„Das schlimmste an allem ist, dass ich mit mir selbst leben muss“, dachte Alena als sie in der Dunkelheit nach Hause ging. Sie kam gerade von einer Feier, auf die sie von einer Kommilitonin eingeladen wurde. Eigentlich wollte sie gar nicht hingehen. Sie mochte Feiern nicht. Oder sie hatte einfach viel zu viel Angst, es war immer irgendwie anstrengend oder die Blockade war sowieso wieder da, sodass sie verstummte. Aber sie ging trotzdem hin. Mehr aus dem Grund, nicht die Kontakte zu verlieren, als aus Spaß.
Und mal wieder hatte sie sich grauenvoll benommen. Besser gesagt hatte sie sich gar nicht benommen, weil sie überhaupt nichts machte und das war das Problem. Es wurde gespielt, geredet und getrunken und eigentlich hörte Alena nur zu oder lächelte mit.
Sie war unsichtbar und stumm. Und das schlimmste daran war eigentlich, dass die anderen sie das nächste Mal einfach nicht mehr einladen bräuchten, wenn sie Alena nicht so akzeptieren oder sie ihnen unsympathisch war. Aber sie selbst konnte das nicht. Als könnte das einem selbst so gefallen, wenn man inmitten einer lachenden Gruppe junger Leute saß und selbst kein einziges Wort heraus bekam. Aber ja, sie konnten denken, was soll das denn und laden sie das nächste Mal einfach gar nicht mehr sein. Und sie selbst?
Am liebsten würde sie sich selbst gar nicht mehr einladen. Oder einfach ausladen, um nichts mehr mit sich zu tun haben zu müssen.
„Ich will mich nicht mehr haben, mich selbst nicht dabei haben“, dachte Alena unter dem Sternenhimmel. Wenn es doch nur so leicht wäre, wie andere Menschen es haben. Einfach ausladen. „Ich will mich selbst nicht mehr haben. Aber ich muss. Tagtäglich muss ich mich immer wieder dabei haben. Ich will mich nicht.“
Ausladen
Freitag, 4. Dezember 2009
Trostlose Welt
Dienstag, 1. Dezember 2009
Ich schaue aus dem Fenster
hinein in die leeren Gassen
alle Menschen fort
scheint die Welt verlassen.
Mein Blick wandert zum Horizont
verliert sich in unendlicher Weite
dort hinten, trostloses Grau
und niemand an seiner Seite.
Einsam und verloren
steht selbst der Baum im Wald.
Ich merke, diese weite Welt
ist trostlos und kalt.
(23. Mai 2005)
Kevin – der Junge, der nicht sprechen wollte von Torey Hayden
Donnerstag, 26. November 2009
Aus dem Klappentext:
„Kevin lebt in einem Heim und hat seit Jahren keinen Laut mehr von sich gegeben. Er verkriecht sicht unter Tische und verschanzt sich hinter Stühlen, sobald ein Mensch sich ihm zuwendet. Er will keinen Kontakt mit der Welt!
Als die Psychologin Torey Hayden den Fall übernimmt, gelingt es ihr nach erstaunlich kurzer Zeit, den Jungen zum Sprechen zu bringen. Aber das Aufheben dieser Barriere lässt die Vergangenheit Kevins hervorbrechen, die er durch sein Schweigen mühsam unterdrückt hatte. […] Die Unterdrückten Aggressionen des Jungens beginnen sich gegen die zu richten, die sie befreit hat: Torey Hayden. Ihrer Geduld, Liebe und Zuversicht und ihrem Vertrauen in die Möglichkeiten eines jeden Kindes gelingt es, Kevin in die menschliche Gemeinschaft zurückzuführen.“
Torey Hayden wurde 1951 in Montana, USA geboren und ist eine Psychologin, die sich auf Sonderpädagogik mit emotional gestörten Kindern spezialisiert hat. Sie ist geschieden und hat eine Tochter. Mehr Informationen gibt es auf ihrer Website.
Das Buch basiert auf einer wahren Geschichte. Hier gibt es sogar ein Statement des Jungen aus dem Buch.
Mir hat das Buch ziemlich gut gefallen, auch wenn es mein erster Roman mit dem Thema Mutismus war und ich daher generell noch keine Vergleiche habe.
Zu Beginn war ich allerdings etwas überrascht, denn persönlich kannte ich die Art und Weise wie Kevin versucht hat zu sprechen nicht. Kevin sprach einige Jahre kein einziges Wort mehr und hatte demnach große Anstrengungen wieder Laute zu sprechen. Manchmal schien es so, als könnte Kevin organtechnisch nicht sprechen und versuche es bis zur Erschöpfung, was ich eben persönlich nicht kenne, da ich schon immer sprechen konnte, nur die Worte bei fremden Menschen nicht kamen. Aber im Laufe des Buches wird immer deutlicher, dass Kevin an Mutismus leidet.
Gut beschrieben finde ich die vielen Ängste und Sorgen, die Kevin hat, welche für manch andere vielleicht lächerlich erscheinen. So scheitert zum Beispiel eine wichtige Situation, weil Kevin Angst hat auf die Toilette zu gehen.
Auch finde ich den Verlauf der Therapie mit vielen Rückschlägen und kleinen Fortschritten super beschrieben. Es traten immer wieder neue Probleme auf, die eine Veränderung normalerweise mit sich bringt und Kevin stellte sich die Frage, will man lieber „verrückt“ bleiben, weil man es schon kennt oder will man sich verändern. Das Verrücktsein ist eben doch nicht immer so schlecht, wie man denkt.
Ebenso finde ich bei Kevin sehr spannend, wieso er bzw. was er eigentlich verschweigt. Ohne zu viel zu verraten, sah es eben in Kevin ganz anders aus als äußerlich. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass das stimmt. Oft sind Mutisten innen ganz anders als außen. Kevin dachte sich sogar einen anderen Namen, für die Person, die er innerlich war bzw. äußerlich gern sein wollte, aus.
Zusammenfassend hat mich die Art und Weise wie Torey Hayden mit Kevin umgeht sehr berührt. Sie glaubt an ihn und gibt ihn nicht auf, auch wenn sie in manchen Situationen einen guten Grund gehabt hätte. Ich kann das Buch daher sehr empfehlen, will man sich mit dem Thema Mutismus beschäftigen und wissen, wie ein Leben damit so sein kann.
Leserfragen zum Leben mit Mutismus
Mittwoch, 25. November 2009
1. Kommt es vor, dass du mit vertrauten Personen z.B. Vater, Mutter, Partner etc. auch nicht sprechen kannst?
Nein, eigentlich kommt das nicht vor. Es sei, denn es ist ein schwieriges Thema und es wäre für jeden anderen Menschen auch etwas schwer oder unangenehm. Aber dann rede ich eher „drumherum“, wechsele das Thema oder versuche es und verstumme nicht komplett, wie es beim Mutismus sonst der Fall wäre. Daher kann ich also sagen, dass ich mit vertrauten Menschen immer sprechen kann und es mir bisher noch nie passiert ist, dass ich wirklich verstummte. Aber das ist ja auch ein sehr wichtiges Merkmal, was bei vielen den selektiven Mutismus kennzeichnet: das Schweigen gegenüber fremden Personen.
2. Kannst du problemlos mit einem Kopfnicken oder einem Kopfschütteln antworten, wenn dir jemand eine Ja-Nein-Frage stellt?
Ja, das kann ich problemlos. So fingen sogar die ersten Kommunikationsversuche in meiner Therapie an. Mein Therapeut hat die Fragen dann, wenn er eine Antwort haben wollte, oft so gestellt, dass ich mit dem Kopf nicken oder schütteln konnte. Allerdings nur bei, in dem Moment, wirklich wichtigen Fragen, denn eigentlich sollte ich ja schon reden. Später als ich dann einige Worte sprach, vereinbarten wir, dass ich wenigstens als ersten Schritt immer ja und nein sagte.
Weitere Fragen gern an sab@mutismusblog.de.
