fördert dies nur den Mutismus. Ich hätte mir damals oft gewünscht, nicht in die Sie-spricht-nicht-Schublade gesteckt zu werden. Ich glaube gerade für Eltern oder Nahestehende ist das Normalbehandeln besonders schwierig, da man ja eigentlich nur helfen und ihm das Sprechen am liebsten abnehmen möchte, um es einfacher zu machen. Aber wie schon gesagt, bitte normal behandeln. Also weiterhin ansprechen, Fragen stellen und die Möglichkeit zum Antworten geben und nicht das Sprechen übernehmen.
  • nicht persönlich nehmen
    Das passiert sicherlich schnell, wenn man einen Mutist anspricht und er schweigt. Wenn man versucht und versucht, aber einfach keine Antwort bekommt. Dann denkt man vielleicht, dass der Betroffene ein persönliches Problem mit einem haben könnte. Auch, wenn dieser Tipp manchmal vielleicht etwas schwer fällt, aber ich kann mit sehr großer Wahrscheinlichkeit sagen, dass das Schweigen absolut keine persönlichen Gründe hat. Es gab bisher nur wenige Menschen, die ich nicht mochte, bei denen ich aber dann genauso verstummte, wie bei Menschen, die ich sehr mochte.
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Video von einer Betroffenen

Bei youtube hat eine Betroffene aus den USA ein selbstgemachtes Video hochgeladen, was ihre Geschichte mit dem selektiven Mutismus erzählt. Ich finde die Videos ziemlich berührend und wollte es daher hier zeigen.
Es geht um ihren Lebensweg, ihre Träume, Wünsche und Ziele irgendwann einmal Lehrerin zu werden, obwohl ihr das Sprechen so schwer fällt. Am Anfang hört man eine Computerstimme, wie sie von der Kindheit und Schulzeit erzählt. Und am Ende hört man sogar ihre eigene Stimme, da sie etwas vorliest. Das finde ich wirklich ziemlich mutig und stark. Mir persönlich fällt es (noch?) ziemlich schwer meine Stimme aufzunehmen und dann jemandem zu zeigen oder in das Internet zu stellen. Das grenzt eher an Unmöglichkeit, als an tatsächlich umsetzbar…

Das Video ist zwar auf Englisch, aber ich hoffe, dass man es dennoch ein bisschen verstehen kann.

Teil 1:

Teil 2:

Interview mit einer Betroffenen

1. Seit wann leidest du an Mutismus?

Ich leide seit ich denken kann an selektiven Mutismus. So richtig gemerkt wurde es als ich so ca. 2 Jahre alt war. Da wir sehr zurückgezogen lebten und kaum Kontakte hatten war es wohl zuerst nicht so offensichtlich.

2. Wie wurde Mutismus bei dir diagnostiziert?

2001 kam ich in die Psychiatrie wegen Suizidgedanken und ich hatte das Buch „Jadie, dass Mädchen das nicht sprechen wollte“ in der Klinik mit. Die Ärztin dort hat sich dafür interessiert und las es ein wenig. So kam die Diagnose zustande.

3. Kennst du die Ursachen von deinem Mutismus?

Ich habe Vermutungen, aber ich bin mir natürlich nicht ganz sicher. Bei uns in der Familie gibt es Ängste, Depressionen und soziale Phobie. Meine Mama war viele Jahre selbst mutistisch, was die Kindererziehung und das Partnerleben erheblich erschwerten. Es wurde gemacht mit ihr, was die anderen wollten. Selbst heute hat sie noch Probleme auf Feste zu gehen, was zu Auseinandersetzungen führt. Aufrechterhaltungen waren mehrere Krankenhausaufenthalte wegen Asthma und familiäre Probleme, als ich klein war. Später folgten traumatische Erlebnisse, sexuelle Übergriffe, der Verlust meiner Brüder und zwei Psychiatrieaufenthalte, was mich wieder aus der Bahn und in den Mutismus warf.

4. Gibt es Menschen, bei denen dir das sprechen leichter fällt?

Ja, es gibt Menschen, bei denen ich leichter sprechen kann. Menschen, die mich nicht fertig (anschreien, erniedrigen, usw.) machen oder die ich nicht kenne und nicht schon geschwiegen habe. Bei Menschen, die mich schweigend kennen, bringe ich nicht so leicht ein Wort über die Lippen. Was mir auch noch schwer fällt ist, über mein Probleme, also persönliche Dinge zu sprechen. Wenn jemand nach der Uhrzeit fragt ist es bedeutend leichter.

5. Wie gehen deine Eltern, Geschwister und Angehörige damit um?

Meine Mama versteht mich sehr gut, weil sie es selber kennt. Verwandte können damit nur schwer umgehen. Oft kommen Vorwürfe, dass Mama mich krank gemacht hätte und so. Meinen Verwandten gehe ich aus dem Weg, weil häufig nur solche Vorwürfe kommen und ich mich sprachlich nicht wehren kann. Ich will nicht zurückbrüllen oder auch mit Vorwürfen herumballern, weil es nichts bringt. Das ist so gut wie alles kaputt.

6. Wie gehen deine Freunde/Partner damit um?

Freundschaft ist echt schwierig, da ich meistens immer das mache, was mir gesagt wird und wenn es mir mal zu viel wird, ziehe ich mich zurück, was Unverständnis und auch Streit gibt. Wenn ich mal meine Meinung sage, dann werde ich auch angeschrien und dann sage ich nichts mehr, weil ich nicht auf mein Recht pochen will und auch keine Kraft habe in so einer Redensart weiter zu kommunizieren. Ist nicht gesund, aber ich weiß nicht, wie ich es weiter machen soll. In einer Partnerschaft stehe ich noch nicht, da ich erst lebensfähig sein möchte. Nicht, dass ich an einem Typ gerate, der mir weh tut und ich mich nicht wehren kann (dass ich alles tue was er mir sagt).

7. Was machst du beruflich?

Ich strebe an nächstes Jahr eine Reha-Ausbildung zu machen. In einer Reha-Ausbildung sind Psychologen und ich werde dort in einem Internat schlafen. Beruf kann ich leider nicht genau sagen. Es wird erst einmal geschaut, physisch und psychisch, was ich machen könnte und was nicht. Dazu laufen jetzt amtsärztliche Untersuchungen.

8. Wie stark warst du in der Schule von dem Mutismus eingeschränkt?

Das war in der Schule sehr unterschiedlich! In der ersten Klasse war ich ziemlich ruhig, aber ich schien gelesen zu haben, so wie es auf meinem Zeugnis steht. Genauso auch in der zweiten Klasse. Allerdings gab es in Musik Schwierigkeiten, da ich nicht singe. Nur unter Tränen summte ich die Melodie, nachdem die Musiklehrerin mich unter Druck setzte. Ab der dritten Klasse sang ich auf jeden Fall nie wieder, was mir eine 6 nach der anderen brachte. In der dritten Klasse schwieg ich seit Anfang des neuen Schuljahres überall. Meine Klassenlehrerin konnte damit aber prima umgehen. Sie nahm mich immer wieder dran, wartete einige Sekunden und wenn es nicht klappte, dann nahm sie einen andern dran, ohne mich weiter unter Druck zu setzen. Irgendwann hatte ich so viel Mut doch vorzulesen und Gedichte vorzutragen. Nach der Grundschule hatte ich so gut wie kein Musik, jedenfalls nicht singen. Ich fiel hin und wieder bei belastenden Problemen ins Schweigen. Besonders schlimm wurde es in der neunten Klasse, wo ich dann auch in die Psychiatrie kam. Nach den Aufenthalten in Psychiatrien war ich ein Wrack. Ich saß nur noch in einer Ecke, habe geweint, geschrien und ließ einige Monate keinen an mich heran, selbst meine Mama nicht zu der ich das meiste Vertrauen habe. Ich redete so gut wie fast gar nicht mehr. 2004 machte ich noch eine Kur. Die tat mir viel besser. Dort habe ich sogar meine Angst zu singen abgebaut und sang in der Karaokebar. Dann holte ich 2005/2006 meinen Abschluss nach und bestand, aber es gab da natürlich auch Schwierigkeiten mit dem Sprechen.

9. Machst du eine Therapie?

Ich war bei etlichen Therapeuten, aber erst das Internet hat mir geholfen die richtige Therapie zu erhalten (Logopädie und Psychotherapie). Da mein Vertrauen kaputt ist, erweist sich die Therapie als schwierig. Belastende Ereignisse werfen mich immer wieder ins Schweigen zurück. Durch die vielen traumatischen Ereignisse und Fehltherapien, habe ich das Vertrauen in mich selbst und in Therapeuten verloren. Seit April 2008 nehme ich ein Antidepressivum (30mg Citalopram). Seitdem bin ich kein Bettnässer mehr und traue mir auch etwas mehr zu.

10. Wenn ja, ist es besser geworden? Was hat sich verändert?

Es ist auf jeden Fall besser geworden. Ich traue mich schon öfter zu telefonieren und mit Leuten zu sprechen. Aber es ist noch viel zu tun, damit ich nicht immer ins Schweigen verfalle.

11. Wie geht es dir heute?

Ich versuche heute damit klar zu kommen. Aber es gibt immer noch viele Tiefs. Es ist aber in Ordnung und ich lerne damit umzugehen. Auch wenn es immer noch vorkommt, dass ich mich selbst verletze (SVV) und hin und wieder in den Mutismus verfalle bin ich zufrieden, dass ich nicht aufgegeben habe und weiter kämpfe.

Vielen Dank an Peggy, 24 Jahre.