Nach dem Aufnahmegespräch und nachdem Alena sich von ihrer Mutter verabschiedet hatte, wurde sie von Herr V. zur Station 3 der Kinder- und Jugenspsychiatrie begleitet. Am Dienstzimmer der Betreuer lernte sie Frau H. kennen, die sie zu ihrem Zimmer führte.
Es war ein Zweibettzimmer, ganz am Ende des hellen, durch ein Glasdach erleuchteten Ganges.
“In den nächsten Tagen kommt eine weitere Patintin in das Zimmer”, erklärte Frau H.
Das Zimmer war irgendwie komisch. Ja, komisch war das richtige Wort. Gegenüber der Tür waren große Fenster, die sich über die gesamte Breite des Zimmers erstreckten. Mit blauen, schweren Vorhängen konnte man die Fenster verdecken. Davor standen in jeder Ecke des Zimmers zwei Betten. Eins rechts, das andere links.
“Noch kannst du dir sogar eines aussuchen”, lächelte Frau H. Sie wirkte freundlich. Mit ihren blonden, lockigen Haaren.
Nach dem rechten Bett folgte ein Schreibtisch. Der Schreibtisch, der zu dem linken Bett gehörte, stand vor dem Fenster, zwischen den beiden Betten. Was zu wem gehörte, erkannte man an den Farben. Rechts war blau und links rot. Die Möbel waren aus hellem Holz. Buche wohlmöglich. Aber die Tisch- und Bettbeine waren farbig. Rot und blau eben.
Und dann gab es noch für jeden einen Schrank, die neben der Tür nebeneinander standen. Mit roten und blauen Türgriffen natürlich.
“Packst du bitte deine Sachen aus? Hier ist das so geregelt, dass die Betreuer dabei zusehen müssen, damit die Jugendlichen wissen, was sie auf den Zimmern haben dürfen und was sie abgeben müssen”, erklärte Frau H.
Ahja. Sonst ist alles klar?, dachte Alena während sie in das Zimmer starrte und schwieg. Sie rührte sich nicht.
Frau H. die etwas unbeholfen schaute, weil sie nicht wusste, wie sie Alenas Schweigen interpretieren sollte, schlug nach einer Weile vor: ” Okay, dann erkläre ich dir erstmal, wie das auf Station hier so abläuft und danach packen wir deine Sachen aus.”
Wir packen meine Sachen aus? Wo bin ich nur hier gelandet, dachte Alena und änderte ihre Körperhaltung keinen Milimeter.
“Setz’ dich doch,” bot Frau H. an während sie auf den Stuhl mit den blauen Stuhlbeinen zeigte und sich selbst den mit den grünen zurecht rückte.
Alena setzte sich. Steif und starr saß sie nun und starrte wieder in eine Ecke des Zimmers.
Frau H. erklärte anhand des Wochenplanes, den jeder Patient bekam, wie die Woche hier so abläuft. Es gab feste Termine, wie Gruppentherapien, Schwimm- und Reittherapie und einige wechselnde Therapien, wie die Einzeltherapie und Ergotherapie. Die Zeiten, an denen es die Mahlzeiten gab, standen auch auf dem Plan. Am Vormittag gingen die Jugendlichen entweder extern oder intern zur Schule oder nahmen an der Arbeitstherapie teil. Das konnte sie sich aussuchen, da sie schon einen Schulabschluss hatte.
“Ausgang hat man hier insgesamt zwei Stunden, den du nur nehmen kannst, wenn du keine Termine hast. Dazu musst du dich im Dienstzimmer in die Liste eintragen. Allerdings hast du am Anfang, weil du neu hier bist, nur 3 x 30 Minuten pro Tag. Später kannst du die zwei Stunden dann auch am Stück nehmen”, sagte Frau H.
“Ausgang. Das klingt wie Gefängnis. Gefangen. Man kann nicht einfach raus gehen, wann man will. Man ist hier gefangen. Muss um Erlaubnis fragen. Diese Gedanken schwirrten Alena durch den Kopf.
“Und dein Handy darfst du nur mit in den Ausgang nehmen. Die sind hier auf der Station verboten und werden ausgeschaltet im Dienstzimmer abgegeben.”
Prima, noch nicht mal Kontakt zu ihren wenigen Freunden. Man sah ihr dieses komische Gefühl an. Gefangen und kontrolliert zu sein. Als hätte sie etwas verbrochen oder angestellt. Als wäre sie böse. Oder kein eigener Mensch mehr. Irgendwie war sie hier völlig falsch. Sie war doch nicht so verrückt im Kopf, dass sie sich kontrollieren lassen musste. Keine Freiheit mehr. Nichts. Nicht essen, wann man will. Nicht rausgehen, wann man will. Gar nichts. Es sollte doch nur mit dem Sprechen besser werden. Deswegen war sie hier. Und weil man sich Sorgen machte, dass sie sich das Leben nahm und depressiv war. Aber doch nicht so schlimm, dass eingesperrt werden musste! Sie war wütend.
“So und jetzt packen wir deinen Koffer aus”, sagte Frau H.
Ja, wir meinen Koffer aus. Jawohl, dachte sie. Wir packen gar nichts. Sie saß da, schwieg und rührte sich nicht. Versteinert. Völlig falsch. Am falschen Ort.
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