Marie

Marie war ein ängstliches Mädchen. Sie hatte Angst vor der Nacht und vor Monstern unter dem Bett oder im Schrank. Und vor der Dunkelheit sowieso. Ohne Licht konnte sie nicht schlafen. Aber die komischen Schatten, die das Licht machte, waren auch nicht gut. Und das alte Haus, in dem sie wohnte, machte zu viele Geräusche und auch die fürchtete sie. Deshalb musste Marie immer eine Hörspielkassette hören. Bibi Blocksberg. Weil Bibi Blocksberg eine Hexe ist und keine Angst haben muss. Ohne Hörspielkassette konnte sie nicht einschlafen. Und wenn die Hörspielkassette zu Ende war, sie aber noch nicht schlief, musste sie noch eine hören. Und dann hatte sie wieder Angst geschimpft zu werden, weil sie noch nicht schlief. Sie hatte Angst allein in kleinen, geschlossenen Räumen zu sein – deshalb mussten die Türen immer auf sein – und allein in großen sowieso. Sie hatte Angst vor Einbrechern, vor Feuer und vor Gewitterblitzen am Himmel und davor, dass ihrer Familie etwas passierte. Durch einen Autounfall oder so. Deswegen wollte sie immer mitfahren, wenn jemand wegfuhr, damit sie auch sterben würde, wenn etwas passierte. Sie konnte nicht Fahrradfahren und auch nicht Schwimmen – Marie war acht – weil es gefährlich war, so wie ihr Papa immer sagte. Das ganze Leben ist gefährlich. Immer muss man aufpassen, das hat sie so gelernt. Es war auch gefährlich allein an die Straße zu gehen – drüber sowieso – und deshalb tat sie es nicht. Auch hatte sie manchmal Angst vor Menschen. Vor den beiden bösen Jungs, die sie nie in Ruhe ließen, wenn sie zu Besuch kamen. Und wenn sie wieder gingen war immer eines ihrer Spielsachen kaputt. Sie hatte Angst vor Ärzten, davor, dass es wehtat und vor der Schule. Außerdem fürchtete sie sich vor Spinnen und Schlangen. Auch, wenn es die gefährlichen hier gar nicht gab und nur in anderen Ländern, wie ihre Mama immer sagte. Aber man wusste ja nie. Vielleicht war doch eine gefährliche Schlange im Gras versteckt. Vorsichtig musste man sein und aufpassen. Man musste auch aufpassen, dass man nicht entführt wurde. Davor hatte sie nämlich auch Angst, von einem fremden Mann einfach mitgenommen zu werden. Und eigentlich hatte sie auch vor allem Angst, was Angst machen konnte.

3 Antworten zu “Marie”

  1. zillie writes:

    Kennt nicht jeder eine Marie in seinem Bekanntenkreis? Und steckt nicht auch ein großes Stück von Marie in jedem von uns?
    Und doch haben viele Mariechen das Glück, dass ihre Eltern ihnen nicht nur Ängste übertragen, sondern auch Zuversicht. Dass sie gezeigt bekommen, wie man sich gegen die bösen Jungs zur Wehr setzt und gefahrlos eine Straße überquert. Dass sie nicht ausgelacht werden wegen ihrer Ängste und doch ermutigt werden, auch mit ihnen mal ein Risiko einzugehen.
    Ansonsten haben sie sicherlich viel mehr Chancen, keinen Schaden zu nehmen, aber viel mehr Chancen die Freuden des Lebens zu verpassen. Und manches Mariechen durchschaut diesen Zusammenhang irgendwann… und lernt dann das, was ihr die Eltern schon viel früher hätten vermitteln sollen.

  2. Markus writes:

    Hallo.
    Ich lese jetzt noch soo lange hier, aber doch lange genug, als dass mich etwas umtreibt: Ich lese hier sehr viele traurige, manchmal -zumindest für mich- schlimme Dinge. Zumeist zum Thema psychische Zwänge. In Deinem Impressum schreibst Du, dass Du schreibst, weil es Dir hilft und Du es gerne machst. Nun ist es sicherlich schwer bzw. unmöglich für mich, sich wirklich in jemanden rein zu versetzen, der Deine Krankheit hat, aber was mir fehlt oder sagen wir besser aufgefallen ist: Es fehlen die glücklichen oder lustigen Momente hier.
    Es ist sicherlich etwas heikel, als außen stehender so einfach zu fragen: lachst Du nie oder bist Du nie glücklich? Aber weil mein Nick eben eigentlich selbstironisch gemeint ist, frage ich es einfach mal hier und hoffe, Du nimmst es mir nicht krum.
    lg Markus

  3. Sabrina writes:

    @ Markus: Nein, ich nehme die dir Frage nicht übel. Es ist völlig okay, dass du fragst. Aber ja, du hast schon recht. Meistens schreibe ich über traurige, ernste und schwere Themen. Aber es ist auch recht schwierig lustige Themen zu finden, weil sich bei mir alles irgendwie um das Kämpfen dreht. Auch, wenn ich am Ende etwas schönes geschafft habe und ich mich freue, ist da doch immer irgendwie ein bitterer Bei- bzw. Vorgeschmack dabei. Was für andere Menschen lustig sein kann, ist es für mich nicht unbedingt, weil es anstrengend ist und was für mich lustig ist, ist vielleicht nicht unbedingt hier erwähnenswert. Aber ehrlich gesagt habe ich auch noch nicht großartig darüber nachgedacht, ob ich auch etwas Schönes schreiben könnte. Ja, vielleicht kann ich das tun.
    Sicherlich ist mein Leben heute durchweg nicht nur negativ und ich habe Spaß und kann lachen. Aber bisher habe ich auch eher nur von vergangenen Erlebnissen geschrieben, die einem Mutisten in einer düsteren Zeit passieren können und ehrlich gesagt, konnte ich eine ganz lange Zeit wirklich nicht mehr lachen…

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