Früher – das war so 2006 und 2007, als ich anfing viele Dinge zu machen – habe ich eine Geschafftes-Liste geführt. Ich habe alles, jede Kleinigkeit aufgeschrieben, die Überwindung gekostet und mit Angst zu tun hatte.
Irgendwie war es toll, die ganzen kleinen Fortschritte aufgelistet zu sehen. Und wenn etwas geschafft war, dann kam ein Kreuz davor und die Liste wuchs und wuchs.
Heute mache ich das nicht mehr. Ich glaube, wenn ich es noch tun würde, könnte ich jeden Tag etwas auf diese Liste schreiben, denn an so vielen Dingen bin ich schon reicher geworden.
Und wenn ich diese Liste aus der Vergangenheit selbst so lese, komme ich mir albern und komisch vor. Wäre heute jede Kleinigkeit noch solch ein Kraftakt und Kampf, würde ich sicherlich durchdrehen. Ja, es ist besser. Viel besser.
Heute muss ich mir nicht mehr Stunden vorher Gedanken machen, wie ich im Supermarkt Hackfleisch kaufen kann, sondern nur noch dann, wenn ich auch wirklich im Supermarkt stehe. Und dann reicht in Gedanken auch nur ein kurzes „auf geht’s!“ und muss nicht minutenlang mit mir hadern und irgendwelche Runden im Laden drehen.
Aber lest selbst:
[x] habe etwas beim Bäcker gekauft.
Zum Mittagessen. Eine Bäckerei etwas abseits vom Stadtgeschehen. Mit wenigen Leuten. Beim Bäcker sagt man, was man gern kaufen möchte. Bei unbekannten Bäckereien muss man sich darüber erst im Klaren sein. Vielleicht schnell und spontan entscheiden und wählen. Ich habe noch nicht oft in einer Bäckerei gekauft. Um genau zu sein, ich selbst, ich allein, mit heute, dreimal. Kann ich zählen. Beim Metzger noch nie.
Es hat funktioniert. Irgendwie locker. Habe sogar gefragt, was in dem Teigding drin ist, bevor ich es gekauft habe.
[x] habe etwas an der Fleischtheke im Supermarkt gekauft.
Geplant war eigentlich ein normaler Supermarkteinkauf für das Abendessen und dafür brauchte ich Hackfleisch. In vielen Supermärkten ist das ja schon fertig abgepackt zur Selbstbedienung. Hier auch, nur gab es dort nicht die richtige Menge, sondern wirklich viel zu viel. Machte mir schon Gedanken, was ich nun tun sollte – das ganze Rezept verwerfen – und stellte mich aber irgendwie – fast wie von Geisterhand geschoben, zur Fleischtheke, an der noch bedient wird. Ich sagte, was ich haben wollte, worauf die Verkäuferin mir sagte, dass sie Hackfleisch nur abgepackt haben. Sie zeigte mir die Päckchen, die ich schon gesehen habe und ich teilte ihr irgendwie mit, dass dies viel zu viel sei. Darauf machte sie eines auf und verpackte mir meine Menge neu. Die Frau kam aus Osteuropa, was die Kommunikation etwas erschwerte, weil sie mich kaum verstand und nicht gut Deutsch sprach.
Die Kassiererin war sehr sprachfreudig und fragte, ob ich zwei Cent klein hätte. Anstatt dies zu verneinen, weil ich es nicht mag an der Kasse im Portemonnaie zu wühlen und eine ganze Schlange hinter mir steht, suchte ich brav das Kleingeld zusammen.
[x] habe etwas aus der Apotheke geholt.
Ich finde es geht besser. Lockerer. Gut, anfangs war es schwieriger. Bin an vielen Apotheken vorbeigegangen. Aber in der Innenstadt gibt es sehr viele Apotheken, also immer wieder neue Chancen. Als ich mich dann für die vierte entschieden hatte, hatte ich das Glück eine etwas verwirrte Apothekerin zu haben. Glück zum Üben oder so ähnlich. Etwas verwirrt. Sie vergaß mir mein Wechselgeld zu geben. Ich habe sie darauf aufmerksam gemacht. Und wenn ich nun darüber nachdenke, war es eigentlich Blödsinn. Diese zwei Cent. Sie hat mir sogar eine Probe und Taschentücher geschenkt. Wegen zwei Cent. Mutisten verschweigen das. Aber es geht um das Prinzip. Mein Wechselgeld. Und ich habe sie mit meiner Stimme, meinen Worten darauf aufmerksam gemacht, dass sie es vergessen hat. Mehr als zwei Cent wert.
[x] habe an einer Umfrage teilgenommen.
Im Zug lief die ganze Zeit eine junge Frau umher, die die Fahrgäste befragte. Auch mich. Vielleicht traute ich mich aber auch einfach nicht sie abzuweisen, als sie mich fragte, ob sie mir einige Fragen stellen dürfte. Jedenfalls nahm ich spontan an einer Umfrage teil und beantwortete fremde Fragen. Irgendwie nichts besonderes, noch nicht einmal etwas Geschafftes, aber Menschen mit Mutismus bevorzugen nicht mit Fremden zu sprechen.
[x] habe zwei ausgeliehene DVD’s zurückgebracht.
Ich habe es ganz allein gemacht. Irgendwie hatte ich Angst. Es gibt Dinge, wie im Supermarkt oder Geschäft einkaufen, die bereiten mir nur noch unangenehme Gefühle, da ich sie schon oft getan habe. Aber das heute tat ich eben noch nie. Aber im Nachhinein war es sichtlich einfach. Sehr sogar. Und komisch. So selbstständig, irgendwie erwachsen. Als könnte ich auch fort von zu Hause leben, ohne Hilfe, die ich eigentlich gar nicht brauche, damit ich mich noch mehr entwickeln und weiter gezwungenermaßen üben kann.
[x] habe mit dem Therapeuten telefoniert.
Habe überlegt, ob ich das Kreuz weglasse und schreibe “habe den Therapeuten angerufen“, weil ich ihn ja anrufen musste wollte. Ich scheiterte. Rief ihn nicht an. Dennoch scheiterte ich irgendwie auch nicht. Weil er selbst anrief und ich unbeschwert an das Handy ging, als es klingelte. Und danach dachte ich daran, wie unmöglich es vor noch gar nicht so langer Zeit schien überhaupt mit ihm durch das Telefon zu sprechen. Dachte das ginge niemals. Konnte es mir noch nicht einmal auch nur vorstellen. Und deswegen bin ich absolut nicht gescheitert.
[x] habe nochmal telefoniert.
Diesmal habe ich ihn angerufen. Auf der Station der Psychiatrie, weil ich meinen Therapeuten sprechen musste wollte. Das Problem hierbei war, dass ich zuerst auf der Station anrufen musste und natürlich nicht weiß, welcher Betreuer an das Telefon geht. Es war ein sehr netter. Außerdem ist es oft sehr schwierig den Therapeut zu erreichen, da er wohl ein beschäftigter Mann ist. Aus diesem Grund sagte mir jener Betreuer freundlich, dass er gerade nicht da wäre und ich ab dreizehn Uhr nocheinmal anrufen sollte. Also nocheinmal. Bin ich denn verrückt? Ich habe angerufen.
[x] habe wieder telefoniert.
Der gleiche Betreuer war dran, der Therapeut da. Ich wollte wegen des Termins anrufen, weil ich es nicht pünktlich schaffen würde. Ich weiß nicht, ob der Therapeut sehr überrascht war. Schließlich war es das erste Mal, dass ich dort angerufen habe. Premiere quasi. Ach, bin ich stolz. So sehr, dass ich unbedingt hüpfen musste. Vor Freude natürlich. Hüpfen. Das Unmögliche ist gar nicht so sehr unmöglich.
und was würde ich jetzt geben, um mit ihm telefonieren zu können…?
