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Essengehen

Sie saß auf ihrem Stuhl und schaute panisch in die Speisekarte. Es war nämlich schon ein bisschen Zeit vergangen, nachdem sie zusammen das Restaurant betreten hatten und die Bedienung würde sicherlich bald kommen und die Bestellung aufnehmen wollen. Und es wäre zu kompliziert gewesen, wenn Alena gesagt hätte, dass sie sich noch nicht entschieden hatte, wenn alle anderen schon soweit waren. Denn aus der Reihe springen und so Aufmerksamkeit erzeugen, das ging gar nicht. Also musste sie sich schnell etwas aussuchen. Nur was?

Es musste etwas sein, was sie aussprechen konnte. Leider hatten die Gerichte auf der Speisekarte keine Nummern. Schön, für die Genussmenschen, wie sie mal irgendwo auf einer Speisekarte gelesen hatte, auf der ein Restaurant damit warb, dass sie ihren Gerichten keine unpersönlichen Nummer, wie bei einem Schnellimbiss geben, aber blöd für Mutisten. Für Alena war es nämlich leichter einfach eine Zahl zu sagen, als den Namen des Gerichts. Was wohlmöglich nicht unbedingt leicht auszusprechen war und natürlich auch viel länger und mehr Worte kostete als eine Zahl. Das war anstrengender. Deswegen konnte sie nur das bestellen, wo sie sich auch hundertprozentig sicher war, wie man es aussprach. Denn Versprechen ging überhaupt nicht. Sie war froh, wenn sie überhaupt etwas sagen konnte. Da musste es einfach sein. In einem Restaurant mit typisch deutschen Gerichten war es leichter. Aber zum Beispiel beim Chinesen oder Inder, wie heute, eben absolut nicht. Da war es eine kleine riesen Katastrophe.

 

Laufen

Und dann lief sie wieder. Manchmal konnte sie die ganze Nacht lang gehen, wenn nicht doch irgendetwas in ihr sagte, dass sie mal schlafen musste. Und manchmal, dann joggte sie. Das tat sie sogar regelmäßig. Weil das Gehen irgendwann nicht mehr reichte. Immer einen Fuß vor den anderen und immer weiter. Immer mehr.
So konnte Alena, wenn ihr die Uhrzeit nicht im Nacken saß, immer gehen und gehen. Die Kaputze des Pullovers tief in das Gesicht gezogen, damit niemand die Tränen in der Dunkelheit sehen konnte, ging sie. Sie ging durch dunkle Straßen und durch helle. Manchmal durch volle und durch leere. Es war eigentlich egal. Hauptsache sie ging. Immer weiter. Und einen Fuß vor den anderen.
Ihre Tasche rieb’ an den Knöpfen ihrer Jacke. Und durch die Kaputze auf dem Kopf klang dies merkwürdig gedämpft. Wie ein Herzschlag, dachte sie. Rhythmisch mit jedem Schritt. Und wenn sie stehen blieb, hörte es auf.
Blödsinn. Denn das echte Herz schlug ja dummerweise weiter. Also setzte sie sich auch wieder in Bewegung. Die Tränen rannen ihr die Wangen herunter. Und eigentlich konnte sie schon gar nichts mehr sehen. Aber sie ging dennoch weiter.
Es war als würde sie etwas suchen. In jeder Straße, in jeder Häuserecke. Aber eigentlich suchte sie gar nichts. Was sie verloren hatte, das wusste sie. Da musste man nicht mehr suchen. Das kam nie wieder. Nie. Nämlich ein Mensch, der für immer bleibt.

Eingesperrt

Nach dem Aufnahmegespräch und nachdem Alena sich von ihrer Mutter verabschiedet hatte, wurde sie von Herr V. zur Station 3 der Kinder- und Jugenspsychiatrie begleitet. Am Dienstzimmer der Betreuer lernte sie Frau H. kennen, die sie zu ihrem Zimmer führte.
Es war ein Zweibettzimmer, ganz am Ende des hellen, durch ein Glasdach erleuchteten Ganges.
“In den nächsten Tagen kommt eine weitere Patintin in das Zimmer”, erklärte Frau H.
Das Zimmer war irgendwie komisch. Ja, komisch war das richtige Wort. Gegenüber der Tür waren große Fenster, die sich über die gesamte Breite des Zimmers erstreckten. Mit blauen, schweren Vorhängen konnte man die Fenster verdecken. Davor standen in jeder Ecke des Zimmers zwei Betten. Eins rechts, das andere links.
“Noch kannst du dir sogar eines aussuchen”, lächelte Frau H. Sie wirkte freundlich. Mit ihren blonden, lockigen Haaren.
Nach dem rechten Bett folgte ein Schreibtisch. Der Schreibtisch, der zu dem linken Bett gehörte, stand vor dem Fenster, zwischen den beiden Betten. Was zu wem gehörte, erkannte man an den Farben. Rechts war blau und links rot. Die Möbel waren aus hellem Holz. Buche wohlmöglich. Aber die Tisch- und Bettbeine waren farbig. Rot und blau eben.
Und dann gab es noch für jeden einen Schrank, die neben der Tür nebeneinander standen. Mit roten und blauen Türgriffen natürlich.

“Packst du bitte deine Sachen aus? Hier ist das so geregelt, dass die Betreuer dabei zusehen müssen, damit die Jugendlichen wissen, was sie auf den Zimmern haben dürfen und was sie abgeben müssen”, erklärte Frau H.
Ahja. Sonst ist alles klar?, dachte Alena während sie in das Zimmer starrte und schwieg. Sie rührte sich nicht.
Frau H. die etwas unbeholfen schaute, weil sie nicht wusste, wie sie Alenas Schweigen interpretieren sollte, schlug nach einer Weile vor: ” Okay, dann erkläre ich dir erstmal, wie das auf Station hier so abläuft und danach packen wir deine Sachen aus.”
Wir packen meine Sachen aus? Wo bin ich nur hier gelandet, dachte Alena und änderte ihre Körperhaltung keinen Milimeter.
“Setz’ dich doch,” bot Frau H. an während sie auf den Stuhl mit den blauen Stuhlbeinen zeigte und sich selbst den mit den grünen zurecht rückte.
Alena setzte sich. Steif und starr saß sie nun und starrte wieder in eine Ecke des Zimmers.

Frau H. erklärte anhand des Wochenplanes, den jeder Patient bekam, wie die Woche hier so abläuft. Es gab feste Termine, wie Gruppentherapien, Schwimm- und Reittherapie und einige wechselnde Therapien, wie die Einzeltherapie und Ergotherapie. Die Zeiten, an denen es die Mahlzeiten gab, standen auch auf dem Plan. Am Vormittag gingen die Jugendlichen entweder extern oder intern zur Schule oder nahmen an der Arbeitstherapie teil. Das konnte sie sich aussuchen, da sie schon einen Schulabschluss hatte.
“Ausgang hat man hier insgesamt zwei Stunden, den du nur nehmen kannst, wenn du keine Termine hast. Dazu musst du dich im Dienstzimmer in die Liste eintragen. Allerdings hast du am Anfang, weil du neu hier bist, nur 3 x 30 Minuten pro Tag. Später kannst du die zwei Stunden dann auch am Stück nehmen”, sagte Frau H.
“Ausgang. Das klingt wie Gefängnis. Gefangen. Man kann nicht einfach raus gehen, wann man will. Man ist hier gefangen. Muss um Erlaubnis fragen. Diese Gedanken schwirrten Alena durch den Kopf.
“Und dein Handy darfst du nur mit in den Ausgang nehmen. Die sind hier auf der Station verboten und werden ausgeschaltet im Dienstzimmer abgegeben.”
Prima, noch nicht mal Kontakt zu ihren wenigen Freunden. Man sah ihr dieses komische Gefühl an. Gefangen und kontrolliert zu sein. Als hätte sie etwas verbrochen oder angestellt. Als wäre sie böse. Oder kein eigener Mensch mehr. Irgendwie war sie hier völlig falsch. Sie war doch nicht so verrückt im Kopf, dass sie sich kontrollieren lassen musste. Keine Freiheit mehr. Nichts. Nicht essen, wann man will. Nicht rausgehen, wann man will. Gar nichts. Es sollte doch nur mit dem Sprechen besser werden. Deswegen war sie hier. Und weil man sich Sorgen machte, dass sie sich das Leben nahm und depressiv war. Aber doch nicht so schlimm, dass eingesperrt  werden musste! Sie war wütend.

“So und jetzt packen wir deinen Koffer aus”, sagte Frau H.
Ja, wir meinen Koffer aus. Jawohl, dachte sie. Wir packen gar nichts. Sie saß da, schwieg und rührte sich nicht. Versteinert. Völlig falsch. Am falschen Ort.

Ein kleiner riesengroßer Sieg

Im Vorbeigehen versuchte Alena einen Blick durch die Schaufensterscheibe der Apotheke zu erhaschen. Hm, nichts. Sie konnte nichts davon sehen, was für sie wichtig war, um in das Gebäude gehen zu können. Nämlich wie wiele Menschen dort drin waren. Kunden, die etwas kauften, Kunden die sich im Raum aufhielten und Apotheker, die verkauften oder mit anderen Aufgaben beschäftigt waren. Nichts konnte sie sehen. Das war also keine gute Apotheke. Sie ging weiter.
Vier Stück fielen ihr noch ein, die in der Innenstadt lagen. Vielleicht waren sie besser. Besser, weil sie dort besser durch die Fenster gucken konnte. Denn um das Rezept, was sie gefaltet in ihrem Portemonnaie trug, abgeben zu können, musste sie wissen, wie es in der Apotheke aussah. Eben, wie viele Menschen dort waren. Kunden, die etwas kauften und Apotheker.
Anders war das Sprechen irgendwie unmöglich. Klar, sie hätte einfach hineingehen, gucken und wieder rausgehen können. Aber was wäre gewesen, wenn die Apotheke gut war? Dann hätte sie wieder reingehen müssen und dann hätten die Apotheker und Kunden komisch geschaut. Und wenn sie eine Weile mit dem Reingehen gewartet hätte, würde es wohlmöglich in der Apotheke ganz anders aussehen und dann war die Sicherheit wieder weg.
Ja, Sicherheit gab ihr das. Sicherheit zum Sprechen, um dieses blöde Rezept einlösen zu können.
Die nächste Apotheke war auch nicht besser. Dort konnte sie zwar gut gucken, konnte die drei Tresen sehen und die Menschen. Das Problem hier war, sie war zu voll. Es gab drei Apothekerinnen und viel zu viele Kunden in Schlangen. Auch nicht gut. Sie hätte warten können. Aber es hätte ja auch sein können, dass wenn sie dort stand, wieder ganz viele Menschen hinzukamen und hinter ihr standen. Das wäre zu voll gewesen. Sie ging weiter zur nächsten. Drei gab es schließlich noch. Und wenn die auch nicht gut waren, würde sie wieder zu dieser zurück laufen. Vielleicht war sie dann wirklich leerer.
Sie hasste das. Warum musste alles nur so kompliziert sein? Ihr Herz schlug bestimmt schon seit einer Stunde viel zu schnell. Wie ihre Atmung. Und sie war langsam müde. Viel zu anstrengend und riesengroß war das. Aber das Medikament brauchte sie. Weil dann wären ja die ganzen Anstrengungen mit dem Arzt, um das Rezept zu bekommen, unnötig gewesen. Das ging auch nicht.

Cut.

4 Jahre später. In einer anderen Stadt.
Das Medikament musste sie noch abholen. Als Alena den Weg gegangen war, hatte sie die Apotheke schon gesehen. Auf dem Rückweg würde sie dort schnell das Rezept abgeben. Weil’s eben auf dem Weg lag und sie keine Lust hatte zu den ihr bekannten Apotheken zu laufen. Warum auch.
Sie drückte auf den Ampelknopf und wartete auf das grüne Signal. Sie ging über die Straße und gleich danach die Treppe zur Apotheke hinauf. Die Schiebetüren öffneten sich und sie trat ein. In dem Raum gab es drei Apothekerinnen, wovon eine der Auszubildenden etwas erklärte und dann noch eine Kundin. Es war nicht schlimm. Die Auszubildende begrüßte Alena und sie hörte ihre unsichere Stimme. Wahrscheinlich machte sie das noch nicht so oft, Kunden bedienen und beraten. Ein bisschen Stärke überkam Alena. Aber auch ohne Auszubildende wäre es nicht schlimm gewesen. Das ging ja schließlich schnell und war keine große Sache. War ja nur ein Rezept.

Nur, damit man mal sieht, was man sich erkämpfen kann…

Gesellschaftsspiele

Plötzlich schlug ihr das Herz bis zum Hals. Daran hatte sie nun überhaupt nicht gedacht. Verdammt. Panik breitete sich aus. Wie ein ekelhafter Parasit durchströmte sie blitzschnell Alenas ganzen Körper. Von Kopf bis Fuß, bis sie oben angelangt war und ihr den Kopf benebelte, sodass sie nicht mehr klar denken konnte.
Was sollte sie denn nun tun? Wieso hatte sie das nicht bedacht? Dann wäre sie doch gar nicht hier hin gegangen. Warum? Blöd war sie irgendwie gewesen. Wieso fiel ihr das nicht vorher ein, dass sie eventuell auch Gesellschaftsspiele spielen wollten? Warum nur…

Sie merkte, wie ihr Gesicht ganz kalt wurde und überlegte kurz, ob es nun auch die Farbe verloren hatte und ob die anderen es bemerkten. Ihre Hände verloren jedenfalls die Farbe und waren nun mehr weiß als warm und rosig. Sie schmerzten.
Und ihr Blick musste eisig und starr geworden sein, denn aufeinmal hörte sie die Frage, ob alles in Ordnung sei.
Ja, sagte sie, wie aus der Pistole geschossen, weil niemand merken sollte, dass es nicht so war.
ER schaute sie an. ER wusste, was los war. Dass das nicht ging. Dass sie keine Spiele spielen konnte. ER schaute fragend. So als ob ER fragen wollte, ob es wirklich okay war. Aber was sollte sie darauf antworten? Nein, es war nicht okay. Sie konnte keine Spiele spielen und wäre am liebsten verschwunden. Am liebsten hätte sie IHM gesagt, dass sie nach Hause gehen möchte, doch sie wusste nicht, wie sie das anstellen sollte ohne dass sie es hätte sprechen müssen. Dann würden es nämlich alle hören und das ging nicht.
Sie schaute IHN tief und durchdringend an. Sie fixierte SEINE Augen und wünschte sich, dass ER Augen lesen konnte. Dass man Gedanken in Augen sehen konnte und dass ER nun wusste, dass sie nicht länger bleiben konnte. Aber ER merkte es nicht. Woher auch.
ER nahm ihre Hand in SEINE und hielt sie fest. ER würde sich bestimmt hilflos fühlen, dachte Alena. Weil ER wusste, wie es in ihr drin aussah und nicht wusste, was ER tun sollte.
Plötzlich fragte ER, ob es in Ordnung sei, wenn sie spielen würden. Und da es nicht leise genug war, sodass es der ganze Tisch mitbekam, nickte sie wieder. ER hätte leiser fragen sollen, dachte sie. Dann hätte sie mit dem Kopf geschüttelt und niemand hätte es gesehen. Aber selbst dann hätte ER nicht gewusst, was ER tun sollte und es wäre eine blöde Situation gewesen für IHN. So hielt sie nur SEINE Hand fest in ihrer und hoffte, dass es besser werden würde. Das mit der Angst.

Eigentlich war’s mehr als Angst. Fast schon Panik. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, wippte abwechselnd mit den Beinen und versuchte der Diskussion, welches Spiel gespielt werden würde, zu lauschen. Das war schwierig, denn ihre Ohren waren benebelt. Die Stimmen klangen so, als wären sie meterweit entfernt. Sie waren leise und verschwommen. Dabei hätte sie eigentlich zuhören wollen. Damit sie wusste, was auf sie zu kam. Vielleicht war’s ja ein leichtes Spiel. Oder eines, was sie bestenfalls schon kannte, auch wenn sie nicht viele Spiele kannte.
Sehr schlimm wäre es, wenn es kompliziert war. Sie musste nur daran denken und schon fühlte sie den Schwindel, den man vor Angst bekommt, wenn sie besonders groß ist. Es ging beim Spielespielen eigentlich gar nicht so um’s Reden. Oft musste man auch gar nicht reden. Außer man spielte solch blöden Spiele, wie ‘Tabu’. Vielmehr ging’s um das Verstehen der Spieleanleitung. Da sie kaum spielte, kannte sie auch wenig Spiele, weswegen die Wahrscheinlichkeit groß war, dass man ihr das hätte erst erklären müssen. Und das war das Problem. Dann war sie immer so angespannt und voller Angst, sodass die Worte nur in die Ohren reingingen, aber nirgends ankamen. Jedenfalls nicht im Gehirn, sodass sie nach der Erklärung gewusst hätte, wie das Spiel funktionierte. Und das war blöd, wenn das Spiel erklärt wurde und sie’s trotzdem nicht verstand. Denn dann musste sie nachfragen und reden. Und sich wohlmöglich auch blamieren, weil sie sich wie der letzte Idiot fühlte. Ohne funktionierendes Gehirn. Das konnte sie am Spielen nicht. Das Zuhören, Verstehen und Umsetzen. Bei so vielen Menschen.

Am liebsten wäre sie tatsächlich weggerannt. Hätte alles stehen und liegen gelassen und wäre einfach gerannt. Besonders als sie hörte, auf welches Spiel sich die Gruppe geeinigt hatte. Natürlich kannte sie es nicht. Und auch, als sie einen beiläufigen Kommentar aus irgendeinem Mund aufschnappte, dass das Spiel nicht schwer sei, weil es offensichtlich noch mehr aus der Runde nicht kannten, wäre sie am liebsten gerannt.
Jetzt gab’s nur die Möglichkeit sich irgendwie davor zu drücken. Irgendwie. Aber sagen, dass sie nicht mitspielt, konnte sie auch nicht. Warum hätten sie sicherlich gefragt. Weil sie nicht wollte? Dann hätten sie ein anderes Spiel ausgesucht. Weil sie nicht spielte? Das konnte sie erst recht nicht sagen…

Ihr wurde schummrig, als das Spiel ausgepackt und aufgebaut wurde. Schwindelig war ihr nicht. Umgekippt wäre sie nicht. Aber es fühlte sich so an, als würde es bald soweit sein. Als wäre sie kurz davor. So, wie das ist, wenn die Augen kurz vor dem Schwarzwerden sind.
Sie wollte weg. Sie drückte SEINE Hand. Weg.

Gebrannte Mandeln

Gut. Heute würde sie es also versuchen. Schon seit knapp eineinhalb Wochen hatte sich das Alena vorgenommen. Und sie musste es nun bald tun, sonst war die Zeit vorbei.
Deswegen heute. Eigentlich dachte sie das letzte Woche auch schon und dann ging es nicht. Aber heute war ein guter Zeitpunkt. Irgendwie war der Tag heute ertragbar gewesen und ihr ging es ganz passabel. Deswegen war heute richtig.
Heute würde sie gebrannte Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt in der Stadt kaufen.

Sie ging zur Tür des Dienstzimmers der Kinder- und Jugendpsychiatrie um sich zu verabschieden. Sie sagte, sie fahre nun nach Hause. Da sie mittlerweile teilstationär war, tat sie das jeden Abend. Davon, dass sie auf den Weihnachtsmarkt gehen wollte, erzählte sie nichts. Das machte nur Druck, dachte sie. Und dann wäre es viel zu blöd, wenn es nicht funktionierte.
Alena ging die Treppe hinunter und stiefelte durch das bisschen Schnee, das in Großstädten liegt, zur Straßenbahn. Mit jeder Station, die sie der Innenstadt näher kam, war da dieses komische Gefühl im Magen. Aber eigentlich war es okay. Auch, wenn es nicht klappte. Da gab’s ja schließlich kein Müssen. Das war ein Wollen. Ein Wollen, weil jedesmal wenn die Straßenbahntüren aufsurrten, sich ein Duft von Weihnachten und gebrannten Mandeln in die Straßenbahn schlich. Und dann waren da draußen noch die vielen Lichter und die Musik. Das war die Zeit, die sie ziemlich gern hatte. Winter und Weihnachten. Und deswegen hatte sie schon seit sie den Mandelduft das erste Mal roch, Lust auf gebrannte Mandeln.
Sie überlegte. Eigentlich war es das erste Mal, dass sie etwas tat, was sie wollte. Meistens wollte sie nämlich gar nicht, weil sie es nicht konnte. Gebrannte Mandeln kaufen konnte sie eigentlich auch nicht, aber das wollte sie. Und wenn man will, kann man vielleicht.

Alena stieg in der Mitte der langen Einkaufsstraße aus. Der Weihnachtsmarkt war im unteren Teil der Straße.
Letzte Woche hatte sie schon geschaut, an welchen Weihnachtsmarktständen man gebrannte Mandeln kaufen konnte. Das musste sie vorher tun. Sie musste einen Überblick haben, damit sie wusste, welche Stände sie nun ablaufen konnte. Das musste planbar sein.
Und so ging sie von Stand zu Stand und checkte die Lage, wie sie manchmal scherzhaft zu Herr V., ihrem Therapeuten sagte, weil sie eigentlich immer erst die Lage checken musste. Sie musste wissen, wie es dort aussah, wo sie sprechen musste, wie die Menschen aussahen und wie es dort war. Dann ging es leichter.
Als könnte man das leicht nennen. Leicht war überhaupt nichts. Und eigentlich war es auch unmöglich. Aber wenn Alena vorher die Lage gecheckt hatte, war es vielleicht ein bisschen weniger unmöglich.

Zwei Weihnachtsmarktstände fielen in die engere Auswahl. Sie waren auf dem großen Platz in der Nähe der Straßenbahnhaltestelle und sie lagen sogar beinahe gegenüber. Jedenfalls konnte sie beide Stände sehen, wenn sie in der Mitte stand. Einer der beiden Stände war kleiner. Dort gab es nur Nüsse. Verschiedene Nüsse. Und dort gab es mehr Menschen. Viele Menschen. Vielleicht schmeckten dort die Mandeln besser und deswegen war dort die Menschenschlange länger. Oder es war so, weil es nur einen Verkäufer gab. Der andere Stand war dagegen viel größer. Und dort gab es auch Lebkuchen und Schokoküsse. Und Zuckerwatte sah Alena auch. Mit vielen Verkäufern.

Welcher Stand war besser? Würde sie sich zu Stand Nummer eins stellen, könnte es sein, dass sich andere Menschen nach ihr anstellten.  Und wenn mehr Menschen zuhören konnten, war’s schwieriger. Würde sie zu Stand Nummer zwei gehen und schnell  machen, wäre da niemand.
Da es komisch aussah, wie sie die ganze Zeit zwischen den beiden Ständen stand und nach rechts und links schaute, ging sie noch eine Runde um die Stände. Stand Nummer eins fühlte sich irgendwie schwieriger an. Auch wenn die vielen Menschen wahrscheinlich gar nicht hörten, wenn sie sprach. Es waren einfach zu viele. Stand Nummer zwei war irgendwie ruhiger. Vielleicht musste sie dort sogar weniger laut sprechen.
Irgendwie sagte das Bauchgefühl Stand Nummer zwei war besser. Da war Platz. Und vielleicht ging es mit Platz besser. Sie sollte auf das Bauchgefühl hören.

Stand Nummer zwei. Sie war wieder dort. Eine Runde noch, dachte Alena und dann würde sie gebrannte Mandeln kaufen. 100 Gramm würde sie kaufen. 100 Gramm waren gut. Am anderen Stand waren 100 Gramm etwas teurer. Hier kosteten sie 2,00 €. Als sie hinter dem Mandelstand war kramte sie das Geld aus ihrem Portemonaie. Das war leichter, wenn sie sich ganz allein auf das Sprechen konzentrieren konnte und beim Kauf nicht nach dem Geld kramen musste. Sie steckte die Geldstücke in die Hosentasche und tapste die Runde weiter.

Was sagte man überhaupt, wenn man Mandeln kaufen wollte? Beim anderen Stand war’s leichter. Da reichte es, wenn sie sagte, dass sie gern 100 Gramm hätte. Da gab’s ja schließlich nur Mandeln. Dagegen hatte der andere Stand sogar verschiedene Sorten. Sollte sie da sagen “ich hätte gern 100 Gramm normale gebrannte Mandeln?”. Oder sollte sie das “normale” weglassen? Wie kauft man überhaupt Mandeln? Am anderen Stand hätte sie hören können, was die Menschen vor ihr sagten. Vielleicht wäre das doch besser gewesen. Sollte sie sich doch anders entscheiden?

Mittlerweile war sie schon zwei weitere Runden gelaufen und die Verkäufer des Standes schauten sicherlich schon merkwürdig und wunderten sich, was sie da tat. Denn so menschenüberfüllt war der Markt gar nicht. Eigentlich war’s sogar ziemlich leer. Und deshalb konnten sie Alena sicherlich gut sehen. Vielleicht sollte sie Runden um andere Stände laufen? Aber dann konnte sie nicht mehr die Lage checken. Konnte nicht mehr sehen, ob sich bereits andere Menschen angestellt hatten und auch etwas kaufen wollten. Denn dann ging das nicht, dann musste sie noch eine Runde laufen und warten bis sie fertig gekauft hatten.

Okay. Die Lage war gut. Keine anderen Menschen. Sie wollte Mandeln kaufen. Mit den Worten, dass sie gern 100 Gramm Mandeln hätte. Was sollte sie auch sonst anderes sagen? Und das würden andere Menschen sicherlich auch so sagen. Die Runde war beinahe zu Ende und es reichte nun auch, fand Alena, denn sie fror. Sie lief sicherlich schon mehr als 30 Minuten auf dem Weihnachsmarkt rum, nur um gebrannte Mandeln zu kaufen. Also auf, dachte sie.

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und steuerte den Stand an. Weitergehen, weitergehen und nicht wieder umdrehen, dachte sie. Und dann stand sie auf einmal vor den vielen Mandeln. Ein Verkäufer kam auf sie zu, begrüßte und sah sie fragend an. Sie hielt die Hand in der Hosentasche. Die Faust umklammerten fest die Geldstücke.
“Ich hätte gern 100 Gramm gebrannte Mandeln”, sagte sie leise.
Das “normale” ließ sie einfach weg. Das konnte man sich sicher denken. Hätte sie andere gewollt, hätte sie gesagt mit Kokos oder so.
Der Mann schlug die Tüte auseinander und befüllte sie mit Mandeln. Er hatte verstanden, was sie wollte. Dann wog er sie, tat noch einige dazu und schlug den Rand der Papiertüte zusammen. Er legte sie auf den Verkaufstresen und nannte den Preis. Passend gab ihm Alena die Geldstücke aus ihrer Hosentasche, nahm die Tüte mit den Mandeln und lächelte. Warme Mandeln in ihrer Hand. Sie wärmte sich die Hände.
“Tschüss”, sagte sie.
“Tschüss. Einen schönen Abend”, wünschte er.
Ja, der Abend war schön. Zufrieden lächelnd, mit den warmen Mandeln in den Händen stieg sie in die nächste Straßenbahn und fuhr nach Hause.
Gebrannte Mandeln.

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Millisekunde

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Donnerstagsgruppentherapie

Heute war Donnerstag. Und Donnerstag hätte Alena am liebsten aus der Klinikalltagswoche gelöscht. Weil Donnerstag Gruppentherapietag war. Eigentlich war die am Montag auch, aber am Montag gab’s Gespräche in der Gruppentherapie und am Donnerstag alberne Spiele oder Aufgaben, die erfüllt werden mussten. Vetrauensspiele, Kooperationsspiele und sonstige dämliche Spiele, die die Therapeuten hübsch für die Gruppentherapie fanden.
Da gab’s zum Beispiel den Gordischen Knoten, die Aufgabe, dass alle eine Wand hinaufklettern mussten, egal wie, nur alle mussten hoch und die Starken den Schwachen helfen und es gab irgendwelche Strecken, die in der Gruppe auf Getränkekisten zurück gelegt werden mussten ohne den Boden zu berühren. Spaßigerweise wurden immer mehr Kisten entfernt, sodass man sich gegenseitig “helfen” und festhalten musste. Oder auf Holzbrettern, das gab’s auch. Und die mussten dann in einer Schlange von hinten nach vorn durchgegeben werden.
Die Umsetzung musste immer erst in der Gruppe diskutiert werden. Die Therapeuten gaben nur die Aufgabe und beobachteten und analysierten wahrscheinlich.
Was diese Wörter “helfen”, “vertrauen” und “für den anderen da sein” in diesen blöden Spielen mit dem echten Leben zu tun hatte, war Alena ein großes Rätsel. Als würde man daraus irgendetwas lernen, geschweige denn dadurch therapiert werden.
Und sie erst recht nicht. Denn für sie war das nur eine Qual. Und meistens tat Alena gar nichts. Abgesehen von atmen und auf-einer-Stelle-stehen. Meistens mit verschränkten Armen. In Abwehrhaltung. Während die anderen versuchten sie zum Mitmachen zu überreden. Als würde es daran liegen, dass sie nicht wollte. Und als könnte man das mit den richtigen Argumenten ändern.
An ihrem ersten Donnerstag in der Psychiatrie hatte sie so die ganze Gruppentherapie ausfallen lassen. Die Therapeuten sagten immer, dass alle mitmachen müssen, sonst geht’s nicht weiter. Das war zwar irgendwie nett, dass niemand vergessen wurde und zusammen Ideen und Lösungen gesammelt wurden, sodass jeder individuell – sein Problem betreffend – mitmachen konnte, aber Alena konnte nicht. Sie konnte wirklich nicht! Und darum fand die Donnerstagsgruppentherapie manchmal – eigentlich ziemlich oft sogar – ohne sie statt. Ohne sie aktiv jedenfalls, denn dabei sein musste sie.

Teil II folgt…

Selbsthass

Die Wut hämmerte gegen Alenas Schädel.
Wie ein Mensch nur mit sowas klar kommen sollte, überlegte sie während sie die Hände zu Fäusten ballte.
Mit dieser verdammten Wut, weil man so war, wie man war und so elementare, lebenswichtige Dinge nicht konnte, wie zum Beispiel Sprechen.
Das war so, als könnte man nicht immer laufen. Als könnte man nur bestimmte Wege gehen und bei anderen Wegen würden die Beine versagen und keinen einzigen Schritt mehr vorwärts gehen.
Und während sie so daran dachte, fiel ihr ein, wie bescheuert das Beispiel eigentlich war.
Es gab keine Menschen, denen die Beine bei bestimmten Wegen versagten! Und genauso gab es wahrscheinlich keinen einzigen Menschen außer ihr, der nicht sprechen konnte, obwohl er es eigentlich doch konnte. Nur eben nicht immer.
Das war doch niemandem zumutbar, dachte Alena und spürte, wie ihre Finger vor Wut über sich selbst kribbelten. Und es konnte ihr niemand erzählen, dass damit jemand klarkommen würde. Wenn man etwas gefragt wird und man keinen einigen Ton heraus bekommt. Dabei wäre die Antwort leicht gewesen. Und auch kurz. Aber nichts bewegte sich. Die Lippen waren aneinander gefroren.
Und dann sollte man auch noch selbst akzeptieren, dass es so war. Dabei war es beschissen so! Richtig beschissen! Nein, sogar mehr als das…
Äußerlich sah Alena ganz ruhig aus. Eben wie eingefroren. Unbeweglich und starr. Innerlich bebte sie vor Zorn über ihr Schweigen.
Am liebsten wäre sie aufgesprungen und fortgerannt. Ihre Arme waren warm. Als wären sie schon bereit, damit sie sich selbst ohrfeigen konnte. Denn das hätte Alena am liebsten getan. Sich bestraft. Anders ging das auch nicht. Wie konnte man sonst damit aufhören? Gut oder akzeptabel war alles andere, nur das nicht!
Eigentlich hätte sie Prügel verdient, wie das damals in Schulen war, wenn die Kinder nicht gehorchten. Dann gab’s da den Rohrstock und den hätte sie jetzt auch verdient. Weil… Ihr Kopf wurde warm. Weil… Weil sie sich einfach hasste! Sie hasste das, was sie tat und hätte man einfach nur einen Knopf drücken müssen, mit dem man das Leben ausschaltete, hätte sie es getan. Denn so wollte niemand leben! Wenn man etwas konnte, was man eigentlich nicht konnte, aber dann doch wieder konnte. Sogar der Gedanke daran, war zu absurd und kompliziert.
Am liebsten wäre sie nach Hause gegangen – ihre Unterarme kribbelten – und hätte sich mit den Rasierklingen in die Haut geschnitten. Ganz kleine Schnitte, bis der Arm mit Blut verdeckt war. Danach war es immer besser. Die Wut war weg. Weil danach die Arme schmerzten und brannten. Dann war im Kopf kein Platz mehr für die Wut. Aber das ging jetzt nicht. Und am liebsten hätte sie nicht nur in die Arme geschnitten, sondern hätte sich gern komplett aufgeschnitten. Das ganze Fleisch.
Krank? Ja, das klang furchtbar krank. Aber ja verdammt nochmal, das war es! Es war furchtbar krank etwas nicht zu können, obwohl man es doch so sehr wollte. Klar konnte man nicht alles haben, was man wollte. Aber es ging doch nur um’s Sprechen. Das was jeder kann. Nur Sprechen.
Ja klar war das krank, sich aufschneiden zu wollen! Aber wenn mir einer, nur einer, eine gottverdammte Möglichkeit sagt, wie man mit selektiven Mutismus selbst klarkommen kann, wie man mit sich selbst im Reinen ist, wenn man ständig so scheitern muss, dann sagt es mir, verdammt, schrie Alena innerlich.

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