Irgendwie ist das beim Mutismus so, als wäre man zwei Menschen in einem. Da gibt es nämlich den ganz normalen, der spricht und lacht und schreit und schimpft. Und den komischen, der’s nicht tut.
Sobald man inmitten vieler Menschen ist, ist das so, als würde man einen Schalter umlegen – klack – und aus dem normalen wird ein komischer Mensch. Ganz automatisch und man kann es nicht wieder zurück schalten. Und der komische Mensch, der kann gar nichts. Er ist stocksteif, steht in Ecken, weiß nicht wohin mit sich und was er sagen soll, schon gar nicht. Wenn er etwas gefragt wird, spricht er viel zu leise, wenn er’s denn überhaupt tut und er ist gar nichts. Keine Persönlichkeit, kein Mensch. Überhaupt nichts ist er und leer auch. Es ist so, als wäre er gar nicht da, dieser komische Mensch.
Aber der normale Mensch, der kann alles, in seiner vertrauten Welt. Dann hat er eine Persönlichkeit und einen Charakter. Er hat Humor und weiß, was er mag und was nicht. Der normale Mensch kann Geschichten erzählen und diskutieren. Er kann laut sein. Und wenn jemand, der den komischen Mensch kennt, den normalen sieht, dann müsste er sich die Augen reiben und denken, er wäre im falschen Film. Oder er müsste fragen, wer ist der normale Mensch nochmal? Der komische? Nee, nie im Leben ist das der komische! Aber doch ist er. Weil er zwei in einem ist.
Zwei Menschen in einem
Dienstag, 9. März 2010
Leserfragen zum Leben mit Mutismus
Montag, 8. März 2010
1. Würdest du dich selbst noch als mutistisch bezeichnen? Wenn ja, wo siehst du die Grenze zum “Überwunden” für dich persönlich?
Hm, schwierige Frage. Wenn man den Mutismus so definiert, dass man schweigt, dann habe ich ihn, glaube ich, überwunden. Größtenteils jedenfalls, weil es, wie schon beantwortet, noch einige heikle Situationen gibt, in denen ich mir besonders Mühe geben muss oder sagen muss, dass ich dazu nichts sagen kann.
Aber gefühlsmäßig ist es gleich. Ich fühl’ mich in anstrengenden Situationen, in denen das Sprechen mehr Mühe kostet noch genauso, wie damals als ich schwieg. Nur ein bisschen weniger schlimm. Also wenn Mutismus auch neben dem Schweigen das ganze drumherum ist, dann habe ich noch Mutismus.
2. Kannst du tanzen? Hast du die Tanzstunde mit gemacht?
Beides nein. Aber ich glaube, ich würd’s gern können…
3. Du hast geschrieben, dass du auch gerne “die Welt entdecken” würdest (Kommentar stillschweigend.myblog.de). Steht dir ‘nur’ die Kommunikation, oder auch Neues allgemein im Weg?
Hm, ich denke mir steht mehr die Kommunikation im Weg. Es fällt mir sehr schwer Fremdsprachen aktiv zu sprechen, was bei Reisen in fremde Länder ein ziemliches Problem sein kann.
Aber sicher auch ein bisschen Angst vor neuen und unbekannten Dingen.
Formen des Mutismus II
Donnerstag, 4. März 2010
T. L. Hayden unterteilte den Mutismus 1980 in vier Formen:
1. symbiotischer Mutismus
es besteht eine Kind-Elternteil-
Symbiose (meist mit der Mutter), die das Schweigen auslöst
oder verstärkt. Hierbei wird eine eigenständige Entwicklung
des Kindes verhindert. Die Kinder verhalten sich eher nicht
zurückgezogen, sondern kontrollierend und manipulierend.
2. passiv agressiver Mutismus
das Schweigen wird als Waffe
verwendet um andere zu manipulieren. Oft ist der Betroffene
der Sündenbock in der Familie. Allerdings richtet sich der Mutismus
nicht an die Familie, sondern vielmehr an die Umwelt. Dieses
Verhalten ist mit Gewalt verbunden um die eigene Verwundbarkeit
zu überdecken.
3. Sprechphobie-Mutismus
hierbei hat der Betroffene Angst
vor dem Sprechen an sich und vorm Hören der eigenen Stimme.
Anstelle verbaler Kommunikation werden Zeichensprache, Gestik
und Mimik benutzt.
4. reaktiver oder traumatischer Mutismus
Mutismus verursacht
durch ein Trauma. Begleitend können starke Depressionen, Isolierung,
Drogenkonsum und Suizidversuche auftreten.
Dagegen unterschied T. Spoerri 1986 den Mutismus anhand des Alters der Betroffenen:
1. infantiler Mutismus: Mutismus, der sich anfangs durch
Sprachscheu im Alter von fünf und sechs Jahren entwickelt.
2. adulter Mutismus
Mutismus, der in Verbindung mit einer
katatonen Schizophrenie auftritt.
aus: Mutismus, zur Theorie und Kasuistik des totalen und elektiven Mutismus
von Boris Hartmann
Tipps zum Umgang mit Mutismus
Samstag, 27. Februar 2010
- Gruppenaktionen mit Bezugspersonen zusammen machen
Hätte ich mir in der Schule manchmal sehr gewünscht. Weil Gruppenarbeiten schon so schwierig genug waren und dann war man meistens auch noch mit Menschen in einer Gruppe, mit denen man noch nie ein Wort gesprochen hat. Wenn ich mit einer Bezugsperson, mit der ich sprechen konnte, zusammen war, fiel es mir deutlich leichter auch mit den anderen aus der Gruppe zu sprechen. Mag vielleicht für den Betroffenen irgendwie zu einfach gemacht sein, aber bei “fremden” Gruppen habe ich meist kein einziges Wort gesagt und das war auch nicht sehr förderlich. - wenn etwas unerwartet gesagt wurde, keine großes “Theater” daraus machen
Das war mir immer ziemlich unangenehm, wenn es mal vorkam, dass ich doch unerwartet gesprochen habe. Dann kamen solche Kommentare, wie “du kannst ja doch sprechen” oder “oh, sie spricht”. Je länger ich geschwiegen habe, desto mehr habe ich darüber nachgedacht, was die anderen wohl denken würden, würde ich nun plötzlich etwas sagen. Und irgendwann bekam das einen großen Stellenwert und umso schwieriger wurde es.
Also, wenn möglich nichts dazu sagen und nicht anmerken lassen, wie erstaunt man über die Worte ist.


