Dienstag, 11. Mai 2010
Es machte Alena wütend, wenn die Menschen sie schräg anschauten, weil sie Dinge wollte, die man ihr nicht zutraute. Natürlich sagten sie ihr nicht direkt ins Gesicht „du kannst das doch gar nicht“ oder „das ist nichts für schüchterne Menschen“. Aber Alena spürte jedes Mal, dass sie es dachten, wenn sie von ihren Plänen erzählte. Weil sie komisch schauten.
Dann müsste sie eigentlich immer erklären, dass sie nicht schüchtern war, sondern dass das Mutismus war. Und Mutismus war etwas völlig anderes als Schüchternheit. Aber sie tat es nicht. Das wäre zu kompliziert gewesen.
Vielleicht wussten schüchterne Menschen, was sie sagen sollten und trauten sich nur nicht. Aber Alena wusste überhaupt nicht, was sie sagen sollte. Sie war blockiert. So als wüsste sie bei fremden Menschen nicht, wie man die Lippen bewegte und Worte formte. Und so als hätten die Stimmbänder vergessen, wie sie Töne produzierten. Schüchterne wussten das noch und sie war nicht schüchtern.
Und weil sie nicht schüchtern war, war es noch schwieriger das zu akzeptieren. Deswegen lies sie sich überhaupt nicht sagen, was für sie funktionierte und was nicht.
Was sollte sie auch anderes tun? Gleich aufgeben ohne es versucht zu haben? Sich ein anderes Leben aussuchen? Vielleicht klappt’s ja. Ich hätte gern ein neues Leben, dachte sie. Sterben? Das mit dem Sterben, das hatte sie schon versucht und hilfreich war es auch nicht und der Rest war blödsinnig.
Hätte sie auf all die Menschen gehört, dann wäre sie sicherlich irgendwo anders. Weil schweigende Menschen können keine Referate halten, keine mündlichen Prüfungen bestehen, also auch kein Abitur machen und arbeiten auch nicht. Schweigende, kranke Menschen machen dann irgendwas, nur nicht das, was normale Menschen machen.
Aber sie können’s. Oh doch, sie können’s!
Sie können alles. Schwieriger und anstrengender.
Aber sie können’s!
Tags: Alena, Kampf, Mutismus, schüchtern, Schweigen, selektiver Mutismus, Sprechen
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Dienstag, 4. Mai 2010
Vor einigen Tagen gab es aktuell in der TAZ einen Artikel über selektiven Mutismus:
Stilles Kind, stumme Pein
Der Artikel handelt von einem elfjährigen Mädchen. Luisa.
Ich finde gut beschrieben, was Mutismus eigentlich ist und wie erklärt wird, dass Luisa lieber auf ein Eis verzichtet, anstatt es selbst zu kaufen. So ist das ganz oft, dass man auf Dinge verzichten muss, die man eigentlich furchtbar gern tun würde nur weil man es nicht sagen kann.
Auch geht es um die Problematik, dass selektiver Mutismus oft unerkannt bleibt und unwissende Ärzte sagen, dass sich das Schweigen irgendwann wieder gibt und normal ist, wie es glaube ich, oft passiert. Bei mir war es jedenfalls auch so.
Ziemlich toll finde ich Luisas Geschafftes-Liste, weil sich das im Nachhinein einfach gigantisch anfühlt, was man alles bewältigt hat. Und dass sie schon einkaufen gehen und telefonieren kann. Zwar muss sie wissen, wer anruft und kann den Verkäufern keine Fragen stellen, aber ich weiß, wie schrecklich kompliziert schon die kleinen Aufgaben sein können und freue mich deshalb sehr für Luisa.
Tags: Artikel, Informationen, Medien, Mutismus, Schweigen, selektiver Mutismus, Sprechen, Wissenswertes
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Samstag, 1. Mai 2010
Es gibt mal wieder eine neue Umfrage.
Da das ja ein Blog über eine psychische Störung ist und ich denke, dass die Zielgruppe daher eher aus Menschen besteht, die auch verschiedene Probleme haben, würde mich mal interessieren, was dies so ist.
Übrigens, wenn noch jemand Lust hat an der letzten Umfrage über Mutismus teilzunehmen, würde ich mich sehr freuen.
Mehrfachnennungen sind möglich.
Tags: Psychologie, Umfrage
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Donnerstag, 29. April 2010
„Wie geht es dir?“ fragte Herr V. lächelnd.
Alena grinste. Sie zuckte mit den Schultern. Wie ging es ihr?
Ja. Gut. Ich glaube gut, dachte sie.
„Wie war die Prüfung?“ fragte er neugierig, immer noch lächelnd, weil er merkte, dass die Prüfung offenbar gut verlaufen war. Jedenfalls schaute sie nicht unglücklich.
„Ging so“, antwortete Alena kurz.
Er schaute fragend „ging so“?
Und dann plapperte sie los und erzählte, was alles nicht so gut war. Erzählte, dass sie sich einmal total verrechnet hatte und es nicht merkte. Noch nicht einmal als ihr Mathelehrer sie danach fragte und sagte, sie solle es mal genau an die Tafel schreiben. Nichts. Sie merkte es nicht. Eigentlich war es nicht so schlimm. Eine Zwei hatte sie insgesamt bekommen. Aber es war ärgerlich, weil es ein dummer Fehler war und die Note ansonsten besser gewesen wäre. Und sie erzählte davon, wie ihr Mathelehrer am Schluss sagte, dass er sie noch nie so viel reden gehört hatte und dass es schade wäre, dass er es jetzt zum Schluss erst hörte. Ja ärgerlich. Hätte sie die ganze Zeit im Unterricht schon gesprochen, dann wäre die Note super gewesen. Und sie erzählte auch davon, wie sie nach der Prüfung mit einem Klassenkameraden den Nachmittag verbrachte, weil es nicht lohnte die 20 Kilometer mit dem Auto nach Hause zu fahren und dann später wieder hinzufahren, weil die schriftlichen Abschlussnoten bekannt gegeben wurden. Sie hatte sich mit ihm noch nie unterhalten und deshalb erzählte sie manchmal unsinnige Dinge. Nach ihrer Meinung jedenfalls. Und dann erzählte sie Herrn V. auch noch davon, wie ihre Klassenlehrerin freudestrahlend auf sie zu kam und ihr zur bestandenen Fachhochschulreife gratulierte und sagte, wie prima sie es fand. Weil Alena doch nicht sprechen konnte und gerade die mündliche Prüfung so gut gelaufen war, mit einer Zwei. Aber Alena war so gerührt und glücklich, sodass sie sich nicht vernünftig bedanken konnte und sich irgendwas in den Bart murmelte. Und das könnte unhöflich sein und deshalb ärgerte sie sich, weil sie nicht laut und deutlich sprach und auch gar nicht genau wusste, was sie sagen sollte.
Herr V. grinste. Er grinste einfach nur. Und Alena erzählte. Erzählte, was alles falsch war und wieso und was hätte anders sein müssen. Aber Herr V. grinste weiter. Und dann stockte sie und musste plötzlich auch lächeln. Bis über beide Ohren. Weil eigentlich gar nichts falsch war. Weil sie die mündliche Prüfung – das Horrording – mit selektiven Mutismus bestanden hatte und nun rein theoretisch – praktisch nicht – studieren konnte. Daran war überhaupt nichts falsch. Und dann lächelten sie zusammen.
Tags: Alena, Herr V., Lehrer, mündlich, Mutismus, Prüfung, Schule, selektiver Mutismus, Sprechen, Therapie
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Sonntag, 25. April 2010
Tags: Angst, Kampf, Leben, Musik, Video, Youtube
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