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	<title>Mutismus Blog &#187; Alena</title>
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	<description>Die Welt aus der Sicht einer Schweigsamen...</description>
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		<title>Selbsthass</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Jul 2010 11:12:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Wut hämmerte gegen Alenas Schädel.
Wie ein Mensch nur mit sowas klar kommen sollte, überlegte sie während sie die Hände zu Fäusten ballte.
Mit dieser verdammten Wut, weil man so war, wie man war und so elementare, lebenswichtige Dinge nicht konnte, wie zum Beispiel Sprechen.
Das war so, als könnte man nicht immer laufen. Als könnte man [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Die Wut hämmerte gegen Alenas Schädel.<br />
Wie ein Mensch nur mit sowas klar kommen sollte, überlegte sie während sie die Hände zu Fäusten ballte.<br />
Mit dieser verdammten Wut, weil man so war, wie man war und so elementare, lebenswichtige Dinge nicht konnte, wie zum Beispiel Sprechen.<br />
Das war so, als könnte man nicht immer laufen. Als könnte man nur bestimmte Wege gehen und bei anderen Wegen würden die Beine versagen und keinen einzigen Schritt mehr vorwärts gehen.<br />
Und während sie so daran dachte, fiel ihr ein, wie bescheuert das Beispiel eigentlich war.<br />
Es gab keine Menschen, denen die Beine bei bestimmten Wegen versagten! Und genauso gab es wahrscheinlich keinen einzigen Menschen außer ihr, der nicht sprechen konnte, obwohl er es eigentlich doch konnte. Nur eben nicht immer.<br />
Das war doch niemandem zumutbar, dachte Alena und spürte, wie ihre Finger vor Wut über sich selbst kribbelten. Und es konnte ihr niemand erzählen, dass damit jemand klarkommen würde. Wenn man etwas gefragt wird und man keinen einigen Ton heraus bekommt. Dabei wäre die Antwort leicht gewesen. Und auch kurz. Aber nichts bewegte sich. Die Lippen waren aneinander gefroren.<br />
Und dann sollte man auch noch selbst akzeptieren, dass es so war. Dabei war es beschissen so! Richtig beschissen! Nein, sogar mehr als das&#8230;<br />
Äußerlich sah Alena ganz ruhig aus. Eben wie eingefroren. Unbeweglich und starr. Innerlich bebte sie vor Zorn über ihr Schweigen.<br />
Am liebsten wäre sie aufgesprungen und fortgerannt. Ihre Arme waren warm. Als wären sie schon bereit, damit sie sich selbst ohrfeigen konnte. Denn das hätte Alena am liebsten getan. Sich bestraft. Anders ging das auch nicht. Wie konnte man sonst damit aufhören? Gut oder akzeptabel war alles andere, nur das nicht!<br />
Eigentlich hätte sie Prügel verdient, wie das damals in Schulen war, wenn die Kinder nicht gehorchten. Dann gab&#8217;s da den Rohrstock und den hätte sie jetzt auch verdient. Weil&#8230; Ihr Kopf wurde warm. Weil&#8230; Weil sie sich einfach hasste! Sie hasste das, was sie tat und hätte man einfach nur einen Knopf drücken müssen, mit dem man das Leben ausschaltete, hätte sie es getan. Denn so wollte niemand leben! Wenn man etwas konnte, was man eigentlich nicht konnte, aber dann doch wieder konnte. Sogar der Gedanke daran, war zu absurd und kompliziert.<br />
Am liebsten wäre sie nach Hause gegangen &#8211; ihre Unterarme kribbelten &#8211; und hätte sich mit den Rasierklingen in die Haut geschnitten. Ganz kleine Schnitte, bis der Arm mit Blut verdeckt war. Danach war es immer besser. Die Wut war weg. Weil danach die Arme schmerzten und brannten. Dann war im Kopf kein Platz mehr für die Wut. Aber das ging jetzt nicht. Und am liebsten hätte sie nicht nur in die Arme geschnitten, sondern hätte sich gern komplett aufgeschnitten. Das ganze Fleisch.<br />
Krank? Ja, das klang furchtbar krank. Aber ja verdammt nochmal, das war es! Es war furchtbar krank etwas nicht zu können, obwohl man es doch so sehr wollte. Klar konnte man nicht alles haben, was man wollte. Aber es ging doch nur um&#8217;s Sprechen. Das was jeder kann. Nur Sprechen.<br />
Ja klar war das krank, sich aufschneiden zu wollen! Aber wenn mir einer, nur einer, eine gottverdammte Möglichkeit sagt, wie man mit selektiven Mutismus selbst klarkommen kann, wie man mit sich selbst im Reinen ist, wenn man ständig so scheitern muss, dann sagt es mir, verdammt, schrie Alena innerlich.</p>
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		<title>Das erste Mal</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Jun 2010 09:30:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(und hier das letzte Mal)
Alenas Mutter setzte den Blinker und bog rechts in die Straße ein. Die Straße war durch die vielen Bäume ziemlich dunkel. Fast schon düster wirkte sie. Alena kniff die Augen zusammen. Die Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, weil über den großen, dicken Bäumen die Sonne vom Himmel schien.
Dafür [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(und <a href="/letztes-mal-therapie/">hier</a> das letzte Mal)</p>
<p style="text-align: justify;">Alenas Mutter setzte den Blinker und bog rechts in die Straße ein. Die Straße war durch die vielen Bäume ziemlich dunkel. Fast schon düster wirkte sie. Alena kniff die Augen zusammen. Die Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, weil über den großen, dicken Bäumen die Sonne vom Himmel schien.<br />
Dafür wirkte das Gebäude der psychiatrischen Klinik umso heller. Es war ein grelles Gelb, das da hinter den Bäumen hervor sprang.<br />
Ihre Mutter parkte das Auto und zusammen gingen sie zur Klinikanmeldung, die in einem weißen Gebäude nebenan war. Die Frau hinter dem Tresen sagte, es dauerte noch einen Moment, sie würde auf der Station bescheid geben, dass Alena da wäre.<br />
Warten. Gut, also warten.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach einer Weile kam ein großer, ein bisschen schlaksiger Mann durch die Glastür am anderen Ende des Warteraums. Er lächelte freundlich und fragte, ob sie Alena sei.<br />
Sie nickte.<br />
Er streckte ihr die Hand hin, die sie entgegen nahm.<br />
„Hallo, ich bin Herr V.“, sagte er. „Der behandelnde Psychotherapeut der Station 3.“<br />
Er schüttelte auch Alenas Mutter die Hand und bat ihm zu folgen.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie gingen in sein Büro.<br />
Das Büro lag im zweiten Stock des gelben Gebäudes.<br />
Herr V. schloss die Tür auf und bot ihnen einen Sitzplatz an. Rechts, in der Ecke seines Büros stand ein runder, heller Tisch. Drumherum vier genauso helle Stühle mit einem blaugrauen Sitzpolster.<br />
Alena setzte sich direkt an die Tür. Das fühlte sich besser an. So hätte sie einfach wieder gehen können. Ihre Mutter rechts und Herr V. links neben ihr. Oder besser gesagt, saß er ihr schon fast gegenüber.<br />
Hinter Herr V. war sein Schreibtisch und dahinter, da war das Fenster. Links war ein großer Bücherschrank, genauso hell, wie die anderen Möbel und rechts war auch schon die Wand. Das Büro war also nicht sehr groß.</p>
<p style="text-align: justify;">Herr V. hatte mittlerweile das Gespräch begonnen. Er hatte sich noch einmal genau vorgestellt und sagte, dass er das Aufnahmegespräch führte.</p>
<p style="text-align: justify;">Warum möchtest du hier eine Therapie machen, Alena?&#8221;<br />
<em>Pah! Wollen?! Hab&#8217; ich denn eine andere Wahl, wenn man so, wie es ist nicht mehr klar kommt? Man will keine Therapie machen. Eine Therapie muss man nur machen wollen, damit es besser wird. Hätte ich irgendwas gewollt, dann wäre das ein anderes Leben! Und keine Therapie!</em><br />
&#8220;Alena?&#8221;<br />
Schweigen.<br />
Ja, weil das war ja das Problem, dachte sie und schwieg.<br />
Irgendwann antwortete ihre Mutter &#8220;weil sie nicht spricht&#8221; und dann beantwortete sie eigentlich auch die ganzen anderen Fragen, die Herr V. für die Anamnese stellte.<br />
Das einzige, was Alena sagte war  &#8220;siebzehn&#8221;. Siebzehn, weil sie siebzehn Jahre alt war.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Boden war hässlich. Er stach einem, in diesem Büro, eigentlich sofort ins Auge. Viel zu dunkel und blau. Und viel zu gepunktet auch. Schlimm.<br />
Und Herr V., der war auch irgendwie komisch. Freundlich war er, aber irgendwie war er eigenartig. Sie wusste nicht warum, aber wenn Psychologen komisch waren, dann war er eben ein Psychologe und einfach nur komisch. Von seiner Art.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Gespräch machte sie wütend. Ihre Mutter erzählte und erzählte. Erzählte vom Kindergarten, von der Schule und von zu Hause. Und eigentlich erzählte sie alles falsch! Jedenfalls nicht so, wie es Alena selbst erzählt hätte, weil es für sie eben ganz anders war!<br />
Herr V, er hätte es spüren müssen, dass alles ganz falsch war!<br />
Nein, eigentlich hätte sie alles selbst erzählen müssen! Und natürlich konnte sie mal wieder nicht sprechen. Was auch sonst?!<br />
Der Kopf war voll mit Gedanken, nur die Worte im Mund dazu fehlten. Da war nichts! Keine drin! Wie immer eben.<br />
Scheiße, war alles!</p>
<p style="text-align: justify;">Das Gespräch dauerte nicht lange. Zum Schluss fragte Herr V., ob Alena sich denn eine stationäre Therapie hier  und ihn als Einzeltherapueten vorstellen könnte.<br />
<em>Ja, eine andere Wahl hatte sie doch nicht oder? Vielleicht würde es durch eine Therapie besser werden. Ja, vielleicht.<br />
Also dann. Willkommen in der Klapse und hallo Herr V.</em><br />
Alena nickte.</p>
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		<title>„Du kannst das nicht!“</title>
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		<pubDate>Tue, 11 May 2010 19:19:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es machte Alena wütend, wenn die Menschen sie schräg anschauten, weil sie Dinge wollte, die man ihr nicht zutraute. Natürlich sagten sie ihr nicht direkt ins Gesicht „du kannst das doch gar nicht“ oder „das ist nichts für schüchterne Menschen“. Aber Alena spürte jedes Mal, dass sie es dachten, wenn sie von ihren Plänen erzählte. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Es machte Alena wütend, wenn die Menschen sie schräg anschauten, weil sie Dinge wollte, die man ihr nicht zutraute. Natürlich sagten sie ihr nicht direkt ins Gesicht „du kannst das doch gar nicht“ oder „das ist nichts für schüchterne Menschen“. Aber Alena spürte jedes Mal, dass sie es dachten, wenn sie von ihren Plänen erzählte. Weil sie komisch schauten.</p>
<p style="text-align: justify;">Dann müsste sie eigentlich immer erklären, dass sie nicht schüchtern war, sondern dass das Mutismus war. Und Mutismus war etwas völlig anderes als Schüchternheit. Aber sie tat es nicht. Das wäre zu kompliziert gewesen.</p>
<p style="text-align: justify;">Vielleicht wussten schüchterne Menschen, was sie sagen sollten und trauten sich nur nicht. Aber Alena wusste überhaupt nicht, was sie sagen sollte. Sie war blockiert. So als wüsste sie bei fremden Menschen nicht, wie man die Lippen bewegte und Worte formte. Und so als hätten die Stimmbänder vergessen, wie sie Töne produzierten. Schüchterne wussten das noch und sie war nicht schüchtern.<br />
Und weil sie nicht schüchtern war, war es noch schwieriger das zu akzeptieren. Deswegen lies sie sich überhaupt nicht sagen, was für sie funktionierte und was nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Was sollte sie auch anderes tun? Gleich aufgeben ohne es versucht zu haben? Sich ein anderes Leben aussuchen? Vielleicht klappt’s ja. Ich hätte gern ein neues Leben, dachte sie. Sterben? Das mit dem Sterben, das hatte sie schon versucht und hilfreich war es auch nicht und der Rest war blödsinnig.</p>
<p style="text-align: justify;">Hätte sie auf all die Menschen gehört, dann wäre sie sicherlich irgendwo anders. Weil schweigende Menschen können keine Referate halten, keine mündlichen Prüfungen bestehen, also auch kein Abitur machen und arbeiten auch nicht. Schweigende, kranke Menschen machen dann irgendwas, nur nicht das, was normale Menschen machen.</p>
<p style="text-align: justify;">Aber sie können’s. Oh doch, sie können’s!<br />
Sie können alles. Schwieriger und anstrengender.<br />
Aber sie können’s!</p>
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		<title>Die mündliche Abschlussprüfung</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Apr 2010 19:08:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Wie geht es dir?“ fragte Herr V. lächelnd.
Alena grinste. Sie zuckte mit den Schultern. Wie ging es ihr?
Ja. Gut. Ich glaube gut, dachte sie.
„Wie war die Prüfung?“ fragte er neugierig, immer noch lächelnd, weil er merkte, dass die Prüfung offenbar gut verlaufen war. Jedenfalls schaute sie nicht unglücklich.
„Ging so“, antwortete Alena kurz.
Er schaute fragend „ging [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">„Wie geht es dir?“ fragte Herr V. lächelnd.<br />
Alena grinste. Sie zuckte mit den Schultern. Wie ging es ihr?<br />
Ja. Gut. Ich glaube gut, dachte sie.<br />
„Wie war die Prüfung?“ fragte er neugierig, immer noch lächelnd, weil er merkte, dass die Prüfung offenbar gut verlaufen war. Jedenfalls schaute sie nicht unglücklich.<br />
„Ging so“, antwortete Alena kurz.<br />
Er schaute fragend „ging so“?<br />
Und dann plapperte sie los und erzählte, was alles nicht so gut war. Erzählte, dass sie sich einmal total verrechnet hatte und es nicht merkte. Noch nicht einmal als ihr Mathelehrer sie danach fragte und sagte, sie solle es mal genau an die Tafel schreiben. Nichts. Sie merkte es nicht. Eigentlich war es nicht so schlimm. Eine Zwei hatte sie insgesamt bekommen. Aber es war ärgerlich, weil es ein dummer Fehler war und die Note ansonsten besser gewesen wäre. Und sie erzählte davon, wie ihr Mathelehrer am Schluss sagte, dass er sie noch nie so viel reden gehört hatte und dass es schade wäre, dass er es jetzt zum Schluss erst hörte. Ja ärgerlich. Hätte sie die ganze Zeit im Unterricht schon gesprochen, dann wäre die Note super gewesen. Und sie erzählte auch davon, wie sie nach der Prüfung mit einem Klassenkameraden den Nachmittag verbrachte, weil es nicht lohnte die 20 Kilometer mit dem Auto nach Hause zu fahren und dann später wieder hinzufahren, weil die schriftlichen Abschlussnoten bekannt gegeben wurden. Sie hatte sich mit ihm noch nie unterhalten und deshalb erzählte sie manchmal unsinnige Dinge. Nach ihrer Meinung jedenfalls. Und dann erzählte sie Herrn V. auch noch davon, wie ihre Klassenlehrerin freudestrahlend auf sie zu kam und ihr zur bestandenen Fachhochschulreife gratulierte und sagte, wie prima sie es fand. Weil Alena doch nicht sprechen konnte und gerade die mündliche Prüfung so gut gelaufen war, mit einer Zwei. Aber Alena war so gerührt und glücklich, sodass sie sich nicht vernünftig bedanken konnte und sich irgendwas in den Bart murmelte. Und das könnte unhöflich sein und deshalb ärgerte sie sich, weil sie nicht laut und deutlich sprach und auch gar nicht genau wusste, was sie sagen sollte.<br />
Herr V. grinste. Er grinste einfach nur. Und Alena erzählte. Erzählte, was alles falsch war und wieso und was hätte anders sein müssen. Aber Herr V. grinste weiter. Und dann stockte sie und musste plötzlich auch lächeln. Bis über beide Ohren. Weil eigentlich gar nichts falsch war. Weil sie die mündliche Prüfung &#8211; das Horrording &#8211; mit selektiven Mutismus bestanden hatte und nun rein theoretisch &#8211; praktisch nicht &#8211; studieren konnte. Daran war überhaupt nichts falsch. Und dann lächelten sie zusammen.</p>
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		<title>In der Psychiatrie</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Apr 2010 16:46:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eigentlich hätte nur noch das Nachthemd gefehlt und dann wäre jedes Klischee, was man über Menschen in einer Psychiatrie hat, erfüllt gewesen. Dann wäre Alena eine wandelnde Geistesabwesende gewesen mit Augenringen, blasser Haut, einem mageren Körper und Haaren, die ihr wild ins Gesicht fielen.
Aber das war nicht so, weil sie psychisch krank war, sondern das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Eigentlich hätte nur noch das Nachthemd gefehlt und dann wäre jedes Klischee, was man über Menschen in einer Psychiatrie hat, erfüllt gewesen. Dann wäre Alena eine wandelnde Geistesabwesende gewesen mit Augenringen, blasser Haut, einem mageren Körper und Haaren, die ihr wild ins Gesicht fielen.<br />
Aber das war nicht so, weil sie psychisch krank war, sondern das war so, weil eine Therapie katastrophal schwierig und kompliziert war. Vor der Therapie, da kam sie irgendwie zurecht. Es war nicht schön so, aber es funktionierte. Weil Menschen ihr Verhalten anpassen und kleine Überlebenskünstler sind, wenn sie es sein müssen.<br />
Aber nun war alles aufgewühlt und umgegraben. In Wunden gebohrt und nichts war mehr an seinem Platz.<br />
Innerlich, da war es schlimm. So schlimm, sodass man es äußerlich sehen konnte. Es war so, als wollte Alena diesmal nicht nur innerlich für immer einschlafen, sondern auch äußerlich. Es war einfach alles müde, auch der Körper. Da musste man auf einmal nicht mehr Essen und Schlafen, weil es dafür keine Kraft mehr gab.<br />
Früher, da hatte es eben funktioniert, das Leben. Und nun funktionierte gar nichts mehr. Das Sprechen funktionierte sowieso nicht. Aber das Nichtsprechen nun auch nicht mehr! Und alle Gedanken, Ansichten und Weltbilder waren plötzlich anders.<br />
Alles war furchtbar aufgewühlt. Im Wandel. Oder eben doch nicht. Jedenfalls war es nicht mehr so, wie es war. Entweder ging es vor oder es ging gar nicht mehr. Gar nicht mehr sollte es eigentlich nicht gehen und vor war furchtbar schwierig.<br />
<strong>Und deswegen sahen die meisten Menschen nicht so aus, weil sie krank waren und in eine Psychiatrie mussten, sondern, weil sie in einer waren.</strong></p>
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		<title>Geschützt: &#8220;Das Referat&#8221;, von mir vorgelesen</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Mar 2010 15:31:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es gibt keine Kurzfassung, da dies ein geschützter Artikel ist.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<form action="http://www.mutismusblog.de/wp-pass.php" method="post">
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		<title>Die Sache mit dem Podcast&#8230;</title>
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		<pubDate>Thu, 25 Mar 2010 18:49:03 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[&#8230; die läuft und der Eintrag wird Anfang nächster Woche veröffentlicht.
Da Alena deutlich vorn liegt, habe ich &#8220;Das Referat&#8221; gewählt. Ich fand es irgendwie passend, weil Alena in dieser Geschichte nicht spricht und ich mir mit selektiven Mutismus vorgenommen habe etwas vorzulesen und meine Stimme zu zeigen.
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			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">&#8230; die läuft und der Eintrag wird Anfang nächster Woche veröffentlicht.<br />
Da Alena deutlich <a href="http://www.mutismusblog.de/podcast-mit-selektiven-mutismus/">vorn</a> liegt, habe ich &#8220;<a href="http://www.mutismusblog.de/referat-mutismus/">Das Referat</a>&#8221; gewählt. Ich fand es irgendwie passend, weil Alena in dieser Geschichte nicht spricht und ich mir mit selektiven Mutismus vorgenommen habe etwas vorzulesen und meine Stimme zu zeigen.</p>
<p style="text-align: justify;">Passwortanfragen können sobald der Eintrag online ist unter <strong>diesem Eintrag</strong> oder per <strong>Direct Message</strong> <strong>über Twitter</strong> gestellt werden. (Die bisher gestellten Anfragen, hab&#8217; ich schon vorgemerkt und falls ich jemanden vergessen habe, bitte nochmal nachfragen.)<br />
Ich bitte nochmal sehr das Passwort (oder die Datei) nicht weiterzugeben.</p>
<p style="text-align: justify;">Nun, dann bin ich gespannt, wie und ob es funktioniert und ob ich nochmal etwas vorlesen oder sagen werde&#8230;</p>
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		<title>Das Leben mit einer Diagnose</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Mar 2010 08:36:48 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Einige Monate, nachdem Alena die Therapie begann, hatte Herr V. das Wort selektiven Mutismus gesagt. Es war eigentlich gar kein Gespräch über die Diagnose, sondern er erwähnte das Wort nur im Zusammenhang mit ihrem Schweigen. Und eigentlich hatten sie auch später nie über die Diagnose gesprochen. Herr V. erklärte nie, was Mutismus war und Alena [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Einige Monate, nachdem Alena die Therapie begann, hatte Herr V. das Wort selektiven Mutismus gesagt. Es war eigentlich gar kein Gespräch über die Diagnose, sondern er erwähnte das Wort nur im Zusammenhang mit ihrem Schweigen. Und eigentlich hatten sie auch später nie über die Diagnose gesprochen. Herr V. erklärte nie, was Mutismus war und Alena fragte auch nicht nach.<br />
Das musste sie nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dieser Woche fuhr Alena am Wochenende nach Hause. Das war auf dieser Station so, dass man das Wochenende zu Hause verbrachte. Und dort durchforstete sie dann das Internet nach dem Wort Mutismus. Sie las alles, was es zu lesen gab. Sogar ein Forum gab es, wo Betroffene von ihrem Mutismus schrieben. Und bei jedem Satz dachte sie, ja, das bin ich. Alles passte genau. Jedes Wort.<br />
Mutismus heißt das also. Mu &#8211; tis &#8211; mus. Komisches Wort.</p>
<p style="text-align: justify;">An diesem Wochenende hatte Alena das erste Mal das Gefühl irgendwie „normal“ zu sein. Es gab einen Namen für das, was sie jahrelang schon tat, nämlich nicht sprechen können, obwohl sie es eigentlich doch konnte. Zum ersten Mal fühlte sie sich ein bisschen weniger verrückt.<br />
Sie hatte sich die Probleme also nicht einfach nur ausgedacht und stellte sich nicht nur besonders schlimm an. Da gab&#8217;s wirklich eine Krankheit, bei der man nicht sprechen kann, obwohl man eine Stimme hat.  Alena hatte also ein echtes Problem mit Namen und sogar einem ICD-10 Schlüssel <em>(International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems)</em><em>. </em>Das war eine echte, richtige Krankheit.<br />
Unzählige Steine plumpsten Alena von der Brust. Vielleicht war sie nun ein bisschen gerettet. Mit einer Diagnose. Einem Namen. Mit selektiven Mutisms.</p>
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		<title>Essen</title>
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		<pubDate>Wed, 24 Feb 2010 14:25:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Essen ist, wenn man Mutismus hat, schrecklich kompliziert.
Alena hasste es, weil in der Klinik die Mahlzeiten zusammen im Gruppenraum eingenommen wurden. An einem großen Tisch. Und das Problem war, dass es nur wenige Schüsseln gab. So standen die Kartoffeln einmal am Tischende, das Gemüse in der Mitte und die Soße vielleicht am anderen Ende.
Als Mutist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Essen ist, wenn man Mutismus hat, schrecklich kompliziert.<br />
Alena hasste es, weil in der Klinik die Mahlzeiten zusammen im Gruppenraum eingenommen wurden. An einem großen Tisch. Und das Problem war, dass es nur wenige Schüsseln gab. So standen die Kartoffeln einmal am Tischende, das Gemüse in der Mitte und die Soße vielleicht am anderen Ende.<br />
Als Mutist kann man nicht über den Tisch rufen „ich hätte gern mal die Kartoffeln.“ Und deswegen war das Essen kompliziert. Für Alena alles eine strategische Organisation. Das musste alles genau geplant werden.<br />
Alena ging immer rechtzeitig zum Gruppenraum. Manchmal konnte sie dann dem Küchendienst helfen, den Tisch zu decken. Dann war alles weniger schlimm, weil sie das Essen so hinstellen konnte, dass sie überall ran kam und nicht rufen brauchte. Manchmal ging das nicht. Aber dann musste das Hinsetzten geplant werden. Dann musste Alena am besten so sitzen, dass sie an die Sachen kam, die sie auch aß. Kartoffeln mochte sie nicht so sehr. Das war okay, wenn die mal weiter weg standen. Wenn jemand fragte, warum sie keine Kartoffeln aß, konnte sie sagen, dass sie Kartoffeln nicht so gern mag. Die Wahrheit würde niemanden interessieren. Problematisch war das bei Dingen, die sie mochte.<br />
Manchmal redete sie mit den Patienten, wenn sie allein waren. Da ging das Sprechen schon immer besser. Und was war, wenn sie irgendwann mal erzählt hatte, dass sie Rosenkohl eigentlich ganz gern mochte und dann stand der Rosenkohl völlig unerreichbar auf dem Tisch?  Dann wär’s peinlich gewesen.<br />
„Och, heute mag ich den Rosenkohl nicht mehr“, wäre eine völlig blödsinnige Antwort gewesen.<br />
Manchmal hatte Alena Glück und da wurden die Schüsseln einfach durchgegeben. Dann war alles in Ordnung. Und manchmal saß ein Patient neben ihr, mit dem sie besser sprechen konnte. Dann konnte sie fragen, vorausgesetzt er oder sie kam ran. Und manchmal ging auch alles schief. Dann aß sie gar nichts.<br />
„Ich habe keinen Hunger“, hatte sie dann auf Fragen geantwortet und wieder interessierte sich niemand für die Wahrheit. Weil es in Ordnung war mal keinen Hunger zu haben. Sie war ja schließlich nicht wegen einer Essstörung da. Dann wäre es nicht mehr so in Ordnung gewesen.<br />
Problem aber war, wenn sie sagte, dass sie keinen Hunger hatte, konnte man da nicht mehr zurück. Und zu sagen „ach, jetzt hab’ ich doch ganz plötzlich Hunger bekommen“ nur weil  die Nudeln zufällig erreichbar waren, wäre völliger Blödsinn gewesen. Deshalb saß Alena dann meistens da, mit knurrendem Magen, an einem Tisch mit Essen. Schön war das. Ganz toll. Völlig festgefahren und ausweglos. Fertig mit der Welt. Weil man als Mutist noch nicht einmal vernünftig essen konnte!</p>
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		<title>Das letzte Mal</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Feb 2010 16:07:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Freitag, 16 Uhr und Alena stand vor der Tür zur Station 3 der psychiatrischen Klinik. Sie stand unter dem Vordach, die Tasche hatte sie auf die Bank gestellt. Und dort wartete sie. Es war Anfang Juni. Für Juni war es zu kalt und grau. Sie wartete und überlegte, wie auf der Zugfahrt, weiter, was heute [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Freitag, 16 Uhr und Alena stand vor der Tür zur Station 3 der psychiatrischen Klinik. Sie stand unter dem Vordach, die Tasche hatte sie auf die Bank gestellt. Und dort wartete sie. Es war Anfang Juni. Für Juni war es zu kalt und grau. Sie wartete und überlegte, wie auf der Zugfahrt, weiter, was heute Thema der Therapie sein sollte.<br />
Um 16.10 Uhr sah sie eine Gestalt vom Anmeldungsgebäude herüber gehen. Das war Herr V. Sie erkannte seinen Gang schon von Weitem. Um 16.10 Uhr, obwohl sie den Termin eigentlich schon um 16 Uhr hatte. Das war aber immer so. Herr V. kam immer zehn Minuten zu spät. Danach konnte man die Uhr stellen. Aber es war nicht schlimm, denn er hing immer einige Minuten dran und meist sogar mehr als zehn.</p>
<p style="text-align: justify;">„Hallo Alena“, lächelte er und gab ihr die Hand.<br />
„Hallo“, sie grinste zurück.<br />
Herr V. schloss die Tür auf und ging die Treppe hinauf zu seinem Büro.<br />
Alena folgte ihm.</p>
<p style="text-align: justify;">„Wie geht es dir?“<br />
„Geht so“, antwortete sie.<br />
„Und von einer Skala von eins bis zehn, wobei eins sehr schlecht und zehn sehr gut ist?“, fragte er.<br />
Alena schaute ihn schief an. Sie mochte das nicht. Weil man seine Gefühle nicht einfach in Zahlen einordnen konnte und heute hatte sie einfach keine Lust auf dieses Spielchen. Einmal hatte sie geantwortet, dass nur Männer etwas in Zahlen einordnen würden und Herr V. hatte gelacht. Sie mochte seinen Humor und es machte Spaß mit ihm zu witzeln. Aber heute nicht und das merkte er. Er fragte nicht mehr weiter.</p>
<p style="text-align: justify;">Alena erzählte von den letzten zwei Wochen, vom Studium und vom Alltag. Und irgendwann erzählte sie davon, wie elend schwierig alles war und davon, dass zwar alles irgendwie funktionierte, aber dennoch immer so viel Anstrengung kostete.<br />
„Das ist zum Kotzen! Das ist fast jeden Tag eine Quälerei. Alles was für andere völlig normal erscheint ist eine Quälerei!“, erklärte Alena.<br />
„Welche Situationen meinst du denn genau?“<br />
„Alles!<br />
Angst, dass man in den Übungen angesprochen wird, vor den praktischen sowieso, weil man keinen Partner finden könnte, obwohl das Blödsinn ist, da es zahlenmäßig extra so aufgeteilt wurde. Dass man etwas falsch macht und man jemanden fragen muss oder gar nicht weiß, wie es geht und und und. Vor allem ist der Professor ein Idiot.<br />
Ach, und man muss so schrecklich viel organisieren. Generell.<br />
Und eine Kommilitonin fragt oft, ob ich Lust habe abends etwas zu unternehmen. Hab’ ich nicht, aber es ist mir zu dumm jedes Mal Ausreden zu überlegen. Der Alltag und die Menschen sind so anstrengend, dass ich abends schlafen muss, damit das Sprechen am nächsten Tag wieder funktioniert. Aber wer versteht das schon? Andere unternehmen gern etwas. Als Entspannung. Ich hab’ da keine Entspannung.<br />
Hab’ ich was vergessen? Ach, und zu Hause natürlich. Das ist auch schwierig.“<br />
&#8220;Aber du machst alles?&#8221;<br />
&#8220;Ja. Aber es ist schwierig!&#8221;</p>
<p style="text-align: justify;">Herr V. merkte, dass er dazu nicht viel sagen konnte, denn Alena hatte die besseren Argumente. Weil es eben einfach schwierig war. Tatsache.<br />
Auf den Versuch Lösungen zu finden, ging sie nicht ein. Sie wollte keine Lösungen, weil es keine mehr gab, die sie nicht schon kannte und die leicht waren.<br />
„Okay, man muss nicht immer Lösungen finden…“, entgegnete er.</p>
<p style="text-align: justify;">„Ich möchte einen Zauberer. Das wäre eine gute Lösung. Einen Zauberer, der alles ein bisschen leichter und weniger schwierig zaubern könnte. Das wäre wirklich schön. Ein Zauberer…“<br />
Und Tränen liefen die Wangen hinunter.</p>
<p style="text-align: justify;">Er schaute komisch. Komisch, weil er so noch nie geschaut hatte. Irgendwie so voller Leid. Mitleid. Aber nicht bemitleidend sondern so, als würde er es gerade mehr als alles andere verstehen und auch fühlen. Komisch war das. Als berührte es ihn zutiefst. Als berührte Alena ihn zutiefst. Irgendwie hatte er ein schmerzverzehrtes Gesicht und seine Stimme war sehr leise.</p>
<p style="text-align: justify;">„Hast du schon mal darüber nachgedacht, Medikamente zu nehmen?“, fragte er nach einer langen Weile.<br />
Hm?! Sie funkelte ihn böse an.<br />
Sie schwieg. Wut stieg in ihren Bauch.<br />
Und das war eine Lösung? Tabletten nehmen? Darüber hatten sie doch schon einmal geredet. Vor einigen Jahren und das endete auch nur in Wut, weil sie keine kleinen Pillchen nehmen wollte. Weil damit auch nichts besser werden konnte. Das war einfach nur die einfachste Lösung. Tabletten schlucken, wie ein Psycho. Das ging all die Jahre ohne und deshalb wollte sie auch jetzt keine Medikamente haben. Alena hatte die Depressionen besiegt und hatte aufgehört sich selbst zu verletzen. Das war alles viel schlimmer gewesen, als jetzt. Deswegen nimmt man jetzt auch keine Tabletten! Irgendwie wäre das ein Zeichen von Schwäche gewesen.<br />
Sie war wütend, weil Herr V. diesen Vorschlag machte und wütend, weil er es sich leicht machte. Es sollte leicht sein, aber nicht so.<br />
Außerdem hatte Alena Angst davor, mit Medikamenten nicht mehr echt zu sein. Zugedröhnt und beeinflusst. Oder ausgeschaltet und anders. Nein, keine Medikamente!</p>
<p style="text-align: justify;">Sie war so wütend, dass sie nicht sprechen konnte, weil sie sich kontrollieren musste. Sonst hätte sie geschimpft und geschrien und das ging nicht.<br />
Herr V. redete weiter, fragte warum, was sie dachte, dass sie die Wut heraus lassen sollte. Und dass Alena mal wieder nicht sprechen konnte, machte sie nur noch wütender.<br />
Sie hatte keine Lust mehr, wollte nach Hause. Sie sprang auf und nahm ihre Tasche.<br />
„Geh’ bitte nicht…“, sagte er und da stand sie, an der Tür und schaute ihm in die Augen.<br />
Nein, eigentlich konnte sie auch gar nicht gehen.  Das war schon immer so gewesen, dass sie bei einem Streit oder Unstimmigkeiten nicht einfach gehen konnte. Erst, wenn es wieder gut oder besser war, weil man sich in Frieden verabschieden sollte. Und deshalb blieb sie bis zum Schluss. Sie setzte sie wieder.</p>
<p style="text-align: justify;">Herr V. fragte am Ende der Stunde, wann sie den gern wieder kommen würde. Alena zuckte mit den Schultern.<br />
„Ich glaube es ist besser, wenn du ziemlich bald wieder kommst.“<br />
Sie nickte und sah ihm zu, wie er in seinem Terminkalender blätterte.<br />
„Freitag in zwei Wochen, ist das okay?“<br />
Sie nickte wieder.<br />
Er schrieb den Termin auf einen Zettel.<br />
Und sie ging. Sie schaute beim Türschließen nicht noch mal zurück, nicht wie sonst immer. Da schenkte sie ihm immer ein Lächeln zum Abschied.<br />
Heute nicht. Alena war müde. Bis in zwei Wochen.</p>
<h3 style="text-align: right;"><strong>Cut.</strong></h3>
<p style="text-align: justify;">Am Sonntag schrieb Alena ihm eine e-Mail. Sie schrieb all ihre Gedanken auf, die sie am Freitag nicht sagen konnte. Warum sie wütend war und warum sie keine Medikamente nehmen wollte.<br />
Die e-Mail Adresse hatte Herr V. ihr erst vor kurzem gegeben. Damit sie ihm schreiben konnte, wenn das Anrufen mal nicht funktionierte, hatte er gesagt. Das war nett und deshalb schrieb sie.<br />
Und danach malte Alena einen Zauberer. Einen Zauberer, der das Leben leicht zauberte. Einfach so.</p>
<p style="text-align: justify;">
<div id="attachment_1392" class="wp-caption aligncenter" style="width: 302px"><a href="http://www.mutismusblog.de/wp-content/uploads/2010/03/zauberer.jpg"><img class="size-full wp-image-1392   " title="Zauberer © mutismusblog.de" src="http://www.mutismusblog.de/wp-content/uploads/2010/03/zauberer.jpg" alt="Zauberer © mutismusblog.de" width="292" height="257" /></a><p class="wp-caption-text">Zauberer © mutismusblog.de</p></div>
<p style="text-align: justify;">In der nächsten Nacht schlief sie furchtbar. So schlecht hatte sie sicherlich noch nie geschlafen. Es war so, als wäre sie die ganze Nacht wach gewesen. Und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie sich beim Schlafen selbst sehen konnte. Dass sie überall war und durch die Welt wanderte. Furchtbar komisch war das.</p>
<h3 style="text-align: right;"><strong>Cut.</strong></h3>
<p style="text-align: justify;">Es war Freitag. Schon dreimal hatte die unbekannte Nummer angerufen. Alena ging nicht ran. Sie mochte es nicht, wenn sie nicht wusste, wer anrief.<br />
Aber das war nun der vierte Anruf. Irgendwie schien es dann doch wichtig zu sein.<br />
Beim nächsten Mal, gehe ich ran, dachte sie und hoffte insgeheim, dass der Unbekannte nicht noch einmal anrufen würde.<br />
Aber da klingelte es wieder.<br />
„Ja?“<br />
„Alena, hallo. Ich bin’s Frau G.“<br />
„Oh, hallo“ und ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Frau G., ihre Lieblingsbetreuerin aus der psychiatrischen Klinik, mit der sie immer noch ab und an Kontakt hatte. Sie hatte schon lange nicht mehr angerufen.<br />
„Alena? Bist du allein?“<br />
Hm? Wieso fragte sie, ob ich allein sei?<br />
„Ja, bin ich. Ich bin in meiner Wohnung.“<br />
„Hm. Sitzt du?“ Ihre Stimme zitterte.<br />
Häh? Wieso sollte Alena sitzen? Sie konnte auch im Stehen telefonieren. Oder ist etwas passiert? Wie im Fernsehen. Da sieht man das manchmal, dass Menschen fragen, ob man sitzt. Musste sie den Therapietermin nächste Woche absagen? Ist Herr V. im Krankenhaus, wie schon einmal? Und da hatte sich Frau G. mit Alena getroffen. War das so?<br />
„Ja.“<br />
„Herr V….<br />
Herr V. ist am Sonntag, in der Nacht, gestorben…“, flüsterte Frau G. leise und man hörte, wie sie mit den Tränen kämpfte.</p>
<p style="text-align: justify;">Zittern. Am ganzen Leib Zittern.<br />
Das Herz, das donnerte  bumm, bumm, bumm und übertönte das Schweigen.<br />
Das Blut schoss in den Kopf.<br />
Und die Tränen und der Nebel um die Augen.<br />
Filmriss.</p>
<p style="text-align: justify;"><span style="color: #000000;">Die Welt, die ging heute für immer kaputt.</span></p>
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		<title>Die Geburtstagsparty</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Jan 2010 23:01:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es war Alenas Geburtstag. Zwölf wurde sie und sie hatte einige Mädchen aus ihrer Klasse eingeladen. Und eigentlich freute sie sich auf ihre Geburtstagsfeier, denn zu Hause konnte sie endlich mal so sein, wie sie wirklich war. Jedenfalls fiel dort das Sprechen sehr viel leichter als in der Schule.
Alle Mädchen, die sie eingeladen hatte kamen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Es war Alenas Geburtstag. Zwölf wurde sie und sie hatte einige Mädchen aus ihrer Klasse eingeladen. Und eigentlich freute sie sich auf ihre Geburtstagsfeier, denn zu Hause konnte sie endlich mal so sein, wie sie wirklich war. Jedenfalls fiel dort das Sprechen sehr viel leichter als in der Schule.<br />
Alle Mädchen, die sie eingeladen hatte kamen. Es gab Kuchen, Pizza, Chips, Gummibärchen und Cola. Sie durfte in dem großen Wohnzimmer feiern, weil Alenas Kinderzimmer viel zu klein war.<br />
Erst wollten sie alle raus. Christina wollte eine Freundin, die im gleichen Ort wohnte besuchen, weil sie sich doch so lange nicht mehr gesehen hatten. Und die anderen fanden die Idee super. Gut, überstimmt, also alle raus und zu einer wildfremden Person an Alenas Geburtstag.</p>
<p style="text-align: justify;">Wieder zurück. In Alenas Zimmer. Weil alle ihr Zimmer sehen wollten.<br />
Jeder suchte irgendwas. Im Bücherregal, im CD-Regal und auf dem Schreibtisch. Und alles, was sie fanden war auf einmal so schrecklich lustig. Das alte zerzauste Schaf, was Alena seit dem Tag ihrer Geburt hatte, flog durch das Zimmer, ihre Lieblingsmusik war mit einem Mal auch furchtbar lustig und wurde von allen albern nachgeäfft, obwohl sie sie eigentlich selbst auch hörten und die Stifte auf dem Schreibtisch waren albern und die Bücher im Regal sowieso. Irgendwann war das Abendessen auch lustig und ein Kindergartenessen, das Besteck, die Teller und die Gläser waren uncool und das ganze Haus sowieso.<br />
Kurzum, alle amüsierten sich prächtig über Alena und ihr Leben.<br />
Und wahrscheinlich waren sie deshalb auch hier. Damit sie sich in der Schule nur noch mehr über Alena lustig machen konnten.<br />
GEHT WEG!!!, hätte sie am liebsten geschrien und hätte alle samt ihrer Geschenke hinausgeworfen. Und die Jacken, Schuhe, Schals und Handschuhe hinterher und dann hätten sie blöd guckend im Schnee gestanden. In der Kälte.<br />
Aber das traute sie sich nicht. Nicht, weil sie zu Hause nicht schreien konnte. Wie hätte sie es denn ihren Eltern erklären sollen, dass sie gerade ihre Geburtstaggäste raus geworfen hätte? Und wie wäre es nach diesem Tag in der Schule gewesen? Sicherlich noch schlimmer als den Rest dieses Abends noch ertragen zu müssen.</p>
<p style="text-align: justify;">Am späten Abend <span style="color: #3366ff;">weinte sie sich in den Schlaf</span>. Es war ihre letzte Geburtstagfeier. Erstmal, jedenfalls.</p>
<p style="text-align: justify;">
<p style="text-align: justify;">
<p style="text-align: justify;">
<h2 style="text-align: right;"><span style="color: #000000;"><strong>Cut.</strong></span></h2>
<p><span style="color: #000000;"><strong><br />
</strong></span></p>
<p style="text-align: justify;">Und wenn ich am nächsten Morgen nicht mehr aufwache, dann soll es so sein, dachte Alena und <span style="color: #3366ff;">Tränen tropften auf das Kissen</span>. Vielleicht habe ich Glück und werde keine 18 Jahre mehr alt.<br />
Langsam hatte sie keine Kraft gegen die schweren Augenlider, die zufallen wollten, anzukämpfen und schlief ein.<br />
Es war 20 Uhr. Sie war gerade erst nach Hause gekommen und hatte sich sofort in ihr Zimmer verkrümelt. Sie hatte die Musik aufgedreht und die kleine Holzkiste aus der Schublade unter den Socken hervorgeholt. In der Kiste lagen Taschentücher, Raiserklingen und ganz viele kleine, bunte Tabletten. Alena hatte sie nach und nach gesammelt, die Tabletten. Aus dem Medizinschrank. Schlaftabletten, Beruhigungstabletten – und Tabletten, die man als gesunder Mensch eigentlich nicht nehmen sollte.<br />
Sie nahm die Tabletten alle.<br />
Sie hatte sich keine Gedanken gemacht, was danach mit ihr passieren könnte und ob das so überhaupt funktioniert oder ob sie am Ende Folgen davon tragen würde. Sie wollte nur schlafen. Ganz tief schlafen und dabei sollte das Herz einfach aufhören zu schlagen. Und wenn es in dieser Nacht eben passierte, dann war es so.<br />
Die Musik lief. Dauerschleife. „<em>Oh girl we are the same. We are young and lost and so afraid. There´s no cure for the pain, no shelter from the rain. All our prayers seem to fail…</em>”</p>
<p style="text-align: justify;">Der Wecker klingelte. Und klingelte.<br />
Alena’s Augenlider zuckten. Langsam bewegte sie sich und öffnete die Augen.<br />
Scheiße bin ich müde, murmelte sie.<br />
Und scheiße, ich atme noch.<br />
Nur langsam konnte sie aufstehen. Ihr Kopf brummte, als wären zig Autos drüber gefahren.<br />
Duschen. Erstmal duschen, dachte sie.<br />
Und dazu brauchte sie ewig lange, sodass sie sich beeilen musste, um es noch pünktlich zur Schule zu schaffen. Ihre Familie gratulierte ihr, sie bekam Umschläge und machte sich schnell auf den Weg.</p>
<p style="text-align: justify;">Am Nachmittag schlurfte sie die Wendeltreppe zur Station hinauf. Sie mussten jeden Tag zur Klinik, da sie noch tagesklinisch war. Auch an ihrem Geburtstag.<br />
Irgendwas war komisch, als sie gerade eben an der Tür geklingelt und sich durch die Sprechanlage gemeldet hatte.<br />
Und auf einmal hörte sie Stühlerücken.<br />
Die haben doch Übergabe um diese Zeit, dachte sie.<br />
Dann hörte sie auch noch die Stationstür. Mittlerweile war Alena schon sieben Monate hier, sodass sie die verschiedenen Türen sehr gut durch ihren Klang beim Öffnen unterscheiden konnte.<br />
Und plötzlich standen sie alle da. Alle. Die kompletten Patienten, Therapeuten und Betreuer von der Früh- und von der Spätschicht. Und auch Therapeuten, mit denen sie eigentlich nicht viel zu tun hatte.<br />
Herr V. stand vorn und fing nun auch noch an zu zählen.<br />
Eins. Zwei. Drei.<br />
Happy Birthday to you…<br />
Sie sangen Happy Birthday.<br />
Ich glaub’ ich spinn’, dachte Alena.<br />
Ist das verrückt.<br />
Sie singen. Sie singen alle Happy Birthday nur für mich.<br />
Das hat noch nie jemand getan. Nagut, im Kindergarten. Aber das zählt nicht, weil man das tun musste.<br />
Sie sangen zu Ende.<br />
Herr V. kam auf sie zu. Er gab ihr die Hand und gratulierte und konnte nicht aufhören Alena anzugrinsen. Er spürte, wie überwältigt sie war. Und sie <span style="color: #3366ff;">kämpfte mit den Tränen</span>.<br />
Die Menge löste sich auf und die Patienten kamen auf sie zu gestürmt.<br />
Alena wurde umarmt und gedrückt. Hier und da.<br />
Ich glaube, ich spinne, dachte sie wieder.<br />
Es gab Kakao und Kuchen.<br />
Mit 18 Kerzen obendrauf.<br />
Ich muss einfach spinnen, dachte sie.<br />
Sie hatte schon einige Geburtstage auf der Station miterlebt. In den sieben Monaten. Und Kuchen gab es immer. Er wurde von der Nachtschicht gebacken. Aber die Sache mit dem Lied, dass alle auf dem Flur versammelt waren und sangen, das gab es noch nie…<br />
Und Alena atmete, sie atmete und lebte noch immer.<br />
Zum Glück.</p>
<p style="text-align: justify;">
<h2 style="text-align: right;"><span style="color: #000000;"><strong>Cut.</strong></span></h2>
<p><span style="color: #000000;"><strong><br />
</strong></span></p>
<p style="text-align: justify;">20 Jahre. Alena hatte einige Freunde eingeladen. Ihre beste Freundin, die sie in der Klinik kennengelernt hatte und ihre beste Freundin, die mit ihr zur Schule ging. Beide brachten ihre Freunde mit. Ihre Freundin, die sie über das Internet kennengelernt hatte, war auch da. Und natürlich ihr Freund. Ja, ihr Freund.<br />
Es gab Pizza und selbstgemachte Cocktails.<br />
Es wurde gesagt, wie lecker die Pizza sei und nach dem Rezept für den Teig gefragt. Weil Pizzen eben doch nicht immer lustig sind.<br />
Aber Cocktails sind es. Und deswegen war der ganze Abend auch lustig. Mit Alena und nicht ohne Alena.<br />
Es gab Musik, lustige Kartenspiele und Witze. Und es wurden <span style="color: #3366ff;">Tränen</span><span style="color: #3366ff;"> gelacht</span>.<br />
A <span style="text-decoration: underline;">Happy</span> Birthday.</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Fahrplanauskunft ll</title>
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		<pubDate>Mon, 18 Jan 2010 09:58:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Fahrplanauskunft I
Alena lag auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Das bedruckte Papier vom Bahnhof lag auf dem Schreibtisch. Wie ärgerlich das doch ist, dachte sie. Die falsche Zugverbindung. Gut, an sich, war es nicht völlig falsch. Die Fahrtzeiten in die Stadt standen auf dem Zettel. Aber ab dem Bahnhof musste man noch einmal [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><span style="text-decoration: underline;"><a href="http://mutismusblog.de/fahrplanauskunft-l/">Fahrplanauskunft I</a></span></p>
<p style="text-align: justify;">Alena lag auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Das bedruckte Papier vom Bahnhof lag auf dem Schreibtisch. Wie ärgerlich das doch ist, dachte sie. Die falsche Zugverbindung. Gut, an sich, war es nicht völlig falsch. Die Fahrtzeiten in die Stadt standen auf dem Zettel. Aber ab dem Bahnhof musste man noch einmal mit dem Bus fahren und die Busverbindung war falsch. Der Mitarbeiter von der Bahn musste die genaue Straße wohl falsch verstanden haben. Und das lies ihr einfach keine Ruhe. Sie wollte einen richtigen Zettel  mit ihren Zugverbindungen haben.<br />
Es war 18.30 Uhr, Zeit für das Abendessen. Langsam schlurfte Alena in den Gruppenraum, in dem nicht nur die Gruppentherapie stattfand, sondern auch die Mahlzeiten eingenommen wurden. Alena setzte sich neben Maike, die sich mit Dennis unterhielt. Nach und nach folgte der Rest, bis alle da waren.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Abendessen, zurück in Alenas Zimmer, klopfte es plötzlich an der Tür. Maike und einige andere Mädchen warfen ihre Köpfe zur Tür herein. „Möchtest du mit in den Abendausgang kommen? Wir wollen zum Bahnhof.“ Ja, warum nicht. Die Sonne geht gerade so hübsch unter, dachte sie. „Ja.“<br />
Es war der letzte Abendausgang in diesem Sommer. Nach dem Abendessen durfte man nur im Sommer noch einmal bis um 20.15 Uhr die Station verlassen. Im Herbst und Winter dann nicht mehr, da es dunkel wurde. Als würde die Dunkelheit die kleinen Patienten auffressen, dachte Alena. Sie möchte es im Dunkel spazieren zu gehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Alena und vier andere Mädchen gingen zum Bahnhof. Zwei wollten irgendwie Zigaretten bekommen – sie waren erst 14 – und die anderen beiden Zeitschriften und Süßigkeiten für den Abend kaufen.<br />
Ja, der Bahnhof. Und eigentlich könnte Alena noch einmal beim Servicebereich vorbeischauen. Nur schauen. Mehr nicht. Die Lage checken, wie sie manchmal scherzhaft zu Herr V. sagte, wenn sie erstmal nur beobachten wollte.<br />
Der Weg zum Bahnhof war nicht lang. Sie sagte den anderen, dass sie nicht mitkomme. Sie müsse etwas erledigen und dann stand sie aufeinmal allein in der Bahnhofshalle. Der Bahnhof war viel leerer. Nicht mehr so viele Menschen, wie am Mittag waren unterwegs. Und hinter den Tresen saßen nur eine Frau und ein Mann, ein anderer als am Mittag. Ein Fahrgast mit einem großen schwarzen Koffer und glatt gekämmtem Haar stand an seinem Tresen. Wenn Alena da nun reingehen würde, könnte sie nicht mehr so einfach wieder rausgehen. Dann gab’s kein Zurück mehr, denn alles war so menschenleer, dass jeder Alena bemerken würde.<br />
Okay. Durchatmen und gehen. Genau, wie heute Mittag.<br />
Gehen.<br />
Und sie ging.<br />
Das Herz schlug ihr wieder bis zum Hals. Aber diesmal versuchte sie es zu ignorieren. Adrenalin schoss durch ihren Körper und er fühlte sich irgendwie merkwürdig kühl an.<br />
Alena ging durch die Glastür und den mit Bändern markierten Weg für eine lange Schlange entlang. Links, rechts, links, rechts – warum musste man die Markierungen so stehen lassen, wenn doch gar keine Menschen mehr hier waren? Daran, dass so ein langer Weg für jemanden, der gerade Todesängste durchstehen musste, sehr ungeeignet war, dachte niemand.<br />
Endlich war sie bei der Frau. Es war eine blonde, freundlich aussehende etwas fülligere Frau.<br />
„Hallo!“<br />
„Hallo. Ich bräuchte eine Fahrplanauskunft.“<br />
„Von wo nach wo denn?“, fragte die Frau.<br />
„Von hier zur Berufsschule und wieder zurück.“<br />
Sie tippte.<br />
„Okay. Morgens hin und am Nachmittag zurück?“<br />
„Genau.“<br />
Der Drucker ratterte.<br />
„Ich habe Ihnen ein paar Verbindungen ausgedruckt“, sie zeigte Alena den Zettel.<br />
Alena schaute ihn an. Da stand als Endhaltestelle „Berufsschule“! Es stimmte!<br />
„Danke“, sagte sie freundlich und lächelte.<br />
„Tschüss.“<br />
Ihr Herz schlug noch immer laut. Es war als wollte es nicht leiser werden. Aber diesmal wohl vor Stolz. Und vor Erleichterung. Aufeinmal fühlte es sich so an, als wäre sie schwerelos, wie eine Feder. Als hätte sie tausende von Kilogramm verloren. Und eigentlich hätte sie auch den ganzen Bahnhof umarmen können, würde er in ihre Arme passen.<br />
Ich glaube, ich zerspringe, dachte sie. Das ist ja besser als alles, was ich jemals gefühlt habe.</p>
<p style="text-align: justify;">Zurück auf der Station erzählte sie es sofort. Das musste man einfach erzählen. Darüber konnte man nun wirklich nicht schweigen. Außerdem strahlte Alena bis über beide Ohren, das konnte  auch niemand übersehen ohne zu fragen, was passiert war.<br />
Frau Förster schaute sie skeptisch, aber erfreut an. Wahrscheinlich dachte sie, so etwas Verrücktes konnte Alena gar nicht gemacht haben. Sicherlich hatte sie bei der Teambesprechung schon von Alenas Ausflug am Mittag  mit Herr V. gehört und wie schwer es ihr gefallen war.<br />
Aber konnte man machen. Sogar Alena.<br />
Weil es einfach nicht ging, wenn man die falsche Auskunft hatte. Das war so, als hätte man etwas angefangen und konnte es nicht zu Ende bringen. Und das funktioniert doch einfach nicht! Der ganze Kampf am Mittag hätte nicht umsonst sein können!</p>
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