Deutschunterricht. Frau K. unterrichtete heute.
Eigentlich war Frau K. für Timo, einen Mitschüler von Kevin da, der im Rollstuhl saß. Timo hatte eine leichte Lernschwäche und deshalb betreute ihn Frau K. einige Stunden in der Woche.
Frau K. arbeitete noch an einer anderen Schule, denn sie war eigentlich Lehrerin an einer Sonderschule. Aber heute übernahm sie als Krankheitsvertretung den Deutschunterricht.
Das Thema war Eduard Mörike. Eigentlich nahmen sie im Deutschunterricht gerade etwas anderes durch, aber Frau K. war der Meinung, dass es nicht schaden könnte etwas über bekannte deutsche Lyriker zu wissen.
Sie teilte verschiedene Arbeitsblätter aus. Einen Steckbrief und verschiedene Blätter mit seinen Werken, die vorgelesen werden sollten.
Wahrscheinlich war Eduard Mörike und vorlesen das einzige, was sie für heute vorbereitet hatte, dachte Kevin während eine Mitschülerin den Steckbrief laut vorlas.
Nach dem Steckbrief wurden “Er ist’s” und “Septembermorgen” vorgelesen und dann ein Auszug aus “Idylle vom Bodensee”.
Plötzlich sagte Frau K.: “Kevin, liest du bitte weiter!”
Nicht auch das noch, dachte Kevin.
Normalerweise hatte er Glück. Er wurde selten dran genommen. Vorallem von Frau F., die sonst Deutsch unterrichtete. Vielleicht, weil sie wusste, dass Kevin nicht sprach und ihn nicht quälen wollte. Aber Frau K. wusste es auch. Sie nahm ihn trotzdem dran. Vielleicht weil sie der Meinung war, dass man in der Schule sprechen muss. Muss man ja eigentlich auch, aber in diesen Momenten war es Kevin gleichgültig, was am Ende des Schuljahres mit den Noten passierte, wenn er mündlich nicht mitarbeitete.
“Kevin, du bist dran mit lesen”, sagte sie diesmal etwas energischer.
Kevin saß starr auf seinem Platz und schaute mit gesenktem Kopf auf das Blatt mit den vielen Buchstaben. Sein Mund war geschlossen. Nur sein Brustkorb hebte und senkte sich leicht, wenn er ein und ausatmete.
Irgendwann, dann gaben die Lehrer auf. Weil sie konnten ja nicht ewig warten, bis Kevin endlich sprach. Und eigentlich war es auch Zeitverschwendung gewesen, denn wenn Kevin am Anfang nicht sprach, dann sprach er auch nicht, wenn gewartet wurde. Denn dann war es nur viel schwieriger aus dem Schweigen auszubrechen.
“Kevin, wir warten!”, sagte sie wieder und schien sichtlich verärgert und verständislos, warum er denn nicht vorlesen konnte.
Kevin wusste nicht, warum es diesmal nicht funktionierte. Eigentlich konnte er vorlesen. Jedenfalls war vorlesen viel leichter als frei sprechen, weil jedes Wort schon vorgeschrieben dort auf dem Blatt Papier stand. Aber irgendwie funktionierte es diesmal nicht. Vielleicht weil die Worte bei diesem Text so komisch waren? So altmodisch und Worte, bei denen man sich schnell verlesen konnte. Er wusste es nicht…
Und mittlerweile war so viel Zeit verstrichen, in der er schon schwieg, sodass das Sprechen nun ganz automatisch nicht mehr funktionierte.
“Kevin?!”
Stille und noch nicht mal ein Zucken.
“Du bist verrückt! Ich verstehe nicht, wie man sich nur so weigern kann vorzulesen. So ruinierst du dir doch nur deine mündlichen Noten!”, sagte Frau K. plötzlich verärgert.
“Versteht ihr das?”, fragte sie an die Klasse gerichtet ohne eine Antwort zu erwarten.
“Ich habe Sonderpädagogik studiert, aber sowas habe ich noch nie erlebt. Das gibt’s nicht…”
“Annika, liest du bitte weiter”, sagte sie nach einer Weile und Annika begann zu lesen.
Noch immer schaute Kevin auf den Text und rührte sich nicht. Er presste die Lippen fest aufeinander. Seine Gedanken waren voller Wut.
Wie konnte diese blöde Kuh so etwas sagen?
Verrückt.
Sonderpädagogik studiert. Wo denn?
Den Abschluss im Lotto gewonnen?
Wenn sie doch Sonderpädagodik studiert hatte, hätte sie doch von selektiven Mutismus wissen können! Oder sie hätte sich zumindest für verhaltensauffällige Schüler interessieren und recherchieren können, woran das liegt.
Psychologie nennt man das. Man sagt Schülern nicht, dass sie verrückt sind!
Sonderpädagogik… du mich auch!
Hätte ich keinen Mutismus, dann… ja dann…, dachte Kevin und versuchte sich zu beruhigen.
Verrückt. Ja verrückt, weil man nicht sprechen kann. Weil jeder doch sprechen kann.
09:09, 19. April 2010J. /
Oh, das macht mich echt wütend. Unfassbar, dass es solche toll ausgebildeten und pädagogisch wertvollen Lehrer gibt. Hatte auch mehrere solcher Exemplare in meiner Schullaufbahn und finde es doof, dass man sowas auf die Schüler loslässt. Ich kann es verstehen, wenn Leute in irgendeinem Amt, im Bahnhof oder beim Supermarkt psychologisch nicht geschult sind. Aber Lehrer? Davon abgesehen sollte man natürlich auch ohne Ausbildung wissen, dass man solche Dinge nicht vor Anderen sagt. Dämlich und emotional komplett überfordert.
LG,
J.
21:45, 21. April 2010maggy /
Habe selbst solche schrecklichen Erfahrungen in der Schule machen müssen. Vor der Klasse bloß gestellt zu werden, war schon Normalität. Dass ich nur da saß und mir innerlich das Herz schon blutete, dass sah niemand. Interessierte wahrscheinlich auch niemanden. Aber wie können Menschen, insbesondere Lehrer so kaltherzig sein? Studierte Menschen. Hat man eigl respekt vor, aber wenn ich sowas sehe bzw. miterlebe stokt mir der Atem.
16:35, 22. April 2010hexenherz /
Ich finde, dass Lehrer eigentlich auf “schwierige” Schüler eingehen können MÜSSEN…
Darf ich fragen: All die Geschichten mit Kevin und Alena und Marie, hast du die selbst erlebt? Ist nur so eine Frage, die du natürlich nicht beantworten musst… reine Neugierde ;)
16:54, 22. April 2010Sab /
@ J. und maggy: Ja, das stimmt. Da kann man echt nur mit dem Kopf schütteln. Für alles gibt es Prüfungen, Fortbildungen und Kontrollen. Nur bei Lehrern interessiert es niemanden, was sie so mit ihren Schülern treiben. Manchmal fragt man sich echt, wo sie ihren Abschluss her haben.
Besonders schlimm finde ich, dass diese Frau aus der Geschichte auch noch an einer Sonderschule mit verhaltensauffälligen Schülern arbeitete. Und das sagt ja eigentlich schon alles…
@ hexenherz: Darfst du ;) Nein, ich habe nicht alles selbst so im Detail erlebt. Einiges ist ausgedacht oder umgeschrieben. Falls du es zu einer bestimmten Geschichte genau wissen möchtest, kannst du mich per Mail anschreiben.