Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Wie ist das, wenn du deine eigene Stimme hörst? Sei es dass du sie aufnimmst am PC, sei es dass du dir einfach beide Ohren zuhältst und dann etwas vorliest? Ist dir deine eigene Stimme zu hören ein großes Problem bzw. eine großer Schrecken?

Eigentlich ist es kein großes Problem für mich, wenn ich meine Stimme beim Sprechen selbst höre. Zwar ist es irgendwie komisch meine Stimme in Mutismussituationen, sprich bei fremden Menschen selbst zu hören, weil ich es eben von mir nicht kenne und ungewohnt ist, aber das liegt nicht daran, dass ich persönlich meine Stimme nicht mag. Eigentlich empfinde ich meine Stimme sogar als normal, wie jede andere auch.
Nur aufgenommen mag ich sie gar nicht. Aber ich habe erst sehr spät die Erfahrung gemacht, wie sich die aufgenommene Stimme überhaupt anhört, da es keine Kindervideos von mir gibt und der erste PC kein Mikro hatte. Daher hat das den Mutismus also nicht beeinflusst. Nur heute merke ich, dass ich bei Videos oder Tonaufnahmen wieder total verstummen kann und es absolut nicht mag.

2. Wie ist das, wenn du jemanden gern hast? Kannst du das dann sagen?

Um es kurz zu machen, nein. Jedenfalls nicht, wenn mir der Mensch relativ unbekannt ist oder ich gerade dabei bin ihn kennen zu lernen und Interesse an mehr hätte. Aber eine ganz praktische Erfindung ist bei diesem Thema besonders für mich das Internet. Und wenn mir der Mensch erstmal vertraut ist, kann ich ganz normal sprechen. Also auch sagen, dass ich jemandem mag oder liebe.

Jahresrückblick 2009

Wenn es das Jahr anders machen könnte, würde ich ein Weltmeister im Sprechen sein wollen. Dann würde ich in einem Callcenter arbeiten und so viel telefonieren, bis ich heiser werden würde. Wenn es die Zeit zurück drehen und man Tote so lebendig machen könnte, dann würde ich mich im Fernsehen zum Affen machen. In einer Casting- oder Spielshow auftreten, tanzen, singen und Witze machen. Wenn ich ein Gesetz aufstellen könnte, dass nur alte Menschen sterben dürfen, dann würde ich als Politiker seitenlange Reden vor Millionen Menschen halten. Ich würde alles tun, was ich nicht kann, wenn er doch nur wieder lebendig werden würde…

Dieses Jahr war ein ordentliches Scheißjahr. Und mehr fällt mir dazu eigentlich nicht ein. Sicher gab es auch schöne Dinge. Es gab schöne Stunden, nette neue Menschen, gute Filme, berührende Musik, verschlingbare Bücher, tolle Ausflüge, gemütliche Abende und ganz viele andere Dinge – eigentlich alles – die ich mir früher immer gewünscht habe. Aber, dass ich in diesem Jahresrückblick irgendetwas Wunderbares schreiben kann, ist nicht.
Da war der Anfang. Dieser Berg beim Studium, den man dann doch irgendwie geschafft hat und dann waren da die Ferien, die man eigentlich nur zur persönlichen Wiederherstellung genutzt hat bis da wieder ein neuer Studiumsberg im März war.
Und dann ist im Juni etwas passiert, was einen völlig aus der Bahn wirft. Was das gesamte Leben komplett durcheinander bringt und man die ganze Zeit alles durch einen Schleier sieht und jeden Moment hofft, man wacht endlich aus diesem Albtraum auf. Weil es einfach nicht wahr sein kann, dass ein riesiges Standbein (der Weltbeste) urplötzlich nicht mehr da sein soll. Man hat ihn doch zwei Tage vorher noch gesehen und beim Tschüssagen bis in zwei Wochen gesagt. Und außerdem sterben Menschen doch erst wenn sie alt sind und man sich verabschiedet hat.
Dann waren da im Juli die Prüfungen, die man noch alle gut gemacht hat, weil es ja schließlich irgendwie weitergehen muss und dann war da der Absturz. Dann auf einmal, mit einem Schlag, weiß man nicht mehr wie man atmen, schlafen, essen soll. Dann schlägt das Herz wie verrückt und der Puls ist so schnell, als wäre man einen Marathon gelaufen, dabei sitzt man eigentlich den ganzen Tag. Die Hände zittern und innen drin ist es so, als würde alles schreien. Man hat das Gefühl nicht mehr weggehen zu können, ohne einen Fluchtweg zu haben. Ein Fenster, eine Tür. Einkaufen im Supermarkt und Autofahren wird zu Qual, weil man ganz plötzlich die Panik bekommt, man müsse sofort raus hier. Und zwar wirklich sofort. Und eigentlich weiß man auch gar nicht warum das alles so ist. Aber man weiß, den Körper kann man nicht austricksen.
Und dann braucht man erst wieder ungeheuere Kraft sich wieder herzustellen. Weil man doch gern ohne Übelkeit und Panik in den Supermarkt gehen und Essen kaufen möchte. Im August weiß man dann, wie sich das mit den Trauerphasen anfühlt und wünscht sich, man würde es nicht wissen. Dann beginnt man stumme Briefe an den Weltbesten zu schreiben und hat das Gefühl sich bald tot daran zu tippen. Im September ist man froh in den Urlaub fahren zu können. Da kann man wieder ein bisschen mehr atmen, ein bisschen besser essen und schlafen. Im Oktober versucht man wieder zurück zu kommen. Nimmt vom Studium eine Auszeit und sucht sich wieder ein bisschen Alltag. Irgendwann kann man dann das Haus wieder ohne eine Notfallwasserflasche verlassen und ohne Fluchtwege Gebäude betreten. Im November und Dezember sucht man sich einen Job und macht im Endeffekt das Verrückteste, was man als Mutist je gemacht hat. Und während man da so steht, stellt man sich den Weltbesten vor, wie er durch sein Himmelfenster auf einen herab schaut und den Mund vor Staunen nicht mehr schließen kann. Und dann ist das Jahr zu Ende und eigentlich war es ein richtiges Scheißjahr…

Ich danke allen Menschen, die in diesem Scheißjahr für mich da waren. Besonders – ach du weißt schon wem – für das Dasein, das Ohr, die vielen Taschentücher und die Wärme. Ich danke den Menschen, denen es ähnlich geht, weil sie jemanden verloren haben, für den Austausch und die E-Mails, denn dann ist man weniger allein. Und für die lieben, aufmunternden und tröstenden Worte. Ich danke allen, die dieses Jahr da waren und nicht weggegangen sind. Danke auch an meine Kommilitoninnen, die mich, ohne es zu wissen, zum Lachen gebracht haben und ein kleiner Grund waren, irgendwo hinzugehen.
Und ich danke wem auch immer, dass es den Weltbesten in meinem Leben gab…

Ich wünsche euch einen guten und netten Jahreswechsel und dass ihr ihn so verbringen könnt, wie ihr es euch wünscht. Und wenn nicht, dann wünsche ich euch die Kraft weiter zu hoffen, dass es irgendwann einmal so sein wird, weil – wie schon gesagt – immer alles irgendwann mal anders wird.
Auch wünsche ich euch ein gutes, glückliches, gesundes neues Jahr. Nein, irgendwie klingt das blöd. Denn das gibt’s gar nicht. Ein ganzes Jahr kann eigentlich nie nur gut sein.
Ich wünsche euch besser die Kraft die unguten Dinge eines Jahres gut zu überstehen und den Mut für Veränderungen, sofern man etwas verändern möchte.

Frohe Weihnachten

Eigentlich ist das nur ein Zettel. Ein Zettel, den ich mal von meinem Therapeuten zu Weihnachten bekommen habe.
2004 war ich in der Klinik und es war kurz vor Weihnachten. Er begegnete mir auf dem Flur und erzählte, dass er vor einigen Tagen ein chinesisches Sprichwort gelesen hatte und dabei an mich denken musste, weil er fand, dass es zu mir passte. Er sagte es auf und fragte, ob er es mir aufschreiben solle. Ich nickte. Er ging zurück in das Dienstzimmer und kam mit diesem Zettel zurück. Fröhliche Weihnachten, sagte er.

Seitdem habe ich diesen Zettel. Ich habe ihn aufgehangen. Erst in meinem Zimmer und nun in meiner Wohnung. Fünf Jahre ist das her. Und heute ist es eines – das mag verrückt klingen -  der wertvollsten Dinge, die ich habe. Ein Stück Papier zu Weihnachten. Zum einen ist es eine Erinnerung an ihn, an meinen verstorbenen Therapeuten. Etwas, das ich noch habe. Und zum anderen ist es irgendwie absurd. Da hing der Zettel jahrelang irgendwo und eigentlich habe ich ihn auch selten angeschaut und nun… ja nun, kann ich wirklich sagen, dass Mauern zu Windmühlen umgebaut werden können. Als wäre er all die Jahre mein Kampfspruch gewesen.

Und das wird mir gerade zu dieser Zeit des Jahres immer wieder bewusst, weil ich Weihnachten gehasst habe. Weil ich nirgendwo hingehen konnte und allein war. Weil Weihnachten immer unspektakulär und einsam war. Eigentlich wie jeder andere Tag nur mit viel Melancholie. Ich war immer froh, wenn Weihnachten vorbei war. Und Silvester sowieso. Weil allein feiern eben einfach nicht lustig ist. Dann starrt man nur die Uhr an und fragt sich, ob das nächste Jahr genauso beschissen wird, wie das letzte auch.
Dieses Jahr ist Weihnachten, wie ein richtiges Weihnachten. Mit  vielen Menschen und sogar mit zwei Familien. Erst nachmittags da, dann abends dort. Am nächsten Tag mittags da und nachmittags dort. Und danach wieder hier. Und Silvester auch. Da bin ich auch irgendwo. Irgendwo, nur nicht mehr allein, weil Mauern eben zu Windmühlen umgebaut werden können.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein frohes und ruhiges Weihnachtsfest. Ich wünsche denjenigen, die noch keine Windmühle aus ihrer Mauer gemacht haben die Kraft weiter durchzuhalten, damit auch ihr Weihnachten einmal schön werden kann. Weil alles irgendwann immer einmal anders wird. Das ist einfach so.
Und ich wünsche denjenigen, die Weihnachten gar nicht mögen, vielleicht wegen des Streitens, fehlender Harmonie, Stresses oder der Einsamkeit, trotzdem – und wenn’s nur ein kleines bisschen  ist – Wärme und Weihnachten im Herz.
Ganz besonders gehen meine Gedanken dieses Jahr an die Menschen, die jemanden verloren haben und Weihnachten deswegen kein Weihnachten mehr ist. An seine Familie, die ohne Ehemann, Vater, Bruder und Sohn diesen Tag unter dem Weihnachtsbaum überstehen muss. Ich werde eine Kerze anzünden, für sie, und schenke ihnen viel Kraft.

Habt eine besinnliche Weihnacht.

Interview mit einer Betroffenen

1. Seit wann leidest du an Mutismus?

Ich leide seit ich denken kann an selektiven Mutismus. So richtig gemerkt wurde es als ich so ca. 2 Jahre alt war. Da wir sehr zurückgezogen lebten und kaum Kontakte hatten war es wohl zuerst nicht so offensichtlich.

2. Wie wurde Mutismus bei dir diagnostiziert?

2001 kam ich in die Psychiatrie wegen Suizidgedanken und ich hatte das Buch „Jadie, dass Mädchen das nicht sprechen wollte“ in der Klinik mit. Die Ärztin dort hat sich dafür interessiert und las es ein wenig. So kam die Diagnose zustande.

3. Kennst du die Ursachen von deinem Mutismus?

Ich habe Vermutungen, aber ich bin mir natürlich nicht ganz sicher. Bei uns in der Familie gibt es Ängste, Depressionen und soziale Phobie. Meine Mama war viele Jahre selbst mutistisch, was die Kindererziehung und das Partnerleben erheblich erschwerten. Es wurde gemacht mit ihr, was die anderen wollten. Selbst heute hat sie noch Probleme auf Feste zu gehen, was zu Auseinandersetzungen führt. Aufrechterhaltungen waren mehrere Krankenhausaufenthalte wegen Asthma und familiäre Probleme, als ich klein war. Später folgten traumatische Erlebnisse, sexuelle Übergriffe, der Verlust meiner Brüder und zwei Psychiatrieaufenthalte, was mich wieder aus der Bahn und in den Mutismus warf.

4. Gibt es Menschen, bei denen dir das sprechen leichter fällt?

Ja, es gibt Menschen, bei denen ich leichter sprechen kann. Menschen, die mich nicht fertig (anschreien, erniedrigen, usw.) machen oder die ich nicht kenne und nicht schon geschwiegen habe. Bei Menschen, die mich schweigend kennen, bringe ich nicht so leicht ein Wort über die Lippen. Was mir auch noch schwer fällt ist, über mein Probleme, also persönliche Dinge zu sprechen. Wenn jemand nach der Uhrzeit fragt ist es bedeutend leichter.

5. Wie gehen deine Eltern, Geschwister und Angehörige damit um?

Meine Mama versteht mich sehr gut, weil sie es selber kennt. Verwandte können damit nur schwer umgehen. Oft kommen Vorwürfe, dass Mama mich krank gemacht hätte und so. Meinen Verwandten gehe ich aus dem Weg, weil häufig nur solche Vorwürfe kommen und ich mich sprachlich nicht wehren kann. Ich will nicht zurückbrüllen oder auch mit Vorwürfen herumballern, weil es nichts bringt. Das ist so gut wie alles kaputt.

6. Wie gehen deine Freunde/Partner damit um?

Freundschaft ist echt schwierig, da ich meistens immer das mache, was mir gesagt wird und wenn es mir mal zu viel wird, ziehe ich mich zurück, was Unverständnis und auch Streit gibt. Wenn ich mal meine Meinung sage, dann werde ich auch angeschrien und dann sage ich nichts mehr, weil ich nicht auf mein Recht pochen will und auch keine Kraft habe in so einer Redensart weiter zu kommunizieren. Ist nicht gesund, aber ich weiß nicht, wie ich es weiter machen soll. In einer Partnerschaft stehe ich noch nicht, da ich erst lebensfähig sein möchte. Nicht, dass ich an einem Typ gerate, der mir weh tut und ich mich nicht wehren kann (dass ich alles tue was er mir sagt).

7. Was machst du beruflich?

Ich strebe an nächstes Jahr eine Reha-Ausbildung zu machen. In einer Reha-Ausbildung sind Psychologen und ich werde dort in einem Internat schlafen. Beruf kann ich leider nicht genau sagen. Es wird erst einmal geschaut, physisch und psychisch, was ich machen könnte und was nicht. Dazu laufen jetzt amtsärztliche Untersuchungen.

8. Wie stark warst du in der Schule von dem Mutismus eingeschränkt?

Das war in der Schule sehr unterschiedlich! In der ersten Klasse war ich ziemlich ruhig, aber ich schien gelesen zu haben, so wie es auf meinem Zeugnis steht. Genauso auch in der zweiten Klasse. Allerdings gab es in Musik Schwierigkeiten, da ich nicht singe. Nur unter Tränen summte ich die Melodie, nachdem die Musiklehrerin mich unter Druck setzte. Ab der dritten Klasse sang ich auf jeden Fall nie wieder, was mir eine 6 nach der anderen brachte. In der dritten Klasse schwieg ich seit Anfang des neuen Schuljahres überall. Meine Klassenlehrerin konnte damit aber prima umgehen. Sie nahm mich immer wieder dran, wartete einige Sekunden und wenn es nicht klappte, dann nahm sie einen andern dran, ohne mich weiter unter Druck zu setzen. Irgendwann hatte ich so viel Mut doch vorzulesen und Gedichte vorzutragen. Nach der Grundschule hatte ich so gut wie kein Musik, jedenfalls nicht singen. Ich fiel hin und wieder bei belastenden Problemen ins Schweigen. Besonders schlimm wurde es in der neunten Klasse, wo ich dann auch in die Psychiatrie kam. Nach den Aufenthalten in Psychiatrien war ich ein Wrack. Ich saß nur noch in einer Ecke, habe geweint, geschrien und ließ einige Monate keinen an mich heran, selbst meine Mama nicht zu der ich das meiste Vertrauen habe. Ich redete so gut wie fast gar nicht mehr. 2004 machte ich noch eine Kur. Die tat mir viel besser. Dort habe ich sogar meine Angst zu singen abgebaut und sang in der Karaokebar. Dann holte ich 2005/2006 meinen Abschluss nach und bestand, aber es gab da natürlich auch Schwierigkeiten mit dem Sprechen.

9. Machst du eine Therapie?

Ich war bei etlichen Therapeuten, aber erst das Internet hat mir geholfen die richtige Therapie zu erhalten (Logopädie und Psychotherapie). Da mein Vertrauen kaputt ist, erweist sich die Therapie als schwierig. Belastende Ereignisse werfen mich immer wieder ins Schweigen zurück. Durch die vielen traumatischen Ereignisse und Fehltherapien, habe ich das Vertrauen in mich selbst und in Therapeuten verloren. Seit April 2008 nehme ich ein Antidepressivum (30mg Citalopram). Seitdem bin ich kein Bettnässer mehr und traue mir auch etwas mehr zu.

10. Wenn ja, ist es besser geworden? Was hat sich verändert?

Es ist auf jeden Fall besser geworden. Ich traue mich schon öfter zu telefonieren und mit Leuten zu sprechen. Aber es ist noch viel zu tun, damit ich nicht immer ins Schweigen verfalle.

11. Wie geht es dir heute?

Ich versuche heute damit klar zu kommen. Aber es gibt immer noch viele Tiefs. Es ist aber in Ordnung und ich lerne damit umzugehen. Auch wenn es immer noch vorkommt, dass ich mich selbst verletze (SVV) und hin und wieder in den Mutismus verfalle bin ich zufrieden, dass ich nicht aufgegeben habe und weiter kämpfe.

Vielen Dank an Peggy, 24 Jahre.

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