Eigentlich hat jede Krankheit einen sekundären Krankheitsgewinn. Also etwas Positives, was diese Krankheit mit sich bringt. Bei einer Erkältung wäre das der Tee, der für einen gemacht wird oder die Wärmflasche. Also Aufmerksamkeit und Pflege über die man sich insgeheim doch freut und eine Erkältung ein bisschen ertäglicher macht.
Psychische Erkrankungen beziehungsweise bestimmte Verhaltensweisen haben meist einen tieferen Sinn. Oder besser gesagt haben auch etwas Positives oder sind einfach eine Überlebenstrategie.
Bei “meinem” Mutismus ist positiv, dass nichts passieren kann. Das mag komisch klingen, aber wenn man schweigt, kann einem nichts passieren. Keine Meinungsverschiedenheiten, keine Streitereien und auch keine peinlichen Situationen, in die man sich durch Worte bringen kann. Wenn man nicht spricht, ist man sicher.
Passend dazu hab’ ich mal ein Zitat gelesen. Ich weiß leider nicht mehr von wem und wo.
“Schweigen schützt, denn es verrät dich nie”
Das mag ich. Wenn an Mutismus irgendetwas positiv ist, dann dass er schützt. Dass man mit ihm sicher und in gewisser Weise behütet vor der Welt ist. Wie ein treuer, sicherer Begleiter, der einen in keine gefährlichen Situationen bringt…
17:41, 23. Juli 2010Oliver /
Immer wieder toll, deinen Blog zu lesen. Ich finde mich oft selbst wieder und es bringt mir immer wieder neue Denkanstöße über mich selbst nachzudenken. Ich sehe für mich selbst den “Schutz” nicht nur als sekundären Gewinn durch den Mutismus, sondern als Grundvoraussetzung. Das “Schutzbedürfnis” eines übermäßig sensiblen Mannes wie ich einer bin dürfte wohl als Hauptursache für das Schweigen durchgehen.
10:53, 26. Juli 2010Sab /
@ Oliver: Danke :)
Ja, auch eine Ursache kann das sein… Weil man merkt, dass durch das Schweigen nichts passieren kann oder man sich vor den Folgen schützen muss, die das Sprechen hätte…
12:04, 12. August 2010Einhandseglerin /
Ich mag das Zitat – und Schweigen schützt auch dadurch, dass man nichts sagt, das man hinterher bereuen könnte…
Liebe Grüße!
23:53, 2. September 2011tapsi /
ihr lieben,
als erzieherin bin ich im kindergarten für die sprachförderung zuständig.
seit einiger zeit wird doch der sprachstand der kinder im 4.lebensjahr von seiten der schule getestet.
–delfin-test–
also ein muß!
all die –durchgefallenen–
kommen in meine obhut.
ich mache meine arbeit sehr gern,
denn wider des völlig bekloppten testes,
bei der meies erachtens nach, meinung des lehrers echt einfließt,
das ganze also nicht mehr objektiv ist,
gebe ich dem ganzen das positive der kleingruppenarbeit.
endlich hat jemand zeit für die kinder.
zeit, sich ihnen liebevoll zuzuwenden,
was im gruppenalltag nur begrenzt möglich ist.
—-nun,
in meiner sprachförderung soll ich ein mutistisches mädchen haben.
ich kann das gar nicht glauben!
sicherlich,
wenn ich einiges hier lese,
sehe ich schon übereinstimmungen.
aber die kleine, besagte maus kennt mich kaum
u scheint mich zu lieben.
sie spricht mich förmlich über den haufen.
ich mache nichts weiter als ihr begeistert zuzuhören.
mich mit ihr wie ein ganz normales kind zu unterhalten.
liebevoll u geduldig gehe ich mit ihr um,
gebe ihr halt, wenn sie meine nähe sucht,
hautkontakt braucht.
alles rein intuitiv.
bis mir die kollegen sagten,
das sie mutistisch sei,
wie ich als fremde es schaffe mir zugang zu ihr zu verschaffen
u das kind würde jetzt speuielle förderungen bekommen,
ab jetzt heißt es,
alles vom kind einzufordern.
selbst mir wurde dieser druck auferlegt
u schon habe ich es mir mit dem kind
–versaut–
als ich mich meiner heilpraktikerin anvertraute,
u sie mir bestätigte
das ich zu anfang intuitiv richtig gehandelt hätte,
widersetzte ich mich endlich.
langsam gewinne ich das vertrauen der kleinen maus wieder.
–nun,
ich weiß noch immer zu wenig über diese angststörung,
denn es ist für mich nichts anderes.
u eure gedichte haben mich sehr berührt u in meinem tun bestätigt.
ich verstehe nur nicht,
was in der therapie des kindes passiert u warum wir außenstehenden immer alles von ihr einfordern müssen.
sicherlich wird das mädchen zunehmend selbstsicherer.
aber für mich passt die antwort nicht,
das durch das einfordern, der rückschritt in die eigenen,verschlossene welt
verhindert werden soll.
einfordern vs liebevoller geduld?
wie geht das?
sicherlich, weder bin ich therapeut
noch werde ich das kind heilen.
aber ich will nicht zu denjenigen gehören,
die das kind durch nichtwissen ebenso überfordern,
wie alle anderen nicht (oder besser-?)wisser.
irgendjemand muß doch dem kind zeigen, das es noch vertrauen in die welt u im menschen haben darf.
u dieser mensche möchte ich für die kleine maus sein.
u wenn ich vorerst die einzige für das kind bin,
an die es in der welt da draußen glauben darf.
zumindest möchte ich sie so noch dieses jahr,
dann geht sie in die schule,
genau so begleiten.
u ich bin felsenfest davon überzeugt, das die kleine maus ihre natürlichen fortschritte durch meine hand machen wird.
vielleicht nur langsamm,
vielleicht ganz leise,
vielleicht nur wenige,
vielleicht für mancher augen unsichtbar,
doch ihr mutiges,
vor freude laut hüpfendes herz,
werde/möchte ich hören.
für einen selbst der größte fortschritt,
auf dem weg in ein angstfreies leben.
ps:wird man sie je richtig los?
15:49, 5. September 2011Sab /
@ tapsi: Hm, ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich darauf antworten soll, denn auch ich bin kein Therapeut und mag diesbezüglich auch keine Ratschläge und Tipps geben. Ich bin “nur” eine Betroffene, die von ihren Erfahrungen umd dem Leben schreibt.
Ob man es je richtig los wird, kann ich auch nicht sagen. Ich befürchte nicht. Und das befürchte ich, weil ich schon eine ganze Weile daran arbeite, mir aber immer wieder etwas in die Quere kommt. Vielleicht geht es, wenn man früh damit beginnt. Das weiß ich nicht.