Bei youtube hat eine Betroffene aus den USA ein selbstgemachtes Video hochgeladen, was ihre Geschichte mit dem selektiven Mutismus erzählt. Ich finde die Videos ziemlich berührend und wollte es daher hier zeigen.
Es geht um ihren Lebensweg, ihre Träume, Wünsche und Ziele irgendwann einmal Lehrerin zu werden, obwohl ihr das Sprechen so schwer fällt. Am Anfang hört man eine Computerstimme, wie sie von der Kindheit und Schulzeit erzählt. Und am Ende hört man sogar ihre eigene Stimme, da sie etwas vorliest. Das finde ich wirklich ziemlich mutig und stark. Mir persönlich fällt es (noch?) ziemlich schwer meine Stimme aufzunehmen und dann jemandem zu zeigen oder in das Internet zu stellen. Das grenzt eher an Unmöglichkeit, als an tatsächlich umsetzbar…
Das Video ist zwar auf Englisch, aber ich hoffe, dass man es dennoch ein bisschen verstehen kann.
Es gibt eine neue Kategorie und zwar “Umfragen”. Ich habe mir gedacht, dass es interessant sein kann zu gewissen Themen eine Rückmeldung zu bekommen. Darum würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mitmacht. Vielen Dank!
(Vorschläge zu anderen Umfragen können natürlich auch gern gemacht werden.)
Ich habe mir gedacht, mal ein bisschen zu recherchieren, ob es neben der Einteilung zwischen totalem und selektiven Mutismus noch weitere gibt und wie es bezüglich der Mutismusformen in der Vergangenheit aussah.
In der Literatur sind verschiedene Einteilungen zu finden. Eine der ältesten stammt aus dem Jahr 1936 (von J. Waterink und R. Vedder):
2.elektiver Mutismus “freiwilliger” Mutismus, bei dem die Personen
ausgesucht werden, mit denen der Betroffenen spricht.
3. Heinz`sche Mutismus der Betroffene reagiert bei einem
Mileuwechsel mit Mutismus.
4. neurotischer Mutismus Mutismus, der durch eine
Angstneurose ausgelöst wird.
5. thymogener Mutismus Mutismus, der aufgrund eines Traumas
auftritt. Der Begriff thymogen wurde im zweiten Weltkrieg geprägt.
Beispiele sind daher Traumata durch Kriegserlebnisse.
6. ideogener Mutismus Mutismus, der organische Ursachen hat.
.
Eine andere Einteilung wurde 1950 (von A. Weber) vorgenommen:
1. einfach-reaktiver Mutismus Mutismus aufgrund eines
schrecklichen Erlebnisses, der besonders bei der Sprachentwicklung
auftritt. Beschreibt eher totalen Mutismus.
2. neurotischer Mutismus Mutismus, der in Form einer Neurose
durch innere und/oder äußere Konflikte entsteht. Überwiegend
elektiver Mutismus.
Marie war ein ängstliches Mädchen. Sie hatte Angst vor der Nacht und vor Monstern unter dem Bett oder im Schrank. Und vor der Dunkelheit sowieso. Ohne Licht konnte sie nicht schlafen. Aber die komischen Schatten, die das Licht machte, waren auch nicht gut. Und das alte Haus, in dem sie wohnte, machte zu viele Geräusche und auch die fürchtete sie. Deshalb musste Marie immer eine Hörspielkassette hören. Bibi Blocksberg. Weil Bibi Blocksberg eine Hexe ist und keine Angst haben muss. Ohne Hörspielkassette konnte sie nicht einschlafen. Und wenn die Hörspielkassette zu Ende war, sie aber noch nicht schlief, musste sie noch eine hören. Und dann hatte sie wieder Angst geschimpft zu werden, weil sie noch nicht schlief. Sie hatte Angst allein in kleinen, geschlossenen Räumen zu sein – deshalb mussten die Türen immer auf sein – und allein in großen sowieso. Sie hatte Angst vor Einbrechern, vor Feuer und vor Gewitterblitzen am Himmel und davor, dass ihrer Familie etwas passierte. Durch einen Autounfall oder so. Deswegen wollte sie immer mitfahren, wenn jemand wegfuhr, damit sie auch sterben würde, wenn etwas passierte. Sie konnte nicht Fahrradfahren und auch nicht Schwimmen – Marie war acht – weil es gefährlich war, so wie ihr Papa immer sagte. Das ganze Leben ist gefährlich. Immer muss man aufpassen, das hatte sie so gelernt. Es war auch gefährlich allein an die Straße zu gehen – drüber sowieso – und deshalb tat sie es nicht. Auch hatte sie manchmal Angst vor Menschen. Vor den beiden bösen Jungs, die sie nie in Ruhe ließen, wenn sie zu Besuch kamen. Und wenn sie wieder gingen war immer eines ihrer Spielsachen kaputt. Sie hatte Angst vor Ärzten, davor, dass es wehtat und vor der Schule. Außerdem fürchtete sie sich vor Spinnen und Schlangen. Auch, wenn es die gefährlichen hier gar nicht gab und nur in anderen Ländern, wie ihre Mama immer sagte. Aber man wusste ja nie. Vielleicht war doch eine gefährliche Schlange im Gras versteckt. Vorsichtig musste man sein und aufpassen. Man musste auch aufpassen, dass man nicht entführt wurde. Davor hatte sie nämlich auch Angst, von einem fremden Mann einfach mitgenommen zu werden. Und eigentlich hatte sie auch vor allem Angst, was Angst machen konnte.
Danke für den Liedtipp. Ich habe zwar keine eindeutigen Informationen darüber gefunden, ob die “sie” in dem Lied Mutismus hat, sondern nur einige Diskussionen (1,2,3,4), wer in dem Lied gemeint ist (eine Frau, eine Kamera usw.), aber dennoch geht es in dem Lied irgendwie um das Schweigen.
Farin Urlaub “Unscharf”
Sie hat ständig irgendwas in der Hand,
sie schaut zu Boden, oder an die Wand.
Sie redet nicht.
Sie wird nie vom Schlaf übermannt,
sie hinterlässt auch keine Fußspuren im Sand.
Und sie redet nicht.
Sie ist unscharf an den Rändern,
man erkennt sie nur verschwommen.
Das ist leider nicht zu ändern.
Das was ich am allermeisten will,
werde ich von ihr nicht bekommen.
Ich wüsste wirklich allzu gern,
was sie grade denkt,
und ob sie mir wohl irgendwann
ein paar Worte schenkt.
Manchmal öffnet sie ihren Mund.
Sie will nur Luft holen,
sonst gibt es keinen Grund,
denn sie redet nicht.
Sie ist unscharf an den Rändern,
und sie wirkt wie schlecht kopiert
Sie bewegt sich wie an Bändern,
und ich frage mich seit Jahren schon,
woraus sie ist und wie sie funktioniert.
Ich wüsste wirklich allzu gern,
was sie grade denkt,
und ob sie wohl nach all der Zeit
ein Bisschen an mir hängt.
Ist sie von einem anderen Stern,
ich weiß es nicht genau.
Ich glaub ich frag sie selbst,
wenn ich mich irgendwann mal trau.
Habt Ihr Fragen zum Leben mit Mutismus? Dann stellt sie mir doch über www.formspring.me/mutismusblog und ich werde versuchen sie in einem Eintrag so gut, wie ich kann, zu beantworten.