Leserfragen zum Leben mit Mutismus

Als ich zu Beginn über mögliche Blogthemen nachgedacht habe, kam mir der Gedanke, Fragen von Lesern zu beantworten. Daran hab’ ich gedacht, weil es sicherlich interessant sein kann, wie das mit dem Mutismus bei mir genau aussieht. Und zum anderen weil ich als Betroffener nicht völlig unwissend an das Thema herangehen kann und darum vielleicht vergesse über wichtige und interessante Themen zu schreiben. Allerdings hatte ich die Gedanken wieder in den Hintergrund gestellt, da ich dazu erst einmal einige Leser brauche, die überhaupt Fragen stellen.

Da ich aber vor einigen Tagen von einem/r Leser/in in einem Kommentar einige Fragen gestellt bekam, würde ich diese gerne nutzen, um die Rubrik „Fragen“ zu eröffnen. Somit kann mir also jeder, der Fragen zum Leben mit dem Mutismus hat, diese gern per E-Mail (sab@mutismusblog.de) stellen und ich werde versuchen so gut, wie es hier öffentlich geht, sie zu beantworten.

1. Kannst du sozusagen innerlich sprechen?

Ich male mir im Kopf Situationen aus, wie ich mit bestimmten Menschen ein Gespräch führe, mit denen ich normalerweise nicht reden kann. Früher habe ich das sehr oft getan, heute nicht mehr. Da habe ich dann sozusagen innerlich ein Gespräch in meinem Kopf mit Fragen, Antworten und Gedanken, so als würde ein richtiges Gespräch stattfinden. Das kann ich allerdings nur, wenn ich entspannt und nicht gerade Anwesende eines Gesprächs bin. Sprich wenn sich Leute um mich herum unterhalten und ich am Gespräch teilnehmen könnte. Denn dann bin ich in solchen Situationen völlig angespannt und mein Kopf ist wortleer. Man kann sich das so, wie ein Blackout vorstellen. Durch diese Anspannung, die ganz automatisch kommt, fallen mir einfach keine Worte ein, die ich sagen könnte. Darum kann ich bei Gesprächen nicht mitreden, selbst wenn es nur innerlich und mit Worten in meinem Kopf ist.

2. Kannst du eigentlich, wenn kein Mensch in der Nähe ist, Selbstgespräche führen oder mit Tieren reden?

Ja, das kann ich. Ich habe keine Probleme Selbstgespräche zu führen oder mit Tieren zu sprechen. Abgesehen von dem komischen Gefühl, was vielleicht jeder kennt, wenn man Selbstgespräche führt, weil es einfach komisch sein kann. Mit Tieren kann ich sogar auch sprechen, wenn wirklich sehr vertraute Menschen dabei sind. Nur bei fremden Menschen schaut es da etwas anders aus. Zu dieser Frage, fällt mir ein gutes passendes Beispiel ein. Ich passte mal auf ein Baby auf, während die Mutter reiten war. In der Reithalle, eine fremde Umgebung mit fremden Menschen, konnte ich nicht mit dem Baby reden. Es hätte ja nicht antworten können und das glich irgendwie den Selbstgesprächen. Darum bin ich meistens spazieren gegangen, denn da war ich völlig allein und konnte auch problemlos mit dem Baby sprechen.

Spiegel Artikel “Stilles Leiden”

Ich möchte gern einen Artikel von Spiegel Online empfehlen. „Stilles Leiden“. Der Artikel ist von 2006, also schon ein bisschen älter, aber ich finde ihn ziemlich gut und interessant.
Zu Beginn wird Marvin vorgestellt, ein Junge der an selektivem Mutismus leidet. Seine Situation wird ein wenig beschrieben, bis erklärt wird, dass Mutismus oft überhaupt nicht bekannt ist und als normale Schüchternheit oder eine Trotzphase gedeutet wird. Eben weil Mutisten in der Familie oft völlig normal sprechen.
Ich finde, dass die Problematik Mutismus zu diagnostizieren und die Folgen in diesem Artikel sehr gut verdeutlicht werden. Und gleichzeitig verärgert es mich ein bisschen, weil auch deutlich wird, dass es anscheinend noch so viele Menschen gibt, die nicht wissen, was Mutismus ist und Betroffene für stur oder verrückt halten. Damit meine ich besonders Menschen, die eigentlich schon einmal davon gehört haben sollten, weil sie mit Kindern arbeiten. Erzieher und Lehrer zum Beispiel.
Ich schob es bei mir immer auf die Zeit, dass der Mutismus bei mir erst so spät erkannt wurde. Als ich im Kindergarten war, war das im Jahr 1990 und ich dachte immer, damals war das das einfach noch nicht so bekannt und deswegen hatte keiner meine Not erkannt. Aber ist es heute wirklich anders? Und wenn nein, warum ist es nicht anders? In einer so fortschrittlichen Gesellschaft.
Das ist eine interessante Frage…
Jedenfalls hoffe ich, dass in viele Menschen diesen Artikel bei Spiegel Online gelesen habe, sodass das Thema Mutismus immer bekannter wird. Vor allem Menschen, die bei einer frühen Diagnose helfen können, denn wird Mutismus früh erkannt ist er viel leichter zu therapieren, als im Jugendalter.

Interview mit einer Pädagogikstudentin

Ich habe mir überlegt, dass es sicherlich ganz interessant sein könnte, Menschen über den Mutismus zu befragen. Ich dachte dabei an Betroffene, Familie, Freunde, Lehrer usw.
Vor einigen Tagen füllte ich einen Fragebogen von einer Studentin aus, die ihre Diplomarbeit über das Thema Mutismus schreibt. Und so habe ich ihr als meinen ersten Interviewpartner einige Fragen gestellt:

1. Was studierst du?

Ich studiere Diplom-Pädagogik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Dort ist es möglich, im Zuge dieses Studiums, durch Belegung verschiedener Seminare eine Zusatzqualifikation zum Sprachheilpädagogen zu erwerben. Somit habe ich auf mehreren Ebenen Berührungspunkte mit dieser Symptomatik, einmal im Rahmen des Pädagogik-Studiums an sich, durch die Wahl meiner zweiten Fachrichtung, der Pädagogik bei Verhaltensstörungen (mein Praktikum fürs Hauptstudium hab ich beispielsweise in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie absolviert) und zum anderen durch meine Zusatzqualifikation, der Sprachheilpädagogik.

2. Wie lautet das Thema deiner Diplomarbeit?

Das genaue Thema der Arbeit lautet “Mutismus im Jugendalter”. Im ersten Teil wird auf die Thematik des Mutismus im Allgemeinen eingegangen. Es werden die unterschiedlichen Definitionen dieser Störung dargelegt und die verschiedenen Erklärungsansätze, wie sie in der Literatur vorherrschend sind, erläutert. Im Weiteren handelt es sich um einen kurzen Umriss der Jugendphase an sich, was sind Probleme und Themen der Jugendlichen, wie sieht deren Umwelt aus und welches sind die Probleme mit denen sie sich in dieser Phase ihres Lebens konfrontiert sehen. Im Anschluss daran hätte ich gerne einen Fall von jugendlichem Mutismus in allen Facetten näher beleuchtet. Doch da ich die Betroffenen, die sich dazu bereit erklärt haben ein paar Fragen von mir zu beantworten alle diese “kritische” Phase bereits überwunden haben und schon älter sind, werde ich versuchen, rückwirkend Schlüsse zu ziehen inwiefern sich die Jugendphase bei jugendlichen Mutisten anders gestaltet, als bei Jugendlichen die nicht von dieser Störung betroffen sind.

3. Wie bist du darauf gekommen deine Diplomarbeit zum Thema Mutismus zu schreiben?

Wie bereits erwähnt, habe ich mein letztes Praktikum in der Kinder- und Jugendpsychiatrie absolviert. Dort gab es einen Fall, ein 17-jähriges Mädchen, welches das “Pervasive Refusal Syndrome” hatte. Eine Teilsymptomatik dieses Syndroms ist Mutismus, welcher sich bei ihr in der totalen Form äußerte. Ich verbrachte viel Zeit mit dieser Patientin, und trotz der fehlenden verbalen Kommunikation hatte ich das Gefühl, dass ich eine Beziehung zu ihr aufbauen konnte. Im Laufe des Praktikums waren immer wieder Fortschritte in jeglichem der Betroffenen Bereiche bei ihr zu erkennen, und nach einiger Zeit kommunizierten wir auch miteinander, wenn auch nicht über das Mittel der Sprache. Ich fand dies einfach auf der einen Seite so spannend und auf der anderen Seite so berührend, dass ich das Thema des Mutismus an sich gern in meiner Diplomarbeit bearbeiten wollte.

4. Was wusstest du zuvor schon von Mutismus? Hast du neue/interessante Erkenntnisse bei der Recherche bekommen?

Durch mein Studium und die Seminare in der Sprachheilpädagogik wusste ich schon einiges über das Störungsbild des Mutismus. Doch es wurde nicht so ausführlich behandelt wie dies im Zuge einer Diplomarbeit geschieht. Man bekommt beim Bearbeiten eines solchen Themas immer noch weitere Einblicke, man beschäftigt sich ja über einen langen Zeitraum mit einer Thematik und entwickelt einen anderen Blick für Dinge. Auch gerade durch die Berichte von Betroffenen erhält man einen Einblick, den man durch ein Seminar an der Uni so gar nicht bekommen hätte. Gerade diese Berichte fand ich sehr berührend und interessant.

5. Magst du nach deinem Studium mit Mutisten arbeiten?

Ich kann mir sehr gut vorstellen, später auch mit Menschen, welche vom Mutismus betroffen sind, zu arbeiten. Mit Sicherheit ist dies nicht immer einfach, erfordert viel Geduld und Einfühlungsvermögen und man muss an jeden Fall ganz individuell herangehen und herausfinden, welche Möglichkeiten zu einer Förderung und Therapie sich gestalten und anbieten. Wohin mich mein Weg tatsächlich führen wird, weiss ich noch nicht, aber falls sich mir die Möglichkeit bietet mit mutistischen Menschen arbeiten zu können, werde ich mich gerne dieser Herausforderung stellen und versuchen einen Weg zu finden, ihnen ein Stück weit behilflich zu sein damit sie den Mutismus überwinden können.

Vielen Dank an Caroline.

Die Matheklausur

Säuberlich versuchte der Mathelehrer eine Tabelle mit geraden Linien an die Tafel zu zeichnen, in die er die Noten kritzelte. Der Notenspiegel. Er begann bei der schlechtesten Note. Es gab zwei Fünfen, Vierer und Dreier gab es am meisten, eine Zwei und eine Eins. Ein Raunen ging durch die Klasse, als der Mathelehrer die Kreide zurück  in den Kreidekasten an der Tafel legte.
Er begann mit dem Austeilen der korrigierten Klausuren und lief dabei kreuz und quer durch die Klasse. Je mehr verteilt wurden, desto lauter wurden die Schüler.
Kevin konnte Schimpfen und Kommentare zu den einzelnen Aufgaben aus dem Stimmengwirr wahrnehmen. Einige schienen erleichtert, andere enttäuscht zu sein.
Dann kam der Mathelehrer zu ihm, legte die Klausur auf den Tisch und sagte mit einem Grinsen: „Sehr gut. Nur Sie müssen an Ihrer mündlichen Mitarbeit arbeiten“ und ging zum nächsten Tisch.
Kevin schaute auf das Aufgabenblatt. Rechts oben in der Ecke stand die Note. Eine Eins. Eine schöne, glatte, mit rotem Stift geschriebene Eins sprang ihm entgegen. Es war die einzige Eins.
„Nicht schon wieder“, dachte er und setzte ein kurzes, schiefes Lächeln auf.
Klar war eine Eins gut. Und Kevin konnte auch stolz auf seine Leistung sein, doch richtig zufrieden war er damit nicht.
„Bringt mir sowieso nichts“, dachte er und stopfte die Klausur ohne sie genauer anzuschauen in seinen Block.
Das mit der mündlichen Mitarbeit, das geht eben einfach nicht. Es geht nicht. Alles ist an Kevin festgefroren. Die Hand, die man zum Melden braucht, lässt sich nicht in die Höhe strecken und die Lippen sind auch zusammen gefroren. Sogar die Stimmbänder in der Kehle sind es. Deswegen geht das nicht.
„Und was bringt schon eine Eins, wenn man mündlich eine Sechs hat“, überlegte Kevin. Gar nichts. Also sind Einsen überflüssig. Sie enttäuschen nur noch viel mehr, weil man daran erinnert wird, dass man niemals eine Eins auf dem Zeugnis haben kann. „Also will ich gar keine haben“, schwirrte in seinem Kopf umher. „Das zeigt mir nur immer wieder welch’ ein Versager ich bin.“
Nachdem der Mathelehrer alle Noten verteilt hatte, wurden die Aufgaben der Klausur besprochen.
„Hoffentlich ist die Stunde bald vorbei!“, dachte Kevin und versank weiter in Gedanken.

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