Der Chemielehrer
Es war Samstagmorgen. Kevin wollte zum Bäcker. Das konnte er mittlerweile, beim Bäcker sagen, was er kaufen wollte.
Schon auf dem Weg dorthin sah er ihn, wie er sich mit einem älteren Mann auf der Straße unterhielt – Herr S., sein ehemaliger Chemielehrer.
Er mochte ihn nicht. Wenn Kevin an ihn dachte, fielen ihm nur böse Worte ein, die man lieber nicht sagen sollte. Er mochte ihn wirklich nicht.
Und Herr S. ihn sicherlich auch nicht. Das glaubte Kevin jedenfalls.
Aber ganz sicher war, dass Herr S. nicht mochte, wenn Kevin nicht sprach. Wenn er ihn im Unterricht ansprach und Kevin nicht antworten konnte. Für Herrn S. gab es selektiven Mutismus nicht und weil Kevin nicht sprechen konnte, nahm er ihn mindestens einmal in jeder Unterrichtsstunde dran.
Kevin glaubte, er fand es amüsant ihn zu quälen. Und er quälte ihn.
Einmal musste er vier Seiten aus dem Chemiebuch am Stück vorlesen, während auf dem Schulhof ein Bagger arbeitete. Es war schrecklich mit seiner Stimme gegen diesen Lärm anzukämpfen, weil Kevin immer sehr leise sprach. Aber Herr S. lies ihn lesen und lesen und lesen.
Und ein anderes Mal nahm er seine Fehler vor der ganzen Klasse auseinander. Ritt ewig darauf herum und am liebsten wäre Kevin im Boden versunken.
Die dümmsten und schwierigsten Fragen waren für Kevin. Damit er erst recht nicht antworten konnte und damit Herr S. immer und immer wieder einen Grund hatte zu zeigen, dass Kevin nicht sprach. Motivieren wollte er ihn nicht. Denn dann hätte er verstehen wollen, was selektiver Mutismus ist.
Kevin mochte ihn also wirklich nicht. Und er verabscheute es, wie Herr S. immer sagte “warum in die Ferne schweifen, wo doch liegt das Glück so nah.” Er hasste diesen Spruch. Er hasste ihn einfach. Und der Spruch lag ihm noch heute in den Ohren. Mit dieser grässlichen Stimme von Herr S.
Und dann stand Herr S. plötzlich auch noch neben Kevin in der Bäckerei.
Kevin hatte ihn sofort erkannt, auch wenn schon einige Jahre vergangen waren, seitdem er sein Chemielehrer war.
Herr S. hatte sich nicht verändert, gar nicht. Nur dünner geworden war er. Sein riesiger Bauch war weg. Vielleicht hatte es ihm sein Arzt gesagt. Diabetes, Bluthochdruck und solche Sachen.
Ja, da stand er. Und auch er erkannte Kevin. Er schaute ihn an. Direkt in seine Augen schaute Kevin. Und Herr S. schaute weg. Dann sah er wieder hin und wieder weg. Kevin fixierte ihn dagegen mit seinem Blick. Seine Augen waren tief, fast hypnotisch schaute er Herr S. an.
Herr S. wechselte schnelle Blicke. Kevin spürte es genau. Es war ihm nicht geheuer. Seine Augen, sie sahen so aus, als hätte er Angst vor Kevin. Hatte er wirklich Angst?
Die Situation war nicht schön für ihn. Er war Kevin unterlegen. Und das spürte er, da war Kevin sich sicher. Endlich. Er war so klein und Kevin so groß. Riesengroß war er.
Herr S. sagte nichts. Andere Lehrer hätten vielleicht, hallo, wie geht es dir gesagt. Und auch Kevin sagte nichts, sondern schaute ihn nur an. Er schaute kein einziges Mal weg. Es war Herr S. unangenehm. Ihm nicht.
Vielleicht hätte Kevin ihn ansprechen sollen. Hallo, Herr S. Hätte ihm sagen sollen, dass er der schlechteste Lehrer der Welt ist und was aus Kevin geworden ist. Dass er nun groß ist und kein kleiner Junge mehr. Und dass es bald seine Ausbildung beenden wird.
Aber er sagte nichts. Er hätte es gekonnt. Aber dann wäre Kevin unhöflich und böse geworden. Außerdem hatte er seine Worte gar nicht verdient. Nur den Blick. Früher konnte er Herr S. nicht anschauen. Vor Angst. Und heute machte er ihm Angst. Herr S., er war so klitze klein. Und Kevin, der war riesengroß.
Plötzlich musste Kevin lächeln. Ja, diesen Kampf hatte er nun gewonnen.
Schlagworte: Kevin, Lehrer, Mutismus, Schule, Schweigen, selektiver Mutismus, Sprechen


18. März 2010 um 16:21 Uhr
irgendwie bin ich ein wenig stolz darauf, dass ich deinen blog schon so lange lese, dass mir dieser text hier entfernt bekannt vorkommt ;)