Der Postmensch klingelte gestern bei mir und gab mir eine Sendung für die beiden “lieben” Studentinnen nebenan, da sie nicht da waren. Das kam wie gerufen für mich. Weil der Nachbar erst gestern von ihnen erzählte und ich doch nicht einfach bei ihnen klingeln konnte und fragen konnte, ob sie auch Stimmgewirr hören. Mutismusmäßig halt. Und mit Post in der Hand geht es leichter, weil ich so einen Grund für’s Klingeln hatte. Hab’ ich also gemacht und gefragt. Und nein sie hören kein Stimmgewirr in der gesamten Nacht. Dabei müsste die einen das aber tun, da sie direkt neben meinem Wohnzimmer schläft. Wo das Stimmgewirr ja her kommen soll. Auch sie sagte, manchmal müsse sie zur Toilette in der Nacht und würde überhaupt nichts hören. So wie ich. Nichts. Und dann sagte sie, dass ich doch auch oft gar nicht da bin und sie überhaupt nichts von mir hört. Komisch, dass der Nachbar gestern bei dem Schiedsverfahren aber sagte, dass sie sagte, dass es leiser geworden ist. Ja. Und dann erzählte sie mir noch Geschichten, die der Nachbar fabriziert hatte. Zum Beispiel wurde einmal die Polizei wegen ihm gerufen und dann standen sie brüllend im Treppenhaus. Und er ist der Meinung jemand macht ihm Dellen ins Auto usw. Ich hab gefragt, ob ich meinem Anwalt davon erzählen darf und sie sagte, dass sie das auch so aussagen würde. Ich glaub’ die Gerichtsverhandlung wird sehr spaßig..
Aufgeben II
Eigentlich könnte ich gerade jeden Tag schreiben, wie gern ich alles hinwerfen würde und vielleicht sollte ich deswegen momentan einfach gar nichts schreiben. Bis ich die Bachelorarbeit abgegeben habe. Manchmal gibt es auch Momente, in denen alles wieder gut ist. Ich fühle mich, als sei ich manisch-depressiv, obwohl ich gar nicht weiß, wie sich das anfühlt. Ich will aussteigen und weitermachen, weil ich schon immer weiter gemacht habe. Und aussteigen will ich, weil ich immer weitermachen muss. Weil es immer schwierig sein wird. Aber:
KÄMPFEN, KÄMPEN, KÄMPFEN.
IMMER WEITER KÄMPFEN!
Zeugniszahlen
Vor ein paar Tagen hab’ ich meine Mappe mit den Zeugnissen aus der Schule durchgeblättert, weil ich eine Kopie des Abschlusszeugnisses für die Zulassung zum Master-Studium brauchte. Und der Mutismus lässt sich eigentlich in der gesamten Mappe finden. In der Grundschule hieß es in Worten ausgedrückt “Sab sollte sich um eine aktive Teilnahme am Unterricht bemühen” und später eben in Zahlen. Sport war eigentlich am schlimmsten, weil man dort nichts durch schriftliche Noten ausgleichen und ich mich nicht bewegen konnte. Mag komisch klingen, aber bei vielen fremden Menschen bin ich steif und regungslos, was im Sportunterricht blöd war. Und in den anderen Fächern konnte ich eben die mündlichen Noten durch schriftliche ausgleichen, sodass ich im Mittel eine durchschnittliche Schülerin war. Aber jedes Mal, wenn ich diese blöden Zahlen anschaue, fällt mir wieder ein, wie man sich das Leben mit selektivem Mutismus verbauen kann. Anstelle der schriftlichen 1 in Mathe und Deutsch stehen dort 2en und 3en und am schlimmsten ist es in den Fächern, in denen es keine Klassenarbeiten gab. Oder nur eine und mündlich mehr zählte. Geschichte, Biologie, Chemie, Erdkunde und so weiter. Da gab’ es 4en und manchmal Mitleids-3en, weil ich mündliche Noten von 5 bis 6 hatte.
Im Nachhinein verstehe ich nicht, wieso die Lehrer nicht aktiv wurden und beobachteten und fragten. Niemand versaut sich doch sein Zeugnis mit Absicht, weil er im Unterricht nicht spricht. Sondern schweigt. Sogar manchmal wenn er aufgerufen wird.
Es macht mich wütend. Die ganzen blöden Zahlen machen mich wütend. Wissen und Können in blöden Zahlen ausgedrückt nach denen sich alle Welt richtet. Ich hatte wahnsinniges Glück, dass ich mit diesen elenden Zahlen studieren konnte (Losverfahren) und im Nachhinein bin ich gut. Zum ersten Mal bin ich richtig gut, weil es keine mündliche Noten gibt und die mündlichen Leistungsnachweise krieg’ ich alle irgendwie hin. Zahlen in der Schule sagen also überhaupt nichts aus. Überflüssig. Blödsinn. Und irgendwie unfair. Denn würden sie das tun, würde ich keinen Bachelor-Abschluss – vorraussichtlich in sehr gut – schaffen, da die Zahlen in der Schule schlecht waren.
Nachtrag
Vielleicht finde ich auch keine Motivation, weil das Danach alles viel zu schön klingt. Weil es ein bisschen unwirklich ist. Für mich. Und weil da bestimmt irgendwo ein Haken dran sein muss und ich ihn deswegen suche. Weil ich nicht studieren kann. Wenn man nicht spricht. Oder besser gesagt, es mittlerweile kann, aber alles trotzdem so schwierig ist. Dachte ich immer. Und das Danach irgendwie (noch) nicht passt. Vielleicht deswegen. Vielleicht kann das Ich-weiß-wie’s-weitergehen-kann deswegen nicht so richtig motivieren. Weil es zu schön ist, um wahr zu sein
Aufgeben I
Momentan fehlt mir ein bisschen die Motivation. Ein bisschen viel vielleicht sogar. Und eigentlich liegt es an der Bachelorarbeit. Weil so ein Ding ein Arschloch sein kann, was vielleicht jeder weiß, der eine geschrieben hat. Das ist eigentlich kein richtiges Mutismusthema, sondern normal. (Wobei mir eigentlich egal ist, was normal ist und was nicht.) Aber der Mutismus nimmt ein bisschen die Motivation. Denn es wäre leichter, wenn ich wüsste, dass es mir etwas bringt. Die Bachelorarbeit. Ein beendetes Studium. Aber das weiß ich nicht. Ich kann mich nicht verkaufen. Bin nicht selbstbewusst und auch nicht von mir überzeugt. Und eigentlich studiere ich nur, weil ich als schweigender Mensch keine Ausbildung bekommen habe. Und ich befürchte nach dem Studium nichts anderes. Keinen Job. Und das macht das Weitermachen schwer. Und dann will ich natürlich nicht nur die Bachelorarbeit aufgeben, sondern alles. Weils nicht aufhören wird mit dem Schwierigsein. Und irgendwie sehe ich auch da keine Motivation. Wofür auch? Für’s weiter Schwierigsein? Das kann nicht motivieren.
Dabei gibt es einerseits auch so viele neue Dinge danach, die auf mich warten werden. Auf die ich mich freue. Sehr sogar. Nur da wird eben auch einiges schwierig sein. Und wie soll man sich da so richtig tief innendrin motivieren können? Wenn alles schwierig ist. Ich hab’s grad ein bisschen verloren. Ich wär’ gern wieder die Kämpferin, die wirklich innendrin fühlen könnte, wie blöd das wäre jetzt das Studium aufzugeben, wo man doch bald fertig ist. Mit der Ausrede, dass man eventuell keinen Job finden könnte. Ich hätte sie wirklich gern wieder die Kämpferin. Nur momentan bin ich irgendwo dazwischen. Mehr beim Aufgeben. Obwohl ich eigentlich gar nicht so genau weiß, weswegen. Denn ich hab’ momentan ein Ich-weiß-wie’s-weitergehen-kann. Also ein Ziel. Einen Lebensplan. Das hab’ ich nicht oft. Vielleicht bin ich müde. Zu sehr müde, um mich von etwas motivieren lassen zu können, was immer gleichzeitig auch schwierig sein wird. Denn mein ganzes Leben ist und bleibt schwierig.
Mutismus-Reportage im ZDF
Vor ein paar Tagen liefen eine kurze Reportage über Mutismus im ZDF. Boris Hartmann ist auch dabei. Kann man im Internet anschauen:
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