Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Kannst du, wenn du allein bist, ein Lied summen oder singen?

Ja, das ist kein Problem. Das macht mir manchmal sogar Spaß, wie zum Beispiel nachts allein beim Autofahren. Und dann würde ich gern richtig singen und Gitarre spielen können. Bis vor kurzem hätte ich nun auch noch geantwortet, dass ich unter Menschen absolut nicht singen kann. Allerdings habe ich es vor einiger Zeit erst getan und habe daher nun keine genaue Antwort mehr. Ich würde mal sagen, es ist abhängig von den Menschen. Von der Anzahl, von der Lautstärke der Musik, davon wie laut man meine Stimme hören kann und und und. Völlig allein und mit leiser Musik und Zuhörern kann ich allerdings (noch) nicht singen.
Damals fiel es mir unwahrscheinlich schwer mit anderen zu singen, wie zum Beispiel in der Schule im Musikunterricht, im Gottesdienst und Konfirmandenunterricht oder unter Freunden aus Spaß. Oft habe ich dann einfach nur die Lippen bewegt, damit es so aussah, als ob ich singe.

2. Was empfindest du, wenn du anderen bei einem Gespräch zuhörst?

Hm, unterschiedlich. Manchmal eigentlich gar nichts. Dann ist es völlig okay, wenn sich andere um mich herum unterhalten und ich nichts oder nur sehr wenig sage. Und manchmal fühle ich mich ziemlich gestresst, weil ich versuche mich irgendwie bemerkbar zu machen und mit zu reden. Dann bin ich irgendwie immer angespannt und auf der Hut jeden Moment etwas sagen zu müssen. Das ist meistens der Fall, wenn es um neue Menschen geht, die mich noch nicht kennen, damit ich einen guten Eindruck hinterlassen kann. Oder besser gesagt einen nicht all zu stillen Eindruck. Und manchmal fühle ich mich schrecklich. Dann bin ich tierisch neidisch und es ist an allen Ecken und Enden schwer. Das ist meistens so, wenn es um irgendetwas geht, was ich auch gern machen möchte, aber durch den Mutismus nicht kann. Das können ganz verschiedene Dinge sein, zum Beispiel etwas spielen, eine Geschichte erzählen und so weiter. Dann muss ich nicht nur mit den komischen Blicken der anderen klarkommen, warum ich das denn nun nicht mache, sondern auch mit mir selbst. Es ist dann unheimlich schwierig mir nicht selbst ständig Ohrfeigen geben zu wollen und mich dabei auch noch irgendwie zu mögen oder den Mutismus als Problem zu akzeptieren. Dann bin ich in solchen Situationen meistens mit mir selbst beschäftigt, weil ich mich irgendwie wieder beruhigen muss, damit ich nicht losheule und wegrenne.

“The Big Bang Theory”

“In the television sitcom “The Big Bang Theory”, the character of Rajesh Koothrappali suffers from selective mutism. His results from social anxiety and renders him unable to talk to women who are not family members.”

wikipedia.com

Die Sendung “Domian” zum Thema Schweigen

Bei „Domian“ auf WDR, einer Telefon-Talkshow, wo Menschen anrufen und von ihren Sorgen und Gedanken erzählen können, ging es mal um das Thema Schweigen. Hierzu rief eine junge Frau an, die sagte, dass sie an selektivem Mutismus leide. Interessant finde ich, dass es bei ihr eigentlich genau andersherum ist. Sie kann nämlich in Gegenwart ihrer Familie nicht sprechen und im Alltag ist sie eigentlich völlig normal. Allerdings wird auch nicht richtig deutlich, ob bei ihr offiziell selektiver Mutismus diagnostiziert wurde, da sie mal bei einem Psychologen war, aber keine Therapie macht.  Außerdem wäre es für einige Mutisten sicherlich undenkbar beim Fernsehen anzurufen. Aber ich finde es sehr interessant, wie sie von ihrem Problem spricht und dass es bei ihr nur im Familienkreis auftritt, was allerdings nicht gleich bedeutet, dass andere Mutisten mit der ganzen Familie sprechen können. Denn es gibt sicherlich Verwandte, mit denen man leichter und mehr als mit anderen reden kann.

Hier ist das Video von ihrem Anruf:

Das Video wurde von youtube leider entfernt. Tut mir leid.

Ausladen

„Das schlimmste an allem ist, dass ich mit mir selbst leben muss“, dachte Alena als sie in der Dunkelheit nach Hause ging. Sie kam gerade von einer Feier, auf die sie von einer Kommilitonin eingeladen wurde. Eigentlich wollte sie gar nicht hingehen. Sie mochte Feiern nicht. Oder sie hatte einfach viel zu viel Angst, es war immer irgendwie anstrengend oder die Blockade war sowieso wieder da, sodass sie verstummte. Aber sie ging trotzdem hin. Mehr aus dem Grund, nicht die Kontakte zu verlieren, als aus Spaß.
Und mal wieder hatte sie sich grauenvoll benommen. Besser gesagt hatte sie sich gar nicht benommen, weil sie überhaupt nichts machte und das war das Problem. Es wurde gespielt, geredet und getrunken und eigentlich hörte Alena nur zu oder lächelte mit.
Sie war unsichtbar und stumm. Und das schlimmste daran war eigentlich, dass die anderen sie das nächste Mal einfach nicht mehr einladen bräuchten, wenn sie Alena nicht so akzeptieren oder sie ihnen unsympathisch war. Aber sie selbst konnte das nicht. Als könnte das einem selbst so gefallen, wenn man inmitten einer lachenden Gruppe junger Leute saß und selbst kein einziges Wort heraus bekam. Aber ja, sie konnten denken, was soll das denn und laden sie das nächste Mal einfach gar nicht mehr sein. Und sie selbst?
Am liebsten würde sie sich selbst gar nicht mehr einladen. Oder einfach ausladen, um nichts mehr mit sich zu tun haben zu müssen.
„Ich will mich nicht mehr haben, mich selbst nicht dabei haben“, dachte Alena unter dem Sternenhimmel. Wenn es doch nur so leicht wäre, wie andere Menschen es haben. Einfach ausladen. „Ich will mich selbst nicht mehr haben. Aber ich muss. Tagtäglich muss ich mich immer wieder dabei haben. Ich will mich nicht.“

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