Mut-is(t)-mus(s)

mut-is-mus © mutismusblog.de

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Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Wie ist das, wenn du deine eigene Stimme hörst? Sei es dass du sie aufnimmst am PC, sei es dass du dir einfach beide Ohren zuhältst und dann etwas vorliest? Ist dir deine eigene Stimme zu hören ein großes Problem bzw. eine großer Schrecken?

Eigentlich ist es kein großes Problem für mich, wenn ich meine Stimme beim Sprechen selbst höre. Zwar ist es irgendwie komisch meine Stimme in Mutismussituationen, sprich bei fremden Menschen selbst zu hören, weil ich es eben von mir nicht kenne und ungewohnt ist, aber das liegt nicht daran, dass ich persönlich meine Stimme nicht mag. Eigentlich empfinde ich meine Stimme sogar als normal, wie jede andere auch.
Nur aufgenommen mag ich sie gar nicht. Aber ich habe erst sehr spät die Erfahrung gemacht, wie sich die aufgenommene Stimme überhaupt anhört, da es keine Kindervideos von mir gibt und der erste PC kein Mikro hatte. Daher hat das den Mutismus also nicht beeinflusst. Nur heute merke ich, dass ich bei Videos oder Tonaufnahmen wieder total verstummen kann und es absolut nicht mag.

2. Wie ist das, wenn du jemanden gern hast? Kannst du das dann sagen?

Um es kurz zu machen, nein. Jedenfalls nicht, wenn mir der Mensch relativ unbekannt ist oder ich gerade dabei bin ihn kennen zu lernen und Interesse an mehr hätte. Aber eine ganz praktische Erfindung ist bei diesem Thema besonders für mich das Internet. Und wenn mir der Mensch erstmal vertraut ist, kann ich ganz normal sprechen. Also auch sagen, dass ich jemandem mag oder liebe.

Jahresrückblick 2009

Wenn es das Jahr anders machen könnte, würde ich ein Weltmeister im Sprechen sein wollen. Dann würde ich in einem Callcenter arbeiten und so viel telefonieren, bis ich heiser werden würde. Wenn es die Zeit zurück drehen und man Tote so lebendig machen könnte, dann würde ich mich im Fernsehen zum Affen machen. In einer Casting- oder Spielshow auftreten, tanzen, singen und Witze machen. Wenn ich ein Gesetz aufstellen könnte, dass nur alte Menschen sterben dürfen, dann würde ich als Politiker seitenlange Reden vor Millionen Menschen halten. Ich würde alles tun, was ich nicht kann, wenn er doch nur wieder lebendig werden würde…

Dieses Jahr war ein ordentliches Scheißjahr. Und mehr fällt mir dazu eigentlich nicht ein. Sicher gab es auch schöne Dinge. Es gab schöne Stunden, nette neue Menschen, gute Filme, berührende Musik, verschlingbare Bücher, tolle Ausflüge, gemütliche Abende und ganz viele andere Dinge – eigentlich alles – die ich mir früher immer gewünscht habe. Aber, dass ich in diesem Jahresrückblick irgendetwas Wunderbares schreiben kann, ist nicht.
Da war der Anfang. Dieser Berg beim Studium, den man dann doch irgendwie geschafft hat und dann waren da die Ferien, die man eigentlich nur zur persönlichen Wiederherstellung genutzt hat bis da wieder ein neuer Studiumsberg im März war.
Und dann ist im Juni etwas passiert, was einen völlig aus der Bahn wirft. Was das gesamte Leben komplett durcheinander bringt und man die ganze Zeit alles durch einen Schleier sieht und jeden Moment hofft, man wacht endlich aus diesem Albtraum auf. Weil es einfach nicht wahr sein kann, dass ein riesiges Standbein (der Weltbeste) urplötzlich nicht mehr da sein soll. Man hat ihn doch zwei Tage vorher noch gesehen und beim Tschüssagen bis in zwei Wochen gesagt. Und außerdem sterben Menschen doch erst wenn sie alt sind und man sich verabschiedet hat.
Dann waren da im Juli die Prüfungen, die man noch alle gut gemacht hat, weil es ja schließlich irgendwie weitergehen muss und dann war da der Absturz. Dann auf einmal, mit einem Schlag, weiß man nicht mehr wie man atmen, schlafen, essen soll. Dann schlägt das Herz wie verrückt und der Puls ist so schnell, als wäre man einen Marathon gelaufen, dabei sitzt man eigentlich den ganzen Tag. Die Hände zittern und innen drin ist es so, als würde alles schreien. Man hat das Gefühl nicht mehr weggehen zu können, ohne einen Fluchtweg zu haben. Ein Fenster, eine Tür. Einkaufen im Supermarkt und Autofahren wird zu Qual, weil man ganz plötzlich die Panik bekommt, man müsse sofort raus hier. Und zwar wirklich sofort. Und eigentlich weiß man auch gar nicht warum das alles so ist. Aber man weiß, den Körper kann man nicht austricksen.
Und dann braucht man erst wieder ungeheuere Kraft sich wieder herzustellen. Weil man doch gern ohne Übelkeit und Panik in den Supermarkt gehen und Essen kaufen möchte. Im August weiß man dann, wie sich das mit den Trauerphasen anfühlt und wünscht sich, man würde es nicht wissen. Dann beginnt man stumme Briefe an den Weltbesten zu schreiben und hat das Gefühl sich bald tot daran zu tippen. Im September ist man froh in den Urlaub fahren zu können. Da kann man wieder ein bisschen mehr atmen, ein bisschen besser essen und schlafen. Im Oktober versucht man wieder zurück zu kommen. Nimmt vom Studium eine Auszeit und sucht sich wieder ein bisschen Alltag. Irgendwann kann man dann das Haus wieder ohne eine Notfallwasserflasche verlassen und ohne Fluchtwege Gebäude betreten. Im November und Dezember sucht man sich einen Job und macht im Endeffekt das Verrückteste, was man als Mutist je gemacht hat. Und während man da so steht, stellt man sich den Weltbesten vor, wie er durch sein Himmelfenster auf einen herab schaut und den Mund vor Staunen nicht mehr schließen kann. Und dann ist das Jahr zu Ende und eigentlich war es ein richtiges Scheißjahr…

Ich danke allen Menschen, die in diesem Scheißjahr für mich da waren. Besonders – ach du weißt schon wem – für das Dasein, das Ohr, die vielen Taschentücher und die Wärme. Ich danke den Menschen, denen es ähnlich geht, weil sie jemanden verloren haben, für den Austausch und die E-Mails, denn dann ist man weniger allein. Und für die lieben, aufmunternden und tröstenden Worte. Ich danke allen, die dieses Jahr da waren und nicht weggegangen sind. Danke auch an meine Kommilitoninnen, die mich, ohne es zu wissen, zum Lachen gebracht haben und ein kleiner Grund waren, irgendwo hinzugehen.
Und ich danke wem auch immer, dass es den Weltbesten in meinem Leben gab…

Ich wünsche euch einen guten und netten Jahreswechsel und dass ihr ihn so verbringen könnt, wie ihr es euch wünscht. Und wenn nicht, dann wünsche ich euch die Kraft weiter zu hoffen, dass es irgendwann einmal so sein wird, weil – wie schon gesagt – immer alles irgendwann mal anders wird.
Auch wünsche ich euch ein gutes, glückliches, gesundes neues Jahr. Nein, irgendwie klingt das blöd. Denn das gibt’s gar nicht. Ein ganzes Jahr kann eigentlich nie nur gut sein.
Ich wünsche euch besser die Kraft die unguten Dinge eines Jahres gut zu überstehen und den Mut für Veränderungen, sofern man etwas verändern möchte.

Frohe Weihnachten

Weihnachten © mutismusblog.de

Weihnachten © mutismusblog.de

Eigentlich ist das nur ein Zettel. Ein Zettel, den ich mal von meinem Therapeuten zu Weihnachten bekommen habe.
2004 war ich in der Klinik und es war kurz vor Weihnachten. Er begegnete mir auf dem Flur und erzählte, dass er vor einigen Tagen ein chinesisches Sprichwort gelesen hatte und dabei an mich denken musste, weil er fand, dass es zu mir passte. Er sagte es auf und fragte, ob er es mir aufschreiben solle. Ich nickte. Er ging zurück in das Dienstzimmer und kam mit diesem Zettel zurück. Fröhliche Weihnachten, sagte er.

Seitdem habe ich diesen Zettel. Ich habe ihn aufgehangen. Erst in meinem Zimmer und nun in meiner Wohnung. Fünf Jahre ist das her. Und heute ist es eines – das mag verrückt klingen -  der wertvollsten Dinge, die ich habe. Ein Stück Papier zu Weihnachten. Zum einen ist es eine Erinnerung an ihn, an meinen verstorbenen Therapeuten. Etwas, das ich noch habe. Und zum anderen ist es irgendwie absurd. Da hing der Zettel jahrelang irgendwo und eigentlich habe ich ihn auch selten angeschaut und nun… ja nun, kann ich wirklich sagen, dass Mauern zu Windmühlen umgebaut werden können. Als wäre er all die Jahre mein Kampfspruch gewesen.

Und das wird mir gerade zu dieser Zeit des Jahres immer wieder bewusst, weil ich Weihnachten gehasst habe. Weil ich nirgendwo hingehen konnte und allein war. Weil Weihnachten immer unspektakulär und einsam war. Eigentlich wie jeder andere Tag nur mit viel Melancholie. Ich war immer froh, wenn Weihnachten vorbei war. Und Silvester sowieso. Weil allein feiern eben einfach nicht lustig ist. Dann starrt man nur die Uhr an und fragt sich, ob das nächste Jahr genauso beschissen wird, wie das letzte auch.
Dieses Jahr ist Weihnachten, wie ein richtiges Weihnachten. Mit  vielen Menschen und sogar mit zwei Familien. Erst nachmittags da, dann abends dort. Am nächsten Tag mittags da und nachmittags dort. Und danach wieder hier. Und Silvester auch. Da bin ich auch irgendwo. Irgendwo, nur nicht mehr allein, weil Mauern eben zu Windmühlen umgebaut werden können.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein frohes und ruhiges Weihnachtsfest. Ich wünsche denjenigen, die noch keine Windmühle aus ihrer Mauer gemacht haben die Kraft weiter durchzuhalten, damit auch ihr Weihnachten einmal schön werden kann. Weil alles irgendwann immer einmal anders wird. Das ist einfach so.
Und ich wünsche denjenigen, die Weihnachten gar nicht mögen, vielleicht wegen des Streitens, fehlender Harmonie, Stresses oder der Einsamkeit, trotzdem – und wenn’s nur ein kleines bisschen  ist – Wärme und Weihnachten im Herz.
Ganz besonders gehen meine Gedanken dieses Jahr an die Menschen, die jemanden verloren haben und Weihnachten deswegen kein Weihnachten mehr ist. An seine Familie, die ohne Ehemann, Vater, Bruder und Sohn diesen Tag unter dem Weihnachtsbaum überstehen muss. Ich werde eine Kerze anzünden, für sie, und schenke ihnen viel Kraft.

Habt eine besinnliche Weihnacht.

Interview mit einer Betroffenen

1. Seit wann leidest du an Mutismus?

Ich leide seit ich denken kann an selektiven Mutismus. So richtig gemerkt wurde es als ich so ca. 2 Jahre alt war. Da wir sehr zurückgezogen lebten und kaum Kontakte hatten war es wohl zuerst nicht so offensichtlich.

2. Wie wurde Mutismus bei dir diagnostiziert?

2001 kam ich in die Psychiatrie wegen Suizidgedanken und ich hatte das Buch „Jadie, dass Mädchen das nicht sprechen wollte“ in der Klinik mit. Die Ärztin dort hat sich dafür interessiert und las es ein wenig. So kam die Diagnose zustande.

3. Kennst du die Ursachen von deinem Mutismus?

Ich habe Vermutungen, aber ich bin mir natürlich nicht ganz sicher. Bei uns in der Familie gibt es Ängste, Depressionen und soziale Phobie. Meine Mama war viele Jahre selbst mutistisch, was die Kindererziehung und das Partnerleben erheblich erschwerten. Es wurde gemacht mit ihr, was die anderen wollten. Selbst heute hat sie noch Probleme auf Feste zu gehen, was zu Auseinandersetzungen führt. Aufrechterhaltungen waren mehrere Krankenhausaufenthalte wegen Asthma und familiäre Probleme, als ich klein war. Später folgten traumatische Erlebnisse, sexuelle Übergriffe, der Verlust meiner Brüder und zwei Psychiatrieaufenthalte, was mich wieder aus der Bahn und in den Mutismus warf.

4. Gibt es Menschen, bei denen dir das sprechen leichter fällt?

Ja, es gibt Menschen, bei denen ich leichter sprechen kann. Menschen, die mich nicht fertig (anschreien, erniedrigen, usw.) machen oder die ich nicht kenne und nicht schon geschwiegen habe. Bei Menschen, die mich schweigend kennen, bringe ich nicht so leicht ein Wort über die Lippen. Was mir auch noch schwer fällt ist, über mein Probleme, also persönliche Dinge zu sprechen. Wenn jemand nach der Uhrzeit fragt ist es bedeutend leichter.

5. Wie gehen deine Eltern, Geschwister und Angehörige damit um?

Meine Mama versteht mich sehr gut, weil sie es selber kennt. Verwandte können damit nur schwer umgehen. Oft kommen Vorwürfe, dass Mama mich krank gemacht hätte und so. Meinen Verwandten gehe ich aus dem Weg, weil häufig nur solche Vorwürfe kommen und ich mich sprachlich nicht wehren kann. Ich will nicht zurückbrüllen oder auch mit Vorwürfen herumballern, weil es nichts bringt. Das ist so gut wie alles kaputt.

6. Wie gehen deine Freunde/Partner damit um?

Freundschaft ist echt schwierig, da ich meistens immer das mache, was mir gesagt wird und wenn es mir mal zu viel wird, ziehe ich mich zurück, was Unverständnis und auch Streit gibt. Wenn ich mal meine Meinung sage, dann werde ich auch angeschrien und dann sage ich nichts mehr, weil ich nicht auf mein Recht pochen will und auch keine Kraft habe in so einer Redensart weiter zu kommunizieren. Ist nicht gesund, aber ich weiß nicht, wie ich es weiter machen soll. In einer Partnerschaft stehe ich noch nicht, da ich erst lebensfähig sein möchte. Nicht, dass ich an einem Typ gerate, der mir weh tut und ich mich nicht wehren kann (dass ich alles tue was er mir sagt).

7. Was machst du beruflich?

Ich strebe an nächstes Jahr eine Reha-Ausbildung zu machen. In einer Reha-Ausbildung sind Psychologen und ich werde dort in einem Internat schlafen. Beruf kann ich leider nicht genau sagen. Es wird erst einmal geschaut, physisch und psychisch, was ich machen könnte und was nicht. Dazu laufen jetzt amtsärztliche Untersuchungen.

8. Wie stark warst du in der Schule von dem Mutismus eingeschränkt?

Das war in der Schule sehr unterschiedlich! In der ersten Klasse war ich ziemlich ruhig, aber ich schien gelesen zu haben, so wie es auf meinem Zeugnis steht. Genauso auch in der zweiten Klasse. Allerdings gab es in Musik Schwierigkeiten, da ich nicht singe. Nur unter Tränen summte ich die Melodie, nachdem die Musiklehrerin mich unter Druck setzte. Ab der dritten Klasse sang ich auf jeden Fall nie wieder, was mir eine 6 nach der anderen brachte. In der dritten Klasse schwieg ich seit Anfang des neuen Schuljahres überall. Meine Klassenlehrerin konnte damit aber prima umgehen. Sie nahm mich immer wieder dran, wartete einige Sekunden und wenn es nicht klappte, dann nahm sie einen andern dran, ohne mich weiter unter Druck zu setzen. Irgendwann hatte ich so viel Mut doch vorzulesen und Gedichte vorzutragen. Nach der Grundschule hatte ich so gut wie kein Musik, jedenfalls nicht singen. Ich fiel hin und wieder bei belastenden Problemen ins Schweigen. Besonders schlimm wurde es in der neunten Klasse, wo ich dann auch in die Psychiatrie kam. Nach den Aufenthalten in Psychiatrien war ich ein Wrack. Ich saß nur noch in einer Ecke, habe geweint, geschrien und ließ einige Monate keinen an mich heran, selbst meine Mama nicht zu der ich das meiste Vertrauen habe. Ich redete so gut wie fast gar nicht mehr. 2004 machte ich noch eine Kur. Die tat mir viel besser. Dort habe ich sogar meine Angst zu singen abgebaut und sang in der Karaokebar. Dann holte ich 2005/2006 meinen Abschluss nach und bestand, aber es gab da natürlich auch Schwierigkeiten mit dem Sprechen.

9. Machst du eine Therapie?

Ich war bei etlichen Therapeuten, aber erst das Internet hat mir geholfen die richtige Therapie zu erhalten (Logopädie und Psychotherapie). Da mein Vertrauen kaputt ist, erweist sich die Therapie als schwierig. Belastende Ereignisse werfen mich immer wieder ins Schweigen zurück. Durch die vielen traumatischen Ereignisse und Fehltherapien, habe ich das Vertrauen in mich selbst und in Therapeuten verloren. Seit April 2008 nehme ich ein Antidepressivum (30mg Citalopram). Seitdem bin ich kein Bettnässer mehr und traue mir auch etwas mehr zu.

10. Wenn ja, ist es besser geworden? Was hat sich verändert?

Es ist auf jeden Fall besser geworden. Ich traue mich schon öfter zu telefonieren und mit Leuten zu sprechen. Aber es ist noch viel zu tun, damit ich nicht immer ins Schweigen verfalle.

11. Wie geht es dir heute?

Ich versuche heute damit klar zu kommen. Aber es gibt immer noch viele Tiefs. Es ist aber in Ordnung und ich lerne damit umzugehen. Auch wenn es immer noch vorkommt, dass ich mich selbst verletze (SVV) und hin und wieder in den Mutismus verfalle bin ich zufrieden, dass ich nicht aufgegeben habe und weiter kämpfe.

Vielen Dank an Peggy, 24 Jahre.

Fahrplanauskunft l

„Na, dann lass’ uns losgehen, zum Bahnhof“, sagte Herr V. mit einem Lächeln.
„Wie, was? Jetzt?“, fragte Alena skeptisch.
„Ja. Oder spricht etwas dagegen?“
Nein, an sich nicht. Aber trotzdem ging das nicht einfach mal eben so. Und schon gar nicht heute und jetzt. Da muss man drüber nachdenken. Man muss sich vorbereiten und Nächte darüber schlafen. Auch, wenn sie nun schon eine halbe Stunde der Therapie darüber geredet hatten. So schnell ging das nicht.
Alena wollte wieder zur Schule gehen. Sie war nun schon vier Monate in der psychiatrischen Klinik und das neue Schuljahr hatte inzwischen begonnen. Extern, nannte man das hier und die Möglichkeit gab es. Viele Patienten gingen extern zur Schule. Nur war die Schule der anderen Patienten in derselben Stadt und nicht 40 Kilometer außerhalb. Und darum musste erst geschaut werden, ob das funktioniert und ob es eine Zugverbindung gab.
Ehe Alena Argumente einfielen, was denn nun eigentlich dagegen spricht sofort zum Bahnhof zu laufen und sich eine Fahrplanauskunft zu holen, stand Herr V. schon in seinem Büro und schnappte sich seine Jacke, die über dem Schreibtischstuhl hing.
„Lass’ uns hoch gehen. Ich sag’ schnell im Dienstzimmer bescheid und du holst deine Jacke“, sagte Herr V.
Nein. Ich kann das nicht. Nicht jetzt, dachte Alena still und folgte Herr V.,  wie automatisiert, der schon den Schlüssel zückte, um seine Bürotür abzuschließen.
Alena schlich in ihr Zimmer, schnappte ihre Jacke und hörte Herr V. gerade fragen, ob sie laufen oder mit der Straßenbahn fahren wollen.
„Laufen!“ Dann ist mehr Zeit, dachte Alena.

Und so gingen sie den kurzen Weg zum Bahnhof zu Fuß.
„Wie geht es dir?“, fragte Herr V.
„Ich kann das nicht“, antwortete sie gequält und verzog das Gesicht dabei vor Angst.
Ihr war übel. Ihr Magen fuhr Achterbahn. Und alles tat ihr weh. Ihren Herzschlag konnte sie trotz der quietschenden Straßebahnen und der vorbeifahrenden Autos hören. Sie merkte selbst kaum, wie sie einen Fuß vor den anderen setzte und neben Herrn V. zum Bahnhof ging.
Es war komisch neben ihm zu gehen. Überhaupt, war es komisch mit ihm irgendwo hin zu gehen, denn sie kannte ihn nur in seinem Büro als ihren Therapeuten. Drin. Draußen war ihre Welt. Da war sie allein.
„Wir gehen da erstmal einfach nur hin“, schlug Herr V. mit beruhigender Stimme vor.
Nur hingehen, sagte Alena zu sich selbst, damit sie nicht schlagartig umdrehte und zurück rannte.
Sie gingen die Treppe zum Bahnhof hinauf, durch die Glastür und die große Bahnhofshalle entlang bis zum Servicebereich.
In einem Glaskasten waren einige Schalter und dahinter saßen die Mitarbeiter. Es waren bestimmt insgesamt 10 Schalter und einige Reisende mit ihren Koffern waren auch dort. Das konnte man durch das Glas gut sehen.
Alena blieb stehen. Reingehen geht nicht. Herr V. blieb auch stehen und schaute sie an. „Möchtest du hineingehen?“
Alena schüttelte schnell und energisch den Kopf. Wenn sie irgendetwas tat, dann wäre das zurückgehen.
„Weißt du, was du sagen möchtest?“, fragte Herr V.
„Ich kann nicht“, antwortete sie diesmal noch gequälter. Man konnte Alena die Anspannung im Gesicht ansehen.
Um sie herum war alles taub und verschwommen. Die ganzen Geräusche klangen Meter weit entfernt.
Es war viel zu kompliziert nach einer Zugverbindung zu fragen. Es gab zig Möglichkeiten. Viel zu viele Wörter und Sätze. Und auch zig Antwortmöglichkeiten der Mitarbeiter.
Ich möchte wieder zurück, dachte Alena. Ich kann das nicht!
Aber zurückgehen war auch irgendwie nicht richtig. Nein! Sie wollte das können. Einfach wieder zurückgehen ging auch nicht. Gar nichts ging. Nicht vor und auch nicht zurück.
„Ich könnte sagen, dass ich von hier zur Schule fahren möchte. Und dass ich dazu gern eine Fahrplanauskunft hätte“, sagte Alena plötzlich.
„Das klingt gut.“

Herr V. schlug vor, einfach mal hineinzugehen. Sie könnten ja dann wieder herausgehen, wenn es nicht klappte.
Okay, Alena folgte ihm.
In dem Glaskasten war alles ganz anders. Viel ruhiger. Und die Leute standen alle in einer Schlange und warteten bis sie an der Reihe waren. Es gab viele Schalter für den Fernverkehr und einen Schalter für den regionalen Verkehrsverbund. Man hörte das Klappern von Computertastaturen.
Herr V. zeigte auf den regionalen Schalter. Dort stand kein Fahrgast und ein Mann hinter dem Tisch schaute sie an, als sie ein Stück näher kamen. Sofort drehte ihm Alena den Rücken zu und schaute nun Herrn V. an. Er schaute sie an und lächelte aufmunternd.
Es geht nicht, hätte ihr Blick jammernd zu ihm gesagt, wenn sie gesprochen hätte.
Plötzlich ging sie schnell an Herrn V. vorbei und wieder hinaus. Draußen in der Bahnhofshalle war es besser. Da schlug das Herz nicht ganz so schlimm. Herr V. folgte ihr.
„Fällt es dir leichter, wenn ich dabei bin oder draußen bleibe?“
„Draußen bleiben“, antwortete Alena leise.
„In Ordnung.“
Herr V. drehte sich um und ging einige Schritte von ihr weg. Er tat so, als wäre er einer der Reisenden und würde warten. Auf irgendwas anderes und nicht auf sie, die gerade durch die Hölle ging. Herr V. ging bis zur großen Uhr und drehte sich um, um zurück zu schauen. Sie waren jetzt schon über eine halbe Stunde am Bahnhof. Alena verpasste gerade das Mittagessen und Herr V. würde sicher auch zu irgendwas zu spät kommen.
Oh man, dachte Alena.
Die Minuten vergingen, sie stand wie angewurzelt da. Sie hatte sich keinen Schritt bewegt. Irgendwann kam Herr V. wieder zurück.
„Ich kann das nicht!“, Tränen quollen ihr aus den Augen hervor.
Er schaute sie an und reichte ihr ein Taschentuch. Er wartete, bis sie sich wieder beruhigt hatte und legte seine Hand auf ihren Arm. „Soll ich noch mal weggehen?“
„Ja“, flüsterte Alena und er drehte sich wieder um.
Alena warf einen Blick hinter das Glas. Der Mann saß immer noch allein hinter dem Schalter und wartete auf Fragen. Für ihn war das völlig normal den ganzen Tag Fragen zu beantworten.
Los jetzt! Gehen!
Und sie ging hinein. Sie ging bis ans Ende der Schalter und auf den Mann zu, der sie wieder anschaute. Sie ging immer weiter bis sie vor ihm stand.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte er.
„Hallo“, sagte Alena leise mit zitternder Stimme. Und sie sagte auch das, was sie sich vorher überlegt hatte. Dann hörte sie das Klappern der Tastatur, als der Mann ihre Verbindung in den Computer eingab. Plötzlich fragte er, wer  denn der Mann sei, der vor einigen Minuten auch da gewesen war. Ob es Alenas Onkel wäre.
Oh nein. Das muss für Andere sicherlich komisch ausgesehen haben. Ein Mann, der auf ein junges Mädchen einredet, das absolut gar nicht glücklich aussieht.
„Nein“, antwortete Alena und schwieg dann. Sie konnte doch dem Mann nicht sagen, dass das ihr Therapeut war und sie doch eigentlich gar nicht sprechen konnte und das gerade übte.
Sie wartete bis die Verbindungen hin und zurück ausgedruckt waren und verabschiedete sich leise, um ganz schnell wieder aus dem Glaskasten zu verschwinden. Aber diesmal mit einem Zettel in der Hand.
Herr V. stand vor ihr, als sie wieder in der Bahnhofshalle stand. Er lächelte sie an. Und Alena strahlte beinahe. Zwar sah man ihr den Kampf, den sie gerade durchstehen musste an und sie konnte es eigentlich noch gar nicht richtig glauben, was sie soeben getan hatte, aber sie hätte bis über beide Ohren strahlen können.
„Wie war es?“, fragte Herr V. und Alena erzählte ihm von dem Mann, der fragte, wer er sei.
Herr V. lachte: „Aber es ist ja nett von ihm, dass er nachfragt und sich Sorgen macht um ein Mädchen, das von einem Mann angequatscht wird.“
Alena lächelte auch. Ja, das war es.

Sie schaute stolz auf ihren ergatterten Zettel. Oh, verdammt. Es war falsch! Es war die falsche Verbindung! Da wollte sie doch gar nicht hin. Nein, verdammt! Da musste irgendwas schief gegangen sein. Ein Missverständnis.
Sie fluchte. Das bedeutete, dass das ganze noch mal gemacht werden musste. All der ganze Mist und nun trotzdem ohne Ergebnis. Am liebsten hätte sie den Zettel vor Wut zerrissen. Alles umsonst!
„Aber du warst da. Du hast es gemacht“, erinnerte sie Herr V. stolz.
„Ja, aber…“
Ja, sie hatte es gemacht. Und wenn sie darüber nachdachte, hatte sie so etwas noch nie in ihrem Leben gemacht. Noch nie. Und eigentlich konnte man die Gespräche mit fremden Menschen auch an einer Hand abzählen. Hatte sie überhaupt jemals schon mit Fremden gesprochen?
Ja, aber es war doch die falsche Verbindung…

Fahrplanauskunft II

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Kannst du, wenn du allein bist, ein Lied summen oder singen?

Ja, das ist kein Problem. Das macht mir manchmal sogar Spaß, wie zum Beispiel nachts allein beim Autofahren. Und dann würde ich gern richtig singen und Gitarre spielen können. Bis vor kurzem hätte ich nun auch noch geantwortet, dass ich unter Menschen absolut nicht singen kann. Allerdings habe ich es vor einiger Zeit erst getan und habe daher nun keine genaue Antwort mehr. Ich würde mal sagen, es ist abhängig von den Menschen. Von der Anzahl, von der Lautstärke der Musik, davon wie laut man meine Stimme hören kann und und und. Völlig allein und mit leiser Musik und Zuhörern kann ich allerdings (noch) nicht singen.
Damals fiel es mir unwahrscheinlich schwer mit anderen zu singen, wie zum Beispiel in der Schule im Musikunterricht, im Gottesdienst und Konfirmandenunterricht oder unter Freunden aus Spaß. Oft habe ich dann einfach nur die Lippen bewegt, damit es so aussah, als ob ich singe.

2. Was empfindest du, wenn du anderen bei einem Gespräch zuhörst?

Hm, unterschiedlich. Manchmal eigentlich gar nichts. Dann ist es völlig okay, wenn sich andere um mich herum unterhalten und ich nichts oder nur sehr wenig sage. Und manchmal fühle ich mich ziemlich gestresst, weil ich versuche mich irgendwie bemerkbar zu machen und mit zu reden. Dann bin ich irgendwie immer angespannt und auf der Hut jeden Moment etwas sagen zu müssen. Das ist meistens der Fall, wenn es um neue Menschen geht, die mich noch nicht kennen, damit ich einen guten Eindruck hinterlassen kann. Oder besser gesagt einen nicht all zu stillen Eindruck. Und manchmal fühle ich mich schrecklich. Dann bin ich tierisch neidisch und es ist an allen Ecken und Enden schwer. Das ist meistens so, wenn es um irgendetwas geht, was ich auch gern machen möchte, aber durch den Mutismus nicht kann. Das können ganz verschiedene Dinge sein, zum Beispiel etwas spielen, eine Geschichte erzählen und so weiter. Dann muss ich nicht nur mit den komischen Blicken der anderen klarkommen, warum ich das denn nun nicht mache, sondern auch mit mir selbst. Es ist dann unheimlich schwierig mir nicht selbst ständig Ohrfeigen geben zu wollen und mich dabei auch noch irgendwie zu mögen oder den Mutismus als Problem zu akzeptieren. Dann bin ich in solchen Situationen meistens mit mir selbst beschäftigt, weil ich mich irgendwie wieder beruhigen muss, damit ich nicht losheule und wegrenne.

“The Big Bang Theory”

“In the television sitcom “The Big Bang Theory”, the character of Rajesh Koothrappali suffers from selective mutism. His results from social anxiety and renders him unable to talk to women who are not family members.”

wikipedia.com

Die Sendung “Domian” zum Thema Schweigen

Bei „Domian“ auf WDR, einer Telefon-Talkshow, wo Menschen anrufen und von ihren Sorgen und Gedanken erzählen können, ging es mal um das Thema Schweigen. Hierzu rief eine junge Frau an, die sagte, dass sie an selektivem Mutismus leide. Interessant finde ich, dass es bei ihr eigentlich genau andersherum ist. Sie kann nämlich in Gegenwart ihrer Familie nicht sprechen und im Alltag ist sie eigentlich völlig normal. Allerdings wird auch nicht richtig deutlich, ob bei ihr offiziell selektiver Mutismus diagnostiziert wurde, da sie mal bei einem Psychologen war, aber keine Therapie macht.  Außerdem wäre es für einige Mutisten sicherlich undenkbar beim Fernsehen anzurufen. Aber ich finde es sehr interessant, wie sie von ihrem Problem spricht und dass es bei ihr nur im Familienkreis auftritt, was allerdings nicht gleich bedeutet, dass andere Mutisten mit der ganzen Familie sprechen können. Denn es gibt sicherlich Verwandte, mit denen man leichter und mehr als mit anderen reden kann.

Hier ist das Video von ihrem Anruf:

Das Video wurde von youtube leider entfernt. Tut mir leid.

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