Mutismusgedanken I

Die letzten Wochen dachte ich oft, dass es besser gehen würde. Dass ich bestimmte Situationen schon unzählige Male irgendwie überlebt hab’ und dass es deswegen bei dieser besser gehen würde. Aber geht’s nicht.
Vielleicht ist besser das falsche Wort. Besser geht’s. Aber ich dachte, dass es irgendwann gut geht. Dass es richtig gut geht, da es ja schon besser ist und nach besser gut kommt. Aber es geht nicht.
Und schlimm daran ist die Zuversicht, dass ich dachte, es könnte wirklich gut sein. Normalerweise bin ich Pessimist. Immer. Und gehe vom Schlimmsten aus. Das ist angenehm. Weil’s meistens dann doch besser als schlimm ist. Die letzten Wochen war’s anders. Da war da diese blöde Zuversicht vorher. Und dann die Lockerheit und der Humor über sich selbst. Fast schon ein bisschen großmaulig. Zu blind, irgendwie. Ach klar. Das wird schon kein Problem sein. Irgendwann muss es doch gut sein. Aber ist es nicht.
Und dann stand ich da. Mittendrin und ganz klein. Kleinlaut vielleicht auch. Weil es aufeinmal nicht mehr locker war. Je lauter ich vorher war, weil’s doch irgendwann mal gut sein muss, desto stummer war ich dann später.

Da war zum Beispiel die Situation mit dem Kinomensch. Ein Mensch, der im Kino arbeitet und den ich anfangs über das Internet und später real besser kennengelernt hab’. Da kann ich in Cafés mit ihm rumwitzeln und plaudern, fast schon ein bisschen plappern und dann ist er im Kino umgeben von einer Menschentraube und überhaupt nichts geht davon. Dann sind die Dinge, die ich eigentlich in dem Moment von ihm wollte, weg. Und vorher wollte ich so viel. Weil ich dachte, dass muss doch gehen. Natürlich, tut es das. Dann bin ich fest davon überzeugt, dass ich ihm die ausgeliehene CD zurück geben kann oder dass ich ihn nach Pappaufstellern und sonstigen Dingen fragen kann. Aber kann ich nicht. Kann ich genauso schwer, wie vorher auch. Dann ist die CD in meiner Tasche und ich nehme sie einfach wieder mit, ohne je ein Weort darüber verloren zu haben.

Eigentlich ist’s okay. Ich komm’ damit klar, weil es ja schon immer so gewesen ist. Schlimm ist nur die Zuversicht und dann der Schlag ins Gesicht, dass es vielleicht nie so richtig gut werden kann. Das ist neu.

Gesellschaftsspiele

Plötzlich schlug ihr das Herz bis zum Hals. Daran hatte sie nun überhaupt nicht gedacht. Verdammt. Panik breitete sich aus. Wie ein ekelhafter Parasit durchströmte sie blitzschnell Alenas ganzen Körper. Von Kopf bis Fuß, bis sie oben angelangt war und ihr den Kopf benebelte, sodass sie nicht mehr klar denken konnte.
Was sollte sie denn nun tun? Wieso hatte sie das nicht bedacht? Dann wäre sie doch gar nicht hier hin gegangen. Warum? Blöd war sie irgendwie gewesen. Wieso fiel ihr das nicht vorher ein, dass sie eventuell auch Gesellschaftsspiele spielen wollten? Warum nur…

Sie merkte, wie ihr Gesicht ganz kalt wurde und überlegte kurz, ob es nun auch die Farbe verloren hatte und ob die anderen es bemerkten. Ihre Hände verloren jedenfalls die Farbe und waren nun mehr weiß als warm und rosig. Sie schmerzten.
Und ihr Blick musste eisig und starr geworden sein, denn aufeinmal hörte sie die Frage, ob alles in Ordnung sei.
Ja, sagte sie, wie aus der Pistole geschossen, weil niemand merken sollte, dass es nicht so war.
ER schaute sie an. ER wusste, was los war. Dass das nicht ging. Dass sie keine Spiele spielen konnte. ER schaute fragend. So als ob ER fragen wollte, ob es wirklich okay war. Aber was sollte sie darauf antworten? Nein, es war nicht okay. Sie konnte keine Spiele spielen und wäre am liebsten verschwunden. Am liebsten hätte sie IHM gesagt, dass sie nach Hause gehen möchte, doch sie wusste nicht, wie sie das anstellen sollte ohne dass sie es hätte sprechen müssen. Dann würden es nämlich alle hören und das ging nicht.
Sie schaute IHN tief und durchdringend an. Sie fixierte SEINE Augen und wünschte sich, dass ER Augen lesen konnte. Dass man Gedanken in Augen sehen konnte und dass ER nun wusste, dass sie nicht länger bleiben konnte. Aber ER merkte es nicht. Woher auch.
ER nahm ihre Hand in SEINE und hielt sie fest. ER würde sich bestimmt hilflos fühlen, dachte Alena. Weil ER wusste, wie es in ihr drin aussah und nicht wusste, was ER tun sollte.
Plötzlich fragte ER, ob es in Ordnung sei, wenn sie spielen würden. Und da es nicht leise genug war, sodass es der ganze Tisch mitbekam, nickte sie wieder. ER hätte leiser fragen sollen, dachte sie. Dann hätte sie mit dem Kopf geschüttelt und niemand hätte es gesehen. Aber selbst dann hätte ER nicht gewusst, was ER tun sollte und es wäre eine blöde Situation gewesen für IHN. So hielt sie nur SEINE Hand fest in ihrer und hoffte, dass es besser werden würde. Das mit der Angst.

Eigentlich war’s mehr als Angst. Fast schon Panik. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, wippte abwechselnd mit den Beinen und versuchte der Diskussion, welches Spiel gespielt werden würde, zu lauschen. Das war schwierig, denn ihre Ohren waren benebelt. Die Stimmen klangen so, als wären sie meterweit entfernt. Sie waren leise und verschwommen. Dabei hätte sie eigentlich zuhören wollen. Damit sie wusste, was auf sie zu kam. Vielleicht war’s ja ein leichtes Spiel. Oder eines, was sie bestenfalls schon kannte, auch wenn sie nicht viele Spiele kannte.
Sehr schlimm wäre es, wenn es kompliziert war. Sie musste nur daran denken und schon fühlte sie den Schwindel, den man vor Angst bekommt, wenn sie besonders groß ist. Es ging beim Spielespielen eigentlich gar nicht so um’s Reden. Oft musste man auch gar nicht reden. Außer man spielte solch blöden Spiele, wie ‘Tabu’. Vielmehr ging’s um das Verstehen der Spieleanleitung. Da sie kaum spielte, kannte sie auch wenig Spiele, weswegen die Wahrscheinlichkeit groß war, dass man ihr das hätte erst erklären müssen. Und das war das Problem. Dann war sie immer so angespannt und voller Angst, sodass die Worte nur in die Ohren reingingen, aber nirgends ankamen. Jedenfalls nicht im Gehirn, sodass sie nach der Erklärung gewusst hätte, wie das Spiel funktionierte. Und das war blöd, wenn das Spiel erklärt wurde und sie’s trotzdem nicht verstand. Denn dann musste sie nachfragen und reden. Und sich wohlmöglich auch blamieren, weil sie sich wie der letzte Idiot fühlte. Ohne funktionierendes Gehirn. Das konnte sie am Spielen nicht. Das Zuhören, Verstehen und Umsetzen. Bei so vielen Menschen.

Am liebsten wäre sie tatsächlich weggerannt. Hätte alles stehen und liegen gelassen und wäre einfach gerannt. Besonders als sie hörte, auf welches Spiel sich die Gruppe geeinigt hatte. Natürlich kannte sie es nicht. Und auch, als sie einen beiläufigen Kommentar aus irgendeinem Mund aufschnappte, dass das Spiel nicht schwer sei, weil es offensichtlich noch mehr aus der Runde nicht kannten, wäre sie am liebsten gerannt.
Jetzt gab’s nur die Möglichkeit sich irgendwie davor zu drücken. Irgendwie. Aber sagen, dass sie nicht mitspielt, konnte sie auch nicht. Warum hätten sie sicherlich gefragt. Weil sie nicht wollte? Dann hätten sie ein anderes Spiel ausgesucht. Weil sie nicht spielte? Das konnte sie erst recht nicht sagen…

Ihr wurde schummrig, als das Spiel ausgepackt und aufgebaut wurde. Schwindelig war ihr nicht. Umgekippt wäre sie nicht. Aber es fühlte sich so an, als würde es bald soweit sein. Als wäre sie kurz davor. So, wie das ist, wenn die Augen kurz vor dem Schwarzwerden sind.
Sie wollte weg. Sie drückte SEINE Hand. Weg.

Jahresrückblick 2010

Wie 2009, soll’s auch 2010 einen Jahresrückblickblogeintrag geben. Und ich glaub’ 2010 war zusammengefasst das Jahr, in dem ich mich selbst am wenigsten leiden konnte und am meisten von mir überrascht war. Aber von vorn.

Der Jahresanfang war irgendwie noch zum Selbstheilemachen da, weil wenn weltbeste Menschen sterben, das Heilemachen lange dauert und eigentlich auch nie fertig ist. Er fehlt immer noch und hat es das ganze Jahr getan. Wahnsinnig. Manchmal mehr denn je. Und manchmal waren da die Gedanken im Kopf, wie es denn ohne ihn nur gehen kann. Aber es ging und es geht.

Ab März gehörte die Zeit wieder vollständig dem Studium, weil’s das offizielle letzte Semester war und deswegen ging die Zeit bis zum Sommer auch ziemlich schnell vorbei. Mit Aufgaben und Prüfungen und solchen Dingen. Endspurt. Was die Prüfungen anging, jedenfalls. Ein bisschen traurig war’s, weil’s bedeutete, dass man liebgewonnene Menschen gar nicht mehr oder nicht mehr oft wiedersieht und die ganzen drei Jahre eigentlich viel zu schnell vorüber gingen.

Dann war da der Sommer mit schönen Reisen und Momenten und dann der Herbst mit einem riesigen Haufen Bergen, weil ein Praktikum zum Studium gehört. Und ein riesen Haufen Angst und Quälerei wegen neuer Aufgaben, Herausforderungen und Menschen. Das war sogar so ein großer Berg, sodass ich ihn ein Jahr vor mir hergeschoben hab’ und dachte, das geht nie. Wirklich nie. Und dann geht’s aufeinmal und so schlimm war’s gar nicht und ich bin irgendwie meilenweit weiter gekommen mit dem Leben. Nicht nur für den Studienabschluss, sondern vielmehr für mich selbst. Meilenweit weiter mit mir selbst.

Und dann war da noch die Zeit, in der ich Millionen Tränen geweint hab’ und absolut nicht mit mir selbst klar kam. Weil ich ein Herz gebrochen hab’ und’s noch nie vorher tat. Weil ich vorher irgendwie gelernt hab’ mit allem klar zu kommen, alles irgendwie zu überstehen, nur das nicht. Alles irgendwie doch zu können, nur nicht solche Entscheidungen zu treffen. Und dann wusste ich aufeinmal gar nicht mehr, was richtig und was falsch ist und wie irgendwas funktionieren soll. Weil ich eigentlich ganz anders bin. Weil ich nicht weh tue. Weil mir immer wehgetan wurde. Weil man’s eben so kennt. Und weil ich Lebensprinzipien hab’, an die man sich eigentlich ganz fest halten möchte und’s dann doch nicht kann. Und weil ich es nicht tun wollte, aber gar nicht anders konnte. Dabei bin ich mir selbst verloren gegangen. Ziemlich schlimm. Und mit mir alles andere auch.

Und jetzt? Jetzt ist mir rätselhaft, wie das nächste Jahr wird. Gut, dass ist es eigentlich immer, aber irgendwie ist’s nächstes rätselhafter. Das Studium wird nämlich definitiv fertig werden und dann weiß man nicht, wie’s weiter geht. Ein neues Studium? Oder wird’s der Job im Arbeitsleben? Oder was völlig anderes? Was auch immer…
Und dann weiß ich nicht, ob ich mich wieder finden werde.  Ob ich das überhaupt kann und ob ich noch zusammenpasse. Wo ich mit mir und meinen Vorstellungen vom Leben ankommen werde oder ob ich nicht einfach aussteigen möchte. Ich weiß es nicht. Ich hab’ noch keinen Plan. Weder vom nächsten Jahr, noch vom Leben.

Aber es wird ein Jahr werden. Ein Jahr eines Lebens, wie die anderen Jahre auch. Ein Jahr, indem man Kraft braucht und stark sein muss. Vielleicht noch mehr, als man’s davor gebraucht hat und war. Ein Jahr, in dem man Menschen findet und Menschen verliert, weil’s immer so sein muss. Ein Jahr, in dem das Leben genauso ein ARSCHLOCH ist, wie immer und man nur lernen muss es trotzdem manchmal toll zu finden. Wie jedes Jahr.

Ich wünsche euch, dass ihr das könnt. Für das nächste Jahr. Dass ihr das Beste aus dem Jahr macht und stark seid. Weil man’s immer sein muss. Ich wünsche euch ein Jahr mit Höhen und Tiefen, weil’s eben dazu gehört. Aber am meisten wünsch’ ich euch, dass ihr mutig seid und weitergeht. Weil, wenn’s schlimm ist, kann’s eigentlich nur besser werden…

Ich wünsche euch einen schönen Jahreswechsel und alles Gute für das Jahr 2011!

Änderungen

Es wird zwei kleine Änderungen in diesem Blog geben. Und vielleicht eine dritte, über die ich aber noch nachdenke. Vielleicht denke ich über die zweite auch noch nach… Egal, ihr werdet es ja sehen.

1. Für einige Artikel wird es ein Passwort geben. Eigentlich wollte ich das nicht tun, Artikel mit einem Passwort zu verschließen. Ich wollte so schreiben, dass es für alle immer lesbar ist. Aber irgendwie gibt es hier mittlerweile Artikel, bei denen es sich nicht mehr so gut anfühlt, wenn sie die ganze Zeit für jeden lesbar sind. Wer das Passwort haben möchte, kann mich gern danach fragen. Es wird jedoch nur ältere Artikel betreffen. Alle neuen Einträge werden nach wie vor passwortfrei sein und erst später – wenn es sich so anfühlt, als bräuchten sie ein Passwort – eines bekommen. Das Passwort wird für alle Einträge gleich sein.

2. Ich hab’ überlegt, über Beziehungen zu schreiben. Vielleicht ist es interessant, wie das für Mutisten sein kann und wie sich das anfühlt. Allerdings werden diese Situationen dann definitiv ausgedacht sein. Ich hab’ irgendwo mal geschrieben, dass die Geschichten mit Alena, Kevin und Maria teilweise ausgedacht und teilweise von mir selbst erlebt sind. Die Beziehungseinträge werden – falls es sie dann gibt – definitiv ausgedacht sein. Denn irgendwo hab’ ich hier auch mal geschrieben, dass ich gern über mich schreibe, aber andere Menschen nicht mit einbeziehen möchte. Oder besser gesagt nicht einfach über sie schreiben möchte, wenn sie das vielleicht gar nicht wollen. Und das gilt dann auch auch für die Beziehungseinträge. Sie sind also ausgedacht.

3. Manchmal quäle ich mich mit dem Blog. Weil es irgendwie schwierig ist diese Geschichten zu schreiben. Viel leichter ist es, einfach Gedanken aufzuschreiben. Und deswegen überlege ich, ob ich das hier auch tun sollte. Damit es hier nicht so still und leer ist, denn manchmal gibt es doch recht wenig Einträge. Das wären dann quasi aktuelle Gedanken und Dinge aus meinem Leben direkt von mir und nicht über Alena, Kevin und Marie. Aber das weiß ich wirklich noch nicht.

Wenn man sprechen soll, aber nicht spricht… Janusz Popolski

Weil ich die Popolskis während meines Praktikums kennengelernt hab, da mir meine Kollegen Karten geschenkt hatten…

Weihnachten 2010

Zu Weihnachten gehört ein Weihnachtsblogeintrag, auch wenn ich mir wünsche, dass die Zeit einfach nur ganz schnell vorbei geht, weil ich’s dieses Jahr überhaupt nicht mag. Weil’s dieses Jahr beschissen anders ist und nur weh tut. Deswegen werd’ ich auch nicht viel schreiben. Nur, dass dieser Eintrag für DICH ist.
Letztes Jahr ging’s an Menschen, die Menschen verloren haben und an Menschen, die noch keine Mauern zu Windmühlen umgebaut haben. Und dieses Jahr ist’s für DICH. Weil ich dir das Herz gebrochen hab’. Und an alle anderen Menschen, die allein sind und kein Herz mehr haben, auch. Ich hätt’ gern – wenn ihr Kerzen anzündet – dass ihr’s dann für sie tut. Bitte. Weil dann Kerzen für Menschen mit kaputtenen Herzen leuchten und ihnen wenigstens ein klitze kleines bisschen Licht machen. Vielleicht wird’s dann ein bisschen wärmer für sie. Und dann hätte ich gern, dass ihr – wenn ihr an Gott glaubt und betet – für sie betet oder an sie denkt und ihnen sagt, dass alles wieder gut wird. Weil es das einfach muss!
Ich werd’s tun. Ganz fest.
Besonders an DICH. Weil das Leben ‘ne Nutte ist und wenn irgendwas passiert – alles auf einmal passiert. Könnte ich Kraft verschenken, würde ich sie DIR schenken. Ich brauch’s nicht. Und deswegen brennen diesmal Kerzen für DICH. Für DICH und DEINE Familie, weil das Leben ein Arschloch ist.

Und allen anderen wünsch’ ich ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest.
Wär’ schön, wenn ihr’s tut. Das mit den Kerzen und den Gedanken.

© DU

Gebrannte Mandeln

Gut. Heute würde sie es also versuchen. Schon seit knapp eineinhalb Wochen hatte sich das Alena vorgenommen. Und sie musste es nun bald tun, sonst war die Zeit vorbei.
Deswegen heute. Eigentlich dachte sie das letzte Woche auch schon und dann ging es nicht. Aber heute war ein guter Zeitpunkt. Irgendwie war der Tag heute ertragbar gewesen und ihr ging es ganz passabel. Deswegen war heute richtig.
Heute würde sie gebrannte Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt in der Stadt kaufen.

Sie ging zur Tür des Dienstzimmers der Kinder- und Jugendpsychiatrie um sich zu verabschieden. Sie sagte, sie fahre nun nach Hause. Da sie mittlerweile teilstationär war, tat sie das jeden Abend. Davon, dass sie auf den Weihnachtsmarkt gehen wollte, erzählte sie nichts. Das machte nur Druck, dachte sie. Und dann wäre es viel zu blöd, wenn es nicht funktionierte.
Alena ging die Treppe hinunter und stiefelte durch das bisschen Schnee, das in Großstädten liegt, zur Straßenbahn. Mit jeder Station, die sie der Innenstadt näher kam, war da dieses komische Gefühl im Magen. Aber eigentlich war es okay. Auch, wenn es nicht klappte. Da gab’s ja schließlich kein Müssen. Das war ein Wollen. Ein Wollen, weil jedesmal wenn die Straßenbahntüren aufsurrten, sich ein Duft von Weihnachten und gebrannten Mandeln in die Straßenbahn schlich. Und dann waren da draußen noch die vielen Lichter und die Musik. Das war die Zeit, die sie ziemlich gern hatte. Winter und Weihnachten. Und deswegen hatte sie schon seit sie den Mandelduft das erste Mal roch, Lust auf gebrannte Mandeln.
Sie überlegte. Eigentlich war es das erste Mal, dass sie etwas tat, was sie wollte. Meistens wollte sie nämlich gar nicht, weil sie es nicht konnte. Gebrannte Mandeln kaufen konnte sie eigentlich auch nicht, aber das wollte sie. Und wenn man will, kann man vielleicht.

Alena stieg in der Mitte der langen Einkaufsstraße aus. Der Weihnachtsmarkt war im unteren Teil der Straße.
Letzte Woche hatte sie schon geschaut, an welchen Weihnachtsmarktständen man gebrannte Mandeln kaufen konnte. Das musste sie vorher tun. Sie musste einen Überblick haben, damit sie wusste, welche Stände sie nun ablaufen konnte. Das musste planbar sein.
Und so ging sie von Stand zu Stand und checkte die Lage, wie sie manchmal scherzhaft zu Herr V., ihrem Therapeuten sagte, weil sie eigentlich immer erst die Lage checken musste. Sie musste wissen, wie es dort aussah, wo sie sprechen musste, wie die Menschen aussahen und wie es dort war. Dann ging es leichter.
Als könnte man das leicht nennen. Leicht war überhaupt nichts. Und eigentlich war es auch unmöglich. Aber wenn Alena vorher die Lage gecheckt hatte, war es vielleicht ein bisschen weniger unmöglich.

Zwei Weihnachtsmarktstände fielen in die engere Auswahl. Sie waren auf dem großen Platz in der Nähe der Straßenbahnhaltestelle und sie lagen sogar beinahe gegenüber. Jedenfalls konnte sie beide Stände sehen, wenn sie in der Mitte stand. Einer der beiden Stände war kleiner. Dort gab es nur Nüsse. Verschiedene Nüsse. Und dort gab es mehr Menschen. Viele Menschen. Vielleicht schmeckten dort die Mandeln besser und deswegen war dort die Menschenschlange länger. Oder es war so, weil es nur einen Verkäufer gab. Der andere Stand war dagegen viel größer. Und dort gab es auch Lebkuchen und Schokoküsse. Und Zuckerwatte sah Alena auch. Mit vielen Verkäufern.

Welcher Stand war besser? Würde sie sich zu Stand Nummer eins stellen, könnte es sein, dass sich andere Menschen nach ihr anstellten.  Und wenn mehr Menschen zuhören konnten, war’s schwieriger. Würde sie zu Stand Nummer zwei gehen und schnell  machen, wäre da niemand.
Da es komisch aussah, wie sie die ganze Zeit zwischen den beiden Ständen stand und nach rechts und links schaute, ging sie noch eine Runde um die Stände. Stand Nummer eins fühlte sich irgendwie schwieriger an. Auch wenn die vielen Menschen wahrscheinlich gar nicht hörten, wenn sie sprach. Es waren einfach zu viele. Stand Nummer zwei war irgendwie ruhiger. Vielleicht musste sie dort sogar weniger laut sprechen.
Irgendwie sagte das Bauchgefühl Stand Nummer zwei war besser. Da war Platz. Und vielleicht ging es mit Platz besser. Sie sollte auf das Bauchgefühl hören.

Stand Nummer zwei. Sie war wieder dort. Eine Runde noch, dachte Alena und dann würde sie gebrannte Mandeln kaufen. 100 Gramm würde sie kaufen. 100 Gramm waren gut. Am anderen Stand waren 100 Gramm etwas teurer. Hier kosteten sie 2,00 €. Als sie hinter dem Mandelstand war kramte sie das Geld aus ihrem Portemonaie. Das war leichter, wenn sie sich ganz allein auf das Sprechen konzentrieren konnte und beim Kauf nicht nach dem Geld kramen musste. Sie steckte die Geldstücke in die Hosentasche und tapste die Runde weiter.

Was sagte man überhaupt, wenn man Mandeln kaufen wollte? Beim anderen Stand war’s leichter. Da reichte es, wenn sie sagte, dass sie gern 100 Gramm hätte. Da gab’s ja schließlich nur Mandeln. Dagegen hatte der andere Stand sogar verschiedene Sorten. Sollte sie da sagen “ich hätte gern 100 Gramm normale gebrannte Mandeln?”. Oder sollte sie das “normale” weglassen? Wie kauft man überhaupt Mandeln? Am anderen Stand hätte sie hören können, was die Menschen vor ihr sagten. Vielleicht wäre das doch besser gewesen. Sollte sie sich doch anders entscheiden?

Mittlerweile war sie schon zwei weitere Runden gelaufen und die Verkäufer des Standes schauten sicherlich schon merkwürdig und wunderten sich, was sie da tat. Denn so menschenüberfüllt war der Markt gar nicht. Eigentlich war’s sogar ziemlich leer. Und deshalb konnten sie Alena sicherlich gut sehen. Vielleicht sollte sie Runden um andere Stände laufen? Aber dann konnte sie nicht mehr die Lage checken. Konnte nicht mehr sehen, ob sich bereits andere Menschen angestellt hatten und auch etwas kaufen wollten. Denn dann ging das nicht, dann musste sie noch eine Runde laufen und warten bis sie fertig gekauft hatten.

Okay. Die Lage war gut. Keine anderen Menschen. Sie wollte Mandeln kaufen. Mit den Worten, dass sie gern 100 Gramm Mandeln hätte. Was sollte sie auch sonst anderes sagen? Und das würden andere Menschen sicherlich auch so sagen. Die Runde war beinahe zu Ende und es reichte nun auch, fand Alena, denn sie fror. Sie lief sicherlich schon mehr als 30 Minuten auf dem Weihnachsmarkt rum, nur um gebrannte Mandeln zu kaufen. Also auf, dachte sie.

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und steuerte den Stand an. Weitergehen, weitergehen und nicht wieder umdrehen, dachte sie. Und dann stand sie auf einmal vor den vielen Mandeln. Ein Verkäufer kam auf sie zu, begrüßte und sah sie fragend an. Sie hielt die Hand in der Hosentasche. Die Faust umklammerten fest die Geldstücke.
“Ich hätte gern 100 Gramm gebrannte Mandeln”, sagte sie leise.
Das “normale” ließ sie einfach weg. Das konnte man sich sicher denken. Hätte sie andere gewollt, hätte sie gesagt mit Kokos oder so.
Der Mann schlug die Tüte auseinander und befüllte sie mit Mandeln. Er hatte verstanden, was sie wollte. Dann wog er sie, tat noch einige dazu und schlug den Rand der Papiertüte zusammen. Er legte sie auf den Verkaufstresen und nannte den Preis. Passend gab ihm Alena die Geldstücke aus ihrer Hosentasche, nahm die Tüte mit den Mandeln und lächelte. Warme Mandeln in ihrer Hand. Sie wärmte sich die Hände.
“Tschüss”, sagte sie.
“Tschüss. Einen schönen Abend”, wünschte er.
Ja, der Abend war schön. Zufrieden lächelnd, mit den warmen Mandeln in den Händen stieg sie in die nächste Straßenbahn und fuhr nach Hause.
Gebrannte Mandeln.

Der Friedhof der Herzen

Der Friedhof der Herzen
bringt den Menschen all die Schmerzen
mit viel Platz für Trauer und Leid
ist er der Hölle nicht weit
Auf ihn kommen die Seelen,
die sich im Leben quälen
Herzen durch Liebe gebrochen
ihre Lichter sind erloschen
Ruht in Frieden all ihr toten Herzen
auf dem Friedhof der Schmerzen

(2004)

Droge: Mutismus

Wisst ihr, Mutismus ist manchmal wie eine Droge. Denn da gibts am Ende, wenn etwas geschafft ist dieses unglaublich berauschende Gefühl. Mir fällt kein ähnliches Gefühl ein, was ich euch nennen könnte, damit ihr wisst, wie das ist. Das ist viel mehr als das Abfallen der Anspannung. Da fallen tonnenweise Haufen ab. Besonders bei Dingen, die irgendwie mal unmöglich schienen. Wie das Praktikum im Studium. Das war so ein Ding, was unmöglich war. Im Nachhinein klingt’s blöd, weil’s seit gestern vobei ist, aber vor einem Jahr war es mal unmöglich. Da war’s riesengroß und schwer und unmöglich. Eine Herausforderung, die niemals meisterbar schien, weil’s zu kompliziert ist. Weil Praktika im Studium irgendwie wichtiger sind als in der Schule. Da wird mehr verlangt und erwartet und man hat mehr Verantwortung. Man ist eben Student und kein kleines Schulmädchen mehr und deswegen ist’s wichtiger.
Jedenfalls war’s mal so wirklich unmöglich für mich. Und ich weiß nicht, ob ihr wisst, wie sich das anfühlt, wenn unmögliche Dinge plötzlich möglich und sogar vorbei sind. Dann ist das mehr als ein Grinsen im Gesicht. Dann ist da die Gänsehaut die den ganzen Körper verziehrt und innendrin kribbelt es überall. Und dann kann das Gesicht gar nicht mehr anders als zu strahlen. Dann machen das die Muskeln ganz von allein. Innendrin ist’s dann ganz warm und es fühlt sich so an als wäre man federleicht oder man würde überhalb des Bodens stehen. Und dann stimmt auch die ganze bisherige Welt irgendwie gar nicht mehr, weil unmögliche Dinge eigentlich nicht machbar – eben unmöglich – sind. Heißt ja schließlich so. Dann ist das völlig überwältigend und man muss das erst wieder neu ordnen.
Besonders wenn es nicht nur vorbei und geschafft ist, sondern auch im Großen und Ganzen gar nicht so schlimm war. Eigentlich sogar nett. Und wenn man ein tolles Feedback bekommt, was gar nicht mal so schlimm den Fokus darauf hat, dass ich natürlich viel zu still bin und zurückhaltend mit mir und meinem Wissen, sondern auch viele andere Dinge gesagt werden. Dann ist das eigentlich noch viel schlimmer mit den Gefühlen. Und eigentlich könnten da auch Tränen in den Augen sein, weil man so wahnsinnig stolz ist und gerade in diesem klitzekleinen Moment so unsagbar glücklich. Weil die Welt nicht mehr stimmt und unmögliche Dinge aufeinmal möglich sind. Und man hat’s sich ganz allein zusammen gekämpft.
Und deswegen mag ich den Mutismus auch eigentlich gar nicht her geben. Selbst, wenn ich ihn manchmal verfluche und am liebsten weg werfen würde. Aber irgendwie wär’s ohne ihn auch langweilig. Und dieses unbeschreibliche Gefühl am Ende, wenn ein Kapitel im großen Buch vorbei ist, ist das Leben mit Mutismus ein klitzekleines Riesenbisschen lebenswert!

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