Was man mit selektiven Mutismus alles machen kann II…

  • eine Beziehung führen
  • die praktische Führerscheinprüfung bestehen und die ganzen Fahrstunden mit einem redenden Fahrlehrer überstehen
  • von zu Hause ausziehen und ganz alleine in der eigenen Wohnung in einer fremden Stadt wohnen
  • ein Studium beginnen und schon viele Prüfungen (mündliche und Referate) bestanden haben und Dinge selbstständig organisieren
  • in der Fußgängerzone rumlaufen, fremde Menschen anquatschen und Flyer verteilen

zu Teil I

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Ist für dich das Sprechen nur im Kontakt mit Anderen ein Problem, oder kommt das auch mal für dich vor (also stellst du manchmal einfach für dich zu Hause auch fest, dass es “blockiert” – kann das grad sehr schlecht erklären, vielleicht auch beim Gedanken gleich jemand anzurufen oder so aber eben noch nicht im Kontakt)?

Wenn ich deine Frage richtig verstanden hab’, würde ich sagen beides. Hauptsächlich aber mit Anderen, vorallem fremden Menschen in direktem Kontakt. Bei Alltagsdingen ist Sprechen mittlerweile nicht mehr ein sehr großes Problem, Smalltalk schon eher. Aber ein Stück weit blockiert bin ich vorher natürlich auch. Wenn ich weiß, ich muss irgendetwas machen, wobei man Sprechen muss, wie zum Beispiel Telefonieren. Wobei blockiert, vielleicht das falsche Wort ist, denn blockiert bin ich in diesem Moment ja eigentlich nicht. Nur die Angst ist da, sodass das zu einer Sprechblockade führen kann. (Ich hoffe ich hab’ deine Frage richtig verstanden?)

2. Wenn das Sprechen nicht geht, geht dann das Singen?

Nein, singen geht nicht. Und vorallem nicht als Sprechersatz. Singen ist für mich noch viel komplizierter als Sprechen. Also bevor ich in Gegenwart Anderer singen kann, hab’ ich vorher  schon ganz viel gesprochen.
Zum Thema Singen, gab es schonmal eine Frage. Vielleicht auch interessant für dich.

3. Kannst Du das Reden durch Schreiben ersetzen. Also ein bisschen so wie ein Stummer es kann? Oder ist das Nicht-Reden der Ausdruck eines inneren Symptoms, welches die Fähigkeit zur Kommunikation einschränkt?

Ja, das kann ich. Iinnerlich kann ich ganz normal kommunizieren und mich ausdrücken. Bei Mutismus geht es darum, dass man die Gedanken sprachlich nicht mitteilen kann.
Ich schreib’ gern und im Vergleich zum Sprechen auch viel besser und sicherer. Liegt vielleicht daran, dass ich das Schreiben ganz lange Zeit als einzige, richtige Ausdrucksform genutzt habe. Seitdem ich schreiben kann, schreibe ich und vor einigen Jahren hätte ich sicherlich sagen können, dass ich in meinem Leben schon mehr Worte geschrieben, als gesprochen hab’.
Allerdings hab’ ich im Alltag noch nie geschrieben. Also zum Beispiel bin ich noch nie mit einem Zettel zum Bäcker gegangen und hab’ aufgeschrieben, was ich kaufen möchte. Irgendwie ist mir das immer zu blöd und albern gewesen, weil ich ja eigentlich sprechen kann…

4. War/ist es für Dich schwierig, Beziehungen zu haben oder neue Freunde zu finden?

Das Haben an sich nicht. Es sei denn man unternimmt Dinge, die es schwieriger machen, weil man mit fremden Menschen sprechen muss. Beispiele wären andere Freunde der Freunde treffen oder Familie kennenlernen oder einkaufen beziehungsweise ins Kino gehen und Kinokarten kaufen zu müssen. Aber an sich mit dem Freund oder der Freundin reden, ist kein Problem, weil ich die Person ja kenne.
Gut, wahrscheinlich ist es für die Freundschaft schwierig, wenn so viele Dinge drumherum schwierig sind, aber an sich das Haben einer Freundschaft ist nicht schwierig.
Das Finden schon eher. Ich kann kaum Menschen einfach so ansprechen. In der Schule hatte ich daher kaum bis keine Freunde, weil jeder schon mit irgendjemandem befreundet war und man sich sozusagen dazudrängen musste. Und das ist schwierig. Beim Studium hat das Freundefinden besser geklappt, weil jeder neu war und man deshalb einfach angesprochen wurde. Weil jeder irgendwie jemanden sucht. Und ansonsten gibt’s da das Internet. Menschen, die man irgendwo kennenlernt und sich dann mal trifft.

Selbsthass

Die Wut hämmerte gegen Alenas Schädel.
Wie ein Mensch nur mit sowas klar kommen sollte, überlegte sie während sie die Hände zu Fäusten ballte.
Mit dieser verdammten Wut, weil man so war, wie man war und so elementare, lebenswichtige Dinge nicht konnte, wie zum Beispiel Sprechen.
Das war so, als könnte man nicht immer laufen. Als könnte man nur bestimmte Wege gehen und bei anderen Wegen würden die Beine versagen und keinen einzigen Schritt mehr vorwärts gehen.
Und während sie so daran dachte, fiel ihr ein, wie bescheuert das Beispiel eigentlich war.
Es gab keine Menschen, denen die Beine bei bestimmten Wegen versagten! Und genauso gab es wahrscheinlich keinen einzigen Menschen außer ihr, der nicht sprechen konnte, obwohl er es eigentlich doch konnte. Nur eben nicht immer.
Das war doch niemandem zumutbar, dachte Alena und spürte, wie ihre Finger vor Wut über sich selbst kribbelten. Und es konnte ihr niemand erzählen, dass damit jemand klarkommen würde. Wenn man etwas gefragt wird und man keinen einigen Ton heraus bekommt. Dabei wäre die Antwort leicht gewesen. Und auch kurz. Aber nichts bewegte sich. Die Lippen waren aneinander gefroren.
Und dann sollte man auch noch selbst akzeptieren, dass es so war. Dabei war es beschissen so! Richtig beschissen! Nein, sogar mehr als das…
Äußerlich sah Alena ganz ruhig aus. Eben wie eingefroren. Unbeweglich und starr. Innerlich bebte sie vor Zorn über ihr Schweigen.
Am liebsten wäre sie aufgesprungen und fortgerannt. Ihre Arme waren warm. Als wären sie schon bereit, damit sie sich selbst ohrfeigen konnte. Denn das hätte Alena am liebsten getan. Sich bestraft. Anders ging das auch nicht. Wie konnte man sonst damit aufhören? Gut oder akzeptabel war alles andere, nur das nicht!
Eigentlich hätte sie Prügel verdient, wie das damals in Schulen war, wenn die Kinder nicht gehorchten. Dann gab’s da den Rohrstock und den hätte sie jetzt auch verdient. Weil… Ihr Kopf wurde warm. Weil… Weil sie sich einfach hasste! Sie hasste das, was sie tat und hätte man einfach nur einen Knopf drücken müssen, mit dem man das Leben ausschaltete, hätte sie es getan. Denn so wollte niemand leben! Wenn man etwas konnte, was man eigentlich nicht konnte, aber dann doch wieder konnte. Sogar der Gedanke daran, war zu absurd und kompliziert.
Am liebsten wäre sie nach Hause gegangen – ihre Unterarme kribbelten – und hätte sich mit den Rasierklingen in die Haut geschnitten. Ganz kleine Schnitte, bis der Arm mit Blut verdeckt war. Danach war es immer besser. Die Wut war weg. Weil danach die Arme schmerzten und brannten. Dann war im Kopf kein Platz mehr für die Wut. Aber das ging jetzt nicht. Und am liebsten hätte sie nicht nur in die Arme geschnitten, sondern hätte sich gern komplett aufgeschnitten. Das ganze Fleisch.
Krank? Ja, das klang furchtbar krank. Aber ja verdammt nochmal, das war es! Es war furchtbar krank etwas nicht zu können, obwohl man es doch so sehr wollte. Klar konnte man nicht alles haben, was man wollte. Aber es ging doch nur um’s Sprechen. Das was jeder kann. Nur Sprechen.
Ja klar war das krank, sich aufschneiden zu wollen! Aber wenn mir einer, nur einer, eine gottverdammte Möglichkeit sagt, wie man mit selektiven Mutismus selbst klarkommen kann, wie man mit sich selbst im Reinen ist, wenn man ständig so scheitern muss, dann sagt es mir, verdammt, schrie Alena innerlich.

Pressemeldung: “Das Schweigen der Kinder – Über 5.000 Schulanfänger schalten auf stumm”

“Das Schweigen der Kinder – Über 5.000 Schulanfänger schalten auf stumm”

Den hab’ ich soeben via Google Alerts bekommen und möchte ihn euch zeigen.
Ich finde es auch sehr sehr wichtig, dass Lehrer über Mutismus aufgeklärt werden. Zum einen, weil sie ihn dann eventuell erkennen, da die Schule für das Kind ja fremd ist und es dort nicht spricht oder weil sie besser mit dem betroffenen Kind umgehen können.
Keiner meiner Lehrer hatte jemals etwas von Mutismus gehört oder hatte im psychologischen Bereich Kenntnisse und Kompetenzen. Niemand wusste, wie er mit mir umzugehen hatte und eigentlich hat das auch keinen so richtig gekümmert.
Oft bin ich im Internet schon über Berichte mutistischer Kinder gestolpert, die auf Sonderschulen gehen müssen oder keinen Schulabschluss machen können. Und nur weil sie nicht sprechen? Irgendwas ist das falsch. Es gibt ja  schließlich auch anerkannte Lese-Rechtschreib-Schwächen. Warum also  keine Sprechschwächen?

Sekundärer Krankheitsgewinn II

Mir ist noch etwas eingefallen, was an selektiven Mutismus positiv ist. Und zwar, wenn man nicht spricht, hat man jede Menge Zeit andere Menschen zu beobachten.
Mir geht es oft so, dass ich bei Unterhaltungen in einer Gruppe versuche angestrengt zuzuhören, sodass ich eventuell auch mal etwas dazu sagen kann. Am Anfang bin ich also oft mit mir selbst beschäftigt, denke darüber nach, was man dazu sagen könnte, was passt, versuche mich zu überwinden und und und.
Und irgendwann, wenn die schweigsamen Minuten immer mehr werden, geb’ ich auf. Dann hör’ ich auf darüber nachzudenken, was man wie wann und wo sagen kann, weil sonst würde der Frust, dass es nicht funktioniert immer größer werden.
Darum etwas Positives… Andere Menschen beobachten. Mit Absicht mach’ ich das nicht. Aber was soll man auch anderes machen, wenn sich alle unterhalten, außer zuhören und Menschen anschauen? Und dann weiß ich meist mehr über einen Menschen als alle anderen, die mit Sprechen beschäftigt sind. Es ist mir schon einige Male passiert, dass diejenigen, denen ich aufmerksam zugehört hab’, darüber erstaunt waren, dass ich soviel über sie weiß. Weil man mich oft vergisst und als Zuhörer nicht wahrnimmt.
Ich glaub’ ich hab’ ziemlich gute Menschenkenntnisse. Ich merk’, wenn sich jemand nicht wohl fühlt oder wenn es demjenigen nicht gut geht. Und ich weiß auch ziemlich schnell ob mir Menschen sympathisch oder unsympathisch sind. Also noch etwas Positives am Mutimsus ist, ein Gefühl für Andere zu haben.

Sekundärer Krankheitsgewinn

Eigentlich hat jede Krankheit einen sekundären Krankheitsgewinn. Also etwas Positives, was diese Krankheit mit sich bringt. Bei einer Erkältung wäre das der Tee, der für einen gemacht wird oder die Wärmflasche. Also Aufmerksamkeit und Pflege über die man sich insgeheim doch freut und eine Erkältung ein bisschen ertäglicher macht.
Psychische Erkrankungen beziehungsweise bestimmte Verhaltensweisen haben meist einen tieferen Sinn. Oder besser gesagt haben auch etwas Positives oder sind einfach eine Überlebenstrategie.

Bei “meinem” Mutismus ist positiv, dass nichts passieren kann. Das mag komisch klingen, aber wenn man schweigt, kann einem nichts passieren. Keine Meinungsverschiedenheiten, keine Streitereien und auch keine peinlichen Situationen, in die man sich durch Worte bringen kann. Wenn man nicht spricht, ist man sicher.
Passend dazu hab’ ich mal ein Zitat gelesen. Ich weiß leider nicht mehr von wem und wo.

“Schweigen schützt, denn es verrät dich nie”

Das mag ich. Wenn an Mutismus irgendetwas positiv ist, dann dass er schützt. Dass man mit ihm sicher und in gewisser Weise behütet vor der Welt ist. Wie ein treuer, sicherer Begleiter, der einen in keine gefährlichen Situationen bringt…

Leserfragen zum Leben mit Mutismus

1. Wissen viele Menschen aus deinem realen Leben von deinem Mutismus?

Nein, eigentlich gar nicht. Klar, dass ich stiller bin, ist manchmal unschwer zu übersehen, aber den Namen selektiver Mutismus kennt kaum jemand in Verbingung mit mir. Abgesehen von den Menschen, die damals mit mir in der Psychatrie waren und den Psychologen, Betreuer etc. , wissen gerade mal 6 Menschen aus meinem Bekanntenkreis so richtig davon. Sprich 6 Menschen, denen ich es erzählt habe oder die es durch diesen Blog erfahren haben. Also gehe ich im realen Leben nicht wirklich offen damit um. Möchte ich auch gar nicht. Ich möchte keinen Mutismus-Mitleids-Bonus oder einen Die-spricht-ja-sowieso-nicht-Stempel bekommen.

2. Warum hast du früher geschwiegen?

Ja, die bekannte Warum-Frage… Hab’ ich mir oft gestellt und durch die Therapie habe ich auch viele Antworten bekommen. Allerdings möchte ich hier, öffentlich im Internet nicht ausführlich darüber schreiben. Ich möchte nicht über Dinge schreiben, die andere Menschen betreffen bzw. über Dinge, die so privat sind, sodass ich die besagten Menschen um Erlaubnis fragen müsste. In diesem Blog geht es um mich. Das ist okay. Und um Menschen, die etwas sagen möchten. Aber in diesem Fall würde es nicht nur mich betreffen. Nur soviel: Mutismus ist oder war für mich eine Verhaltensweise, die ich erlernt habe und sich für mich irgendwie als ziemlich praktisch erwiesen hat. Sozusagen eine (Über)lebensstrategie.
Wenn jemand dennoch gerne mehr wissen möchte, sei’s als Betroffener, Angehöriger oder Psychologieinteressierter, kann ich sicherlich per e-Mail (Adresse im Impressum) noch einige Dinge mehr schreiben als in dieser Antwort. Ich hoffe, ihr habt Verständis.

Prüfungszeit

Hier ist es grad etwas stiller, weil die Prüfungszeit ziemlich knapp vor der Tür steht.
Verzeiht.

Edit (16. Juli):

Prüfung Nr. 1 (schriftlich): 
Prüfung Nr. 2 (mündlich):
Prüfung Nr. 3 (mündlich):
Prüfung Nr. 4 (mündlich):
Prüfung Nr. 5 (schriftlich):
Prüfung Nr. 6 (mündlich):

Ich bin fertig!

Was man mit selektiven Mutismus alles machen kann I…

  • einen Realschulabschluss machen, indem man die schlechten mündlichen Noten durch sehr gute Schriftliche ausgleicht
  • die Fachhochschulreife erlangen und sich auch da irgendwie durchbeißen (inklusive mündlicher Abschlussprüfung)
  • zwei längere Praktika im medizinischen Bereich machen, bei denen man sehr stark (eigentlich sogar nur) mit Menschen arbeitet

zu Teil II

Seiten: 1 2 3 ...9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19