#27

Manchmal, da stelle ich mir vor, ich sitze in der Therapie. Sitze in dem Büro von Herrn V. und rege mich mal wieder über alles auf. Am meisten natürlich über mich, wie unmöglich und falsch ich doch bin. Gerade an Tagen, die weniger gut waren, stelle ich mir das vor. Oder an Tagen, die im Grunde gar nicht schlimm waren, aber ich mal wieder ein riesen Problem mit mir habe. Oder ein Problem mit meinen Ansprüchen an mich selbst. Je nachdem wie man das sehen will. So wie heute.
Dann stelle ich mir vor, wie er mir immer wieder verdeutlichen will, dass das gar nicht stimmt. Wie toll ich bin. Und er versucht mich daran zu erinnern, was ich schon alles geschafft und erreicht habe. Innerlich lache ich ihn dann aus. Denn es bedeutet nichts. Es bedeutet einfach nichts. Wen interessiert es denn, was irgendwie und irgendwann einmal geklappt hat und gut war? Wieso ist das wichtig, wenn das Nächste aber eben nicht gut klappt oder geklappt hat? Und was will man mit so unbedeutenden Dingen wie mal telefoniert haben, irgendwo etwas gekauft haben oder ein Referat mit Vorbereitung gehalten haben? Besonders, wenn auch unvorbereitet etwas funktionieren muss und das viel wichtiger ist.
Ich stelle mir vor wie vehement ich alles abstreite und wegdiskutiere. Und finde nach wie vor, dass ich damit recht habe. Wozu all die kleinen Dinge, wenn das Große nicht klappt? Mit dem einzigen Unterschied, dass das Große inzwischen klappt. Wozu sind also all die kleinen, nicht immer super funktionierenden Dinge noch schlimm, wenn das Große doch trotzdem klappt? Was sollten mich also nicht so geglückte Anrufe interessieren, wenn das Telefonieren doch insgesamt klappt? Manchmal auch gut. Und was sollte es mich allzu sehr kümmern, dass ich Dinge momentan noch umständlicher mache, wenn ich sie doch grundlegend überhaupt mache? Und vielleicht auch weiß, dass ich das irgendwann vielleicht auch weniger umständlich machen kann? Eben einfach weil’s am Ende immer irgendwie funktionierte. Das Große klappt halt und hat auch geklappt.
Und dann frage ich mich, ob er mich noch erkennen würde. Der Herr V. Oder ob er völlig verdutzt wäre, wie das nur passieren konnte. Vielleicht würde er einen Witz darüber machen. Wie sprachlos ich i h n nun mache. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht würde er auch einfach nur lächeln und sagen ‚Mara, Mara. Du machst Sachen‘. Eben so wie er es früher manchmal tat. Dann müsste ich mitlächeln und diese Situation wäre so unbeschreiblich wertvoll. Und dann stelle ich mir vor, dass es genau so ist. Nur nicht hier. Sondern eben irgendwo anders.

#26

Ich habe mir einen neuen Computer gekauft. Und ich weiß nicht, worüber ich begeisterter bin. Über den neuen Computer an sich oder darüber, sich große Dinge von eigenem Geld kaufen zu können. Wie der Urlaub letztens. Klar, habe ich schon einige Dinge gekauft und natürlich mit eigenem Geld, was ich auch immer mal wieder verdient habe. Aber diesmal war es doch was anderes. Denn es ging so leicht. Ich habe nicht wochenlang intensiv überlegt. Ich wollte einen neuen Computer haben, also habe ich einen neuen Computer gekauft. Mit dem habe ich nun Großes vor. Jawohl.
Diese Sache mit dem Arbeiten ist erstaunlich. Man kann sich daran gewöhnen. Mal wieder hinein wachsen. Und dann bin ich Profi. Wie mit dem Studieren. Das konnte ich auch super. Und jetzt wird man sogar belohnt. Nämlich mit einem neuen, tollen Computer. Belohnt, für die schwierigen Dinge, meine ich. Leben war für mich nämlich schon immer schwierig. Überall habe ich mich durchgeboxt. Und zum ersten Mal lohnt sich etwas. Man boxt sich nämlich für a l l d a s durch, was in letzter Zeit so da ist und passiert.
Jaja, ich weiß. Diese euphorischen Einträge passen nicht in den Mutismusblog wie er immer war. Aber ich weiß auch nicht mehr. Der ganze Scheiß kann sich einfach lohnen. Und ich bin so fasziniert darüber, dass es so sein kann. Und dass es überhaupt so werden konnte. Wie ging das nur?
Ich schrieb schon mal, dass Leben jetzt erst los geht, oder?

#24

Ich war in meinem ersten eigens verdientem Urlaub. Auf einer Insel mit dem Flugzeug. Ich habe meinen jährlichen Mutismus-Jahresrückblick verpasst. Mutismus ist aber im Grunde auch aus. Jedenfalls passt der Begriff nicht mehr. Schon lange. Fiel mir nur nie auf. Ich finde die Zeit verging wie im Flug. Ich wurde am Telefon angeschrien. Ich kämpfe noch immer mit dem Alltag. Merke es nur kaum noch. Denn meist mache ich dabei einen guten Eindruck. Es geht immer weiter. Aber das sehe ich wie immer erst hinterher. Trotzdem werde ich es allen zeigen. Wie immer.
Ich hatte einen Autounfall. Und ich habe mit der Polizei gesprochen. Klingt schlimmer als es war. Abgesehen von der Situation an sich. Ansonsten mache ich Erwachsenendinge. Autounfälle zum Beispiel. Oder ich sorge für das Alter. Richtig spießig. Ich freue mich auf meine erste Steuererklärung. Wahrscheinlich zum ersten und einzigen Mal.
Den Herzmensch gibt es noch in meinem Leben. Soll ja auch so bleiben. Bei ihm hat sich beruflich auch etwas geändert. Geht alles weiter. Wird größer. Erwachsener. Wie ich schon sagte. So als Update. Für euch.

#22

Ich bin unglaublich glücklich und wer mich kennt, weiß wie schwer ich mir damit tue, auch nur zu sagen, dass es mir gut geht. Wie kann sie also glücklich sein? Und dann auch noch unglaublich?
Aber ich bin’s und ich weiß auch ganz genau warum.
Ich bin da. Ich bin angekommen und vor allem bin ich auch richtig. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben fertig mit irgendwas, auch wenn ich gleichzeitig weiß, dass es überhaupt nicht stimmt, weil man nie fertig sein kann. Und noch besser ist, ich bin richtig. Ich bin zum ersten Mal einfach richtig. Ich kann mich verbessern. Wachsen. Entwickeln. Keine Frage. Aber ich bin richtig. Richtig. Richtig. Richtig. Einfach richtig.
Und vor einigen Stunden wurde mir bewusst, welch unglaubliches Glück ich habe. Ich habe es die letzten Monate nicht sehen können, aber sie sind großartig. Sie sind einfach so großartig, ohne zu wissen wie großartig sie überhaupt sind. Sie geben mir die Möglichkeit, das zu tun, was mir Spaß macht. Etwas, was genau das Richtige für mich ist. Sie sehen in mir irgendwas, was ich mal wieder nicht sehe, aber ganz sicher auch bald sehen werde. Und dann bin ich genauso großartig.
Es hat sich einfach gelohnt. All das hat sich gelohnt und es wird sich weiter lohnen. Da bin ich mir hundertprozentig sicher. Es hat gerade erst angefangen, das Leben. Und es wird die nächsten Jahre auch noch viel schöner weitergehen. Ich sehe das.

#19

Seit einer ganzen Weile sitze ich hier und überlege, ob ich diesen Eintrag schreiben möchte. Ob es wirklich so ist und welche Konsequenzen er haben wird. Aber im Grunde schlummert er schon seit Wochen in mir. Und heute nach einem Gespräch mit meinem Freund wurde es mir klar.
Es ist vorbei. Es ist einfach vorbei.
Schon seit Monaten kann ich mit dieser Psycho-Jammer-Bloggerei nichts mehr anfangen. Es macht mich sogar regelrecht aggressiv. Dieses elende Selbstmitleid und diese Jammerei über kein Geld. Während ich mich jeden Morgen zur Arbeit quäle. Es ist unfair und es geht schon lange nicht mehr, dass ich so etwas lesen kann. Man muss kämpfen. Jeden blöden Tag. Und so gemein es klingt, mit Menschen, die nicht mit mir kämpfen kann ich nichts mehr anfangen. Ich verstehe sie nicht mehr. Sie sind irgendwo stehen geblieben und das kann ich nicht. Ich bleibe nicht stehen. Ich bin mal wieder vorbei gerannt und in den letzten Monaten riesig geworden. So riesig, dass selbst ich mir zum ersten Mal in meinem Leben beim Wachsen zu sehen kann.
Ich weiß nicht mehr, was es hier gibt. Was ihr lesen möchtet. Denn der Blog ist nur noch ein Beweis dafür, dass man Mutismus besiegen kann. Mehr nicht. Ein Beweis, dass man sehr viel schaffen kann, wenn man es genug verfolgt. Wenn man nicht aufgibt. Nur ein blöder kleiner Beweis von irgend jemandem, der selektiven Mutismus besiegt hat.
Es ist vorbei. Tschüss Mutismus.

I see fire