TAZ Artikel “Stilles Kind, stumme Pein”

Vor einigen Tagen gab es aktuell in der TAZ einen Artikel über selektiven Mutismus:

Stilles Kind, stumme Pein

Der Artikel handelt von einem elfjährigen Mädchen. Luisa.

Ich finde gut beschrieben, was Mutismus eigentlich ist und wie erklärt wird, dass Luisa lieber auf ein Eis verzichtet, anstatt es selbst zu kaufen. So ist das ganz oft, dass man auf Dinge verzichten muss, die man eigentlich furchtbar gern tun würde nur weil man es nicht sagen kann.
Auch geht es um die Problematik, dass selektiver Mutismus oft unerkannt bleibt und unwissende Ärzte sagen, dass sich das Schweigen irgendwann wieder gibt und normal ist, wie es glaube ich, oft passiert. Bei mir war es jedenfalls auch so.
Ziemlich toll finde ich Luisas Geschafftes-Liste, weil sich das im Nachhinein einfach gigantisch anfühlt, was man alles bewältigt hat. Und dass sie schon einkaufen gehen und telefonieren kann. Zwar muss sie wissen, wer anruft und kann den Verkäufern keine Fragen stellen, aber ich weiß, wie schrecklich kompliziert schon die kleinen Aufgaben sein können und freue mich deshalb sehr für Luisa.

Umfrage: Leidest du unter einer psychischen Erkrankung?

Es gibt mal wieder eine neue Umfrage.

Da das ja ein Blog über eine psychische Störung ist und ich denke, dass die Zielgruppe daher eher aus Menschen besteht, die auch verschiedene Probleme haben, würde mich mal interessieren, was dies so ist.

Übrigens, wenn noch jemand Lust hat an der letzten Umfrage über Mutismus teilzunehmen, würde ich mich sehr freuen.

Mehrfachnennungen sind möglich.

Die mündliche Abschlussprüfung

„Wie geht es dir?“ fragte Herr V. lächelnd.
Alena grinste. Sie zuckte mit den Schultern. Wie ging es ihr?
Ja. Gut. Ich glaube gut, dachte sie.
„Wie war die Prüfung?“ fragte er neugierig, immer noch lächelnd, weil er merkte, dass die Prüfung offenbar gut verlaufen war. Jedenfalls schaute sie nicht unglücklich.
„Ging so“, antwortete Alena kurz.
Er schaute fragend „ging so“?
Und dann plapperte sie los und erzählte, was alles nicht so gut war. Erzählte, dass sie sich einmal total verrechnet hatte und es nicht merkte. Noch nicht einmal als ihr Mathelehrer sie danach fragte und sagte, sie solle es mal genau an die Tafel schreiben. Nichts. Sie merkte es nicht. Eigentlich war es nicht so schlimm. Eine Zwei hatte sie insgesamt bekommen. Aber es war ärgerlich, weil es ein dummer Fehler war und die Note ansonsten besser gewesen wäre. Und sie erzählte davon, wie ihr Mathelehrer am Schluss sagte, dass er sie noch nie so viel reden gehört hatte und dass es schade wäre, dass er es jetzt zum Schluss erst hörte. Ja ärgerlich. Hätte sie die ganze Zeit im Unterricht schon gesprochen, dann wäre die Note super gewesen. Und sie erzählte auch davon, wie sie nach der Prüfung mit einem Klassenkameraden den Nachmittag verbrachte, weil es nicht lohnte die 20 Kilometer mit dem Auto nach Hause zu fahren und dann später wieder hinzufahren, weil die schriftlichen Abschlussnoten bekannt gegeben wurden. Sie hatte sich mit ihm noch nie unterhalten und deshalb erzählte sie manchmal unsinnige Dinge. Nach ihrer Meinung jedenfalls. Und dann erzählte sie Herrn V. auch noch davon, wie ihre Klassenlehrerin freudestrahlend auf sie zu kam und ihr zur bestandenen Fachhochschulreife gratulierte und sagte, wie prima sie es fand. Weil Alena doch nicht sprechen konnte und gerade die mündliche Prüfung so gut gelaufen war, mit einer Zwei. Aber Alena war so gerührt und glücklich, sodass sie sich nicht vernünftig bedanken konnte und sich irgendwas in den Bart murmelte. Und das könnte unhöflich sein und deshalb ärgerte sie sich, weil sie nicht laut und deutlich sprach und auch gar nicht genau wusste, was sie sagen sollte.
Herr V. grinste. Er grinste einfach nur. Und Alena erzählte. Erzählte, was alles falsch war und wieso und was hätte anders sein müssen. Aber Herr V. grinste weiter. Und dann stockte sie und musste plötzlich auch lächeln. Bis über beide Ohren. Weil eigentlich gar nichts falsch war. Weil sie die mündliche Prüfung – das Horrording – mit selektiven Mutismus bestanden hatte und nun rein theoretisch – praktisch nicht – studieren konnte. Daran war überhaupt nichts falsch. Und dann lächelten sie zusammen.

Das ich-schaff-das-schon-Lied von Rolf Zuckowski

Mit diesem Lied klappt alles gleich ein ganz kleines bisschen besser.

Tipps zum Umgang mit Mutismus

  • dem Schweigen nicht viel Aufmerksamkeit schenken und nicht lange warten bis etwas gesagt wird
    Oft war es bei mir so, dass das Sprechen unmöglicher wurde, je mehr man gewartet hat und mich zu einer Antwort drängen wollte. Je länger ich schwieg, desto schwieriger wurde es Worte für einen Einstieg zu finden und die Stille zu durchbrechen. Wenn ich mal gesprochen habe, dann war es meist spontan und es funktionierte eben einfach, weil die Situation und Umgebung passte. Konnte ich also nicht sprechen, änderte sich das auch mit mehr Zeit zum Antworten geben nicht.

weitere Tipps

Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V.


Das war heute in meinem Briefkasten.
Weil ich mir überlegte hatte Mitglied im Verein Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V. zu werden und nun bin ich’s.
Mitglieder bekommen die Fachzeitschrift zugeschickt. Aber überrascht war ich trotzdem, weil ich gar nicht wusste, dass es Heft 3 schon gibt. Vor ein paar Tagen stand noch nichts auf der Homepage.
Ich habe schonmal kurz durchgeblättert und der erste Eindruck ist ganz gut. Nur momentan habe ich nicht allzu viel Zeit zum Lesen. Werde es aber trotzdem die nächsten Tage versuchen. Ich bin gespannt.

Du bist verrückt!

Deutschunterricht. Frau K. unterrichtete heute.
Eigentlich war Frau K. für Timo, einen Mitschüler von Kevin da, der im Rollstuhl saß. Timo hatte eine leichte Lernschwäche und deshalb betreute ihn Frau K. einige Stunden in der Woche.
Frau K. arbeitete noch an einer anderen Schule, denn sie war eigentlich Lehrerin an einer Sonderschule. Aber heute übernahm sie als Krankheitsvertretung den Deutschunterricht.

Das Thema war Eduard Mörike. Eigentlich nahmen sie im Deutschunterricht gerade etwas anderes durch, aber Frau K. war der Meinung, dass es nicht schaden könnte etwas über bekannte deutsche Lyriker zu wissen.
Sie teilte verschiedene Arbeitsblätter aus. Einen Steckbrief und verschiedene Blätter mit seinen Werken, die vorgelesen werden sollten.
Wahrscheinlich war Eduard Mörike und vorlesen das einzige, was sie für heute vorbereitet hatte, dachte Kevin während eine Mitschülerin den Steckbrief laut vorlas.
Nach dem Steckbrief wurden “Er ist’s” und “Septembermorgen” vorgelesen und dann ein Auszug aus “Idylle vom Bodensee”.

Plötzlich sagte Frau K.: “Kevin, liest du bitte weiter!”
Nicht auch das noch, dachte Kevin.
Normalerweise hatte er Glück. Er wurde selten dran genommen. Vorallem von Frau F., die sonst Deutsch unterrichtete. Vielleicht, weil sie wusste, dass Kevin nicht sprach und ihn nicht quälen wollte. Aber Frau K. wusste es auch. Sie nahm ihn trotzdem dran. Vielleicht weil sie der Meinung war, dass man in der Schule sprechen muss. Muss man ja eigentlich auch, aber in diesen Momenten war es Kevin gleichgültig, was am Ende des Schuljahres mit den Noten passierte, wenn er mündlich nicht mitarbeitete.
“Kevin, du bist dran mit lesen”, sagte sie diesmal etwas energischer.
Kevin saß starr auf seinem Platz und schaute mit gesenktem Kopf auf das Blatt mit den vielen Buchstaben. Sein Mund war geschlossen. Nur sein Brustkorb hebte und senkte sich leicht, wenn er ein und ausatmete.
Irgendwann, dann gaben die Lehrer auf. Weil sie konnten ja nicht ewig warten, bis Kevin endlich sprach. Und eigentlich war es auch Zeitverschwendung gewesen, denn wenn Kevin am Anfang nicht sprach, dann sprach er auch nicht, wenn gewartet wurde. Denn dann war es nur viel schwieriger aus dem Schweigen auszubrechen.
“Kevin, wir warten!”, sagte sie wieder und schien sichtlich verärgert und verständislos, warum er denn nicht vorlesen konnte.
Kevin wusste nicht, warum es diesmal nicht funktionierte. Eigentlich konnte er vorlesen. Jedenfalls war vorlesen viel leichter als frei sprechen, weil jedes Wort schon vorgeschrieben dort auf dem Blatt Papier stand. Aber irgendwie funktionierte es diesmal nicht. Vielleicht weil die Worte bei diesem Text so komisch waren? So altmodisch und Worte, bei denen man sich schnell verlesen konnte. Er wusste es nicht…
Und mittlerweile war so viel Zeit verstrichen, in der er schon schwieg, sodass das Sprechen nun ganz automatisch nicht mehr funktionierte.
“Kevin?!”
Stille und noch nicht mal ein Zucken.
“Du bist verrückt! Ich verstehe nicht, wie man sich nur so weigern kann vorzulesen. So ruinierst du dir doch nur deine mündlichen Noten!”, sagte Frau K. plötzlich verärgert.
“Versteht ihr das?”, fragte sie an die Klasse gerichtet ohne eine Antwort zu erwarten.
“Ich habe Sonderpädagogik studiert, aber sowas habe ich noch nie erlebt. Das gibt’s nicht…”
“Annika, liest du bitte weiter”, sagte sie nach einer Weile und Annika begann zu lesen.

Noch immer schaute Kevin auf den Text und rührte sich nicht. Er presste die Lippen fest aufeinander. Seine Gedanken waren voller Wut.
Wie konnte diese blöde Kuh so etwas sagen?
Verrückt.
Sonderpädagogik studiert. Wo denn?
Den Abschluss im Lotto gewonnen?
Wenn sie doch Sonderpädagodik studiert hatte, hätte sie doch von selektiven Mutismus wissen können! Oder sie hätte sich zumindest für verhaltensauffällige Schüler interessieren und recherchieren können, woran das liegt.
Psychologie nennt man das. Man sagt Schülern nicht, dass sie verrückt sind!
Sonderpädagogik… du mich auch!
Hätte ich keinen Mutismus, dann… ja dann…, dachte Kevin und versuchte sich zu beruhigen.

Verrückt. Ja verrückt, weil man nicht sprechen kann. Weil jeder doch sprechen kann.

“Brisant”: Bericht über selektiven Mutismus

Bei ps-sprachtherapie.de habe ich ein Video von “Brisant” über selektiven Mutismus gefunden, der 2006 im Fernsehen lief. ARD war für diesen Beitrag in der Praxis für Sprachtherapie, da Laura dort behandelt wurde.

“Brisant”: Bericht über selektiven Mutismus
(Zum Video runter scrollen)

Ich finde es ziemlich gut, dass “Brisant” einen Beitrag über selektiven Mutismus gedreht hat. Ein bisschen gemein finde ich nur, wie aufeinmal die Kamera im Zimmer gelassen wird und Laura sich sicher fühlt und sprechen kann. Ob sie wusste, dass die Kamera noch lief und dass es ausgestrahlt wird?

In der Psychiatrie

Eigentlich hätte nur noch das Nachthemd gefehlt und dann wäre jedes Klischee, was man über Menschen in einer Psychiatrie hat, erfüllt gewesen. Dann wäre Alena eine wandelnde Geistesabwesende gewesen mit Augenringen, blasser Haut, einem mageren Körper und Haaren, die ihr wild ins Gesicht fielen.
Aber das war nicht so, weil sie psychisch krank war, sondern das war so, weil eine Therapie katastrophal schwierig und kompliziert war. Vor der Therapie, da kam sie irgendwie zurecht. Es war nicht schön so, aber es funktionierte. Weil Menschen ihr Verhalten anpassen und kleine Überlebenskünstler sind, wenn sie es sein müssen.
Aber nun war alles aufgewühlt und umgegraben. In Wunden gebohrt und nichts war mehr an seinem Platz.
Innerlich, da war es schlimm. So schlimm, sodass man es äußerlich sehen konnte. Es war so, als wollte Alena diesmal nicht nur innerlich für immer einschlafen, sondern auch äußerlich. Es war einfach alles müde, auch der Körper. Da musste man auf einmal nicht mehr Essen und Schlafen, weil es dafür keine Kraft mehr gab.
Früher, da hatte es eben funktioniert, das Leben. Und nun funktionierte gar nichts mehr. Das Sprechen funktionierte sowieso nicht. Aber das Nichtsprechen nun auch nicht mehr! Und alle Gedanken, Ansichten und Weltbilder waren plötzlich anders.
Alles war furchtbar aufgewühlt. Im Wandel. Oder eben doch nicht. Jedenfalls war es nicht mehr so, wie es war. Entweder ging es vor oder es ging gar nicht mehr. Gar nicht mehr sollte es eigentlich nicht gehen und vor war furchtbar schwierig.
Und deswegen sahen die meisten Menschen nicht so aus, weil sie krank waren und in eine Psychiatrie mussten, sondern, weil sie in einer waren.

Seiten: 1 2 3 ...9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19