Der Sportunterricht

Und schon wieder Sport. Warum muss die Woche immer so schnell vergehen, wenn sie es eigentlich gar nicht tun sollte, dachte Kevin und hatte schon den ganzen Morgen dieses komische flaue Gefühl im Magen gehabt, als wäre dieser Freitag der letzte Tag in seinem Leben.
Kevin hasste den Sportunterricht. Eigentlich war es sogar mehr als Hass, er verabscheute ihn. Und das lag nicht daran, dass er Sport nicht mochte oder unsportlich war, nein, Kevin konnte sich nicht bewegen. Genauso, wie er nicht sprechen konnte funktionierte auch das nicht.
Sein Körper war wie gelähmt. Alles bewegte sich nicht so, wie es sollte, oder wie es das zu Hause tat, wenn niemand da war und zuschaute. Die Arme funktionierten nicht und die Beine auch nicht. Alle Bewegungen waren irgendwie merkwürdig, unnatürlich. Natürlich konnte er den Arm heben, oder das Bein, aber es war steif. Und es sah komisch aus. Allein konnte er besser fangen, weiter werfen und springen und schneller laufen.
Kevin nannte es das Ding. Er hatte ein Ding in sich, was ihn versteinern und nicht sprechen lies. Und deswegen war der Sportunterricht für ihn eine Katastrophe.
Natürlich war er immer derjenige, der übrig blieb und als letztes gewählt wurde, wenn Teams gebildet werden sollten. Und wenn Kevin dann gezwungenermaßen einem Team zugeteilt wurde, verdrehten die anderen Jungs immer die Augen und gingen zu ihrem Spielfeld. Kevin trottete hinterher.
Wenn er denn wenigstens wirklich unsportlich wäre oder übergewichtig, wie Patrick – selbst er wurde noch vor ihm gewählt – dann wäre es ein vernünftiger und nachvollziehbarer Grund, weshalb er nicht gut in Sport war, dachte Kevin. Aber so war es nicht.
Manchmal konnte er sich drücken. Dann war er krank oder hatte sich verletzt. Und während er auf dem Spielfeld stand – Basektball wurde gespielt – dachte er daran, wie praktisch es wäre ein Mädchen zu sein. Dann hätte er einmal im Monat Unterleibschmerzen haben können und könnte gackernd auf der Bank sitzen und die Jungs beim Sport beobachten. Nein, könnte er nicht, weil er ja nicht viel sprechen konnte. Also würde er schweigend da sitzen. Aber immerhin sitzen.
„VORSICHT, KEVIN!“, schrie Steffen.
Mist, ein Korb. Die anderen seufzten. So was geht immer viel zu schnell. Manchmal zweifelte er sogar daran, ob mit seinen Augen alles in Ordnung sei, weil er manchmal keine Bälle sah, so schnell ging das. Aber mit den Augen war alles in Ordnung. Oder mit dem Gehirn. Weil Ball sehen, nachdenken, was zu tun ist, reagieren und bewegen in diesem Moment viel zu kompliziert war. Aber auch mit dem Gehirn war alles in Ordnung, denn zu Hause konnte er mit seinem besten Freund, den er schon seit dem Kindergarten kannte, Basketballspielen. Und sogar gut.
Dieses scheiß Ding, dachte er.
Sport war die Hölle. Drei Jahre Sportunterricht müsste er noch durchstehen. Nur noch drei Stück. Zehn hatte er schon. Da waren drei doch ein Zuckerschlecken. Drei Jahre. Wie viel Schulwochen waren das? 40? Egal, mehr als 120 Sportstunden waren das nicht mehr…

Wieder war eine Woche geschafft und wieder warf Kevin am Nachmittag die Tasche in sein Zimmer, zog sich um, ging raus und rannte. Er rannte die Feldwege um das Wohnviertel entlang und rannte und rannte. Musik im Ohr. Um den Kopf von der Woche freizubekommen. Und damit die Wut verschwand, die Wut über sich selbst, weil er so komisch war.

Ein Lied über selektiven Mutismus

Paul McCartney “She’s Given Up Talking”

She’s given up talking
Don’t say a word
Even in the classroom
Not a dickie bird
Unlike other children
She’s seen and never heard
She’s given up talking
Don’t say a word

You see her in the playground
Standing on her own
Everybody wonders
Why she’s all alone
Someone made her angry
Someone’s got her scared
She’s given up talking
Don’t say a word

Ah but when she comes home
It’s yap-a-yap-yap
Words are running freely
Like the water from a tap
Her brothers and her sisters
Can’t get a word in edgeways
But when she’s back at school again
She goes into a daze

Ah but when she comes home
It’s yap-a-yap-yap
Words are running freely
Like the water from a tap
Her brothers and her sisters
Can’t get a word in edgeways
But when she’s back at school again
She goes into a daze

She’s given up talking
Don’t say a word
Even in the classroom
Not a dickie bird
Unlike other children
She’s seen and never heard
She’s given up talking
Don’t say a word

Was ich verpasst hätte, wenn ich nicht mehr leben würde…

…und das ist eigentlich eine ganze Menge, was ich wirklich nicht mehr missen möchte.

1. Liebedie länger andauernde und ernste Liebe.

2. Fliegen - ein wirklich total irres Gefühl, wenn man in einem Flugzeug sitzt und langsam abhebt oder wieder landet.

3. Konzerte - die Bässe im Bauch und die dröhnende Lautstärke. Vor allem das Konzert von meiner Lieblingsband war ein Lebenstraum.

4. noch mehr Schneein 5 Jahren kommt ganz schön viel Schnee zusammen, den ich verpasst hätte.

5. das Reisen und fremde Länder entdeckt zu haben – vor allem USA, Kanada, Frankreich und Schweden.

6. eigene Wohnungdie geb’ ich nicht mehr her!

7. Fotografie - ich wäre nie im Besitz einer eigenen Kamera gewesen und hätte nicht gemerkt, wie toll das sein kann, die Welt in Bildern festzuhalten.

8. Studierenhätte man mir gesagt, dass ich mal studiere, hätte ich demjenigen den Vogel gezeigt.

9. Kontaktlinsenich habe meine Brille schon immer gehasst. Und es ist ein tolles Gefühl nun ohne sehen zu können.

10. weiter Musik hören - ich hätte ganz viele tolle Lieder verpasst. Und zwei Alben meiner Lieblingsband hätte ich nie gehört.

11. weiter Schreiben zu können – ich mag Schreiben wirklich sehr gern.

12. Menschen, denen man begegnet ist – wie wäre es um Beispiel, ohne die Samen-Frau in Lappland gewesen, die eine so furchtbare Weisheit ausstrahlte, sodass sie unbeschreiblich magisch wirkte, mit ihren tiefen Augen und ihrer Stimme.

13. Events und Veranstaltungendann hätte ich heute nicht sagen können, dass mir Martin Schneider mal zum Geburtstag gratuliert hat oder ich mit “Die Happy” gesprochen habe.

14. Häschenwie wäre es, ohne ganz fest zu wissen, dass ich irgendwann mal ein Häschen (als Haustier) haben werde?

15. Finnland-Traumgäb’s auch nicht und heute ist es die Zukunft.

16. Autofahren - auch, wenn ich es nicht mag, aber das Gefühl völlig selbstständig von A nach B zu kommen, geb’ ich nicht mehr her.

17. Taizéweil man inmitten hunderter Menschen auch ganz still sein kann.

18. bestiegene Berge - nicht nur bildlich sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes. Wie wäre es ohne die endlose Aussicht auf dem Berg?

19. Genuss - ich wäre nie in den Genuss von Orangina, Oreos und gutem Essen gekommen.

20. gute Filmehätte ich eine Menge verpasst. Die meisten meiner Lieblingsfilme hätte ich nie gesehen.

21. gute Bücherich hätte Twilight nie gelesen.

22. Alkohol - ich hätte mich niemals angenehm mit meiner damaligen besten Freundin betrunken und im Mondschein über das Leben philosophiert.

23. Streit, Diskussionen und Konflikteauch, wenn das nicht gerade positiv ist, aber ich hätte nie gewusst, wie das ist, wenn man sich streitet oder über belanglose Alltagsthemen diskutiert.

24. zweite Familiehätte nie das Gefühl kennengelernt in einer “Wahlfamilie” willkommen zu sein.

25. das Gefühl von Heimat - ich hätte nie gewusst, dass ich auch irgendwo hingehören kann.

26. Emotionen teilen - hatte ich davor immer nur für mich allein.

27. Nähe - ich hätte nicht gewusst, wie es ist, Freunde zu umarmen.

Die Geburtstagsparty

Es war Alenas Geburtstag. Zwölf wurde sie und sie hatte einige Mädchen aus ihrer Klasse eingeladen. Und eigentlich freute sie sich auf ihre Geburtstagsfeier, denn zu Hause konnte sie endlich mal so sein, wie sie wirklich war. Jedenfalls fiel dort das Sprechen sehr viel leichter als in der Schule.
Alle Mädchen, die sie eingeladen hatte kamen. Es gab Kuchen, Pizza, Chips, Gummibärchen und Cola. Sie durfte in dem großen Wohnzimmer feiern, weil Alenas Kinderzimmer viel zu klein war.
Erst wollten sie alle raus. Christina wollte eine Freundin, die im gleichen Ort wohnte besuchen, weil sie sich doch so lange nicht mehr gesehen hatten. Und die anderen fanden die Idee super. Gut, überstimmt, also alle raus und zu einer wildfremden Person an Alenas Geburtstag.

Wieder zurück. In Alenas Zimmer. Weil alle ihr Zimmer sehen wollten.
Jeder suchte irgendwas. Im Bücherregal, im CD-Regal und auf dem Schreibtisch. Und alles, was sie fanden war auf einmal so schrecklich lustig. Das alte zerzauste Schaf, was Alena seit dem Tag ihrer Geburt hatte, flog durch das Zimmer, ihre Lieblingsmusik war mit einem Mal auch furchtbar lustig und wurde von allen albern nachgeäfft, obwohl sie sie eigentlich selbst auch hörten und die Stifte auf dem Schreibtisch waren albern und die Bücher im Regal sowieso. Irgendwann war das Abendessen auch lustig und ein Kindergartenessen, das Besteck, die Teller und die Gläser waren uncool und das ganze Haus sowieso.
Kurzum, alle amüsierten sich prächtig über Alena und ihr Leben.
Und wahrscheinlich waren sie deshalb auch hier. Damit sie sich in der Schule nur noch mehr über Alena lustig machen konnten.
GEHT WEG!!!, hätte sie am liebsten geschrien und hätte alle samt ihrer Geschenke hinausgeworfen. Und die Jacken, Schuhe, Schals und Handschuhe hinterher und dann hätten sie blöd guckend im Schnee gestanden. In der Kälte.
Aber das traute sie sich nicht. Nicht, weil sie zu Hause nicht schreien konnte. Wie hätte sie es denn ihren Eltern erklären sollen, dass sie gerade ihre Geburtstaggäste raus geworfen hätte? Und wie wäre es nach diesem Tag in der Schule gewesen? Sicherlich noch schlimmer als den Rest dieses Abends noch ertragen zu müssen.

Am späten Abend weinte sie sich in den Schlaf. Es war ihre letzte Geburtstagfeier. Erstmal, jedenfalls.

Cut.


Und wenn ich am nächsten Morgen nicht mehr aufwache, dann soll es so sein, dachte Alena und Tränen tropften auf das Kissen. Vielleicht habe ich Glück und werde keine 18 Jahre mehr alt.
Langsam hatte sie keine Kraft gegen die schweren Augenlider, die zufallen wollten, anzukämpfen und schlief ein.
Es war 20 Uhr. Sie war gerade erst nach Hause gekommen und hatte sich sofort in ihr Zimmer verkrümelt. Sie hatte die Musik aufgedreht und die kleine Holzkiste aus der Schublade unter den Socken hervorgeholt. In der Kiste lagen Taschentücher, Raiserklingen und ganz viele kleine, bunte Tabletten. Alena hatte sie nach und nach gesammelt, die Tabletten. Aus dem Medizinschrank. Schlaftabletten, Beruhigungstabletten – und Tabletten, die man als gesunder Mensch eigentlich nicht nehmen sollte.
Sie nahm die Tabletten alle.
Sie hatte sich keine Gedanken gemacht, was danach mit ihr passieren könnte und ob das so überhaupt funktioniert oder ob sie am Ende Folgen davon tragen würde. Sie wollte nur schlafen. Ganz tief schlafen und dabei sollte das Herz einfach aufhören zu schlagen. Und wenn es in dieser Nacht eben passierte, dann war es so.
Die Musik lief. Dauerschleife. „Oh girl we are the same. We are young and lost and so afraid. There´s no cure for the pain, no shelter from the rain. All our prayers seem to fail…

Der Wecker klingelte. Und klingelte.
Alena’s Augenlider zuckten. Langsam bewegte sie sich und öffnete die Augen.
Scheiße bin ich müde, murmelte sie.
Und scheiße, ich atme noch.
Nur langsam konnte sie aufstehen. Ihr Kopf brummte, als wären zig Autos drüber gefahren.
Duschen. Erstmal duschen, dachte sie.
Und dazu brauchte sie ewig lange, sodass sie sich beeilen musste, um es noch pünktlich zur Schule zu schaffen. Ihre Familie gratulierte ihr, sie bekam Umschläge und machte sich schnell auf den Weg.

Am Nachmittag schlurfte sie die Wendeltreppe zur Station hinauf. Sie mussten jeden Tag zur Klinik, da sie noch tagesklinisch war. Auch an ihrem Geburtstag.
Irgendwas war komisch, als sie gerade eben an der Tür geklingelt und sich durch die Sprechanlage gemeldet hatte.
Und auf einmal hörte sie Stühlerücken.
Die haben doch Übergabe um diese Zeit, dachte sie.
Dann hörte sie auch noch die Stationstür. Mittlerweile war Alena schon sieben Monate hier, sodass sie die verschiedenen Türen sehr gut durch ihren Klang beim Öffnen unterscheiden konnte.
Und plötzlich standen sie alle da. Alle. Die kompletten Patienten, Therapeuten und Betreuer von der Früh- und von der Spätschicht. Und auch Therapeuten, mit denen sie eigentlich nicht viel zu tun hatte.
Herr V. stand vorn und fing nun auch noch an zu zählen.
Eins. Zwei. Drei.
Happy Birthday to you…
Sie sangen Happy Birthday.
Ich glaub’ ich spinn’, dachte Alena.
Ist das verrückt.
Sie singen. Sie singen alle Happy Birthday nur für mich.
Das hat noch nie jemand getan. Nagut, im Kindergarten. Aber das zählt nicht, weil man das tun musste.
Sie sangen zu Ende.
Herr V. kam auf sie zu. Er gab ihr die Hand und gratulierte und konnte nicht aufhören Alena anzugrinsen. Er spürte, wie überwältigt sie war. Und sie kämpfte mit den Tränen.
Die Menge löste sich auf und die Patienten kamen auf sie zu gestürmt.
Alena wurde umarmt und gedrückt. Hier und da.
Ich glaube, ich spinne, dachte sie wieder.
Es gab Kakao und Kuchen.
Mit 18 Kerzen obendrauf.
Ich muss einfach spinnen, dachte sie.
Sie hatte schon einige Geburtstage auf der Station miterlebt. In den sieben Monaten. Und Kuchen gab es immer. Er wurde von der Nachtschicht gebacken. Aber die Sache mit dem Lied, dass alle auf dem Flur versammelt waren und sangen, das gab es noch nie…
Und Alena atmete, sie atmete und lebte noch immer.
Zum Glück.

Cut.


20 Jahre. Alena hatte einige Freunde eingeladen. Ihre beste Freundin, die sie in der Klinik kennengelernt hatte und ihre beste Freundin, die mit ihr zur Schule ging. Beide brachten ihre Freunde mit. Ihre Freundin, die sie über das Internet kennengelernt hatte, war auch da. Und natürlich ihr Freund. Ja, ihr Freund.
Es gab Pizza und selbstgemachte Cocktails.
Es wurde gesagt, wie lecker die Pizza sei und nach dem Rezept für den Teig gefragt. Weil Pizzen eben doch nicht immer lustig sind.
Aber Cocktails sind es. Und deswegen war der ganze Abend auch lustig. Mit Alena und nicht ohne Alena.
Es gab Musik, lustige Kartenspiele und Witze. Und es wurden Tränen gelacht.
A Happy Birthday.

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