Fahrplanauskunft ll

Fahrplanauskunft I

Alena lag auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Das bedruckte Papier vom Bahnhof lag auf dem Schreibtisch. Wie ärgerlich das doch ist, dachte sie. Die falsche Zugverbindung. Gut, an sich, war es nicht völlig falsch. Die Fahrtzeiten in die Stadt standen auf dem Zettel. Aber ab dem Bahnhof musste man noch einmal mit dem Bus fahren und die Busverbindung war falsch. Der Mitarbeiter von der Bahn musste die genaue Straße wohl falsch verstanden haben. Und das lies ihr einfach keine Ruhe. Sie wollte einen richtigen Zettel  mit ihren Zugverbindungen haben.
Es war 18.30 Uhr, Zeit für das Abendessen. Langsam schlurfte Alena in den Gruppenraum, in dem nicht nur die Gruppentherapie stattfand, sondern auch die Mahlzeiten eingenommen wurden. Alena setzte sich neben Maike, die sich mit Dennis unterhielt. Nach und nach folgte der Rest, bis alle da waren.

Nach dem Abendessen, zurück in Alenas Zimmer, klopfte es plötzlich an der Tür. Maike und einige andere Mädchen warfen ihre Köpfe zur Tür herein. „Möchtest du mit in den Abendausgang kommen? Wir wollen zum Bahnhof.“ Ja, warum nicht. Die Sonne geht gerade so hübsch unter, dachte sie. „Ja.“
Es war der letzte Abendausgang in diesem Sommer. Nach dem Abendessen durfte man nur im Sommer noch einmal bis um 20.15 Uhr die Station verlassen. Im Herbst und Winter dann nicht mehr, da es dunkel wurde. Als würde die Dunkelheit die kleinen Patienten auffressen, dachte Alena. Sie möchte es im Dunkel spazieren zu gehen.

Alena und vier andere Mädchen gingen zum Bahnhof. Zwei wollten irgendwie Zigaretten bekommen – sie waren erst 14 – und die anderen beiden Zeitschriften und Süßigkeiten für den Abend kaufen.
Ja, der Bahnhof. Und eigentlich könnte Alena noch einmal beim Servicebereich vorbeischauen. Nur schauen. Mehr nicht. Die Lage checken, wie sie manchmal scherzhaft zu Herr V. sagte, wenn sie erstmal nur beobachten wollte.
Der Weg zum Bahnhof war nicht lang. Sie sagte den anderen, dass sie nicht mitkomme. Sie müsse etwas erledigen und dann stand sie aufeinmal allein in der Bahnhofshalle. Der Bahnhof war viel leerer. Nicht mehr so viele Menschen, wie am Mittag waren unterwegs. Und hinter den Tresen saßen nur eine Frau und ein Mann, ein anderer als am Mittag. Ein Fahrgast mit einem großen schwarzen Koffer und glatt gekämmtem Haar stand an seinem Tresen. Wenn Alena da nun reingehen würde, könnte sie nicht mehr so einfach wieder rausgehen. Dann gab’s kein Zurück mehr, denn alles war so menschenleer, dass jeder Alena bemerken würde.
Okay. Durchatmen und gehen. Genau, wie heute Mittag.
Gehen.
Und sie ging.
Das Herz schlug ihr wieder bis zum Hals. Aber diesmal versuchte sie es zu ignorieren. Adrenalin schoss durch ihren Körper und er fühlte sich irgendwie merkwürdig kühl an.
Alena ging durch die Glastür und den mit Bändern markierten Weg für eine lange Schlange entlang. Links, rechts, links, rechts – warum musste man die Markierungen so stehen lassen, wenn doch gar keine Menschen mehr hier waren? Daran, dass so ein langer Weg für jemanden, der gerade Todesängste durchstehen musste, sehr ungeeignet war, dachte niemand.
Endlich war sie bei der Frau. Es war eine blonde, freundlich aussehende etwas fülligere Frau.
„Hallo!“
„Hallo. Ich bräuchte eine Fahrplanauskunft.“
„Von wo nach wo denn?“, fragte die Frau.
„Von hier zur Berufsschule und wieder zurück.“
Sie tippte.
„Okay. Morgens hin und am Nachmittag zurück?“
„Genau.“
Der Drucker ratterte.
„Ich habe Ihnen ein paar Verbindungen ausgedruckt“, sie zeigte Alena den Zettel.
Alena schaute ihn an. Da stand als Endhaltestelle „Berufsschule“! Es stimmte!
„Danke“, sagte sie freundlich und lächelte.
„Tschüss.“
Ihr Herz schlug noch immer laut. Es war als wollte es nicht leiser werden. Aber diesmal wohl vor Stolz. Und vor Erleichterung. Aufeinmal fühlte es sich so an, als wäre sie schwerelos, wie eine Feder. Als hätte sie tausende von Kilogramm verloren. Und eigentlich hätte sie auch den ganzen Bahnhof umarmen können, würde er in ihre Arme passen.
Ich glaube, ich zerspringe, dachte sie. Das ist ja besser als alles, was ich jemals gefühlt habe.

Zurück auf der Station erzählte sie es sofort. Das musste man einfach erzählen. Darüber konnte man nun wirklich nicht schweigen. Außerdem strahlte Alena bis über beide Ohren, das konnte  auch niemand übersehen ohne zu fragen, was passiert war.
Frau Förster schaute sie skeptisch, aber erfreut an. Wahrscheinlich dachte sie, so etwas Verrücktes konnte Alena gar nicht gemacht haben. Sicherlich hatte sie bei der Teambesprechung schon von Alenas Ausflug am Mittag  mit Herr V. gehört und wie schwer es ihr gefallen war.
Aber konnte man machen. Sogar Alena.
Weil es einfach nicht ging, wenn man die falsche Auskunft hatte. Das war so, als hätte man etwas angefangen und konnte es nicht zu Ende bringen. Und das funktioniert doch einfach nicht! Der ganze Kampf am Mittag hätte nicht umsonst sein können!

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

Da ich mittlerweile auch schon einige Fragen über formspring.me erhalten und beantwortet habe, wollte ich diese der Vollständigkeit halber hier im Blog auch nochmal veröffentlichen.

1. Hast du einen Führerschein? Wenn ja, wie waren für dich der Fahrschulunterricht und die Fahrstunden?

Ja, ich habe einen Führerschein und das mittlerweile sogar schon seit vier Jahren. Und ich fand alles eher schlimm als gut. Eigentlich wollte ich den Führerschein auch gar nicht machen. Aber da ich in einem kleinen Ort aufgewachsen bin, wo die Busverbindung schlecht bis gar nicht vorhanden ist, ist ein Führerschein schon sinnvoll.
Der Unterricht war in Ordnung, mit der theoretischen Prüfung hat alles prima geklappt, nur die Fahrstunden nicht. Zum einen, weil man ja auch irgendwie mal mit seinem Fahrlehrer kommunizieren sollte und zum anderen fällt es mir extrem schwer in Gegenwart fremder Menschen etwas zu lernen und zu üben. Besser gesagt ich bin dann so aufgeregt und vielmehr mit dem Thema Mutismus (was sage ich jetzt, verstehe ich das richtig, habe ich Fragen, wie frage ich was) beschäftigt, als mich auf den Inhalt konzentrieren zu können.
Und generell zu dem Thema kann ich sagen, dass ich nicht unbedingt große Freude am Autofahren habe. Ob das allerdings mit dem Mutismus zu tun hat, weiß ich nicht. Ich finde Autofahren ein bisschen unkontrollierbar. Das mag nun etwas verrückt klingen, aber ich plane gern alles und habe mich auf Situationen schon oft vorher gedanklich vorbereitet. Und das geht beim Autofahren irgendwie schlecht. Zum Beispiel hätte ich gern die Sicherheit einen festen Parkplatz zu bekommen, den ich in Gedanken schon vor mir habe und planen kann. Aber das geht nicht. Dann ist der Parkplatz voll, die Ampel rot, dann kann man die Spur nicht wechseln, verpasst die Ausfahrt oder Kreuzung ist auf einmal an einem völlig anderen Ort. Und was dann? Beim Zugfahren hat man den Fahrplan, steigt ein, wieder aus und ist da. Genauso zu Fuß. Das ist einfach wenig komplizierter.
Aber all das bedeutet nicht, dass Autofahren jedesmal eine riesige Anstrengung ist. Aber ich streite mich eben auch nicht darum jetzt unbedingt auf den Fahrersitz steigen zu müssen.

2. In einer Beziehung, kannst du da laut streiten?

Ja, kann ich. Ich kann schreien, schimpfen und hörbar wütend sein. In Streitsituationen bin ich nicht auf den Mund gefallen, kann mich verteidigen, kann diskutieren und habe kein “Mutismus-Blackout” sodass mir keine Worte einfallen. Sprich, in einer Beziehung kann ich streiten, wie ein ganz normaler Mensch.

3. Wenn du krank bist, und zum Arzt musst, fällt es dir dann schwer, dem Arzt deine Symptome zu schildern?

Generell fällt mir das ganze Thema schwer. Sprich ich muss überhaupt erstmal zum Arzt gehen und das tue ich wirklich nur, wenn es sein muss. Da kann man eventuell schon beim Terminmachen scheitern. Dann muss man sich anmelden, sagen was man will und dann kommt es auch darauf an, ob ich den Arzt kenne und mir die Praxis bekannt ist oder nicht.
Bisher bin ich eigentlich nur zum Arzt gegangen, wenn ich wirklich krank war und das ist zum Glück nicht ganz so oft der Fall. Aber dennoch muss ich Arztbesuche immer “vorbereiten”. D.h. mir überlegen, was ich will und wie ich das sagen kann und eigentlich alles erstmal vorher im Kopf durchdenken. Aber wenn ich denn dann erstmal da bin, klappt das alles eigentlich ganz gut und normal.

Einen, wie ich finde, sehr guten Eintrag über Arztbesuche, Gedanken, die man sich dabei machen und wie man sich fühlen kann, hat sara in ihrem Blog still.schweigend.

4. Kann man mit der Krankheit überhaupt normal durch das Berufsleben gehen? Was arbeitest Du denn?

Ich denke, wenn man sich anstrengt, schon. Da ich aber studiere und noch nicht wirklich im Berufsleben bin, kann ich die Frage auch nicht aus eigener Erfahrung beantworten. Ich kann nur sagen, dass ich bisher alles (Schule, Praktika) irgendwie “normal” geschafft habe.

Die Bedürfnispyramide nach Maslow

Bedürfnispyramide nach Maslow © flickr / henneundei

Bedürfnispyramide nach Maslow © flickr / henneundei

Die Bedürfnispyramide von Maslow ist ein Modell um die Motivation von Menschen zu beschreiben. Die Bedürfnisse sind hierbei die einzelnen Stufen der Pyramide und bauen aufeinander auf. Erst wenn die Bedürfnisse der unteren Stufe gestillt sind, strebt der Mensch nach einer höheren Bedürfnisstufe.

Die Stufen der Bedürfnispyramide

Zur ersten Stufe der körperlichen Existenzbedürfnisse zählen essen, schlafen, atmen, Wärme, Gesundheit, Wohnraum und Bewegung.
Zur Stufe der Sicherheitsbedürfnisse zählen ein festes Einkommen, eine Absicherung Schutz vor Gefahren und ein Dach über dem Kopf.
Die Stufe der sozialen Beziehungen umfassen Familie, Freundeskreis, Partner, Liebe und Kommunikation.
Soziale Wertschätzung meint Anerkennung, Geld, ein höherer Status, Respekt, Wohlstand, Erfolge und körperliche sowie psychische Stärke.
Die letzte Stufe der Pyramide, die Selbstverwirklichung beinhaltet Individualität, Unabhängigkeit, Selbstverbesserung und Entfaltung.

Bedürfnisse und Mutismus

Interessant finde ich, dass man – vor allem bei psychischen Krankheiten – förmlich zusehen kann, wie man die Pyramide herauf oder herunter geht. Das ist jedenfalls bei mir und dem Mutismus so.
Erst würde man gern im Supermarkt Essen und Trinken kaufen können. Die Verkäufer begrüßen, bezahlen und Fragen stellen, wenn man welche hat. Dann strebt man vielleicht einen Job und eine eigene Wohnung an und danach Freunde und soziale Kontakte. Und eigentlich könnte man dann zufrieden sein, vor allem als Mutist.
Aber ich bin’s nicht. Weil man einen guten Job möchte, der einem Spaß macht. Oder man mehr Geld verdienen möchte und nicht nur das “Überleben” im Vordergrund steht, sondern auch Interessen, neue Ziele, mehr Freunde und so weiter.
Ich möchte zum Beispiel nun mein Studium beenden. Und danach am liebsten einige Zeit im Ausland wohnen. Dabei wollte ich noch vor drei Jahren eigentlich nur Essen im Supermarkt kaufen können, damit man nicht verhungert. Und das überhaupt erstmal auf Deutsch.
Verrückte Sache, die Psyche des Menschen.

Mut-is(t)-mus(s)

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